Erdogans 180-Grad-Dreh – in der Außenpolitik

tuerkeiDer Große Führer verkauft es als Erfolg. Russland habe sich bei ihm (= bei der Türkei) entschuldigt, Israel habe sich bei ihm (=bei der Türkei) entschuldigt. Man könne darum jetzt wieder miteinander. Der Große Führer habe es mal wieder der ganzen Welt gezeigt … und sich durchgesetzt!

So kommentieren die AKP-Medien Erdogans Zu-Kreuze-Kriechen.

Ich schätze, in nächster Zeit kommt da noch einiges in der selben Art, etwa in der Zypern-Frage. Auch eine stärkere Annäherung an Assad. Und ein Frieden mit dem Todfeind der Muslimbrüder, mit al Sisi in Ägypten.

Das ging nicht anders. Die Isolation der Türkei war auf dem Weg, katastrophal zu werden.

Also kriecht Erdogan zu Kreuze – und verkauft das im Inhland natürlich macho-mäßig. Da er die Medien in der Türkei fast völlig beherrst, werden auch die meisten Türken nicht merken, dass ihr Büyük Lider zu Kreuze gekrochen ist.

Es könnte sein, dass es die USA waren, die hinter den Kulissen Erdogan zum Kurswechsel gezwungen haben.

Sie haben Zarrab bei sich in Gewahrsam … Und Zarrab weiß alles darüber, wie die Türkei das Embargo gegen den Iran unterlaufen hat – - – und wie die Erdogans Türkei anfangs den Islamischen Staat finanziell und logistisch unterstützt hat.

Diese Unterstützung ist vor über einem Jahr beendet worden – inzwischen hat sich die Türkei sogar aktiv am militärischen Kampf gegen den IS beteiligt, ist also ganz eingeschwenkt auf die amerikanische Linie.

(Das ist der politische Hintergrund für den jüngsten Flughafen-Anschlag durch ein IS-Kommando. Es wird noch mehr davon geben. Die türkischen Sicherheitsbehörden sind ganz konzentriert auf PKK und Gülen – und der IS konnte sich jahrelang gut vorbereiten auf diesen Moment des Zuschlagens.)

Zarrab ist und bleibt ein Joker in der Hand der Amerikaner. Sie werden ihn in der Hinterhand behalten – den Prozess gegen ihn hinauszögern, um Erdogan weiter nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.

Wir können uns fragen:

Ob auch noch Verhandlungen mit der PKK folgen werden?

Ob Erdogan zu einem pfleglicheren Umgang mit der EU finden wird?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es könnte aber sein, dass er sich in nächster Zeit etwas zurückhalten wird, was Provokationen und Eskalation angeht.

Nach innen braucht er sich nicht zurückzuhalten. Der Marsch in die Alleinherrschaft wird weiter gehen, auch die Saudi-Arabisierung oder zumindest Vermuslimbrüderung der Türkei.

Und der Westen weiß, auf Erdogan ist außenpolitisch kein Verlass. Bei nächster Gelegenheit bricht er wieder aus.

Mit Europa wird es so oder so nichts mehr werden, selbst im Falle einer pragmatischen Wendung Erdogans. Sein Image als Buhmann wird bleiben.

Zurecht.

Erdogan hat die Türkei unmöglich gemacht. Die Türken, die ihn unterstützen, gehören nicht nach Europa.

PS:

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Brexit-Stadt Boston, Lincolnshire

europaFast 76% für den Brexit, das war Rekord.

Was ist los in diesem englischen Boston?

(Es ist die “Gemüsefabrik” Englands. Gärten und Felder und Verarbeitung. Viele Arbeitskräfte kommen aus Ost- und Südosteuropa.)

Spiegel Online hat dazu einen aufschlussreichen Artikel. Ich zitiere und kommentiere im Anschluss.

Die EU-Einwanderer aus Osteuropa verursachten jede Menge Probleme in der Stadt, sagt Dani. “Die kommen hierher, und als erstes beantragen sie eine Sozialwohnung. Und dann andere Sozialleistungen.”

Auf einen Termin beim Arzt müsse man zwei Wochen warten, in den Schulen sprächen immer weniger Kinder Englisch und die Gewaltkriminalität sei angestiegen. “In einem Jahr gab es drei Morde”, sagt Dani. “Auf den Straßen ist zu wenig Polizei unterwegs.” Das kleine Boston, im Würgegriff von Polen, Rumänen und Letten?

Ein Bostoner Pole hält dagegen:

“Wir sind hierher gekommen für ein besseres Leben. Wir arbeiten hart, wir zahlen Steuern, wir kaufen ein”, sagt der 28-Jährige. Die Briten könnten ihre Arbeit wohl kaum übernehmen. “Die wollen doch gar nicht arbeiten. Die beantragen doch nur Sozialleistungen”, meint er.

Wie viele sind sie denn in Boston, diese “Fremden”?

Der Anteil der Ausländer in Boston hat sich zwischen 2001 und 2011 verfünffacht, zeigen Zahlen der britischen Statistikbehörde. Jeder zehnte in Boston, einer Stadt mit rund 67.000 Einwohnern, hat mittlerweile Wurzeln in den neuen EU-Ländern.

10%. Ist das viel, fragt der Bürger einer Stadt, in der 40% ihre Wurzeln in anderen Ländern haben (und vermutlich leicht auch 10% und mehr in Ost- und Südosteuropa).

Wie dem auch sei, Boston ist (anders als München) gespalten:

Doch die alten und neuen Bürger leben nicht zusammen – sondern nebeneinander her. Es gibt polnische Supermärkte, polnische Delikatessen-Läden und die Wochenzeitung “Boston Express” erscheint nicht etwa auf Englisch – sondern auf Polnisch. Im Integrationsindex der konservativen Denkfabrik Policy Exchange kommt die Stadt in diesem Jahr auf den letzten Platz.

Eine Einwanderer-Parallelgesellschaft.

Das normalste von der Welt. Die erste Generation bildet, wenn Zahl und Anteil dafür groß genug sind, eine Einwanderer-Community.

Das legt sich nach einiger Zeit. Mit der nächsten Generati0n löst sich diese community allmählich auf – wenn und soweit man die Einwanderer sich integrieren LÄSST.

Auch die Anti-Einwanderer-Reaktion ist das normalste von der Welt.

“Es sind einfach zu viele Menschen”, sagt Alan. “Unsere Infrastruktur hält das nicht aus.”

“Das. Und die Morde”, sagt Rob. “Wir sind die Mord-Hauptstadt Englands.”

Da sind sie wieder die Morde, die schon Ukip-Mann Dani erwähnt hatte. Tatsächlich hatte Boston im vergangenen Jahr die höchste Zahl an Mord- und Totschlagsversuchen pro Einwohner in England. Boulevard-Zeitungen wie die “Daily Mail” und der “Daily Mirror” titelten daraufhin, Boston sei die “murder capital” des Landes.

Wer in die amtliche Statistik für Lincolnshire schaut, stellt jedoch fest, dass sich an dieser Zahl in den vergangenen 13 Jahren nichts verändert hat; sie springt immer mal wieder hoch und runter. Aber “murder capital” hört man in vielen Gesprächen – das hat sich festgesetzt in den Köpfen. Und immer schwingt mit, wer dafür verantwortlich sei: die Osteuropäer.

Auch das gehört immer dazu: Wilde Verdächtigungen. Die andern sind gefährlich! Mörder, Kriminelle!

Kommentar

1. Wird sich jetzt etwas in Boston, Lincolnshire, ändern? Wird es jetzt weniger Polen und Rumänen geben? – Unwahrscheinlich.

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Die Mitte.

theorie

Der rechtsextreme Populismus ist im Vormarsch. Er richtet sich gegen alle bisherige Politik - gegen die Politik der Mitte. Er will die Revolution von rechts - nach rückwärts. Herfried Münkler beschreibt in der SZ (24.6.2016, Seite 9), was … [Weiterlesen...]

Brexit

europa

Mal kurz zu diesem Thema, das immerhin am Rande auch mit dem Blog-Thema zusammenhängt. Was werden die Brexit-Anhänger nun für ihren Austritt aus der EU bekommen? Ich weiß es nicht sicher. Aber ich halte für wahrscheinlich: Der Schaden … [Weiterlesen...]

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 Das Bayerische Anti-Integrationsgesetz beginnt mit einer umfänglichen Vor-Präambel. Ich beschäftige mich in diesem Artikel mit dem zweiten Teil. (Für den ersten Teil - den Problemaufriss - siehe die zwei Artikel davor!) --- B) … [Weiterlesen...]

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