Nobelkarossen abfackeln als Antwort – auf was?

(Bx)

Fast 400 Autos sind 2009 in Berlin abgefackelt worden – bei über 200 Fällen geht die Polizei von einer politischen Absicht aus. Es trifft vorwiegend Mercedes, BMW, Porsche, und es geschieht hauptsächlich in den Problemgebieten: Friedrichshain, Kreuzberg, Mitte.

Ein anonymer Journalist fragt einen anonymen Täter (zu lesen in der taz):

Was ist, wenn es den Falschen trifft, einen guten Menschen?

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wir können nicht vorher den Besitzer eines Fahrzeugs ermitteln, das ist Quatsch. Hauptsächlich trifft es die Richtigen. Wer einen Porsche fährt und diesen in einem von Gentrifizierung betroffenen Stadtteil abstellt, macht einen Fehler. Autos sind für Yuppies keine Gegenstände, es sind Statussymbole, auf die sie sich einen runterholen. Und auf die haben wir es abgesehen.

Was erreichst du denn mit der Zündelei?

Ich sage mal: Es ist eine Art Krieg, der uns aufgezwungen wurde. Ich hätte lieber Frieden. Doch es gibt eine Schieflage – Leute mit Geld verdrängen Leute ohne Geld aus der Innenstadt. Ich erwarte nichts von der Politik, sie ist von Wirtschaftsinteressen bestimmt. Es muss also Menschen geben, die das Heft in die Hand nehmen. So lange werden Autos brennen, bis es wieder ausreichend Räume gibt, die nicht kapitalistischen Interessen dienen.

Heinz Bude analysiert Hintergründe dazu in einem Kapitel seines Buches “Die Ausgeschlossenen”. Ich habe es vor einer Woche im Beitrag “Die jungen Männer der Unterschicht” zusammengefasst.

Was der junge Mann im Interview von sich gibt, zeugt von Illusion. Erstens trägt er nur dazu bei, dass unser ohnehin schon gefährlich abdriftender Rechtsstaat noch polizeistaatlicher werden wird, zweitens pflegen Gewalttaten zu eskalieren, das Abfackeln von Nobelkarossen ist nur eine Einstiegsdroge in Schlimmeres.

Im übrigen glaube ich dem jungen Mann nicht, was er über seine Motive sagt – er glaubt sich sicher selber, aber mir macht er damit nichts vor. Blinder Frust motiviert ihn, genau so wie die Moscheefeinde und Islamophoben ja auch nicht wirklich Angst vor Moschee und Islam haben, auch wenn sie sich das selber glauben machen.

“Denn sie wissen nicht, was sie tun.”

Umgekehrt aber auch: Man merkt bei dieser Art von Kriminalität etwas von den Kosten der wachsenden Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Zuviel davon – und es wird für uns richtig teuer, und zwar nicht nur finanziell, und nicht nur in Form von Verlust an qualifizierter Arbeitskraft, sondern auch in Form von Sicherheits-, Demokratie- und Freiheitsverlust. Wissen diejenigen, die unsere Gesellschaft immer mehr in Gewinner und Verlierer spalten, was sie da längerfristig anrichten?

Anmerkung: Wenn von fast 400 verbrannten Autos in Berlin an die 200 nicht aus solchen “politischen” Motiven angezündet worden sind, gibt es also wohl auch an die 200 Fälle kriminellen Versicherungsbetrugs. Der aber ist sozusagen normal, systemkompatibel und deshalb kaum der Rede wert. Nicht wahr?

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