Fiasko Integrationskurs (3): Die Leiden der Lehrer (und der Träger)

(Bx)

In den Integrationskursen schlägt das Herz der Integrationspolitik. Die Einwanderer müssen Deutsch lernen, um sich integrieren zu können.

Die Regierung verkauft die Integrationskurse als Erfolg – nicht zu unrecht, wenn man es quantitativ (und damit oberflächlich) betrachtet: Die Zahl derer, die Deutsch lernen, ist deutlich gestiegen.

Qualitative Zweifel habe ich in meinen ersten beiden Fiasko-Beiträgen geäußert:
>>> Tarzan 1 und >>> Tarzan 2. (Es besteht unterschwellig die Tendenz, den Kursteilnehmern billiges “Tarzandeutsch” beizubringen.)

Hier nun ein weiterer Grund, warum wir von einem Fiasko sprechen können: Sie sind ein Fiasko für diejenigen, die die eigentliche Arbeit dabei machen – die Lehrkräfte.

Gestern haben sich in München – eingeladen von der Aktion Butterbrot – Lehrkräfte und Träger solcher Integrationskurse getroffen, um das Honorar- und das Statusproblem anzupacken. Die Lehrkräfte werden so miserabel bezahlt, dass die Qualität der Kurse in Frage steht, und sie werden im Status der freiberuflichen Beschäftigung gehalten, statt wie bei Lehrkräften üblich angestellt zu werden.

Auch viele Träger stellen fest, dass die Honorar- und Statusmisere ein Problem für die Qualität der Kurse bedeutet. Um Leistung zu bekommen, müssen die Voraussetzungen stimmen, und Hungerhonorare und die mit dem falschen Status (als Freiberufler) zusammenhängenden Probleme beeinträchtigen die Leistung.

Peter Weiß (GEW), Miriam Herrmann (Aktion Butterbrot), Reza Karimitari (Aktion Butterbrot)

1. Lehrkräfte müssen bezahlt werden wie Lehrkräfte.

Wer arbeitet für Brutto 15 Euro pro Stunde und auf reiner hire&fire-Basis? Lehrkräfte mit guter Ausbildung (woher immer sie die haben mögen)? – 15 Euro seien die untere Grenze für die Honorare, sagt das BAMF. Wenn ein Anbieter weniger zahle, vergebe man keine Kurse an ihn. – Die Realität straft dies Lügen.

Der Durchschnitt liegt zurzeit bei 18,35 Euro. Die InitiativGruppe schafft es, 21,60 Euro zu bezahlen. Die Forderung der Lehrkräfte liegt bei einem Brutto von 30 Euro. Viele Träger von Integrationskursen unterstützen das, können dieses Stundenhonorar aber nur zahlen, wenn das BAMF den Stundensatz pro Teilnehmer entsprechend erhöhen würde (von 2.35 Euro auf einen Betrag zwischen 3 und 4 Euro) – und wenn es diese 30 Euro als Mindesthöhe zur Verpflichtung machen würde, damit nicht einzelne Träger diese Erhöhung als privaten Gewinn einstecken.

Das BAMF hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die im Grunde zur selben Forderung kommt.

Lehrkräfte und (einige) Träger ziehen am gleichen Strang

2. Lehrkräfte müssen angestellt werden wie Lehrkräfte.

Lehrkräfte arbeiten zwangsläufig weisungsgebunden: nach Lehrplan, in einem zeitlichen und räumlichen Rahmen, der ihnen vorgegeben wird, nach Regeln, die ihnen vorgegeben werden. Sie sind also de facto keine Selbständigen.

Aber die Lehrkräfte der Integrationskurse anzustellen wäre teuer. Was macht das BAMF also? Es macht die abhängig beschäftigten Lehrkräfte zu freiberuflichen Lehrkräften. Damit fallen alle Sozialleistungen weg und alle Arbeitgeberanteile. Da mit dem geringen Honorar der volle Rentenversicherungsbetrag für viele Lehrkräfte nicht mehr finanzierbar ist, sind sie gezwungen, die Rentenversicherungspflicht zu umgehen.

Blick in meinen Integrationskurs (InitiativGruppe)

3. Das BAMF quält die Träger

Das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge quält die Träger durch exzessive Bürokratie und dadurch, dass die Träger in finanzielle Vorleistung gehen müssen und oft erst Monate nach dem Kursende bezahlt werden.

Eine weniger pedantische und aufdringliche, eine mehr Spielraum gewährende Bürokratie wäre ein Kosteneinsparfaktor sowohl für das Amt als auch für die Träger, und die Einführung einer Abschlagszahlung für jeden genehmigten Kurs eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Wieviel Macht kann das geschriebene Wort entwickeln?

4. Nichtanstellung und “Markthonorar” sind politisch gewollt – und können nur politisch geändert werden.

Wie können die Lehrkräfte und diejenigen Träger, die das System nicht primär unter Profitgesichtspunkten sehen, eine Änderung erreichen?

Die Lehrkräfte allein schaffen es nicht. Seit Jahren versucht es von München aus und bundesweit mit einer lockeren Vernetzung mit anderen Initiativen die “Aktion Butterbrot”. Die Lehrkräfte werden freundlich an die Träger verwiesen … als ob die Träger die geschilderten Rahmenbedingungen zu verantworten hätten.

Der eine Finger des BAMF weist also zynisch nach unten auf die Träger, der andere geht nach oben – zu den Politikern, die über Gesetz und den Mitteleinsatz entscheiden.

Nur mit den sozial und politisch verantwortungsbereiten Trägern zusammen könnte genug Druck aufgebaut werden, um die Politik zu einer Revision zu veranlassen.

Darauf wird nun eine “Münchner Initiative zur Integrationspolitik” (oder so ähnlich) zielen.

Fortsetzung folgt.

>>> alle 21 Artikel zum Thema

Fachleuten möchte ich die Stellungnahmen des Deutschen Volkshochschulverbands zu den Integrationskursen empfehlen.

Ein weiteres Fiasko-Thema wird die Kinderbetreuung sein.

Kommentare

  1. renate scheuten meint:

    vielen herzlichen dank für diese wunderbare ein-
    schätzung und forderung!!!!!!

  2. renate scheuten meint:

    vielen herzlichen dank für diese wunderbare ein-
    schätzung und forderung an die verantwortlichen
    dieser misere.

  3. groove68 meint:

    Grimmepreisträgerin Karin Jurschick hat einen hervorragenden Film gemacht Zertifikat Deutsch

    http://www.realeyz.tv/de/karin-jurschick-zertifikat-deutsch_cont3603.html

    Hier als video on demand stream zu sehen.

  4. Roswitha Haala meint:

    Danke!

    Wir Lehrkräfte müssen uns mehr organisieren und unbedingt streiken bzw. mit Medienunterstützung unsere Arbeit für einen gewissen Zeitraum niederlegen.

    Politik und BAMF “sitzen” unsere Situation aus. Feuer unter die Stühle…

    Herzliche Grüße!

    Roswitha

  5. Roswitha Haala meint:

    Zitat: “Wer arbeitet für Brutto 15 Euro pro Stunde (…)” Gar 20 € (aktuelles BAMF-Mindesthonorar, das allerdings1 Jahr vom Träger unterschritten werden darf.)

    Viele gerne, aber:

    Bei Honoraren von “Brutto” zu schreiben/sprechen ist absolut irreführend!

    Denn Honorare sind kein Bruttogehalt/-lohn, da 100% der Sozialversicherungsbeiträge zu entrichten sind (kein Arbeitgeber_innenanteil), kein bezahlter Krankheitsfall, geschweige denn bezahlter Urlaub oder bezahlte Feiertage, Sonderzahlungen etc..

    Erwin Denzler, Generalsekretär für Weiterbildung und Privatschulen der GEW Bayern schrieb am 19.06.2014 im „Forum DaF“:

    “MarcelBla schrieb:
    ——————————————————-
    > Wenn man dort aber so wenig verdient, dass man
    > noch vom JobCenter aufstocken lassen muss, lassen
    > die einen dann wenigstens in Ruhe oder machen die
    > ständig Druck, dass man mehr Stunden machen oder
    > sich etwas anderes suchen soll, damit man aus der
    > Hilfsbedürftigkeit herauskommt?

    Ja, es kann verlangt werden. Siehe dazu in § 2 SGB II:

    Zitat:

    Erwerbsfähige Leistungsberechtigte und die mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen müssen alle Möglichkeiten zur Beendigung oder Verringerung ihrer Hilfebedürftigkeit ausschöpfen.

    Es reicht also nicht, “irgendetwas” zu arbeiten, sondern man muss solange suchen, bis man kein oder möglichst wenig AlG II mehr benötigt.

    Nach der Musterrechnung der GEW
    [www.gew.de] (S. 2)
    kommt man bei Vollzeit (25 UE/W. und ständigen Aufträgen) mit dem BAMF-Mindesthonoar von 20 Euro auf 990 Euro netto, was wegen der Freibeträge schon beim Alleinstehenden oft noch Hartz IV ergibt.

    Eine ungelernte Hilfskraft in der Gebäudereinigung kommt aber wegen Mindestlohn dort auf 1580 brutto bei Vollzeit, ergibt etwa 1.138 Euro netto. Deshalb kann es durchaus sein, dass das Jobcenter dir Stellen anbieten kann, bei denen die Hilfebedürftigkeit entfällt oder weniger wird. Putzen ist eben lukrativer als Deutschunterricht.”

    „(…) bei Vollzeit (25 UE/W. und ständigen Aufträgen) (…) bedeutet:
    45 Jahresarbeitswochen (5 Wochen Urlaub + 2 Wochen Feiertage), mit bundesdurchschnittlichen 13,2 Krankheitstagen, siehe hierzu auch GEW-Weiterbildung von Dez. 2013.

    Zu den Netzwerken der Integrationskurslehrkräfte:

    “Aktion Butterbrot” tot.
    “DaZ-Netzwerk” tot.

    “Initiative Bildung Prekär/IBP”
    nach wie vor aktiv, radikal bis satirisch die Misstände benennend.
    Wird allerdings von der GEW (z.B. Hauptvorstand FFM + GEW-prekär-Düsseldorf) in einem Rundschreiben aus Febr. 2014, indem sich die GEW ausdrücklich von der IBP distanziert, angegriffen. Siehe hierzu Homepage der IBP.

    Solidarische Grüße

    Roswitha Haala

  6. Roswitha Haala meint:

    Zur allgemeinen Info:

    Im Fach Englisch wird in NRW sowie NDS ebenfalls nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen/GER unterrichtet. Ziel ist in NRW nach 5 Schuljahren B1 für den Mittleren Schulabschluss (Fachoberschulreife)!
    Im Integrationskurs sind dafür (B1) ca. 10 Monate/600 Unterrichtseinheiten/UE – bei landesüblichen Ferien – vorgesehen!
    Fach Englisch s.o. Hauptschulabschluss (5 Schuljahre) A2-Niveau/GER mit Anteilen von B1.

    In Englisch/NRW werden pro Schuljahr 5 schriftliche Klassenarbeiten verlangt. Davon kann 1 in anderer Form gestaltet werden. Im Integrationskurs sind`s mindestens 10 Tests + 6 Briefe + Formulare + Vorbereitung auf die Zwischen-Modellprüfungen (mind. 2, davon DTZ-Modellprüfung, vorher ZD verbindlich). Durchführung der Modellprüfungen gemäß § 11 (3) IntV. Zuletzt die Abschlussprüfung Sprachkurs / § 17 IntV.

    Der Kernlehrplan des Faches Gesellschaftslehre/Hauptschule/NRW/ 5 Schuljahre ist mit den Orientierungskurs-Inhalten des Integrationskurses vergleichbar. Zeit bis 2009: 30 UE bzw. 6 Tage je 5 UE. Letzte Stunde: Abschlusstest gemäß § 17 IntV.
    Ab 2009 45 UE/9 Tage je 5 Stunden. Derzeit 60 UE bzw. 12 Tage volles Programm in der frisch erlernten Sprache…

    Ich denke, dies zeigt unter welcher Leistungsdichte und -druck Integrationskurslehrkräfte unterrichten, die Kursteilnehmenden lernen. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich um heterogene Lerngruppen handelt. Im Gegensatz zu allgemeinbildenden Schulen.
    Z.T. „bildungsferne Teilnehmer_innen“. Eher ein „Wunder“, dass ca. 54 % der Teilnehmenden in dieser kurzen Zeit B1 erreichen! Im Orientierungskurs liegt die Bestehensquote bei ca. 90 %.

    Während die Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen (gut) von ihrem Einkommen leben können, sozialversicherungsmäßig abgesichert sind, erhalten die Integrationskurslehrkräfte in Vollzeit bei derzeit 20 € Honorar, monatlich maximal 990,85 € netto/Single (45 Jahresarbeitswochen /5 Wochen Urlaub, 2 Wochen Feiertage, bundesdurchschnittliche 13,2 Krankheitstage). Kein AlG I – Anspruch.

    Und im Gegensatz zur Englisch-/Gesellschaftslehre-Lehrkraft müssen die Integrationskurslehrkräfte gegen ihre politisch gewollte Scheinselbstständigkeit langatmig, geduldig vorgehen! Obwohl sie in ihrer “pädagogischen Freiheit” massiv eingeschränkt sind. Vgl.: SchG: § 57 NRW, § 50 Abs. 1 Satz 1 NDS, § 86 Hessen

    Die Kernlehrpläne für Englisch und Gesellschaftslehre sind im „Bildungsportal NRW“ nachzulesen.

  7. Roswitha Haala meint:

    Deutsch als Zweit- bzw. Fremdsprache im staatlichen Auftrag nichts wert! Aber…
    zum Vergleich aus „EuW 08/09.2014“, S. 31, Zeitung der NDS-GEW:

    „Projekt `Spanischlehrer unterrichten in Niedersachsen´

    Im Rahmen dieses Projekts erteilen qualifizierte Lehrkräfte aus Spanien an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen in Niedersachsen Spanischunterricht.
    Die Lehrkräfte erhalten Zeitverträge über zwei Jahre gemäß § 14 Abs. 2 des Teilzeit- und Befristungsgesetzes mit i.d.R. 18 Wochenstunden vom 18.09.2014 bis 30.06.2016.
    Im 1. Halbjahr ist ein Drittel der Arbeitszeit für Hospitationen vorgesehen, sodass ein Unterrichtseinsatz von 12 Wochenstunden verbleibt.“

    Bezahlte Fortbildung während der Arbeitszeit, gell. Vgl. hierzu z.B. IntV-Integrationskurse…

    „Außerdem werden die Kolleginn_en durch eine_n von der Schule benannte_n Mentor_in betreut. (…)
    Bei den Sprachlehrkräften handelt es sich um Lehrkräfte, die über ein wissenschaftliches Hochschulstudium mit anschließendem pädagogischen Teil verfügen. Sie werden nach dem Eingruppierungserlass der TV-L beschäftigten Lehrkräfte vergütet. (…)

    Mehrere spanische Lehrkräfte haben bereits vor der Einstellung in Niedersachsen Lehrtätigkeiten ausgeübt. Diese können als einschlägige Berufserfahrung nach § 16 Abs. 2 TV-L anerkannt werden und die Einstufung in eine höhere Stufe der Entgeltgruppe 12 oder 13 zulassen. (…).“

    Also TV-L 12 oder 13. Bei Berufserfahrung allerdings eine höhere Stufe, s. u..
    Auch dies nicht in IntV-Integrationskursen!

    Den Spanischlehrkräften sei dies alles berechtigterweise “gegönnt”.
    Aber: Kalilunajaaadurga! An unsere DaF/DaZ-Behörden und Institutionen!

    „TVöD 13 ist die häufigste Entgeltgruppe für Uniabsolventen mit Diplom oder Master. Das Einstiegsgehalt liegt bei 3.186 €.

    Stufe 1 (Neueinstellung)
    3.271 €
    Stufe 2 (nach 1 Jahr)
    3.630 €
    Stufe 3 (nach 3 Jahren)
    3.824 €
    Stufe 4 (nach 6 Jahren)
    4.200 €
    Stufe 5 (nach 10 Jahren)
    4.720 €
    Stufe 6 (nach 15 Jahren)
    -
    Tabelle gültig ab 01.01.2013. Angegeben sind die Monatsentgelte, abgerundet auf volle Euro.
    Datum: 08/13
    Quelle: oeffentlicher-dienst.info“, inzwischen Gehaltserhöhungen.

    Klingelt`s? Gehalt nicht Honorar!

    Vorteile: sozialversichert mit (verstecktem) Arbeitgeber_innen-Anteil, vollkommene Absicherung im Krankheitsfall, angemessener Renten- und ALG I-Anspruch, evt. Sonderzahlungen wie Weihnachts- und zusätzliches Urlaubsgeld.

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