China. Japan. Kein Vorbild.

Von CHINA lernen?

Shanghai hat für China am PISA-Ranking teilgenommen und mit Abstand die besten Ergebnisse erreicht: Nirgendwo auf der Welt lesen und rechnen die 15jährigen besser, nirgendwo sind sie weiter in Naturwissenschaften.

Die SZ vom 8./9. Januar (nicht online) beschreibt auf Seite 3, was dahinter steckt: ein geradezu mörderisches Lernvolumen für die Kinder, eine totale Konzentration des gesamten Lebens des Kindes und des Jugendlichen aufs Lernen. 7 Tage die Woche. Vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Fallen. Schule, Hausaufgaben, Paukstudio. Was anderes gibt’s kaum. Es beginnt im Kindergarten (der Vorschule). Das Ziel ist es, die entscheidenden Prüfungen zu schaffen – sie zu schaffen, ist das Ziel des Lebens. Das Kind wird zermahlen in der grausamen Mühle der Konkurrenz.

Was zählt: Disziplin und unerschöpfliche Energie, dazu ein gutes Gedächtnis. Intelligenz ist auch nützlich, aber nicht das Wesentliche. Zwei wesentliche Aspekte des Lernens fehlen fast ganz: Neugierde und Kreativität.

Eine solche Schule ist in Europa nicht möglich. Weder die Kinder noch die Eltern würden mitspielen, auch wenn sich einige Konservative in Bayern einbilden, wir könnten in Sachen Bildung von China lernen.

Wie weit sich das Terrorlernen für China auszahlen wird, wird sich zeigen. Haben wir etwas falsch gemacht? fragt Henrik Bork, der Autor des Artikels. Nichts, antwortet er.

Aber das geht zu weit. Wir machen etwas falsch. Unsere Chance gegenüber China bestünde darin, dass wir den finnischen Weg gingen: Lernen aus Freude am Lernen.

Von JAPAN lernen?

Japan könnte – mehr als Dänemark – Vorbild und Muster unserer Rechtspopulisten, unserer Sarrazin-Fans werden.

Hiroko Tabuchi beschreibt in der New York Times (abgedruckt in der NYT-Beilage der SZ), wie sich Japan weigert, Arbeitskräfte, die es dringend bräuchte, aus dem Ausland zu holen.

Wie bei uns, so weist die demografische Kurve steil nach unten. Japan altert rapide, wird bis 2050 um ein Drittel weniger Einwohner haben, jederDritte wird dann über 65 sein …

Wirtschaft und Gesellschaft in den USA und Europa bleiben durch Einwanderung junger Leute lebendig, so die Selbstkritik einiger Japaner, während Japan stagniert und nun sogar eine Abwanderung der wenigen qualifizierten Nicht-Bürger kompensieren muss, vor allem nach Singapur und Hongkong. Von den ca. 130 000 ausländischen Studenten in Japan bekommen nur sehr wenige einen Arbeitsplatz dort.

Die Japaner jedoch sind sich einig – zwei Drittel lehnen eine Öffnung ab, bestehen auf ethnischer Homogenität. Die Japaner wollen unter sich bleiben. Arbeitsmigration wird deshalb nicht ermutigt, die wenigen, die es schaffen, sind überwiegend “Gastarbeiter” auf Zeit sein – Integration ist nicht vorgesehen, weder rechtlich noch schulisch.

Von Japan lernen?

Das hieße: Mit Japan in die Stagnation, mit Japan absteigen.

Schrumpfen wir eben, sagen unsere Rechtspopulisten. Es schrumpft aber nicht nur die Einwohnerzahl, es schrumpft auch die wirtschaftliche Dynamik, die Fähigkeit zur Innovation und die lukrative Präsenz auf den globalen Märkten.

Kommentare

  1. Ich persönlich halte nichts von Hochrechnungen bis 2050. Zu viel kann bis dahin geschehen. Gründe für die niedrige Geburtenrate in Japan sind sicherlich die seit Jahren anhaltende Stagnation und die Einstellung, dass Arbeit an erster Stelle kommt. Das Japans Bevölkerung schrumpft muss nicht schlecht sein. Schließlich ist die Bevölkerungsdichte ziemlich hoch. Wenn man den Übergang schafft, dann kann sich sogar die Lebensqualität steigern.

  2. Bei einer demografischen Vorhersage über 40 Jahre hinaus in die Zukunft muss man natürlich wissen, dass da viel Unerwartetes passieren kann. Trotzdem würde ich solche Hochrechnungen nicht unbeachtet lassen.

    Man sollte sich immer anstrengen, einen möglichst klaren und nüchternen Blick in die Zukunft zustande zu bringen. Das läuft etwas gegen unsere Neigung zum wishful thinking, drum braucht man Frustrationstoleranz und den Willen zu Wahrheiten, die einem nicht passen.

    Schrumpfen der Bevölkerung muss nicht unbedingt schlecht sein — auch da stimme ich so halb zu. Das Problem ist eigentlich nicht die Schrumpfung, sondern der Verlust an Dynamik: an Innovation, an Ehrgeiz, an Wettbewerbsfähigkeit, an Qualität. Die demografische Schrumpfung muss nicht unbedingt dazu führen, scheint sich aber im Falle Japan und in einigen europäischen Fällen (Deutschland? Italien?) damit zu verbinden.

    Hat diese (potentielle) Verbindung von demografischer Schrumpfung und wirtschaftlich-technologisch-kultureller Stagnation schon mal jemand untersucht?

  3. “Hat diese (potentielle) Verbindung von demografischer Schrumpfung und wirtschaftlich-technologisch-kultureller Stagnation schon mal jemand untersucht?”

    Wahrscheinlich ist dieser Zusammenhang sehr schwer zu finden. Man kann einen 40 jährigen von heute nicht mit einem vor 80 Jahren vergleichen. Ob wirklich Einbußen da sind weiß ich nicht. Viele der aktuellen Probleme, welche zur Verminderung von Innovation, Ehrgeiz, Wettbewerbsfähigkeit und Qualität sind selbstverschuldet. Fast alle Bereiche sind ökonomisiert. Innovative Ideen haben aufgrund der zu erwartenden Kosten erst einmal keine Chance. Querdenker sind nur bedingt erwünscht.

  4. Was die Dynamik reduziert, ist die Abschottung. Eine Gesellschaft ist in Gefahr, sich auf sich selbst zurückzuziehen, wenn sie im globalen Wettbewerb nicht mitspielen will.

    Das folgt nicht unbedingt aus einer Schrumpfung – da geb ich dir recht. Aber was ist der Grund der Schrumpfung? – Eine Art Erschöpfung der Kultur, Unlust an der Zukunft, Angst vor der Zukunft; und aus Angst vor Neuem und Fremdem baut man Barrieren gegen Zuwanderung und Innovationen, so dass der Schrumpfungsverlust nicht kompensiert werden kann.

    Denker und Akteure, die quer zur gegebenen Kultur stehen, kommen eher aus der Fremde. Drum ist es in der Regel fruchtbar, wenn man die Grenzen einigermaßen offen hält.

  5. Das ist ja das Tueckische beim Pisa-ranking. Die Wenigsten hinterfragen, um welchen Preis die ersten Plaetze errungen werden. Ich kenne das Bildungssystem in Suedkorea recht gut, da ich mit einem Koreaner sehr befreundet bin, seine Sprache spreche und bei ihm in Seoul mehrfach mich aufhielt. Was hier ueber das Bildungssystem in China beschrieben wird, trifft auf Suedkorea in gleichem Masse vollstaendig zu. Es ist ein Grauen, mit welcher Stringens von Auslese bereits im Kindesalter der Wert und die Anerkennung einer Person bestimmt wird. Die Leidensfaehigkeit der jungen Koreaner erscheint grenzenlos. Man sollte also die jeweiligen Rankingplaetze bei Pisa doch kritisch und differenziert beleuchten, wie hier am Beispiel China vorgetragen.

  6. Abschottung und Angst vor der Zukunft ist kein Alterdurchschnittproblem. Diese Dinge existierten auch schon als das Durchschnittsalter deutlich niedriger lag. In meinen Augen liegt das Problem bei der Ökonomiesierung der Lebensbereiche. Anstatt Kreativität zu fördern probiert man zu standardisieren. Ein gutes Beispiel ist die Bologna Reform. Die Angst vor allem Fremden und Neuem kommt immer dann besonders zum tragen, wenn die Zeiten unsicher sind. Da wird durch die Medien als erstes auf Minderheiten geprügelt und/oder auf Neuentwicklungen (Kosten Arbeitsplätze). Das hat auch nichts mit dem Alter zu tun. Juden wurden auch im Mittelalter in regelmäßiger Folge gejagt.
    In meinen Augen helfen nur offenen Diskussionen und der Blick auf die Ursachen der Probleme. Die wesentliche Ursache liegt in meinen Augen darin, dass eine kleine Elite sich bereichert. Dies tut sie auf Kosten aller anderer und begründet dies mittels der Wirtschaftswissenschaften. Für mich ist dies ein Pakt wie im Feudalismus. Die Kirche legitimiert über Gottes Gesetz den Kaiser. Heute legitimiert die Ökonomie über das Marktgesetz die Superreichen. Diese haben kein Interesse daran, dass die Menschen nachdenken und fördern lieber die Angst. Denn so lange alle anderen sich streiten bleiben sie unbehelligt. Maischberger kommt jetzt in den Fokus und hat Angst.

  7. In meinen Augen helfen nur offenen Diskussionen und der Blick auf die Ursachen der Probleme.

    Ja. Aber ich fürchte, auch offene Diskussion und der Blick auf die Ursachen rettet uns nicht vor der Woge der Irrationalität. In der Krise verlieren noch mehr Leute das nüchterne Verhältnis zu den Fakten und klammern sich an das, was sie “glauben”.

    Die wesentliche Ursache liegt in meinen Augen darin, dass eine kleine Elite sich bereichert.

    Ja. Aber man könnte auch fragen: Was erlaubt es der kleinen Elite, sich so ungehindert auf unser aller Kosten zu bereichern? Dann deutet der Finger wieder auf uns selber.

    Für mich ist dies ein Pakt wie im Feudalismus. Die Kirche legitimiert über Gottes Gesetz den Kaiser. Heute legitimiert die Ökonomie über das Marktgesetz die Superreichen.

    Die Analogie gefällt mir. Was die legitimierende Ökonomie anbelangt, würde ich nicht nur die Wirtschaftswissenschaften sehen, sondern das Faktum, dass Geld zum Gott und Einkauf und Konsum zum Gottesdienst geworden sind. Wieder deutet der Finger auch auf uns selbst.

    Die Superreichen … haben kein Interesse daran, dass die Menschen nachdenken und fördern lieber die Angst.

    So ist es. Sie fördern die Angst. Sie schaffen sie nicht. Wie haben WIR das gemacht, dass wir so ängstlich geworden sind?

  8. Das interessante ist, dass dies nicht ein geheimer Plan ist, sondern ein Selbstläufer. Sicherlich sind wir selber Schuld. So lange ein Prozess sehr langsam von statten geht nehmen ihn die Menschen kaum wahr. Das ist mit der Bereicherung durch eine kleine Elite geschehen. Systematisch wurden die Steuern an der Spitze gekürzt. Im Gegenzug wurde über die hohen Defizite gejammert. Die Schlussfolgerung daraus war, dass die Ausgaben zu hoch waren. Somit wurden die soziale Absicherung reduziert. Den Menschen ging es im Mittel schlechter. Als Lösung wurde daraufhin genau das Problem in mehreren Zyklen angeboten. Steuern runter, soziales runter. Da dies durch “Wissenschaftler” begleitet wurde haben es die Menschen geschluckt. Wenn in Deutschland jemand ein Doktor oder sogar ein Professor ist, dann kann er den Menschen erzählen, dass die Erde eine Scheibe ist und sie würden es glauben. Schließlich ist es ein Professor.
    Die Schritte dorthin waren halt sehr klein. Am Anfang betraf es nur sehr wenige und die meisten (noch Mittelklässler) ingorierten es. So rutschte man eben dort hinein. Die Lösung wird nicht einfach sein, da gerade diejenigen die massiv gewonnen haben die Medien und die Politik hinter sich wissen. Diese Menschen jammern, dass der Staat zu vel Macht hat und sehen nicht, dass das Problem ist das irgendjemand zu viel Macht besitzt.

  9. Es freut mich, daaa mal jemand hier das Problem genau so sieht wie ich.

    Wichtig ist, dass man aus dieser Sicht der Dinge keine Verschwörungstheorie macht. Die Geldelite agiert nicht von einem Politbüro aus, sie hat durchaus gegensätzliche Standpunkte in vielen Fragen. Aber in gewissen Fragen hat sie eben ein weitgehend gemeinsames Interesse, und da sorgt man – jeder für sich – mittels privilegierten Einflusses dafür, dass die Politik entsprechend gestaltet wird.

    Es würde mich interessieren, ob das ganz ohne Koordination geht – oder ob doch ein gewisses Maß an Koordination stattfindet.

    In den USA scheint es für die Geldelite perfekt zu laufen. Da scheinen sie die ganze Nation sozusagen im Sack zu haben. Die Koordination kann darum direkt über die politischen CEOs laufen – die Spitzen der Exekutive und Legislative. Wenn man diese Hypothese mal wagt, dann ergibt sich als weitere Hypothese, dass die Geldelite sich in einigen politisch wesentlichen Fragen ziemlich uneins ist – dass also auch in ihr ein Machtkampf stattfindet.

    Ich sehe drei politische Flügel der US-Geldelite:
    a) den gemäßigten, eher pragmatischen, der nicht zuviel riskieren will, auch außenpolitischen Abenteuern eher abgeneigt ist;
    b) den republikanischen, der hoch ideologisiert ist und die revolutionäre Umgestaltung der Nation in Richtung Plutokratie und schließlich Aristokratie vorantreibt, und der auch außenpolitisch auf Eskalation setzt;
    c) den evangelikalen Flügel, der b) unterstützt und noch unbedenklicher auf Eskalation setzt.

    Der erstere hat Obama als CEO ins Amt gebracht, mit einigem Rückenwind von Seiten des Teils der Wählerschaft, der manipulations-resistent ist. Der zweite (b) dürfte jedoch der politisch stärkste Flügel sein.

    Wenn diese Annahme stimmt, würde das zeigen, dass es noch einen nicht unerheblichen Rest von Eigenmacht seitens der Wählerschaft gibt. Nur so konnten sich die Demokraten mal durchsetzen.

    Was ich da schreibe, sind Spekulationen. Aber ich kann mir die Vorgänge in den USA nicht mehr damit erklären, dass die eben alle einfach bedingt sind durch die freien Wählermeinungen.

    Geld regiert – nicht nur in der Weise, dass alle Bürger auf ihr Bankkonto schauen und ihre Interessen vorwiegend ökonomisch verstehen. Sondern eben auch in der Weise, dass diejenigen, die über sehr sehr viel Geld verfügen, einen privilegierten Einfluss auf die politischen Entscheidungen gewinnen können, weil sie sich die Medien und die Politiker und die Administration kaufen können.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*