InitiativGruppe 1971 – 1973: Wie alles anfing ( = Geschichte Teil 1)

Die Idee

Die InitiativGruppe ist gestartet als eine Bürgerinitiative.

Bürger der 68er-Generation schätzen – gegen den Mainstream – ein Problem richtig ein und stellen dann etwas dazu auf die Beine, das sich als zukunftsträchtig erweist: Integrationsarbeit von unten.

Seit 1955 werden “Gastarbeiter” angeworben. Ende der 60er Jahre tauchen plötzlich auch “Gastarbeiterkinder” auf.

Mit diesen Kindern hat man nicht gerechnet.

Nun waren sie aber da. In immer größerer Zahl. Schulpflichtige Kinder. Was tun?

Politik, Schulen und Öffentlichkeit sträuben sich erst einmal, die Unerwünschten überhaupt wahrzunehmen. Die sitzen in den Klassenzimmern herum, sprechen kein Deutsch, Lehrer und Lehrerin wissen nicht, was sie mit ihnen anfangen sollen. Die Politik beschließt, die Schulen sollen Förderunterricht anbieten, also etwas Deutschunterricht speziell für diese Kinder. Dafür gibt es aber kaum Lehrer, die Stundenzahl ist beschränkt – eine Lösung ist das also nicht.

Einige Münchner, die sich für die “Gastarbeiter” interessieren, schauen nicht lange untätig zu. Sie organisieren eine Initiative: Bürger könnten ehrenamtlich einspringen und den Kindern helfen, beim Deutschlernen, beim Hausaufgabenmachen, beim Bewältigen des schulischen Unterrichts.

Eine Idee ist nur so gut wie ihre Umsetzung. Und die gelingt.

Die Praxis

Im Februar 1971 wird der Plan geschmiedet, im April wird der Verein gegründet, in die Satzung wird reingeschrieben, dass es um Integration (!) geht – wohlgemerkt im April 1971!

§ 2 Zweck

Der Zweck des Vereins ist es, den Kindern ausländischer Arbeitnehmer die gleichen Möglichkeiten bei der Schul- und anschließenden Berufsausbildung zu verschaffen, wie sie deutschen Kindern geboten werden.

Er will diese Aufgabe auf folgende Weise lösen:

  1. Auswertung des zur Verfügung gestellten Materials zur Erfassung der ausländischen Kinder nach Name, Alter, eventueller Schulklasse und deutschen Sprachkenntnissen;
  2. Werbung von Pädagogen, ausländischen Lehrern und Deutschen mit entsprechenden Sprachkenntnissen zur Erteilung von Deutschunterricht;
  3. Werbung von Eltern und Mitarbeitern ohne Sprachkenntnisse zur Betreuung der ausländischen Kinder, die bereits Deutsch sprechen;
  4. Bereitstellung der für den Unterricht und die Betreuung erforderlichen Räume unter Zusammenarbeit mit den zuständigen städtischen und staatlichen Stellen sowie wohltätigen Organisationen;
  5. Finanzierung der Aufgaben durch Spendenaufbringung seitens interessierter Personen und Institutionen, sowie durch staatliche und kommunale Zuschüsse.

Der Verein hofft, auf diesem Weg die ausländischen Kinder, deren momentane Isolierung er für bedenklich hält, soweit in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, wie es ihren Rechten und sozialen Bedürfnissen entspricht.

Nun beginnt die praktische Arbeit.

Man überzeugt die Stadt München, die Elternadressen herauszugeben,
die Eltern werden in deren Muttersprachen angeschrieben und eingeladen, ihre Kinder von Deutschen betreuen zu lassen,
über die Medien werden die Bürger gefragt, ob sie nicht mitmachen wollen,
diejenigen, die sich melden, werden eingewiesen,
Räume werden gesucht.
Dazu versucht man, Spenden einzutreiben,
das Kultusministerium Bayerns von den Vorteilen einer Zusammenarbeit zu überzeugen,
man fängt an, Unterrichtsmaterial zu entwickeln
und Fortbildungen zu organisieren.

Das alles machen die Organisatoren der Initiative ehrenamtlich. Ohne Büro. (Das “Büro” ist die bescheidene Privatwohnung von Irmgard Geiselberger.)

Das Budget der InitiativGruppe 1972 liegt bei 27.000 DM.

Es dauert etwas, aber 1972 entschließt sich das Bayerische Arbeitsministerium, der Initiative eine Geschäftsführung zu finanzieren, und 1973 kann sich die Initiative sogar ein eigenes kleines Büro leisten.

Die Personen

InitiativGruppe 1973 in der Landwehrstr. 41/II

In der Zeitschrift Brigitte findet sich dieses Foto der Organisatoren der InitiativGruppe aus der Anfangszeit. Ganz rechts Anneliese Müller, Hausfrau. Neben ihr, sprechend, Irmgard Geiselberger, der stärkste Motor der ersten Jahre; sie ist jetzt Geschäftsführerin. Manfred Witte ist Postbeamter, neben ihm sitzt Renate Wild, die erste Sekretärin. Dann der evangelische Industriepfarrer Johannes Riedel, Heidrun Prößdorf (Hausfrau) und Petra Schmid-Urban, Soziologin und Angestellte der Stadt München.

Sie organisieren zu diesem Zeitpunkt 130 ehrenamtliche Helfer, die etwa 380 Kinder betreuen, und das ganze Drumherum: die Vernetzung mit städtischen Behörden, mit anderen “Gastarbeiteraktivitäten”, die Fortbildungen, die Materialerstellung, die Spieleaktionen, die Arbeit mit den Eltern der Kinder, Unterstützung in Notfällen (etwa bei Zwangsräumung von Wohnungen), das Akquirieren von Spenden, die Öffentlichkeitsarbeit, den politischen Streit …

Man macht etwas, das nach überwiegender Meinung gegen die Interessen des Landes gerichtet ist: Man integriert.

So sperrt sich etwa das Bayerische Kultusministerium gegen jede Unterstützung dieser Initiative.

Etwas Geniales geschieht

Wenn etwas so klein beginnt und sich über 40 Jahre entfaltet, fragt man sich: Lag diese Möglichkeit nicht schon in den Anfängen? Haben diejenigen, die die Grundlage gelegt haben, sie so geschickt gelegt, dass Großes daraus erwachsen konnte?

Im Rückblick offenbart sich dieser Start als etwas Geniales.

Diejenigen, die mitarbeiten, sind überzeugt: Viele der “Gastarbeiter” werden bleiben – und dann brauchen sie möglichst gute Deutschkenntnisse, und sie brauchen Deutsche, von denen sie anerkannt werden. Sie sollen sich willkommen fühlen. Sie brauchen auch Unterstützung im Alltag. Leute, die ihnen auf freundliche Weise zeigen, wie man etwas macht in Deutschland. Und die Kinder können ohnehin nur profitieren, wenn man sie nicht so kläglich im Stich lässt, wie es zunächst die Politik, wie es die Schulbehörden tun.

Es ist keineswegs die Absicht der InitiativGruppe, die Schulbehörden aus ihrer Verpflichtung zu entlassen, selber die angemessene schulische Förderung für die Kinder zu gewährleisten. Man versteht sich hier nur als Nothelfer und praktisch anpackender Kritiker.

Geht man die Dokumente dieser Jahre durch, die sich im Archiv der InitiativGruppe finden, stellt man fest: Die Frauen (es waren überwiegend Frauen!) und Männer, die den Anfang gemacht haben, waren sich der politischen Dimension ihrer Aufgabe bewusst. Man handelt praktisch und pragmatisch, aber man vergisst dabei nicht, was dieses Handeln im politischen Rahmen bedeutet: Zum einen leistet man direkt und handfest und kompetent Hilfe und fördert damit das Gemeinwohl, zum andern aber appelliert man auch an die Politik, man setzt ein kritisches Zeichen, man verweist auf eine Alternative, man formuliert den Anspruch, die Gesellschaft solle als Ganze ihren Kurs ändern, um mit dem Problem zurande zu kommen.

Die Gesellschaft soll solidarisch reagieren!

Es steckt ein Schuss von unideologischem, eher christlichem Sozialismus in diesem Engagement. Der war den Konservativen von damals natürlich suspekt, mal ganz davon abgesehen, dass man grundsätzlich gegen Integration war.

Die InitiativGruppe war von Anfang zugleich gesellschaftskritisch und gesellschaftskonstruktiv.

Man kritisiert nicht einfach, man tut etwas, und in diesem Tun liegt die eigentliche Kritik, nicht in den kritischen Worten, die natürlich auch gesprochen werden.

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Teil 2: 1974 Theodor-Heuß-Preis

Teil 3: Konflikt mit dem Kultusministerium

Teil 4: Ein wüster Leserbrief

Kommentare

  1. Ich, 1971:
    Im Mai hab ich mein Abitur gemacht (das größte Abenteuer meines Lebens).
    Im September bin ich in die SPD eingetreten, im Oktober hab ich meine erste Versammlung besucht.
    Im November hab ich mein Studium an der LMU angetreten: Deutsch und Geschichte für das Lehramt.

    Ich meine mich zu erinnern, dass ich den kleinen Artikel zur Gründung der Initiativgruppe bzw. den Aufruf zur Mitarbeit in der SZ gelesen habe.

    Die Tatsache, dass es viele Ausländer in Deutschland gab, hat mich schon begeistert, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich hätte gern mehr von ihnen bemerkt. Aber sie waren damals kaum sichtbar, außer am Bahnhof.

  2. Das war sicher eine spannende Zeit damals. Im Ostteil Deutschlands gabs eigentlich nur die “verordneten” Treffen mit den “Freunden aus den sozialistischen Bruderländern”. Immer überwacht von der staatlichen Ordnungsmacht, unsichtbar aber doch spürbar vorhanden.

  3. Jakobiner meint:

    Wenn man heute sieht mit welcher Selbstverständlichkeit das Thema Integration omnipräsent ist, kann man kaum glauben, dass dies zur damaligen Zeit völlig abgelehnt wurde. Für diese Weitsicht der IG ein dickes Lob und alles Gute für die Zukunft.Gab es solche Initiativgruppen auch in anderen Städten oder ist dies eine Münchner Besonderheit?

  4. In Augsburg gab es schon im Jahr davor eine solche Initiative.
    Vermutlich in anderen Städten auch.
    Das möchte ich noch herausfinden.
    Auch, wie sie konzeptionell gearbeitet haben. Gleich, ähnlich oder anders?
    Auch, was aus ihnen über die Jahrzehnte geworden ist.

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