Sozialromantiker vs. Skandalisierer?

(Bx)

In “zwei Lager” seien in den 80er Jahren die Beobachter des Einwanderungsprozesses zerfallen …

… in das Lager der euphemistischen Sozialromantiker und in das Lager der kakofonen Skandalisierer. Die Sozialromantiker glaubten, Integration sei eine fröhliche Rutschbahn in ein buntes Paradies. Das war ein ebenso naiver wie gutgläubiger Irrtum, der bald desillusioniert und aufgegeben wurde. Die ebenso selbstgerechte wie historisch falsche Rede des anderen Lagers, dass Multikulti lange die nötige Integrationspolitik blockiert habe, ist eine Legende, die durch stete Wiederholung nicht an Realitätsbezug gewinnt.

Man muss Konzept und Prozess unterscheiden: Eine multikulturelle Gesellschaftspolitik als Konzept auf Bundesebene hat es in Deutschland – im Gegensatz zu dem niederländischen Experiment – nie gegeben. Aber was den Prozess der Gesellschaftsentwicklung anbelangt, so steht doch außer Frage, dass sich in Deutschland multikulturelle Gesellschaftsstrukturen herausgebildet haben und immer weiter ausdifferenzieren – ob man das nun begrüßt oder verflucht.

Schreibt Klaus Bade in seinem  Kommentar “Integration ist machbar” in der WELT. Bade geht die Geschichte der Einwanderung von der Gastarbeiterzeit bis heute durch – und geht dabei lesenswert zur Sache.

Aber stimmt das mit den “Sozialromantikern”? Ich sehe eher den Gegensatz von “Deutschen Homogenitätsromantikern” (contra Einwanderung und Integration) zu ” postnationalen Einwanderungsrealisten” (pro Integration).

Ich kann mich an kein “Lager” erinnern, das sich die Integration als “fröhliche Rutschbahn” vorgestellt hat. Irgendwo am Rand hat das auch mal jemand so locker gesehen – aber es war wohl kaum das gemeinsame Konzept derer, die frühzeitig erkannt haben, dass Deutschland ein Einwanderungsland mit Multikultur und Integrationsaufgabe geworden ist. Multi-Kulti-Sozialromantik hat es allenfalls für ein paar kurze Jahre gegeben – die Gegner der Integration haben aber die “Ausländerpolitik” bis in die 90 Jahre dominiert – sie waren ausdrücklich gegen die Integration, weil sie von der Rückwanderung und der Immigranten-Abschreckung geträumt haben. Das konzeptionelle und politische Gegenüber derer, die Einwanderung noch bis vor kurzem für einen Skandal angesehen haben, waren und sind nicht die Sozialromantiker, sondern die Migrationsrealisten.

Die Integration der Einwanderer in Deutschland ist übrigens für Bade eine Erfolgsgeschichte. Die Miesmacher greift er an:

Die Skandalisierer der Integration erklärten und erklären noch immer konstant, „die Integration“ sei flächendeckend „gescheitert“. Sie diffamieren zugleich das vielseitige Engagement zur Förderung von Integration als semi-kommerzielle „Integrationsindustrie“. Sie betreiben auf diese Weise aber in Wirklichkeit selber eine mitunter sehr einträgliche Desintegrationsindustrie, insbesondere Desintegrationspublizistik und werden auf diese Weise zu einem folgenreichen Hindernis im Integrationsprozess.

Alles, was heute gegen die Integration geschrieben, geredet, gefilmt und gebloggt wird, verkauft sich exzellent. Dem gegenüber sei aber festzuhalten: In vielen Ländern werden wir um unseren Integrationserfolg beneidet. Bade nennt einige wesentliche Aspekte der gelingenden Integration und widerspricht dann dem Gerede von der “Parallelgesellschaft”:

Nach der Befragung des Zentrums für Türkeistudien können nur drei Prozent der türkischstämmigen Bevölkerung als eher nicht oder gar nicht in die deutsche Gesellschaft eingebunden gelten. Dieser Prozentsatz ist über die Jahre hinweg gleich geblieben und wird besonders durch die Heiratsmigration bestimmt, mit der in jungen Familien der Integrationsprozess stets aufs Neue beginnt. Deshalb kann, von dieser Kleingruppe einmal abgesehen, von der Entstehung oder gar dem Wachstum einer Parallelgesellschaft kaum die Rede sein – auch wenn die Desintegrationspublizistik mit dem Mikroskop nach symbolischen Indizien solcher Strukturen sucht, weil sie ja von deren Beschwörung lebt – vom Beten im Unterricht bis zur Moschee-Architektur.

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