Contra “Islamkritiker”: Eine Verteidigung der Verteidigung

(Bx)

“In der Debatte um Islam und Islamismus versuchen urdeutsche Feuilletonisten drei Einwandererkindern das Wort zu verbieten.” (Cigdem Akyol in der taz)

(Die drei Einwandererkinder sind Broder, Ates und Kelek. “Urdeutsche” ist ein witziger Ausdruck, den – glaube ich – Seyran Ates gefunden hat, um alle diejenigen zu benennen, die Deutsche ohne Migrationshintergrund sind.)

Die “Islamkritiker” greifen eine ganze Bevölkerungsgruppe und pauschal die Religion dieser Minderheit an. Andere verteidigen diese Minderheit und ihr Recht auf Religionsfreiheit gegen die Ausgrenzversuche.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem Angriff auf und der Verteidigung von Minderheiten?
Ist nicht das eine aggressiv, das andere defensiv?
Geschieht nicht das eine aus Hass, das andere aus Respekt?

Akyol reagiert mit ihrem Vorwurf wohl auf den Eindruck, Leute wie Brodkorb, Steinfeld, L. Müller, Bax u. a., halten solche Angriffe und Übergriffe für nicht würdig, von seriösen Medien verbreitet zu werden.

Antwort von Hilal Sezgin in der taz auf den Vorwurf ihrer Kollegin:

Diese Darstellung ist grundfalsch. Zum einen, weil nicht nur “urdeutsche” Feuilletonisten allmählich die Nase voll haben von den plumpen Verallgemeinerungen des genannten Trios, an denen viele Einwandererkinder schon seit langem verzweifeln.

Falsch zum Zweiten, weil das, was die drei Islamkritiker sagen, von vielen urdeutschen Lesern durchaus goutiert wird.

Bücher von zweifelhafter fachlicher Qualität wie die von Kelek werden ja nicht deshalb in so hohen Auflagen gedruckt, weil deutsche Bildungsbürger diese Autorin ignorieren. Sondern weil sie an ihren Lippen hängen – so wie Kelek ihnen wiederum nach dem Munde redet.

Denn nichts hört ein offener oder klammheimlicher Ausländerfeind lieber, als wenn ihnen eine echte Türkin versichert, dass die – natürlich anderen! – Türken genauso dreckig, primitiv und patriarchal sind, wie sie – die Urdeutschen – es schon immer geahnt haben. …

Falsch und nachgerade unverschämt ist die Gegenüberstellung Islamkritiker contra Urdeutsche aber auch, weil zu den Kritikern der “Islamkritiker” seit Jahren viele Menschen mit muslimischem (Migrations-)Hintergrund zählen.

So unterschiedliche AutorInnen wie die Islamwissenschaftler Katajun Amirpur und Navid Kermani, die Migrationsforscherin Yasemin Karakasoglu, die Journalistin Mely Kiyak, der Schriftsteller Feridun Zaimoglu und ich haben bereits unzählige Male unser Unbehagen an einer Islam-Debatte dargelegt, die falsch verallgemeinert, unzumutbar polemisiert und ein wohlfeiles Ventil für jene Ressentiments bietet, die man früher Ausländerfeindlichkeit nannte und heute oft die Form von Islamfeindlichkeit annehmen.

Die weithin geübte “Islamkritik” suggeriert meist pauschal, dass vier Millionen Muslime in Deutschland denselben unreflektierten, unbeweglichen Islam praktizieren. “Endlich” müsse denen jemand mal den Spiegel vorhalten, so könne es ja wohl nicht weitergehen!

Doch den Weg zur Weiterentwicklung haben die europäischen Muslime längst beschritten. …

Liest man die Debatten im Internet, fallen außerdem die Kommentare der Leser ins Auge. Die haben es in sich. Sezgin:

Womit wir beim letzten Stichwort, dem “Mut” wären, den angeblich nur die Islamkritiker bräuchten. Doch auch die Verteidiger der multikulturellen Gesellschaft sind vehementen Anfeindungen ausgesetzt – unter anderem in Online-Leserforen, wo jeder vermeintlich “islamfreundliche” Artikel persönliche Beleidigungen, allgemeine Diffamierungen der “Musels” und die Schilderung von Gewaltfantasien nach sich zieht.

Dabei macht der Hass der im Internet organisierten Islamfeinde auch vor nichtmuslimischen Publizisten nicht Halt. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum die gegenwärtige Debatte mit so viel Ausdauer und Leidenschaft geführt wird. Gerade im Internet zeigen sich Islamfeinde allen Andersdenkenden gegenüber derart aggressiv, dass sie die Behauptung, es gehe ihnen um Kritik und nicht um Hass, selbst ad absurdum führen.

Kommentare

  1. Aus dem taz-Kommentarbereich zum Artikel:

    Schon die Bezeichnung “Zentralrat der Muslime” macht klar, dass es dieser Organisation insbesondere darum geht, die deutschen Muslime als “neue Juden” in Szene zu setzen. Man geriert sich – und das zeigt auch dieser Kommentar – als Opfer vermeintlicher Rassisten, anstatt sich darauf zu konzentrieren, den dringend notwendigen Schritt der islamischen Gesellschaften in die Moderne voranzutreiben. Es ist kein Zufall, dass weniger Bücher ins Arabische (240 Millionen Muttersprachler) als ins Griechische (10 Millionen Muttersprachler) übersetzt werden, sondern eine direkte Konsequenz der Aufklärungsfeindlichkeit der islamischen Welt.

    Gerade als linke Zeitung stünde es der taz gut, sich derartiger Nebelbombenschmeißerei, wie sie der so genannte Zentralrat der Muslime betreibt, entgegen zu stellen und Dissidenten wie Kelek und Ates zu unterstützen. Das käme vor allem den in Deutschland lebenden Muslimen zugute.

  2. Ich würde den Zentralrat der Muslime nicht verantwortlich machen für die Politik und Kultur der arabischen Länder von Marokko bis Irak.

    Sie, Ludmil, sind ja auch nicht verantwortlich für die Politik der Amerikaner in der Welt.

    Die Ursachen der heutigen Rückständigkeit der arabischen Kulturen – sie wird ja auch von den Menschen dort beklagt – sind komplex. Aber EINE Ursache sind wir. Wir unterstützen korrupte, autoritäre Regime in diesen Ländern, weil wir fürchten, dass die populäreren, dynamischeren politischen Strömungen dort unseren Interessen schaden würden.

    Das ist nur ein Faktor unter mehreren. Wäre ich Muslim, ich würde die kulturellen Faktoren in den Vordergrund stellen.

    Aber ich würde auch nicht vergessen, dass die westlichen Kulturen nicht unbedingt das Vorbild sein sollten. Zu vieles ist grausam, pervers, destruktiv in den westlichen Kulturen. Meinen Sie nicht auch, Ludmil?

  3. “grausam, pervers” gibt es nicht nur bei den Kannibalen, sondern auch in allen anderen Kulturen.

    In den “westlichen” Kulturen sind Grausamkeiten zumindest gesetzlich verboten. In der Regel ist verboten z.B.
    - die Beschneidung weiblicher Genitalien
    - Menschen lebendig zu begraben
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/744/502973/text/
    - die eigene Tochter/Schwester zu ermorden, weil sie “wie eine Deutsche” leben wollte
    http://initiativgruppe.wordpress.com/2010/02/07/hatun-surucu-7-februar-2005/
    - kleine Mädchen zu zwingen als “Kinderbräute” erwachsene Männer zu heiraten
    http://www.bluewin.ch/de/index.php/16,223133/Tod_von_Kinderbraeuten_schreckt

    Nicht nur die Gesetze – auch die “westlichen” Kulturen lehnen solche Grausamkeiten ab!

  4. Ich meine nicht, dass in den “westlichen” Kulturen vieles grausam, pervers oder destruktiv ist – es gibt jedoch mittlerweile viele Gegner der westlichen Kulturen, welche diese Kulturen und Gesellschaften zerstören wollen. Das ist destruktiv.

    Viele Grausamkeiten, die in anderen Kulturen leider verbreitet sind, werden von den “westlichen” Kulturen abgelehnt, z.B.

    die Beschneidung weiblicher Genitalien,

    die Zwangsverheiratung kleiner Mädchen mit erwachsenen Männern
    http://www.bluewin.ch/de/index.php/16,223133/Tod_von_Kinderbraeuten_schreckt

    Die Ermordung eigener Tochter/Schwester (im Auftrag des “Familienrats”), weil diese “wie eine Deutsche” leben wollte
    http://initiativgruppe.wordpress.com/2010/02/07/hatun-surucu-7-februar-2005/

    die Tochter lebendig zu begraben
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/744/502973/text/

    Die Liste dieser Grausamkeiten ist sehr lang!

  5. Wir sollten erst einmal vor der eigenen Türe kehren.

    Mir grausam meine ich zum Beispiel:
    - wie wir die Alten abschieben ins Altersheim und dort mit minimaler Pflege dahinvegetieren lassen;
    - wie wir es verhindern, dass Menschen in Würde sterben können;
    - wie wir mit Notenterror in der Schule einen Teil der Kinder todunglücklich und kaputt machen;
    - wie jemand seinen Arbeitsplatz verliert, weil er übrig gebliebenes Essen nicht wegwirft, sondern für sich einpackt, um es zu Hause zu essen;
    - wie wir Leute für 4 Euro pro Stunde arbeiten lassen, während gleichzeitig andere arbeitsfrei Millionen scheffeln oder trotz offenbaren Versagens im Job noch Millionen-Bonusse einsacken;
    - wie wir Menschen mit Häme begegnen, die im Leistungswettkampf verlieren.

    Wäre ich Türke, es würde mich schütteln, wenn ich sehe, wie man in Deutschland mit den Alten umgeht. Zum Beispiel. Auch das Versinken der Jugend in der Entertainment-Kultur ist vielleicht ein Vorgang, der eines Tages als Katastrophe verstanden wird.

    Damit sage ich NICHT, dass unsere Welt insgesamt grausamer wäre als früher oder als anderswo. Aber ich kann ja wohl nur meine eigene Welt zu verbessern versuchen, nicht die der anderen.

    Wir haben schon ein paar starke Seiten in unserer Kultur im Vergleich mit früher und mit anderen, aber auch ein paar ganz schwache.

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