InitiativGruppe 1974: Theodor-Heuß-Preis (= Geschichte Teil 2)

InitiativGruppe 1971-1973: Wie alles anfing (= Teil 1)
InitiativGruppe 1974: Konflikt mit dem Kultusministerium (= Teil 3)
InitiativGruppe 1974: Ein wüster Leserbrief (= Teil 4)

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Die InitiativGruppe bekommt 1974 den Theodor-Heuß-Preis. Das bedeutet den Durchbruch für den kleinen Verein, nicht so sehr wegen des Geldes, sondern wegen des Rückhalts, den so ein ressourcenarmer Verein braucht, der gegen den politischen Strom schwimmt, aber ohne Zusammenarbeit mit staatlichen und städtischen Stellen nicht viel erreichen könnte.

Die Verleihung findet im Herkulessaal der Residenz in München statt. Bundeskanzler Willy Brandt und Außenminister Walter Scheel nehmen daran teil. Nach der Preisverleihung gibt Scheel ein Essen.

Irmgard Geiselberger, die Geschäftsführerin, hält diese historische Rede:

Verehrte Anwesende,

liebe Frau Dr. Hamm-Brücher,

für die Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an unsere Gruppe stellvertretend für alle anderen Initiativen zur Hilfe und Betreuung von ausländischen Arbeitnehmern bedanke ich mich herzlich auch im Namen aller Mitarbeiter der Initiativgruppe sehr herzlich.

Wir bewundern die Entscheidung der Theodor-Heuss-Stiftung deshalb, weil sie sich offiziell mit einer Gesellschaftsproblematik identifiziert, die viele aus Popularitätsgründen verschweigen oder verdrängen.

Wir danken insbesondere für den Mut, diesen Preis einer Gruppe zu verleihen, die von weiten Teilen der Gesellschaft als überflüssig oder als Störenfried angesehen wird.

Als überflüssig wird die Gruppe von denjenigen angesehen, die nach wie vor der Meinung sind, ausländische Arbeitnehmer seien nur kurz in der BRD und das als Arbeitskräfte und nicht als Menschen.

Auf Unverständnis stößt aus diesem Grunde eine Gruppe, die sich ausgerechnet für die Kinder dieser ausländischen Arbeitskräfte einsetzt und versucht, diesen zumindest einen Teil der Chancen zu bieten, die deutsche Kinder – allerdings hier auch nach Schichtenzugehörigkeit – in unterschiedlichem Ausmaß haben.

Ein unbequemer Störenfried ist die Gruppe deshalb, weil ihre Arbeit nicht bei der außerschulischen Betreuung der Kinder stehen bleiben kann. Die marginale soziale Situation der ausländischen Arbeitnehmer wird an ihren Kindern besonders deutlich – denken Sie nur an die rechtliche Unsicherheit und die miserablen Wohnverhältnisse.

Die Betreuungsarbeit muß deshalb auf die Situation der Eltern bzw. der ausländischen Arbeitnehmer generell Bezug nehmen, sie muß darauf antworten.

Das ist genau der Punkt, an dem die zunächst rein caritative Betreuungsarbeit politisch wird. Hier wird parteiliches Eingreifen zugunsten der Kinder und deren Eltern notwendig, hier muß gesellschaftspolitisch Stellung bezogen werden und hier müssen Änderungen angestrebt werden.

Das gilt u. a. für

  • das Ausländerrecht, das für die Ausländer eine erhebliche Rechtsunsicherheit beinhaltet und ihnen jegliche für unseren Staat konstitutive politische Betätigung untersagt.
  • die Wohnsituation, die für die ausländischen Arbeitnehmer noch schlechter ist als für einkommensschwache Schichten der deutschen Bevölkerung
  • und die Bildungschancen, die noch immer unzureichend sind und sich in vielen Fällen auf papierne Erlasse beschränken.

Aber gerade dadurch wird eine Interessenvertretung wie die unsere unbequem, daß sie sich als Interessenvertreter der ausländischen Kinder versteht, sich also nachdrücklich für eine Verbesserung der sozialen Situation dieser Kinder und ihrer Eltern einsetzt und nicht bei der zweifellos auch notwendigen Symptombekämpfung stehen bleibt.

Sie wird unbequem für Behörden, weil sie auf Mißstände hinweist und nach Abhilfe sucht. Sie wird aber auch unbequem für die Öffentlichkeit, wenn sie im Zuge ihrer Aufklärungsarbeit die Situation der ausländischen Kinder und ihrer Eltern darstellt und versucht, Vorurteilshaltungen gegenüber ausländischen Kindern und ihrer Eltern abzubauen.

Wir erleben täglich, wie viele Leute ihre persönliche Abneigung gegen das Ausländerproblem hinter Institutionen verstecken und uns auf diese Weise zu lähmen versuchen.

Die Verleihung des Theodor-Heuss-Preises ist für uns eine Bestärkung in einer Situation, wo wir das Empfinden hatten, daß noch so große Anstrengungen, daß Zivilcourage, daß Bürgerinitiativen, viele Verantwortliche in Staat und Gesellschaft mehr erschrecken als erfreuen.

Die Auszeichnung unserer Gruppe dürfte erheblich dazu beitragen, uns und allen mit diesem Problem befaßten Gruppen die Arbeit zu erleichtern. Vielleicht wird dadurch die Bereitschaft wachsen, sich mit den Gruppen auseinanderzusetzen und sie wirkungsvoll zu fördern.

Tatsächlich käme der Wert eines demokratischen Staates dann zum tragen,wenn sich alle Institutionen des Staates und der Gesellschaft für die ausländischen Minderheiten verantwortlich fühlten.

Hildegard Hamm-Brücher, FDP-Politikerin mit sozial-liberaler Orientierung, verweist in ihrer Laudatio auf die ca. 2 Millionen „Gäste“, die nun einmal da sind, die Probleme hätten – und niemand scheine so recht zuständig zu sein, niemand wisse, wie die Probleme zu lösen sind.

Materiell kein Zweifel, geht es den Gastarbeitern in unserem Land sehr viel besser als in ihren Heimatländern. Aber um welchen Preis? Die Entwurzelung unzähliger Menschen aus ihren angestammten Kultur- und Lebensformen, die Sprachbarriere, die zusätzlich Isolierung schafft, die soziale Kluft, die sich zwischen ihnen und ihren deutschen Kollegen auftut. Was uns aber vor allem bewegt, ist das Schicksal der Kinder, der ungezählt auftauchenden und zunehmend auch bei uns geborenen Kinder, ihre vergleichsweise absolute Chancenlosigkeit in Schule und Berufsbildung, im persönlichen Leben und im Zusammenleben mit deutschen Kindern. Mit anderen Worten: uns bewegt ihr doppeltes Ausgestoßensein. Einmal, aus der angestammten Heimat und zum anderen aus dem Lebenskreis, in den sie nun doch eigentlich hineinwachsen sollten.

Man kann diese lautlose Art des Ausgestoßenseins überhaupt erst ermessen, wenn man diese Kinder einmal beobachtet: ihre Isolierung, ihre Sprachlosigkeit. Selbst wenn sie schon ein wenig besser Deutsch verstehen – Welten trennen sie von ihren deutschen Altersgefährten, und den Anforderungen des Unterrichts vermögen sie auch dann kaum zu folgen. Ihre Eltern können ihnen in keinem Fall helfen. Die sozio-ökonomischen Bildungsbarrieren, die wir schon bei unseren deutschen Unterschichtenkindern beklagen, hier werden sie im doppelten Sinn zu unübersteigbaren Chinesischen Mauer.

Oder, wenn man durch die Getto-Straßen geht, deren heruntergekommene Häuser vollgepfropft sind mit ausländischen Arbeitnehmern: Wo haben die Kinder hier ihren Platz? Wer berät sie? Wer steht ihnen bei? Immer wieder höre ich: Zu Hause hätten sie es auch nicht besser. Abgesehen davon, daß sie in ihren Heimatländern in mancherlei Hinsicht geborgener und nicht so wurzellos wären: Sie sind nun einmal hier und damit tragen wir auch die Mitverantwortung.

Unsererseits überwiegt angesichts dieser Situation Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit. Die Mehrheit der Menschen – auch der Behörden – sieht weg, weil sie ratlos ist. Manchmal spürt man auch, dass sich hinter Gleichgültigkeit bereits Ablehnung  und Haß verbirgt, der unversehens dann zum Ausbruch kommen könnte, wenn wir selber einmal schlechter daran wären.

In dieser Situation ist es eine der ermutigenden Erfahrungen, daß sich Menschen finden, die in einem Wust von Problemen einfach irgendwo anfangen zu helfen, um nach kurzer Zeit die Erfahrung zu machen, daß ihre Hilfe allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein bedeuten kann. Dann geben sie entweder auf oder versuchen, systematischer vorzugehen, ihre Arbeit zu organisieren, Gesuche zu schreiben, Geld zu sammeln – und das alles ehrenamtlich und freiwillig, neben Familie, Beruf und eigenen Interessen.

Gelegentlich platzt dann auch mal der Kragen und man versucht, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, worauf man meist umgehend als Radikaler verdächtigt wird.

So kommt es, daß manche Gruppen und einzelne wieder aufgeben. Andere aber halten durch, wie die beiden heute auszuzeichnenden Beispiele der Münchner und der Augsburger Initiative. Die Münchner „Initiativgruppe zur Betreuung von ausländischen Kindern e. V.“ wurde im Januar 1971 gegründet und der „Initiativkreis ausländischer Mitbürger e. V.“ in Augsburg bereits 1970.

Über 150 Mitarbeiter sind es in München, an die 100 in Augsburg: Abiturienten, Pfadfinder, Studenten, pädagogische Assistenten, Hausfrauen, Sozialarbeiter, aber auch ausländische Geistliche, Betreuer und Lehrer. …

Aber das ist nur die eine, im Grunde erfreulichere Seite der Arbeit. Wenn man einmal die dicken Aktenordner der Gruppe durchsieht, dann findet man darüber hinaus eine Sammlung eigener Untersuchungen; Planungen, Korrespondenzen mit Behörden und sonstigen Stellen. Ein Faß ohne Boden tut sich auf! Die Resonanz und Unterstützung, die alle diese Bemühungen finden, kann man, von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen, bestenfalls als bescheiden bezeichnen. Häufig überwiegen Argwohn, Bürokratismus, fehlendes Verständnis.

Interessant und exemplarisch für die Reaktionsweise von betroffenen Institutionen sind die Erfahrungen der Initiativgruppe, beispielsweise mit dem bayerischen Kultusministerium, das auf die Aktivitäten der Initiativgruppe von Anfang an mit Abqualifizierung reagierte: Der Vorstand der Initiativgruppe, der unter anderem aus zwei Jusos bestand, wurde als „einseitig-politisch-weltanschaulich“ apostrophiert und eine Mitarbeiterwerbung an Schulen verboten.

Ich möchte das ohne Kommentar wiedergeben und nur noch hinzufügen, daß die genannte nicht die einzige, wenig hilfsbereite Behörde ist.

Woran liegt es, daß Hausaufgabenhelfer für ihre Tätigkeit keinerlei Vergütung erhalten?

Weshalb erhalten Initiativgruppen, die jahrelang erfolgreich arbeiten, keine einigermaßen ausreichende finanzielle Grundausstattung?

Wesentlich billiger als jede Behörde arbeiten sie auf jeden Fall. Darüber hinaus engagierter, beweglicher und spontaner. Wo hätte es irgend eine Behörde bisher besser gemacht als diese Initiativgruppen?

Ich glaube, es bedarf nun keiner weiteren Begründung, weshalb Vorstand und Kuratorium gerade dieses Engagement in diesem Jahr für den Theodor-Heuß-Preis ausgewählt haben. Auch die vorhandenen Geldmittel, insgesamt 25 000 DM, sollen ausschließlich diesen beiden Gruppen zufließen. …

Ihnen, liebe Preisträger, und jedem einzelnen Helfer und Mitarbeiter möchte ich namens der Stiftung unseren Dank und Ermutigung für Ihre Arbeit aussprechen. Wir hoffen mit Ihnen, daß sie eines Tages Früchte trägt. Sei es in der politischen Bewältigung der Probleme, bestimmt aber in der Gewißheit, so manchem „Gastarbeiterkind“ den Weg in eine hellere Zukunft eröffnet zu haben. Das wäre ein schöner Lohn für all ihre Mühe.

Selten war damals, selten ist auch heute dieser menschliche Ton, mit dem Hildegard Hamm-Brücher 1974 über die Einwanderer gesprochen hat. Die Probleme von damals sind weitgehend ausgestanden, bewältigt, vor allem dank der Anpassungsleistung der Einwanderer selbst. Die Integration ist größtenteils gelungen, die Probleme geschrumpft zu politischen Alltagsaufgaben.

Die hysterische Debatte gab es bereits damals, aber noch eher auf den Straßen – ich habe selbst an einigen dieser Straßendebatten teilgenommen, wenn wir Infostände zum Thema Ausländer in Sendling oder in der Fußgängerzone veranstaltet haben. Heute vervielfältigt sie sich im Internet.

Was für ein Kontrast dazu war doch die Art, in der Hildegard Hamm-Brücher, 1974 MdL, gesprochen hat. Da war einmal jemand von politisch weit oben, der verstanden hat, worum es geht. Und Bundeskanzler und Vizekanzler sitzen im Publikum und applaudieren. Auch wenn sie es nicht wagen, gegen die überwältigende Uneinsichtigkeit der Bevölkerung Integrationspolitik zu machen.

Fortsetzung folgt.

Kommentare

  1. Sie war sehr weitsichtig, die Rede! Ihr habt im positiven Sinne Geschichte geschrieben. Ein Grund Stolz zu sein…

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