Etwas macht diese Bundesregierung DOCH gut. Ein Loblied auf die Integrationsbeauftragte.

Wir wissen alle, dass Bundesregierungen immer alles schlecht machen. Ein Interview, das Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, dem Bonner Generalanzeiger gegeben hat, erlaubt es mir, einmal ganz zustimmend über die Regierung zu schreiben und einmal sogar in Begeisterung auszubrechen.

Folgende Aussagen finde ich gut, einige sogar hervorragend:

1

2011 soll das Jahr der Integration werden. Warum?

Es ist wichtig, dass wir bei der Integration schneller vorankommen, dass wir bei den Migrantinnen und Migranten Vertrauen wieder aufbauen, das in den letzten Monaten eindeutig verloren gegangen ist. Und dass wir auf den drei Großbaustellen – Sprache, Bildung/Ausbildung und Arbeitsmarkt – Boden gut machen.

2

Hat die Sarrazin-Debatte geschadet?

Ja, inzwischen liegen Untersuchungen vor, dass vor der Sarrazin-Debatte ein wirklich gutes Vertrauensverhältnis zwischen den Migranten und der deutschen Bevölkerung gegeben war. Inzwischen wissen wir, dass viele Migranten enttäuscht und verunsichert sind, sich zurückgestoßen fühlen. Vertrauen ist ein hohes Gut. Gerade wenn es um Integration geht.

3

Wir als Bundesregierung haben in der Integrationspolitik sehr bewusst umgesteuert. Miteinander, nicht mehr übereinander reden – dieser Leitgedanke hat sich bewährt. Ich denke an die Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin, den Nationalen Integrationsplan, die deutsche Islam-Konferenz. Das sind klare Schritte nach vorne.

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Alle, die wir uns heute mit Integration befassen, kämpfen mit den Versäumnissen der Vergangenheit. Diese Versäumnisse sind auf allen Seiten vorhanden. Viele, auch aus meiner Partei, haben doch immer wieder negiert, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Wir gehören heute zu den Ländern mit dem höchsten Migrantenanteil. Mehr noch: Deutschland ist ein Integrationsland.

Es gibt wohl nicht viele in den Unionsparteien, die sich trauen würden, so massiv Kritik an den eigenen ausländerpolitischen Fehlern zu äußern.

5

Aber vieles, was wir im gesetzlichen Bereich vernünftig geregelt haben, wird von den Behörden nicht entsprechend umgesetzt. Man muss sich eben richtig kümmern.

Da hätte ich gern Details!

6

In Kanada findet das erste Beratungsgespräch meist am ersten Tag statt – noch auf dem Flughafen. Deshalb will ich noch in diesem Jahr Integrationsvereinbarungen in Deutschland, auch an zwei Orten in NRW, erproben …

Unsere Beratungsangebote sind ja freiwillig. Viele Migranten wissen nicht, welche es gibt. Faltblätter bei den Ausländerbehörden reichen eben nicht. Die Menschen müssen von Anfang an begleitet werden. Integration soll ja nicht ein Prozess von unendlicher Dauer sein.

Wir sind ein Einwanderungsland – und haben eine Regierung, die das tatsächlich anerkennt und die Erkenntnis politisch umsetzen will? – Unglaublich. – Mein Gefühlsausbruch hier ist nicht gespielt. Nach 40 Jahren Kopf-in-den-Sand-Vogel-Strauß-Dassauchnichtistwasnichtseindarf – Politik ist das schon atemberaubend. Kanada als Vorbild! Und das noch dazu nach diesem halben Jahr des krassen Sarrazinismus!

7

wir werden in diesem Jahr eine gesetzliche Grundlage für die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse schaffen. Das wird ein Meilenstein in der Integrationspolitik.

Bei diesem Gesetz wird der Teufel im Detail sitzen. Warten wir’s also mal ab.

8

Wer darf denn noch nach Deutschland kommen?

Selbstverständlich ist, dass wir auch zukünftig Menschen, die aus humanitären Gründen kommen, die auf der Flucht sind, die Asyl suchen, Unterstützung geben werden. Genauso wie es den Familiennachzug gibt. Übrigens wie in Kanada oder den USA. Aber wir müssen uns sehr klar mit der Frage auseinandersetzen: Wie sieht unser Zuwanderungsbedarf aus? Wen brauchen wir? Ich bin dafür, dass wir unsere Zuwanderung stärker am Kriterium der Qualifikation ausrichten – auch an den Spracherfordernissen und der Integrationsbereitschaft.

9

Wie steht es mit dem Islam?

Es gibt ja nicht den Islam. Ich habe erlebt, dass die verschienenen islamischen Gruppierungen sehr viel mehr Diskussionsbedarf untereinander haben als mit der staatlichen deutschen Seite. Wir müssen also einander besser kennen lernen.

Wie anders klingt das als bei den ressentimentgetriebenen sogenannten Islamkritikern.

10

Wird es ein Integrationsministerium geben?

… ich habe keinen Hehl aus meiner Überzeugung gemacht, dass die Zeit reif ist für ein solches Ministerium.

Man wird es natürlich nicht Einwanderungsministerium nennen können, aber de facto wird es so etwas sein.

11

Nur Gutes. In einem einzigen Interview. – Aber doch, eine kleine Kritik muss ich anbringen.

Ist Multikulti ist gescheitert? Wo das doch nur heißt, dass verschiedenen Kulturen zusammen leben. So wird Maria Böhmer gefragt. Sie zieht sich aus der Affäre:

Wenn Multikulti das heißen würde, wäre es nur eine Beschreibung der Situation in unserem Land. Aber Multikulti hat sich ja in einer anderen Form ausgeprägt. Da war Beliebigkeit in der Politik, die Migranten hat man auf sich gestellt sein lassen. Wo nur eine bunte Vielfalt vorhanden ist, ist Integration noch nicht geschehen. Insofern ist dieser Ansatz gescheitert.

Nur bunte Vielfalt – das war nie die Idee von Multikulti, Frau Böhmer. Das war immer die Idee der Integration, die Idee, dass man das Fremde nicht per Assimilation verschwinden lassen muss, sondern dass es – integriert, eingegliedert – Teil unserer Kultur und unseres Zusammenlebens werden kann. Eben das wollte man (die Mehrheit, die Politik) damals nicht. Man wollte keine Integration. Man wollte, dass die Migranten entweder wieder gehen – oder sich total assimilieren. Multikulti bedeutete auch damals schon konstruktiven Umgang mit Einwanderung: Integration.

Kommentare

  1. Kaiserliche Majestät meint:

    “Angst schürt Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit

    Vorurteile gehen fast immer auf ein Gefühl der Bedrohung zurück. So glauben mehr als 44 Prozent von Befragten, dass es zu viele Muslime gibt.”

    http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article12583872/Angst-schuert-Islamophobie-und-Fremdenfeindlichkeit.html

  2. Da gibt es mehrere Erkenntnisse, die mir zu denken geben – die nicht so leicht zu verarbeiten sind:

    „Wer Vorurteile gegenüber Muslimen hat, pflegt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auch Vorbehalte gegenüber Juden, Schwarzen, Einwanderern, Frauen, Homosexuellen, Obdachlosen, Behinderten und Langzeitarbeitslosen“, erläutert Zick. Offenbar sind es also nicht spezielle Besonderheiten wie etwa das Kopftuch, die von den Menschen abgelehnt werden, sondern die fremde Gruppe an sich – solange sie sich von der eigenen abgrenzen lässt.

    Die Grundlage für diese Neigung zum Schubladendenken ist angeboren: Menschen müssen, um in ihrer komplizierten Umwelt zurechtzukommen, alles um sich herum inklusive ihrer Mitmenschen in Kategorien einordnen. Dann werden den Kategorien automatisch und unbewusst typische Eigenschaften zugeschrieben. Die Folge: Es entsteht ein Stereotyp. So weit, so unproblematisch. In vielen Situationen ist man jedoch gezwungen, auch sich selbst einer Kategorie zuzuordnen. Man wird vom Individuum zum Gruppenmitglied – und in diesem Moment beginnen zwei Mechanismen zu greifen: die Gruppendynamik und eine Veränderung des eigenen Selbstkonzeptes.

    Der Mensch ist ein soziales Wesen – er ist immer in irgend einer Weise Gruppenmitglied. Wie kriegt man es hin, dem – angeborenen – Mechanismus der Stereotypisierung folgen zu müssen und doch nicht in die Falle des negativen Stereotyps zu gehen?

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