Bertelsmann-Stiftung gegen Sarrazin (2): Kritik

islam(Fortsetzung von gestern)

1

Bemerkenswert ist zunächst, dass die Bertelsmann-Stiftung bzw. der zitierte Artikel über ihre Studie für die Erklärung des Ergebnisses keinerlei Bezug nimmt

- zu den Terroranschlägen und ihren psychologischen Wirkungen auf die Bürger (gewiss ein Hauptgrund für die berichtete negative Einstellung so vieler);

- zu den Erdogan-Fans, die dem obersten Hetzer gegen Deutschland (Ihr seid Faschisten!) zujubeln und die diktatorische und islamistische Politik des rabiat antiwestlichen Großen Meisters der Türkei leidenschaftlich befürworten;

- zu den Berichten, die wir über die integrations-averse Arbeit der Moscheen erhalten (siehe unten);

- zu den sich gegen die westlich-säkulare, multikulturelle, liberale Offenheit abschottende Welt der patriarchalisch sich organisierenden Familien, in denen die GEGENgesellschaft auf Dauer gestellt werden soll.

Dass eine Mehrheit der Bevölkerung egal welcher Nation sich eher skeptisch und unwillig zeigt, wenn ihr Lebensformen einer auffallend anderen einwandernden Kultur vorgesetzt werden, sollte für die Erklärung auch eine Rolle spielen.

57% der Deutschen schätzen den Islam als bedrohlich oder sogar als sehr bedrohlich ein – nur wegen Neukölln und Marxloh?

Unter der Hand möchte die Bertelsmann-Studie uns wohl nahelegen: Der Dschihadismus und die Terrorakte in Europa hätten mit dem Islam nichts zu tun. Der IS habe mit dem Islam nichts zu tun.

Auf eine solche peinliche Leugnung des Offensichtlichen werden sich nur wenige einlassen; sie ist darum politisch gesehen kontraproduktiv.

2

Die Bertelsmann-Studie hat in ihrem wesentlichen Punkt recht: Die Integration der meisten Muslime in Deutschland ist entweder bereits gelungen oder nahe daran zu gelingen.

Es handelt sich aber nicht um 99%.

Diejenigen Muslime, die für Erdogan gestimmt haben, haben damit unmissverständlich klar gemacht, dass sie nicht integriert sind und sich auch nicht integrieren wollen. Ihr Ideal passt nicht zu Deutschland. Sie mögen hier gut arbeiten und sie mögen gut Deutsch sprechen und mancherlei Vorteile für sich hierzulande sehen – integriert sind sie deshalb noch nicht. Denn sie lehnen die Leitwerte einer multikulturellen, säkularen, liberalen Gesellschaft ab.

Das bezieht sich auf immerhin ca. 1 Million unter den ca. 3 Millionen Deutschtürken, also auf ein Fünftel der ca. 5 Millionen Muslime in Deutschland.

Die Probleme, die man in Berlin und anderswo mit den kriminellen arabischen Clans hat, bleiben statistisch marginal; man könnte sie unter die 1% der Nicht-Integrierten rechnen, die die Bertelsmann-Stiftung konzediert.

Wir sollten dagegen einen Blick auch auf die arabischen jungen Männer werfen, die das Kölner Silvester-Fiasko angerichtet haben. Wie viele solcher jungen Männer gibt es in Deutschland? Sie machen wohl auch schon an die 1% der hier lebenden Muslime aus.

Wie viele Muslime aus dem arabischen Raum besuchen Moscheen, die ihre Gläubigen religiös gegen Integration in die Welt der Ungläubigen, der degenerierten Westler, der Kreuzfahrer, der Judenfreunde, der Unsittlichen zu impfen versuchen?

Ich verweise auf Constatin Schreibers Reportage (“Inside Islam“) – zwei Artikel habe ich dazu geschrieben: >>>1 und >>>2.

Wir müssen davon ausgehen, dass die meisten Moscheevereine in Deutschland ihre Besucher vor der Integration in die Gesellschaft der Kuffar zu bewahren versuchen.

Soviel zur negativen Seite. Auf der positiven Seite steht:

Eine Mehrheit der eingewanderten Muslime ist in der Tat in Deutschland angekommen.

Und der Islam ist durchaus auch liberal und modern interpretierbar, auch einer kritischen Theologie fähig, vergleichbar mit dem Christentum.

Insgesamt brauchen wir in diesem Punkt also nicht pessimistisch zu sein – die Integration schreitet voran. (Und wir könnten und sollten noch mehr dafür tun, dass sie voranschreitet.)

Sarrazins Darstellung hingegen ist hetzerisch.

Er unterschätzt, dass viele Muslime unsere Lebensform durchaus attraktiv finden und sich von ihr “verführen” lassen. Die, die den Weg der Integration gehen, fallen nicht auf – weil sie uns nicht irritieren. Das Drittel der muslimisch-stämmigen Frauen, das Kopftuch trägt, fällt auf, die zwei Drittel, die sich dagegen entscheiden, nicht.

Die millionenfachen Abschottungsbemühungen, Versuche, sich selbst zu ghettoisieren, haben auch den Charakter der Angst.

Wer als Muslim in Deutschland einwandert,  muss wissen, dass er und seine Familie den Verführungen einer anderen Lebensform ausgesetzt sind – und ihr zum Opfer fallen wird: sei es in Form von Selbstausgrenzung, sei es in Form einer Übernahme.

3

Frage an die Bertelsmann-Stiftung bzw. den Autor des zitierten Artikels:

Gibt es wirklich keine für uns problematische Aspekte in den Formen, in denen sehr viele der gläubigen Muslime in Deutschland leben möchten?

Haben wir kein Problem mit patriarchalischen Familienformen und der – vorsichtig ausgedrückt – damit verbundenen Einschränkung der Frau?

Haben wir kein Problem mit homophoben Einstellungen unter den Muslimen?

Haben wir kein Problem mit Antisemitismus unter den Muslimen?

Haben wir kein Problem mit radikal-religiösen Formen, die es den vielen Gläubigen unmöglich macht, zwischen Religion und Politik zu trennen?

Haben wir kein Problem mit radikal-religiösen Überzeugungen, nach denen wir – der große Rest der Nichtmuslime in Deutschland – am Ende alle, weil böse, in der Hölle schmoren werden?

Haben wir kein Problem damit, dass sehr viele Muslime meinen, die Worte des Koran wörtlich nehmen zu müssen – einschließlich der mörderischen?

Haben wir kein Problem damit, dass viele Muslime über ihre Moscheevereine organisiert ihre antiwestliche Kultur zu verfestigen versuchen?

Beobachten wir hier nicht eine systematische und gewollte Selbstausgrenzung eines Teils der Muslime in Deutschland?

Oder – anders gewendet:

Sind wir als Befürworter der Einwanderungsgesellschaft und der multikulturellen Gesellschaft, die auch den Islam willkommen heißt, verpflichtet, alle die in diesen Fragen steckenden Bedenken herunterzuspielen und vor der Öffentlichkeit als nichtexistent oder harmlos hinzustellen?

4

Mit ihrer die problematischen Seiten weitgehend ignorierenden Darstellung der Situation des Islam und der Muslime in Deutschland geht der Autor des Artikels über die Studie der Bertelsmann-Stiftung an der Debatte sowohl der Politik und Wissenschaft als auch an der  Wahrnehmung in der Bevölkerung vorbei.

Er liefert Sarrazin und den Rechtspopulisten und Islamophoben das, was man eine Steilvorlage nennt. Schaut her, wie sie uns zu betrügen versuchen, diese Multikultis!

Das systematische Wegschauen fördert die Islamophobie.

Ich halte dafür, dass wir

- die liberalen bzw. aufgeklärten Muslime engagiert fördern;

- alle Versuche, die patriarchalischen Strukturen in Einwandererfamilien auf Dauer zu stellen, zurückweisen;

- von den einwandernden Muslimen in Deutschland fordern, eine für Deutschlands multikulturelle, liberale, säkulare Kultur kompatible Form ihrer Religion zu entwickeln und zu leben.

Für die Erfüllung dieser Forderung werden wir Geduld üben und selber noch mehr integratives Geschick zeigen müssen. Auch wir sind gefordert.

Um so wichtiger ist es, dass wir auch erkennen und reagieren, wenn wir Bewegungen feststellen, die auf Anti-Integration hinauslaufen.

Das sind wir den 78 Millionen Nichtmuslimen und unserem (zumindest im Westen) multikulturell gewordenen Deutschland schuldig.

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Für den Fall, dass jemand meint, meine Kritik sei mal bloß die uneinsichtige und irgendwie rassistische Position eines verknöchterten alten Deutschen, verweise ich auf

Ahmad Mansour

Abdel-Hakim Ourghi

Tuba Sarica

- um hier nur drei zu nennen, die ich grade lese bzw. gelesen habe.

Empfehlenswert ist auch die Lektüre von Murat Kaymans aktuelle Analyse des Verhaltens von Ditib.

Anmerkung:

Möglicherweise gibt der zitierte Artikel von Tonio Postel die Studie der Bertelsmann-Stiftung nicht angemessen wieder. Ich werde das auch noch nachprüfen.

Bertelsmann-Stiftung contra Sarrazin

islamIch möchte zunächst die Sicht der Bertelsmannstiftung (im Januar 2018 verfasst) ohne Kommentar hier wiedergeben. Im Artikel darauf werde ich meine Einwände formulieren.

Wir erhalten hier einen Bericht, der die Integration der Muslime – von wenigen Ausnahmen abgesehen: Salafisten und Duisburg-Marxloh (und einigen wenigen weiteren Stadtvierteln in Deutschland) – für gelungen erklärt. Wir erhalten hier exakt das Gegenteil von dem, was Sarrazin in seinem Buch behauptet.

So lautet der erste Absatz, zusammenfassend:

Die meisten Muslime in Deutschland sind gut integriert und fühlen sich dem Land eng verbunden, dennoch werden sie von der Öffentlichkeit teils misstrauisch beäugt. Ein Grund dafür sind auch verarmte Stadtviertel wie Duisburg-Marxloh.

Unerklärt bleibt in dem Artikel die – also unverständliche? – Ablehung des Islam durch eine Mehrheit der Deutschen:

Doch die Ablehnung gegen den Islam wächst, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Seit den wahllos wiederkehrenden Angriffen durch die – zynischerweise – „Islamischer Staat“ genannte Terrororganisation müssen Migranten, darunter viele Muslime, häufig mit schiefen Blicken und einem Generalverdacht leben. Laut einer Bertelsmann-Studie von 2015 stuft jeder zweite Deutsche die Religion als Bedrohung ein. 57 Prozent der nicht-muslimischen Befragten halten den Islam für „sehr bedrohlich“ oder „bedrohlich“. Auch knapp die Hälfte der Hochschulabsolventen teilen diese Ansicht und 61 Prozent der Deutschen finden, die Religion passe nicht in die westliche Welt.

„Der Islam wird dort vielmehr als Ideologie denn als Religion wahrgenommen“, sagt Yasemine El-Menouar von der Bertelsmann-Stiftung. Dabei stufen die Behörden weniger als ein Prozent der hiesigen Muslime, die sich regelmäßig in rund 2.350 Moscheen und alevitischen „Cem“-Gebetshäusern treffen und die demokratische Regierungsform mehrheitlich akzeptieren, als radikal ein. Darunter sind auch viele der ultrakonservativen Salafisten.

Die Vertreter der Bertelsmann-Stiftung halten dagegen:

Die Integration der Muslime, die in den 1960er- und 1970er-Jahren meist im Zuge der Gastarbeiteranwerbung zugewandert sind, mache „deutliche Fortschritte“. Damals zog es vor allem Türken auf Arbeitssuche in die Industrieballungszentren im Westen Deutschlands.

„Die große Mehrheit der Migranten aus der Türkei, Nordafrika und anderen Ländern ist längst angekommen; sie haben sich Existenzen aufgebaut, Familien gegründet, Arbeitsplätze geschaffen“, sagt El-Menouar der Wochenzeitung Die Zeit. Viele pflegten „gute Kontakte zu Einheimischen“ und fühlten sich mit Deutschland „eng verbunden“.

Gelobt wird die integrative Arbeit von 95% aller Imame in Deutschland.

Die Integration gelinge:

„Der Trend ist eindeutig: Die Integration der muslimischen Einwanderer schreitet mit jeder Generation voran. Wie schnell dieser Prozess vonstatten geht, hängt neben dem Willen der Eingewanderten aber auch vom Bildungssystem und der Arbeitsmarktpolitik ab.“

Es gebe gewiss Ausnahmen, denen sich der Artikel in der Folge widmet (Duisburg-Marxloh zum Beispiel) – als einzigem Argument, warum relativ viele Nichtmuslime die Muslime in Deutschland eher negativ bewerten: Das Versagen der deutschen Politik sei die Ursache; ihre Fehler hätten diese ungünstigen Verhältnisse für viele Muslime geschaffen, und daraus folge dann wiederum die ablehnende Haltung so vieler Menschen.

Der Artikel benennt keinen Gesichtspunkt, der sich kritisch auf muslimische Formen der Religionsausübung und Kultur bezieht, außer dem einen Prozent der Salafisten und sonstigen Radikalen.

Meine Kritik kommt im nächsten Artikel.

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