Fiasko Integrationskurs (4): Unpädagogische Prüfungen

(Bx)

Nummer 4 meiner Serie über das angebliche Erfolgsmodell.
Davor: Fiasko 1 (Tarzanisch), Fiasko 2 (Tarzanisch 2), Fiasko 3 (Leiden der Lehrer).

In der ZEIT (“Deutschstunde“) findet sich eine ausführliche Reportage zu den Integrationskursen – nebenbei auch ein guter Einstieg für jemanden, der nicht genau weiß, was das ist: ein Integrationskurs.

Eine der Heldinnen dieser Reportage ist “Canan”. Sie ist 44, Türkin, kam mit 15 nach Deutschland, hat schon ca. 900 Stunden im Kurs gesessen – und kaum etwas gelernt.

Nun soll sie die Zertifikatsprüfung machen. Die ZEIT nimmt es mir ab, den Unsinn dieser Prüfung für “Canan” selber zu formulieren. Und diese “Canan” ist kein Ausnahmefall. (Die im Text zitierte Person ist eine Integrationskurslehrkraft.)

… wie umgehen mit Frauen wie Canan? Ist es eine deutsche Illusion, zu glauben, dass sie am Ende dieses Kurses dieselbe Prüfung bestehen kann wie beispielsweise eine Inderin, die ihr Abitur auf Englisch gemacht hat – selbst wenn sie doppelt so viele Stunden dafür Zeit hatte?

Lerngeschwindigkeit und Bildungshintergrund der Frauen sind tatsächlich viel unterschiedlicher, als die Öffentlichkeit sich das vorstellen kann – kein Vergleich etwa zu einer deutschen Grundschulklasse. Frauen, deren Muttersprache Arabisch ist, haben trotz anderer Schrift grammatikalisch betrachtet weniger Probleme mit dem Deutschen, mit all den Deklinationen und Konjugationen, den Pronomen und vor allem den Artikeln, als etwa eine Frau, die Türkisch spricht.

Dass für Menschen, die als Kind nur kurz – oder nie – eine Schule besucht haben, am Ende des Sprachkurses eine Prüfung steht, sehen mittlerweile auch Fachleute skeptisch. In einem Positionspapier von verikom, einem der größten Anbieter von Integrationskursen in Hamburg, heißt es, man könne den Zwang zu einer Prüfung nicht unterstützen. Ein Teil der Schüler werde »aufgrund fehlender Grundbildungsmöglichkeiten in der Kindheit« auch mit 1200 Stunden den B1-Test nicht bestehen können.

Dass B1 kein Maßstab für alle ihre Schülerinnen sein sollte, findet auch Nicole Krauß. »Der Anspruch der Kurse geht oft an der Realität der Betroffenen vorbei. Davon kann man keine Einbürgerung oder Aufenthaltserlaubnis abhängig machen«, sagt sie. »Fast alle meine Kollegen meinen, dass die B1-Prüfung nicht für jeden machbar ist, besonders nicht für diejenigen, die zunächst einmal lesen und schreiben lernen müssen. Das kratzt teilweise sehr an der Würde desjenigen, dem immer und immer wieder vorgeführt wird, was er nicht kann und was er nicht versteht.«

Besser, meint Krauß, wäre ein Konzept, das sich stärker an den Bildungsrealitäten der Schüler orientiert. Und das jeden persönlichen Bildungserfolg anerkennt, den die Teilnehmer erzielen. Und vielleicht muss Deutschland sich auch einfach eingestehen, dass diese Sprachkurse für eine bestimmte Einwanderergeneration einfach zu spät kommen.

Fortsetzung folgt – auch zu diesem Fiasko-Thema “Unpädagogische Prüfungen”: Ich werde demnächst einige der Prüfungsaufgaben vorführen, die unfair sind – unfair bezogen auf Kursteilnehmer/innen wie “Canan”. Und zeigen, wie man als Lehrer damit umgehen kann.

Kommentare

  1. Danke für den Artikel und für den Link zur ZEIT – die gucken ja wirklich bisweilen noch ein bisschen genauer hin. Die Kommentare sind z.T. auch gut, ich habe mal einen der besten rausgepickt, weil diese Kommentatorin das Problem gut umreißt:

    “22.06.2010 um 9:32 Uhr
    Ursula92
    28. @myrcro II
    Stellen Sie sich zu Anschauungszwecken einfach mal vor, sie wären urplötzlich – sagen wir, in Saudi Arabien, um beim Arabischen zu bleiben. Sie haben keine Ahnung von Arabisch, weil sie bisher in D nur Deutsch gebraucht haben. Sie können auch kein Hebräisch z.B. daß dem Arabischen sehr ähnlich ist. Alle Lehrer können aber nur arabisch, alle Lehrbücher sind nur auf Arabisch, es sagt Ihnen keiner, daß es auch zweisprachige Wörterbücher gibt. Sie malen den ganzen Vormittag (die Integrationskurse sind nämlich entgegen den Verlautbarungen in einschlägigen Flyern keine Vollzeitkurse, sondern lediglich 25 Stunden pro Woche) irgendwelche, Ihnen unbekannte Schriftzeichen, haben keine Ahnung, was der Lehrer da vorne erzählt und von Ihnen will – und in neun Monaten sollen sie die Sprache so gut beherrschen, daß sie die B1-Prüfung bestehen – förderlich für die Aufenthaltsgenehmgung. Was tun Sie?
    Ich habe die Nase voll von diesen Bringschuld-Debatten. Wer den Mund voll nimmt (wie der deutsche Staat) und lauthals damit wirbt, was er – angeblich – alles für die Migranten tut, dann soll er es gefälligst auch tun – die Steuerzahler bezahlen es nämlich.”

  2. Vielen Dank für diesen Artikel und auch die ganze Fiasko-Reihe. Aus dieser Perspektive hatte ich die Integrationebemühungen des deutschen Staates noch nicht gesehen.

    Ich werde Euch demnächst auch in meinen Artikeln verlinken, wenn Ihr mir das erlaubt.

  3. Gern.

    Im übrigen bin ich von eurem Blog begeistert.
    Ich hoffe, dass es irgendwann zur Pflicht wird für alle, die beruflich im Integrationsbereich tätig sind, sich durch das Lesen von Blogs wie die unseren auf dem Laufenden zu halten und kontinuierlich fortzubilden, sowie sich in die aktuellen Debatten einzuschalten.
    Es wäre nötig, dass die Träger der Integrationsarbeit diese Aufgabe in die Arbeitsbeschreibungen bzw. Verträge setzen.

  4. Ich glaube, wenn man als Kursteilnehmer eine Lehrkraft bekommt, die grade mal die Theoriephase namens Deutsch als Fremdsprache hinter sich hat und noch nie lehrend im Unterricht gestanden hat, dann schaut das auch bei uns so aus.

    Glücklicherweise machen die erfahrenen Lehrkräfte es besser – und du wärst nicht so verloren, wenn deine Jungfernfahrt ins Deutsche bei mir vom Stapel laufen würde.

    Learning-by-doing hab ich nämlich herausgefunden, wie man das macht: wie man extrem langsam und einfach und deutlich sprechen kann, wie man mit Mimik und Gesten, sozusagen schauspielerisch, verständlich macht, was man sagt, wie man geduldig darauf hinarbeitet, dass die einfachsten Elemente der Sprache sich im Kopf der Kursteilnehmer aufbauen, als Basis für den jeweils nächsten Schritt …

    Interessant – und das gehört ja auch zum Thema Fiasko Integrationskurs – ist: Es gibt dafür kaum eine praktische Ausbildung. Ein bisschen Fortbildung schon: Das Goetheinstitut leistet hier durchaus gute Arbeit. Aber was man bräuchte, das wäre eine praktische (!) Ausbildung, die etwa den Umfang einer Grundschullehrer- oder Realschullehrerausbildung hätte.

    Das BAMF glaubt, dass man guten Unterricht so nebenbei, als Nebenjob, liefern kann, sozusagen aus dem DaF-Stand, ohne wirkliche Praxisvorbereitung, und für (durchschnittlich) 18 Euro brutto freiberuflich, also ohne irgendwelche soziale Absicherungen, bei vollem Rentenanteil und Sozialversicherung für Selbstständige. Man findet dafür schon Leute – aber jeder, der das macht, schaut, dass er oder sie so schnell wie möglich eine besser bezahlte Arbeit kriegt. Also, wenn die Lehrkraft nach ein paar Jahren angefangen hat, den Unterricht einigermaßen passabel zu gestalten, wechselt sie zu einer besser bezahlten Tätigkeit. Es gibt Träger, denen das egal ist – weil sie nur am Profit interessiert sind …

  5. Lesepflicht? Willst du dafür eine Filtersoftware organisieren oder eine Erlaubt-Verboten-Liste erstellen? Es gibt da ja nun leider auch Blogs, die nicht sehr hilfreich sind.

    Es wird wohl immer ein Finanzproblem bleiben. Nachdem nun Frau Kanzlerin meinte “Wir” hätten über unsere Finanzen gelebt, sowei sie sich selbst übersieht, dürfte es eher schlimmer als besser werden.
    Sein wir ehrlich: wenn die Leute diese Kurse besuchen und danach immer noch nicht deutsch können kann man nicht nur sagen, man hat alles getan, man hat auch wieder das Argument das die Leute nicht wollen. Womit wir wieder bei dem sind was einige Politiker schon die ganze Zeit sagen. Sie wollen sich nicht integrieren und sie wollen die Srache nicht lernen.
    Ich glaube nicht das die Meinung der Lehrer großartig gefragt ist.

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