Die vier Zonen des Armutsrisikos

(Bx – 4. Beitrag über Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen)

Vier “Zonen” lassen sich nach Heinz Bude (S. 39f) bezüglich des Armutsrisikos unterscheiden:
1. die Zone der Sicherheit (40%)
2. die Zone der (manchmal gerade) noch integrierten Knappheit (20%)
3. die Zone des instabilen Prekariats (25%)
4. die Zone der verfestigten Armut (10%)

Zwei Drittel leben in relativ gesicherter Integration – ein Drittel in gefährdeter oder abgehängter Lage. Die Prozentsätze geben den Stand Mitte der 90er Jahre an. Ich vermute, Zone 3 und 4 haben seither prozentual eher zugenommen.

Bude betont einen anderen Aspekt der Entwicklung: Die Polarisierung zwischen denen, die etwas zu verlieren haben und denen, die auf Unterstützung angewiesen sind, hat sich verstärkt.

Außerdem: Wie PISA gezeigt hat, verfestigt und vertieft unser Bildungssystem konsequent die Kluft.

Bude erwähnt bezüglich der Polarisierung nicht den sich verhärtenden moralischen Blick von oben nach unten. Auffallend ist der Vorwurf derer, die etwas zu verlieren haben: Die Verlierer sind selber schuld, sie verdienen ihr Schicksal, sie haben sich nicht genug angestrengt, sie sollen sich nicht ins (von den noch Erfolgreichen) gemachte Bett legen können.

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Die Migrationsbevölkerung selbst ist gespalten (S. 23ff):

Ein Teil gehört zum “Mittelstand“, bezüglich des Armutsrisikos also in die Zonen 1 und 2 – trotz allerlei rechtlicher Hindernisse, trotz teilweise zurückhaltender kultureller Integration haben sie es geschafft, und ihre Kinder schaffen es noch besser.

Eine wohl größere Anzahl der Migranten hat es nicht oder nicht ganz geschafft und gehört in die Zonen 3 und 4. Ein Teil dieser Unterschicht, dieser Migrationsverlierer,  schlägt sich mühsam durch, ein Teil verkommt in verwahrlosten Stadtvierteln. Der Ausschluss wird schulisch festgeschrieben: Man lernt zu wenig, um eine berufliche Chance zu haben, und weil man sieht, dass man keine Chance hat, wendet man sich gegen das Ganze.

Eine Ursache der Spaltung liegt in der Dynamik des Migrationszyklus:

1. Generation: Die Migranten kommen vorwiegend aus armen und ländlichen Gegenden und erleben ihr Gastarbeiterdasein als Verbesserung ihrer Lebenslage.

2. Generation: Die Erwartungen steigen. Ein Teil schafft durch Bildung und Ausbildung den angestrebten Aufstieg in den Mittelstand, ein Teil schafft es nicht.

3. Generation: Die Enkel der Gastarbeiter vergleichen ihre Position mit der ihrer Altersgenossen. Sie denken nicht mehr daran, die “Drecksarbeit” zu machen. Ihre durch Mängel in Bildung und Ausbildung verursachte materiell und sozial schlechtere Lage frustriert sie, sie wird als ungerecht empfunden, als Benachteiligung durch die Mehrheitsgesellschaft. Man reagiert darauf mit Zurückweisung der deutschen “Leitkultur”.

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Der persönliche Blick auf diese Kategorisierungen:

Ich selbst gehöre in die Zone 3: instabiles Prekariat, bedroht von Armut, wenn ich die mir drohende Altersarmut in Betracht ziehe. Für den Moment würde ich mich aber zu Zone 2 rechnen.

Die Lehrkräfte der Integrationskurse verteilen sich auf die Zonen 1 – 3; die Kursteilnehmer, die wir unterrichten,  gehören vorwiegend zu den Zonen 3 und 4; es gibt einige auffallende Ausnahmen.

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Fortsetzung folgt.

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