Meine Klasse 2010

(Bx)

Türseite. 5 verschiedene Muttersprachen (Russisch, Farsi, Somali, Ibo, Arabisch), 3 Kontinente. Dazu der Altersunterschied und die unterschiedliche Vorbildung…

Ein Blick in meine Klasse. “Fiasko Integrationskurs” nannte ich meine Verrisse – Tarzandeutsch für die B1-Prüfung ist der eine (übrigens mit 300 Hits der meistgelesene Artikel auf diesem Blog), Kein Kurs für Tarzan der zweite. (Gerne würde ich mit Fachleuten darüber mal diskutieren.)

Kein Fiasko sind die Kursteilnehmer.

Wandseite. Zwei Plätze frei – weil zwei TN fehlen. Irak, Ukraine, Armenien.

Es ist ein Vergnügen, mit erwachsenen Migranten zu arbeiten: Sie passen auf, arbeiten gut mit, arbeiten gut zusammen. Außerdem sind es interessante Menschen … Eigentlich müsste ich etwas dafür bezahlen, dass ich sie unterrichten darf.

Fensterseite. Irak (Kurdistan), Türkei, Vietnam.

Der Kurs hat mit Modul 3 begonnen. Fast alle Teilnehmer sprechen schon mehr oder weniger Deutsch. Mehr als die Hälfte lebt schon lange in Deutschland.

In Modul 6 wird es 100 Stunden geballte Prüfungsvorbereitung geben. Testtraining. Davor, in Modul 3, 4 und 5, steht die Grammatik im Mittelpunkt des Unterrichts. Akkusativ. Dativ. Verb an Position 2. Verbkonjugation. Modalverb. Frage und Verneinung. Pronomen. Präpositionen. Nebensatz. Perfekt.

Das Ziel ist es, gegen die natürliche Neigung, spontan und damit “Tarzanisch” zu sprechen und zu schreiben, neue Sprachgewohnheiten, sprachliche Selbstkontrolle und damit ein Minimum von Sprachrichtigkeit durchzusetzen.

Das heißt: Ein recht überschaubarer Grammatikbereich wird wiederholt, wiederholt, wiederholt. In immer neuen Formen, in immer neuen Szenen und Situationen, mündlich und schriftlich, an der Tafel und mit Übungsblättern, Akkusativ rot – Dativ blau, fragend und antwortend, im Gespräch Lehrer – Schüler und im Gespräch Schüler – Schüler. Immer wieder dasselbe. Immer wieder “Ich setze mich auf den Stuhl. – Ich sitze auf dem Stuhl.” Etc.

Ich sorge schon dafür, dass das nicht langweilig wird. 1982 habe ich meinen ersten solchen Deutsch-als-Fremdsprache-Kurs gemacht, und ich muss lachen, wenn ich an meine holprigen Anfänge denke. Man lernt dieses Unterrichten fast nur learning-by-doing.

Photo: Mayada

Jemand, der es nicht selber erlebt hat, wird es nicht verstehen können: wie unendlich schwer es ist für Erwachsene, die sich bisher nie ernsthaft um Sprachrichtigkeit bemüht haben, die deutsche Grundgrammatik zur neuen Gewohnheit werden zu lassen.

Dichtbelegter Tisch, dazu Lehrer, Tafel, Medienwagen, Pinwand und Kursteilnehmerin

— Und am Ende? Am Ende kommt die B1-Prüfung – da braucht man eigentlich all diese Grammatik kaum.

Wieso bringe ich sie dann meinen Schülern bei? Weil sie lernen sollen und wollen, DEUTSCH zu sprechen, nicht Tarzanisch.

Gelingt es? – Mal mehr, mal weniger. Der Lehrer ist ein Nachfahr des Sisyphos. Im Unterricht wälzt er den Fels hoch, in der Pause stürzt der Fels wieder zu Tal.

Relativ leicht haben es übrigens meine zwei Russisch sprechenden Schülerinnen. Da gibt’s kein Tarzanisch! Besonders in Russland und Ukraine scheint das Schulsystem ziemlich viele Grammatikköpfe hervorzubringen; außerdem ist die Grammatik des Russischen sehr viel komplexer als die des Deutschen, da geht man zum Deutschen hin bergab.

Noch ein zweites Übrigens:

Neben der Grammatik her läuft mein kleiner Münchenkurs, einmal pro Woche eine halbe Stunde. Münchner Geschichtsdramen- bisherige Stationen: Gründung 1158 als Verbrechen; der Kaiser und die Mauer; Pest und Judenprogrom; Agnes Bernauer; Protestanten und die katholischen “Taliban”; 30jähriger Krieg und die Mariensäule; Theatinerkirche als Dank für den Erben; Max Emanuel macht Krieg und baut Schlösser; die ersten Türken in München; Asamkirche; Napoleon in München – Bayern in Russland; Ludwig I. baut; Ludwig I. liebt (Lola Montez); Max II. – modern und kalt; Ludwig II. – schön, reich, mächtig – und unglücklich …

Zwei  Schüler waren nicht da … ich werde sie fotographisch nachliefern.

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