1. Mai: Tür auf nach Osten!

Am Sonntag, den 1. Mai, verschwinden die letzten Hindernisse für die mittel- und osteuropäischen EU-Bürger: Wer will, kann westwärts reisen, sich bei uns eine Wohnung und Arbeit suchen. “Arbeitnehmerfreizügigkeit” heißt das.

In den Jahren 2011 und 2012 seien etwa 800.000 Frauen und Männer im erwerbsfähigen Alter zu erwarten, sagte IW-Direktor Michael Hüther am Dienstag bei der Vorstellung einer Studie in Berlin.

Danach werde die Zahl der Zuwanderer aus den mittel- und osteuropäischen Ländern voraussichtlich stark sinken. Insgesamt würden bis 2020 wohl rund 1,2 Millionen Menschen aus den EU-Beitrittsländern Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Estland, Lettland und Litauen (NMS-8) nach Deutschland ziehen.

Eine andere Studie rechnet erst einmal nur mit ca. 140 000 pro Jahr.

2014 fallen dann die Zugangsbeschränkungen auch für Bulgarien und Rumänien.

Bedeutet das eine Belastung oder eine Chance für Deutschland? – Eher eine Chance, angesichts unseres Fachkräftemangels. IW-Chef Hüther meint, diese Zuwanderung

könne dabei helfen, den Fachkräftemangel in Deutschland und wegen der zusätzlichen Einzahler in die Sozialkassen auch die Folgen des Bevölkerungsschwunds für das Sozialsystem abzumildern.

Wir sind allerdings spät dran. Großbritannien, Irland und Schweden haben ihren Arbeitsmarkt für die Mittel- und Osteuropäer schon 2004 geöffnet – und abgesahnt. Eine polnische Regierungsberaterin stellt fest:

„Die besonders dynamischen Migranten sind nach Großbritannien gegangen“, sagt Iglicka. Sie hätten dort viel zum wirtschaftlichen Erfolg des Landes beigetragen.

Eine Belastung könnte die Entwicklung für die Abwanderungsländer bedeuten. Iglicka:

„Nicht die Deutschen sollten die nächste Wanderungswelle fürchten, sondern wir. Uns Polen ziehen die Arbeitskräfte davon, aber zu uns will keiner kommen.“

Polen ist einfach nicht multi-kulturell genug. Wer will da schon hin? Mein Tipp: Liebe Polen, nehmt doch mal 20 000 Tunesier auf! Und vermeidet dann all die Fehler, die ihr am Beispiel Deutschland studieren könnt!

Quelle: Frankfurter Rundschau

Passend dazu diese OECD-Studie über die Geburtenraten wichiger Länder. Die sieht für Deutschland besonders schlecht aus. Was machen England, Frankreich, Niederlande, Schweden, Dänemark etc. anders? Denn die haben nicht 1,36 Kinder pro Frau, sondern in der Nähe von 2.

Die meisten geburtenstarken Länder wie etwa Frankreich, Großbritannien oder die skandinavischen Länder geben im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftskraft zum Teil deutlich mehr für Schule, Kindergärten oder Geldleistungen aus.

Die Mittel- und Osteuropäer werden also das Schrumpfen allenfalls etwas abmildern und verlangsamen. Für diejenigen, die glauben, dieses Schrumpfen sei doch kein Problem, der sollte sich mal Gedanken machen über seine Rente.

Mein erster Bericht dazu 1. Mai 2011: 1 Million Polen kommen! hatte (auch dank seines reißerischen Titels) 1240 Leser.

Kommentare

  1. Kaiserliche Majestät meint:

    Besonders aufschlussreich ist, dass Deutschland die ganzen Jahre ohne große Vorbereitung hat verstreichen lassen.

  2. Mal meine Überlegungen dazu:
    Deutschland ist extrem kinderunfreundlich (Klagen wegen Kinderlärm, das unbeschreibliche Bildungssystem..das wurde hier wohl alles schon mal diskutiert.). Daraus folgt, dass Paare es sich ganz genau überlegen, ob sie Nachwuchs in die Welt setzen. Fehlender Nachwuchs bedeutet daher für die Kinderhasser nicht nur weniger Kinderlärm, sondern für die Arbeıtswelt auch weniger potentiellen Fachkräftenachwuchs. Mal abgesehen davon, dass viele Betriebe gar nicht mehr ausbilden wollen. Da ist wohl der Aufwand zu hoch, oder? Statt der Wirtschaft Impulse von außerhalb zukommen zu lassen, versucht Deutschland sich einzuigeln:”BLEİBT WEG!!” wird möglichen Zuwanderern überdeutlich vor Augen geführt. Man sehe sich nur mal die öffentlichen Diskussionen der letzten Monate an. Deutschland soll für Zuwanderer wohl dergestalt unattraktiv gemacht werden, dass sie von allein wegbleiben.
    Nun ja. So schafft Deutschland sich dann wirklich ab. Die Fachkräfte wandern ab wegen den feindlichen Bedingungen die sie hier vorfinden, es soll aber auch möglichst niemand reingelassen werden. Nachwuchs aus den eigenen Reihen ist wegen Kindermangels auch nicht zu erwarten…
    Au backe…

  3. Mephistopheles meint:

    Die Kernfrage ist für mich: brauchen wir wirklich Zuwanderung wegen eines Fachkräftemangels?

    Mir will scheinen, daß diese angebliche Fachkräftemangel ein Mythos ist, solange wir noch jede Menge gut ausgebildete Arbeitslose haben – vom Informatiker bis zum Akademiker ist alles dabei.

    Bezüglich der angeblichen oder echten Kinderfeindlichkeit: liegt das Problen nicht vielmehr darin, daß immer mehr Familien von einem Einkommen gar nicht mehr leben können, und sich viele Paare deshalb gegen Kinder entscheiden? Könnte es sein, daß sich viele Paare eine Elternschaft anders vorstellen, als zwei berufstätige Eltern und ein Kind in der Tageskrippe?

    Auch, wenn es heutzutage modern ist, immer von der berufstätigen, toghen Mutter zu schwärmen: Elternschaft sollte doch wohl anders aussehen, und auch vom Staat ermöglicht werden.

    Davon jedoch entfernen wir uns immer weiter…

  4. Kaiserliche Majestät meint:

    Sie müssen nur einmal überlegen, wer in den nächsten zehn Jahren in Rente geht und wer in die Arbeitswelt nachkommt.

    Bezüglich der angeblichen oder echten Kinderfeindlichkeit: liegt das Problen nicht vielmehr darin, daß immer mehr Familien von einem Einkommen gar nicht mehr leben können, und sich viele Paare deshalb gegen Kinder entscheiden?

    Genau, und diejenigen, die sich für Kinder entscheiden, können denen nichts bieten. In Deutschland leben 2 Millionen Kinder in Armut. Gefördert wird das durch den Zwang, unglaublich schlecht bezahlte Arbeit annehmen zu müssen, wenn man Arbeitslos ist. Ich bin ja mal gespannt, ob die Neoliberalen die Osteuropäer dafür nutzen werden, die Löhne weiter niedrig zu halten.

  5. Mephistopheles meint:

    Die Rente ist – allen Unkenrufen zum Trotz, weniger das Problem. Hier wird leider durch die private Versicherungswirtschaft eine unglaubliche Panikmache verbreitet, teilweise sehr unseriös. So rechnet man z.B. die Produktivittssteigerung absichtsvoll nicht mit ein.

    Was die Löhne angeht stimme ich Ihnen absolut zu. Das Mindeste, was hier politisch endlich durchgesetzt werden müsste, wäre ein flächendeckender Mindestlohn, von dem man auch leben kann – gepaart mit einem Abbau prekärer Arbeitsverhältnisse wie z.B. der Minijobs.

  6. Kaiserliche Majestät meint:

    Es ging mir nicht um die Rente, nur um das Verhältnis der Arbeitskräfte, die aufhören und denen, die anfangen. Die Ausgaben der Renten sind, relativ gemessen am BIP, seit den 1970er konstant geblieben, auch wenn immer davon gesprochen wird, dass die Ausgaben explodieren.

  7. Mephistopheles meint:

    Das stimmt – die angebliche Explosion ist Teil der Propagandastrategie der privaten Finanzwirtschaft – mit ihren Vertretern wie z.B. Herr Raffelhüschen.

  8. Was die niedrige Geburtenrate angeht, so hat die Erfahrung gezeigt, dass Geldzuwendungen diese nicht heben.
    Es ist vielmehr der Egoismus und Hedonismus der westlichen Industriegesellschaften, nicht weil man sich keine Kinder mehr “leisten” kann.
    Auch in den positiv herausgehobenen Ländern ist die Geburtenrate ja nicht berauschend, wenn auch nicht so im Keller wie in Deutschland. Wenn man dreimal im Jahr in Urlaub fahren muss, wirds natürlich knapp. Kinderfeindlich ist dieses Land außerdem, Silvia hats ja angesprochen. Wohl in keinem anderen Land käme jemand auf die Idee, Kindergärten in Gewerbegebiete zu verbannen wegen Lärmbelästigung, wie die Senioren der CDU. Zum Glück konnten sie sich nicht durchsetzen, aber ich glaube, nur in Deutschland kann so ein Gedanke aufkommen.

    Ich sehe diese “tür auf nach Osten” übrigens kritisch. Nicht weil ich was gegen Polen oder Osteuropäer hätte, sondern weil der Lohndrückerei Tür und Tor geöffnet wird, was wiederum nur ein flächendeckender Mindestlohn verhindern könnte, und davon sind wir weit entfernt. Weiterhin ist es auch ein Brain-drain, also ein Abziehen der Fachkräfte, die im eigenen Land benötigt werden, wie in Polen. Polen wird der große Verlierer dieser “offenen Grenzen” sein , noch mehr als Deutschland. Und das nicht, weil es dort nicht multikulturell genug zugeht, sondern weil dort einfach der Lebensstandard insgesamt niedriger ist.

    In GB fürchtet man schon, dass die Polen wieder abziehen….

  9. Fatma Özoguz,

    dass wir immer noch keinen Mindestlohn haben, ist in der Tat ein Skandal, und die nun erweiterte Arbeitnehmerfreizügigkeit Richtung Osten ist in dieser Hinsicht nicht hilfreich, um es mal in Form eines Understatement auszudrücken.

    Die Leute sollten halt nächstes Mal ordentlich SPD+Grüne wählen, damit wir eine Regierung bekommen, die den Mindestlohn durchsetzt.

    Oder der CSU androhen: Wenn ihr nicht den Mindestlohn einführt, wählen wir euch nicht mehr!

    Mephistopheles,

    was den Fachkräftemangel angeht: Ich bin natürlich kein Fachmann, der aus sich heraus (aufgrund eigener professioneller Erfahrungen) sagen kann, dass er besteht und in welchem Maße er besteht.

    Vom Unternehmerstandpunkt aus kann da schon auch ein Interesse bestehen, den Mangel zu übertreiben. Je größer die Auswahl, desto besser (desto niedriger die Gehälter, desto höher die Qualität, die man kriegen kann).

    Aber mir scheint, dass die Sache tatsächlich ernst ist. Warum? Es ist ganz und gar gegen das Interesse der CDU/CSU und der FDP, ihren entschieden zuwanderungsfeindlichen Wählern die Perspektive eröffnen zu müssen, dass massiv Zuwanderung nötig ist. Ich bin mir also sicher, dass die Politiker dieser Parteien die Klagen der Wirtschaft scharf geprüft haben und nur sehr widerwillig zu dem Ergebnis gekommen sind, dass tatsächlich eine Fachkräfteeinwanderung dringend geboten ist.

    Es gibt noch einen zweiten Grund, warum ich das glaube: das Verhalten von USA, Kanada, Australien, Neuseeland, England, Frankreich: Die holen sich Fachkräfte in großer Zahl! Warum wohl?!

    Ich glaube, wir Deutsche wären einfach blöd, wenn wir nicht auf dem globalen Arbeitsmarkt ebenso aktiv und attraktiv und kompetent tätig würden wir unsere Konkurrenten.

  10. Conring meint:

    In Anbetracht der Tatsache, dass die größte Umweltgefahr für diesen Planeten die weitere unbegrenzte Vermehrung der menschlichen Rasse ist, sollte man vielleicht mal sagen, dass die niedrigen Geburtenraten der Industriestaaten gar nicht so falsch sind.

  11. Woraus ich folgern würde,
    Conring,
    dass die größe Menschheitstat der letzten 30 Jahre von den Chinesen vollbracht wurde: nämlich die, ihr rasantes Bevölkerungswachstum durch rigorose Bevölkerungspolitik zu stoppen. Sonst hätte die Erde jetzt 1 Milliarde Menschen mehr, und nicht ein Fünftel, sondern ein Drittel der Menschheit wäre Chinese.
    Leider wächst in China der umweltschädigende Fußabdruck trotzdem exponential – oder eben deswegen?

  12. @Conring: Das Problem an der niedrigen Geburtenrate ist nicht, dass es zu wenig Menschen gibt, denn auch mit 60 Mio würde kein Volk aussterben, sondern die Zusammensetzung der Altersklassen. D.h. es gibt viele Alte, die versorgt werden müssen aufgrund der hohen Lebenserwartung, was nun mal leider meist mit Krankheit und Siechtum einhergeht. Wer das nicht glaubt, werfe einen Blick in die Altenheime. Diese Last können immer weniger junge Leute schultern, nicht nur, weil es weniger von ihnen gibt, sondern auch , weil es zu wenige sozialversicherungspflichtige Jobs gibt. Egal um welches Problem es sich handelt, letztendlich landet man irgendwie immer bei der Grundursache Kapitalismus. Denn sowohl die Herkunftsländer als auch die Bürger der Ziellländer sind die Verlierer der Öffnung nach Osten, die einzigen Gewinner sind die Konzerne, ergo das Kapital.
    Außerdem ist es kein Zufall, dass gerade die armen Länder eine hohe Geburtenrate haben. Die nimmt aber mit steigendem Wohlstand erwiesenermaßen ab. Wir reden jetzt zwar von Osteuropa, aber das gilt im verstärkten Maße auch für Flüchtlinge aus Afrika. Wenn wir dazu beitragen, dass in den Herkunftsländern der Betreffenden menschenwürdige Zustände herrschen, etwa durch eine gerechtere Wirtschaftspolitik, an der die Kapitalisten selbstredend nicht das geringste Interesse haben, hilft das allen anderen. Den Betroffenen, die nicht mehr Haus und Hof verkaufen und sich in eine unsichere Zukunft gen Westen aufmachen müssen, und auch den Aufnahmeländern, die keine Flüchtlingsströme mehr zu verkraften haben, und langfristig wird dann auch dort die Geburtenrate sinken. Wer reflexartig “Grenzen dicht” ruft, doktert am Symptom, nicht aber an der Ursache.

  13. Mit “dort” meine ich die afrikanischen Länder.

  14. Fatima, das hast du wunderbar formuliert.

    Der Kapitalismus hat Auswüchse angenommen, die zwangsläufig in eine Sackgasse führen müssen. Vor ein paar tagen war ich mit meinem Vater auf einer Baustelle, einer doch recht großen Agrargenossenschaft, wie sie hier im Osten Deutschlands durchaus üblich sind. Da hat einer der Bauern mal ein wenig erzählt… Wir standen da neben einem Gatter für Kälber. Diese hatten es dort ganz wunderbar. Viel Platz, weiches Stroh, genügend Futter.. alles, was das Herz eines Kalbes begehren könnte. Wenn man aber mal den Weg dieser Tiere weiterverfolgt:
    Die männlichen Tiere werden zum Mästen weitergeschafft.
    Die weiblichen Tiere sind auf Milchleistung gezüchtet. Ganz brutal. Den Bauern blutet das Herz, wenn sie erleben müssen, was Gottes Schöpfung im Namen der “Wirtschaftlichkeit” angetan wird. Den Tieren werden quasi die Keulen der Hinterbeine weggezüchtet, damit mehr Platz für ein riesiges Euter bleibt. Das ist doch pervers, oder? Aber um konkurrenzfähig zu bleiben, muss man das Spiel mitspielen. Ob man will oder nicht. Weil Arbeitsplätze dranhängen. Und damit Familien, welche gefüttert werden wollen. Der Markt oder besser gesagt die Kunden verlangen nach immer billigeren Produkten. “Geiz ist geil” sage ich da nur. Vielen bleibt aber nichts weiter übrig, da die Marktwirtschaft teilweise gnadenlos die Löhne drückt. Und ohne genügend Geld muss man nun mal sehen, dass man billig einkauft. Und so dreht sich die SPirale immer weiter nach unten.
    Ein wenig mehr Bescheidenheit täte allen ganz gut. Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Ausreichend reicht manchen eben nicht. Ist es nicht genug, wenn man jeden Tag satt wird? Muss man denn so viele Lebensmittel in den Müll werfen, nur weil die Regale der Supermärkte niemals leergekauft werden können und das meiste deshalb verdirbt? Hauptsache man zeigt was man sich alles leisten kann.
    Ich finde nicht wirklich Worte für dieses Verhalten. Ich glaube, da muss ich mal noch ausführlicher drüber nachdenken und das mal aufschreiben.

  15. Fatima und Silvia,
    ich freu mich über sozialistische Töne und stimme gern ein.
    Gut auch, dass in der Religion (wenigstens in Europa, in den USA ja weniger) noch sowas wie Widerstand gegen die kapitalistischen “Selbstverständlichkeiten” lebendig bleibt.

    Aber wir stehen bloß in der Defensive.

    Wir verteidigen Menschlichkeit und Natur und Gesundheit und Vernunft und Seele und Gemeinschaftlichkeit gegen den Ansturm eines ebenso platten wie gierigen Materialismus und den damit verbundenen Narzissmus von mimosenhaften Egos, die nicht über sich selbst hinausschauen können, die nichts mehr anerkennen können, was größer ist als sie selbst.

    Es ist ein Rückzugsgefecht. Wie kommen wir in die Offensive?

  16. Kaiserliche Majestät meint:

    Die neue polnische Wirtschaft
    Deutsche Ängste vor einem Massenansturm aus dem Nachbarland stoßen in Polen nur auf Unverständnis. Angesichts eines anhaltenden Booms sind die Arbeitsbedingungen dort oft attraktiver als im Westen.

    [...]

    Während Berlin immer noch eine Arbeitslosenrate von 14 Prozent hat, herrscht im 300 Kilometer weiter südöstlich gelegenen Breslau nahezu Vollbeschäftigung. Viele Branchen klagen bereits ähnlich wie in Deutschland über einen Mangel an Fachkräften.

    [...]

    Eine Ausreisewelle nach dem 1. Mai gilt in Polen allerdings auch deshalb als unwahrscheinlich, weil das Land seinen großen Exodus schon erlebt hat. Nach 2004 strömten nach Schätzung der Regierung eine Million junger Polen nach Irland und Großbritannien, um dort ihr Glück zu versuchen.

    [...]

    Für deutsche Ängste vor Überfremdung hat man in Polen ohnehin nur wenig Verständnis. Bei den liberalen Politikern der amtierenden Warschauer Regierung galt der EU-Beitritt immer auch als Aufbruch in ein neues Europa – zu dessen Kernelementen die Freizügigkeit gehört. “Wir sollten die ökonomischen Fakten akzeptieren und uns Stereotypen widersetzen”, sagt Europa-Staatssekretär Dowgielewicz. “In Polen gab es das Vorurteil, dass die Deutschen das Land aufkaufen würden. In Deutschland befürchtete man eine polnische Invasion auf dem Arbeitsmarkt. Keine dieser Befürchtungen hat sich jemals bewahrheitet, und das sollte man auch deutlich sagen.”

    http://www.ftd.de/politik/deutschland/:die-neuen-aus-dem-osten-die-neue-polnische-wirtschaft/60045348.html

  17. Dr. Steinhaus meint:

    Die neue Arbeitnehmerfreizügigkeit wird ein Fiasko für deutsche Arbeitnehmer, hier besonders im Niedriglohnsektor. Viele Unternehmen werden die Lage ausnutzen und Lohndumping wird neue Spitzen- bzw. Tiefwerte erreichen.

    Ich halte es da mit Mephistopheles: Der Fachkräftemangel ist ein moderner Mythos. Zumindest ist der Mangel nicht so gravierend, wie mancher Interessenvertreter behauptet.

  18. Kaiserliche Majestät meint:

    Genau, es wird Zeit für den Mindestlohn.

  19. Dr. Steinhaus,

    es wär schon interessant zu hören, WARUM – mit welchen Argumenten – Sie bestreiten, was unsere Wirtschaft leidenschaftlich behauptet.
    Haben Sie da Ihre eigene Rechnung?
    Und falls Sie auf arbeitslose Fachkräfte in Deutschland verweisen – ja, wieso kommen die nicht unter? Woran liegt das? Könnte es sein, dass sie nicht die richtigen und nicht genug Qualifikationen haben?

  20. Dr. Steinhaus meint:

    Erstaunlich, aber da sind wir einer Meinung.

  21. Dr. Steinhaus meint:

    Ich bezog mich auf KM.

  22. Dr. Steinhaus meint:

    - Herr Brux,

    glauben Sie alles, was Lobbyisten Ihnen via Medien erzählen? Nein? Ich ebenfalls nicht.

    Unsere Arbeitslosen kommen nicht unter, weil es a) zu viele sind, b) viele nicht bereit sind, zu Niedrigstlöhnen zu arbeiten (durchaus verständlich), c) ein gewisser Prozensatz keine Lust (nicht in Ordnung, aber menschlich) und d) es manchen tatsächlich an Qualifikationen fehlt.

    Osteuropäer, die vor allem in den Niedriglohnsektor drängen werden, können diese Probleme nicht lösen. Im Gegenteil, die werden sie verschärfen.

  23. Dr. Steinhaus,
    es geht doch um gut qualifizierte Fachkräfte. Von denen haben wir zu wenig. Weil wir einen Teil der jungen Leute bildungsmäßig verschenken (Schulen, die mehr aussieben als fördern), und weil wir nicht attraktiv genug sind für Fachkräfte aus dem Ausland.

    Um gut und hochqualifizierte Fachkräfte geht es.

    Und ich frage weiter, was außer einer pauschalen Verdächtigung haben Sie den Daten der Wirtschaft entgegenzusetzen, die belegen, dass der Fachkräftemangel bereits jetzt eklantant ist und jedes Jahr schlimmer werden wird?

  24. Conring meint:

    @Ig
    Ja,
    der umweltliche Fußabdruck Chinas wäre ohne die Bevölkerungspolitik vielleicht noch größer. Außerdem soll man es den Chinesen wirklich übelnehmen, dass sie einen Ausweg aus den demographischen Entwicklungen genommen haben, die viele andere Länder gefangenen hält?
    @fatimaoezoguz
    Wieso ist jetzt der Kapitalismus schuld daran, dass die Leute immer älter werden? Dieses hat doch primär mit dem medizinischen Fortschritt zu tun und ist auch nicht per se als böse zu bewerten. Die 70ährigen hierzulande sind wahrscheinlich gesünder als die 50jährigen vor dreißig Jahren.
    Ansonsten ist es doch auch schön, dass die bösen Kapitalisten im Westen, den demographischen Überschuss aus den anderen Ländern bereit sind aufzunehmen.

  25. Dr. Steinhaus meint:

    - Herr Brux,

    die Antwort ist ganz einfach: Ich glauben diesen “Daten” nicht. Können Sie blöd finden, ist aber tatsächlich so.

    Das unser Schulsystem reformbedürftig ist, nun, da sind wir einer Meinung.

  26. Dr. Steinhaus meint:

    Zu den Chinesen: Die halten sich nicht immer zwingend an westliche Moralvorstellungen, was ihnen erlaubt, in dieser Frage sehr resolut zu handeln. Gar nicht so unklug.

  27. Dr. Steinhaus,
    wenn man etwas, das offensichtlich politisch wichtig ist und eine große Rolle spielt für die praktische Politik, wenn man also sowas nicht glaubt — sollte man da nicht gute Gründe nennen können?

    Blanker Irrationalismus ist da ja doch wohl keine Option, oder?

    Was Sie brauchen, das sind Berechnungen und Untersuchungen von Wirtschaftsfachleuten, die professionell zeigen, warum die Aussagen der Wirtschaft falsch sind.

    Gibt es solche Untersuchungen und Berechnungen?

    Nennen sie welche, damit ich sie mir anschauen kann, dann können wir weiter reden.

    (Aber sachlich-fachliche Qualität spielt ja für die Xenophoben keine Rolle. Es genügt das Ressentiment. Das enthält alle “Wahrheit”.)

    Es ist erfreulich, dass man mit Leuten wie Sie es sind, vorerst noch bei uns in Deutschland keine politische Partei zustande bekommt.

  28. “Wieso ist jetzt der Kapitalismus schuld daran, dass die Leute immer älter werden? ”

    es macht wirklich keinen Spaß, mit Leuten zu diskutieren, die anscheinend nicht richtig lesen. Ich habe geschrieben, dass der Kapitalismus daran Schuld ist, dass es zu wenige sozialpflichtige Jobs gibt, also der Niedriglohnsektor, und das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten.
    Zweitens auch am Ungleichgewicht zwischen den Generationen, dass es zu wenige Junge gibt, die die vielen Alten finanzieren können. Beides zusammen hat dazu geführt, dass die Alterspyramide mittlerweile auf dem Kopf steht.

  29. Insgesamt schadet das, was Sie hier und weiter oben gut beschrieben haben, Fatima Özoguz, auch dem Kapitalismus selber.

    Karl Marx hat den Kapitalismus als ein sich selbst schädigendes und zerstörendes System analysiert.

    Eine Gesellschaft ist dann stark, wenn die Entwicklungen bzw. die Politik IHRE MITTE stark machen – wirtschaftlich und kulturell und politisch.

    Der Kapitalismus, wenn er so wie seit der neoliberalen Revolution freigelassen wird, vermehrt die Armut und Verwahrlosung unten und den in Bezug auf das Gemeinwohl verantwortungslos machenden Superreichtum oben.

    Die Mitte kommt unter die Räder und sinkt nach und nach ab – nur wenige schaffen es, sich nach oben zu retten.

  30. Da hatte der gute alte Marx nicht Unrecht. Der Kapitalismus ist am Ende, da er auf endlosem Wachstum gründet. Das ist aber nicht möglich.

  31. Conring meint:

    @fatimaoezguz,
    ich persönlich wage doch ihre Vulgärkritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem in der BRD für Unsinn zu halten und auch ihre Ausfürhrungen zum Niedriglohnsektor zu bestreiten.
    Das Ungleichgewicht zwischen den Generationnen wirft sicher Probleme auf, die sind allerdings durchaus lösbar.
    Die demographische Entwicklung in anderen Teilen der Welt- zu viele junde Menschen, die keine beruflcihe Perspektive finden und von der Witrtschaft ihres Landes nicht ernährt werden können- ist da doch eher ein Grund zur Sorge.

  32. @Conring
    Na, auf die Vorschläge zur Lösung dieses Problems bin ich jetzt aber mal gespannt…

  33. Ich auch, insbesondere auf die Begründung, warum ich “Unsinn” geschrieben haben soll.

  34. Hier noch ein Artikel aus dem “Vorwärts” zur neuen Arbeitnehmerfreizügigkeit.
    http://www.vorwaerts.de/artikel/arbeitnehmer-sorgen-sich

  35. Ich habe eben im Stern die wöchentliche Kolumne von Django Asül gelesen und finde, das gehört irgendwie hierher. Er analysiert wie gewohnt brilliant :)
    http://www.stern.de/politik/deutschland/und-jetzt-django-asuel-alles-schoen-macht-der-mai-1682392.html#utm_source=standard&utm_medium=twitter&utm_campaign=sternde

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