Erdogans Putsch – manche hoffen, der Große Führer werde sich mäßigen und die Erdotürken werden sich wieder einkriegen

tuerkeiIch erwarte es nicht.

Aber ich gestehe allen, die es erhoffen, das Recht auf Hoffnung zu. Auch, dass die Zukunft offen ist für Überraschungen.

Betrachten wir ein paar der jüngsten Entwicklungen.

1.

Die WELT informiert uns darüber, wie die Erdotürken in Deutschland mobilisieren gegen ihre Feinde hierzulande – und dazu gehören nicht nur die vielen Erdo-Gegner unter den Deutschtürken (die “Verräter”), sondern Deutschland und die Deutschen generell.

6.000 türkisch-deutsche Informanten soll der türkische Geheimdienst in Deutschland haben – und vor allem ansetzen auf türkisch-deutsche Gegner Erdogans: Gülen-Anhänger, PKK-Anhänger, Liberale und Demokraten.

Was der Geheimdienst treibt, bleibt meist verborgen – wie AKP-nahe Kreise agieren, nicht. In sozialen Netzwerken kursieren schwarze Listen mit Namen missliebiger türkischstämmiger Anwälte, Friseure, Gemüsehändler, die boykottiert werden sollen – und sogar mehr oder minder unverhohlene Mordaufrufe. Dursan B., ein Mann der AKP-Lobbyorganisation Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), drohte am 16.Juli zwei Landsleuten: “Ihr Ehrlosen! Für euch gibt es keinen einfachen Tod. Wie wollt ihr euch auf die Straße wagen?”

Mit systematischer Einschüchterung versuchen die Erdotürken, die Mehrheit der Deutschtürken einzuschüchtern. – Details im Artikel der WELT.

2

“Von den Türkischstämmigen, die schon lange in Deutschland leben, erwarten wir, dass sie ein hohes Maß an Loyalität zu unserem Land entwickeln”, sagte Merkel unserer Redaktion. “Dafür versuchen wir, für ihre Anliegen ein offenes Ohr zu haben und sie zu verstehen. Und dafür halten wir auch engen Kontakt mit den Migrantenverbänden.”

Merkel warnte Anhänger und Gegner des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor Gewalt in Deutschland. “Meinungs- und Demonstrationsfreiheit gilt in Deutschland für alle, die hier leben, aber natürlich müssen alle ihre Meinungsverschiedenheiten friedlich austragen.”

Auch wenn es einigen nicht gefällt, weil es zu pauschal formuliert ist – hier trifft Merkel den Ton, den die meisten Deutschen hören wollen.

Die Kritik verfehlt diesen Punkt:

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), hat den Loyalitätsaufruf von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an Menschen mit türkischen Wurzeln kritisiert. Eine deutliche Mehrheit der Türkischstämmigen fühle sich “unserem Land zugehörig”, sagte die SPD-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe. “Wir sollten daher diesen Menschen nicht pauschal Loyalitätskonflikte unterstellen.”

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt warf Merkel vor, “ohne Not eine gesamte Gruppe unter Generalverdacht” zu stellen. Kritik kam auch aus der Türkei.

Schon richtig. Die Erdotürken sind in Deutschland eine Minderheit, etwa ein Viertel der Deutsch-Türken. Die weitaus meisten Deutschtürken mit türkischem Pass haben nicht an der Wahl in der Türkei teilgenommen, trotz heftiger Werbung dafür, und von denen, die teilgenommen haben, haben dann auch nur 55% die AKP gewählt.

Angela Merkel hätte präziser werden müssen. Wollte sie aber nicht. Leider.

Die meisten Deutschtürken fühlen sich tatsächlich eher zugehörig zu Deutschland als zur Türkei, trotz einer ebenso verständlichen wie gesunden Anhänglichkeit an ihr Herkunftsland.

3

Der diplomatische Krieg zwischen Österreich und der Türkei wird heißer.

Markus Bernath (Blogger bei derstandard) erläutert das angenehm differenziert.

Überhaupt sollte man sich in Deutschland mal genauer anschauen, was sich da zwischen Österreich und der Türkei abspielt. Bernath interpretiert es als Stellvertreterkrieg. Die EU lässt Österreich mal vorpreschen …

Und die Türkei holzt in einer Weise, die … na ja … wie soll man das sachlich kommentieren?

Die Heftigkeit der Reaktionen aus Ankara – von der um Beifall heischenden “Verpiss dich, Ungläubiger”-Meldung des Erdoğan-Beraters Burhan Kuzu bis zur Rückberufung des türkischen Botschafters diese Woche – legen den Schluss nahe, dass die türkische Führung ein Exempel statuieren will.

Allerdings, auch Österreich betreibt hier Innenpolitik via Außenpolitik, schreibt Bernath.

Doch etwas berücksichtigt er nicht:

Dass Erdogan weiter eskalieren wird und eskalieren muss. Dass also eine permanente Konfliktverschärfung zu erwarten ist.

Ich weiß, es gibt durchaus erdogan-feindliche Kommentatoren, die meinen, der Büyük Lider werde in nächster Zeit verbindlicher auftreten und eine weitere Verschärfung des Konflikts mit dem Westen zu vermeiden versuchen.

Auch Bernath meint das.

In der Türkei nach dem Putsch gibt es unerwartete Versuche politischer Konsensbildung zwischen Regierung und Opposition. Ihren Ausgang sollte man abwarten.

Dito außenpolitisch: die Annäherung an Russland und an Damaskus. Auch Biden wird man wohl pfleglich behandeln bei seinem Besuch in Ankara.

Andererseits: Erdogan säubert das türkische Militär systematisch von NATO- bzw. westorientierten Militärs und händigt die Armee jenen Militärs aus, die gegen den Westen stehen. Worauf läuft das hinaus? (Fügen wir hinzu: Die Erdo-Medien hetzen das Volk systematisch gegen den Westen auf.)

Meine Hypothese: Wunschdenken liegt westlichen Erwartungen einer Nicht-Eskalation zu Grunde. Erdogan kann nicht anders als eskalieren. Eine Mäßigung ist immer nur ein kleiner taktischer Zwischenschritt auf dem Weg zur Allmacht und auf dem Weg zur verschärften Spaltungs- und Risikopolitik.

Erdogan ist ein Hitler/Mussolini-Typ. Man sollte das als Möglichkeit, als Wahrscheinlichkeit in Rechnung stellen und in die strategische Planung einbeziehen.

4

Dazu kommt, dass die Entfremdung der Erdotürken von Deutschland und Österreich ihren Gang gehen wird. Das Problem wird sich entfalten – egal, wie sehr man von “besorgter Seite” aus beschwichtigen, verharmlosen, beschönigen will.

Von den deutschen Erdotürken kommt die klare Ansage: Wir sind die Türkei! Wir sind keine Deutschen. Wir wollen keine Deutschen sein und halten an unserer türkischen Heimat und Loyalität fest – auch gegen Deutschland und die Deutschen.

Die Erdotürken organisieren das und versuchen, diejenigen Deutschtürken, die das Nationalspiel (noch) nicht richtig mitspielen, einzuschüchtern.

Kein Grund, darüber hysterisch zu werden. Die Erdotypen sind und bleiben isoliert. Sie machen sich und ihre community in Deutschland und Österreich selber kaputt.

5

Eine Gefahr anderer Art entsteht: Wie lange wird es dauern, bis die ersten frustrierten jungtürkischen Machos gewalttätig werden?

Da sie Deutschland und die Deutschen als ihre Feinde betrachten, werden sie keine Hemmungen entwickeln, immer noch heftiger ihrem Meister beim arroganten Pöbeln nachzueifern und bei Gelegenheit auszuflippen …

Die Integration der Erdotürken ist zuende. Weitere Entfremdung und Desintegration sind zu erwarten.

Auf der anderen Seite lauert der deutsch-völkische Mob. Diese dummen Erdotürken präsentieren ihnen einen hervorragenden Prügelknaben, Blitzableiter, Sündenbock. Einen Unterschied zwischen Erdotürken und den normalen, gut integrierten und loyal zu Deutschland stehenden Deutschtürken werden sie nicht machen.

Da eine große Mehrheit der Deutschen diese bornierten Erdotürken zum Kotzen finden, lohnt es sich für die – wählerabhängigen – Politiker, an die rabiate Abneigung ihrer Klientel politisch anzudocken und “etwas” gegen diese erklärten Feinde Deutschlands zu tun.

6

Diese Entwicklung ist vielleicht jetzt noch nicht für alle klar zu sehen. Aber ich erlaube mir, es vorauszusehen. Als das, was wahrscheinlich passieren wird.

Fehlt es meiner pessimistischen Perspektive an Plausibilität?

Sollte man Politik nicht an realistischen Erwartungen ausrichten?

Leitkultur – ein Versuch, den Begriff konstruktiv zu fassen (5)

multikulturEINE Möglichkeit, in allgemeinverständliche Worte zu fassen, was (unsere?!) Leitkultur sein könnte, ist:

Wir blicken auf die Momente, in denen etwas in Frage gestellt wird, was für unsere (?!) Kultur selbstverständlich zu gelten scheint.

1

Zwei aktuelle Beispiele:

Ein Schüler verweigert seiner Lehrerin aus religiös-grundsätzlichen Gründen den Handschlag.

Eine Frau läuft mit Burka herum und möchte, burkaverborgen, einkaufen oder sogar (ist in der IG mal passiert) beraten werden.

In beiden Fällen reagieren wir – irritiert.

Zurzeit und in diesen beiden speziellen Fällen geht unsere Abwehrreaktion noch weiter, weil wir diese für uns schroff fremden Formen mit fundamentalistischen Normen verbinden, die auch hinter terroristischen Akten zu erkennen sind.

Insofern lenken die beiden Beispiele wieder von dem ab, worauf ich hinaus will.

2

Mir fällt ein anderes Beispiel ein, eins aus der fernen Vergangenheit.

Es ist ungefähr 1965. Ein junger Italiener, Gastarbeiter, spaziert zu seinem Arbeitsplatz – und pfeift fröhlich ein Lied vor sich hin, singt auch gelegentlich mal in den frühen Morgen hinein. Auf der Straße. Auf der deutschen Straße. Unter Passanten. Die stutzen. Das macht man doch nicht – bei uns!

Das Beispiel ist harmlos – und, wie mir scheint, grade darum gut geeignet, zu spüren, was Leitkultur ist.

3

Ein drittes, nicht so harmloses Beispiel, ca. 1985.

Ich hab da einen türkischen Freund, mit dem ich mich gelegentlich treffe und unterhalte. Kurde von ganz hinten in der Türkei. Tüchtig, warmherzig, engagiert. Seinem kleinen Bruder und seiner kleinen Schwester gebe ich Hausaufgabenbetreuung und Deutschnachhilfe.

Eines Tages sagt er zu mir: Leo, du kennst doch Ude, den Bürgermeister von München, persönlich. Also, ich würde gern auf dem Viktualienmarkt einen Standplatz bekommen. Könntest du dich nicht an deinen Freund Ude wenden?

Die Bitte überrascht mich. Ist mir unangenehm. Ich helfe natürlich gern – aber sowas geht nicht. Wie kommt mein Freund darauf? Er versteht nicht, wie das bei uns läuft und was geht und was nicht geht. Ich kann natürlich nicht zu Ude gehen und sagen: Kannst du mal meinem kurdischen Freund einen Standplatz am Viktualienmarkt vermitteln?

Etwas verwirrt und kühl versuche ich meinem Freund anzudeuten, dass das bei uns nicht so läuft. Ich merke, er versteht es nicht. Er denkt, der Leo mag ja mein Freund sein, aber ein so guter Freund ist er nicht, dass er mir diesen kleinen Gefallen täte …

Wieder muss ich nichts weiter erläutern. Es ist jedem klar, da kommt etwas von unserer Leitkultur zum Vorschein.

Wenn ich es genau verbalisieren wollte, bräuchte ich ziemlich viel Text. Ich könnte es natürlich, aber er Witz ist, dass man es unmittelbar verstehen muss und verstehen kann – ohne Erläuterung – WENN man diesen Aspekt der Leitkultur in sich verkörpert hat. Und dass man die Sache jemandem kaum plausibel erklären kann, der aus einer in diesem Punkt geradezu entgegengesetzt gepolten Leitkultur kommt.

4

Ein viertes Beispiel:

Ich sitze in Ankara im Wohnzimmer bei der Familie meiner (türkischen) Frau und unterhalte mich mit ihrem Bruder. Der ist starker Raucher und raucht eine Zigarette nach der anderen, der Aschenbecher wird schnell voll.

Plötzlich steht er auf, drückt seine erst grade angezündete Zigarette aus, nimmt den Aschenbecher, geht mit ihm auf den Balkon und schüttet den Inhalt runter auf die Straße und wischt ihn sauber. Dann macht er schnell die Fenster auf, schwingt die Balkontüre auf und zu, offensichtlich, um den Rauch aus dem Zimmer zu kriegen.

Dann setzt er sich wieder.

Ich sitze da und schaue dumm aus der Wäsche.

Da geht die Wohnzimmertür auf und seine Mutter kommt herein. Er steht auf. Seine Mutter schnuppert und fragt ihn (auf Türkisch, so weit verstehe ich die Sprache schon): Hast du geraucht?

Er: Nein.

Und geht raus. Die Mutter setzt sich und schaut mich verschmitzt an. Sie merkt schon, dass ich verwirrt bin.

Sie sagt (in einfachem, langsam gesprochenem Türkisch): Y. ist ein guter Sohn. Er hat geraucht und gesagt, er hat nicht geraucht. Das ist richtig so. Er ist ein guter Sohn. Er hat Respekt. Ich bin seine Mutter, und er hat Respekt.

Da erinnere ich mich: Natürlich, in Gegenwart der Eltern darf man (unter Türken) nicht rauchen.

Ich interpretiere weiter: Man darf offensichtlich nicht einmal sagen, DASS man raucht oder geraucht hat. Obwohl die Eltern natürlich Bescheid wissen und auch gar nichts gegen das Rauchen ihres Sohnes haben.

Jetzt ist mir die Szene klar. Ich hab’s kapiert! Ich hab etwas kapiert, was zu einer anderen Leitkultur gehört.

Etwas, das quer liegt zu unserer.

Bei uns würde man denken: Lügen ist doch viel schlimmer als rauchen. Indem der Sohn die Mutter anlügt, versagt er ihr den Respekt noch mehr als etwa durch ein Übertreten des Rauchverbots.

Wir haben da ein anderes Verhältnis zu Wahrheit und Autorität.

5

Frage:

Wenn ich bezüglich dieser Beispiele den Begriff “Leitkultur” einsetze – treffe ich das, was alle diejenigen meinen, die so ganz selbstverständlich von “unserer Leitkultur” sprechen, die wir bewahren und kenntlich machen und als Norm vermitteln sollten?

Falls das so ist – wird damit nicht auch deutlich, dass es fast unmöglich ist, mit diesem Begriff POLITISCH zu operieren?

Fortsetzung folgt.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

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