Wer ist wir?

(Bx)

Kermani_WeristwirWeihnachten kommt. Ich empfehle für den Gabentisch

Navid Kermani: Wer ist wir? – Deutschland und seine Muslime

Ein Kölner Iran-Deutscher, Muslim, Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, Orientalist und Schriftsteller schreibt über sich, Deutschland und die Muslime – in einem  Deutsch, das besser ist als meines.

Das Buch ist angenehm zu lesen, hat nur etwa 170 Seiten, und bietet doch fast alles Wesentliche für jemanden, der einmal über den Islam in Deutschland nachdenken möchte. Man wird dann die ungesunde tägliche Medienspeise besser verdauen können.

Nur wenige Autoren vermitteln ein so ausgewogenes und zugleich kritsiches Urteil über den Islam.

So schreibt DIE ZEIT zurecht. Hier einige Zitate aus dem letzten Kapitel: Die Islamkonferenz (— wie gern sähe ich Kermani argumentieren mit  Sarrazin!)

Daß der deutsche Staat überhaupt offiziell mit dem Islam spricht, ihn also wahrnimmt, sich an einen Tisch mit fünfzehn Muslimen setzt, dass der Innenminister, ein CDU-Innenminister, sich danach vor die Presse stellt und sagt: Der Islam ist ein Teil Deutschlands, ein Teil der Zukunft Deutschlands, ein Teil der Zukunft Europas, das sind Ereignisse von hohem symbolischem Wert … (S. 142)

Kermani schreibt das dem Mentalitätswechsel zu, den Rot-Grün in der Gesellschaft bewirkt hätten – und der in der CDU angekommen sei:

Sie hat in den Jahren ihrer Opposition den richtigen Schluß gezogen: die Probleme nicht zu dramatisieren, sondern endlich zu bewältigen. (S. 142)

Das ist anders in einigen unserer Nachbarländer: Dänemark, Schweiz, Italien. (Österreich könnte man hinzufügen.)

Dort ist die politische Rechte der Versuchung erlegen, das Ressentiment aufzugreifen, statt ihm zu begegnen. Politiker, die ihrem Ekel vor dem Fremden kaum verbergen, üben zum Teil Regierungsverantwortung aus und haben Parolen hoffähig gemacht, die in Deutschland zum Glück auf das Internet, auf Kleinparteien und einzelne Buchautoren beschränkt sind. (S. 143f)

Es bildet sich ein Konsensus in der Politik heraus:

Es geht nicht darum, die multikulturelle Gesellschaft zu verabschieden. Es geht darum, sie endlich zu gestalten. Eine monokulturelle Gesellschaft wäre ein Alptraum. (S. 144)

Kermanis Blick in die Zukunft:

Die Armuts- und Kriegsflüchtlinge, in der Regel ungebildet und selten an der neuen Kultur interessiert, werden ihren Weg in die Wohlstandsviertel der Welt zu finden wissen. (S. 149)

Die Antwort darauf muss vor allem die Bildungspolitik finden. Andererseits:

Rechtsnormen und zivilisatorische Standards dürfen nicht mit Rücksicht auf kulturelle Eigenheiten aufgeweicht werden. (S. 146)

Die in Deutschland eingewanderten Muslime seien nur selten fundamentalistisch – eher orthodox und traditionalistisch.

Die Voraussetzungen für die Ausprägung eines säkular ausgerichteten und pluralistischen Islams in Deutschland sind daher gar nicht schlecht. Das größte Problem für die muslimische Gemeinde in Deutschland bleibt die Bildung … Es wird .. dauern, bis die Muslime in Deutschland eigene Eliten hervorbringen werden. (S. 150)

Und es wird dauern,

bis die Muslime Organisationsformen herausgebildet haben, die sich in das deutsche Gemeinwesen einfügen. (S. 153)

Kermani ist durchaus optimistisch:

Nein, Deutschland ist nicht ausgenommen von der weltweit zu beobachtenden Besinnung auf die eigene Identität. Aber es gibt guten Grund, zu hoffen, daß diese Welle bei uns nicht zu einer Sturmflut wird. (153)

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