InitiativGruppe 1974: Konflikt mit dem Kultusministerium (= Geschichte Teil 3)

InitiativGruppe 1971 – 1973: Wie alles anfing (Teil 1)
InitiativGruppe 1974: Theodor-Heuß-Preis (Teil 2)
InititativGruppe 1974: Ein wüster Leserbrief (Teil 4)

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Die “muttersprachlichen Klassen”

Die Geschichte hat also 1971 damit begonnen, dass Politik und Schule nicht recht zurande kamen mit den vielen “Gastarbeiterkindern”, die in den Schulen aufgetaucht sind.

Die bayerische Landesregierung entwickelt einen Plan. Sie weiß jetzt, was sie machen muss: muttersprachliche Klassen anbieten.

Diese fremden Schüler gehören eigentlich nicht in unser Schul- und Ausbildungssystem. Sie sollen NICHT integriert werden. Sie sollen zurück in ihre Heimatländer gehen.

Zwingen kann man sie dazu nicht, aber man kann es ihnen nahe legen, man kann die Voraussetzungen für eine Integration erschweren und für die Rückkehr verbessern.

Wenn diese Schüler in ihren Muttersprachen unterrichtet werden, und zwar auch noch von Lehrern aus ihren Heimatländern, mit Schulbüchern aus ihren Heimatländern, und wenn sie nur mal als Alibi auch etwas Deutschunterricht bekommen – dann entspricht das den Interessen Deutschlands UND den Interessen der – ohnehin rückkehrorientierten – Gastarbeiter-Eltern.

Es sollen also möglichst viele Gastarbeiterkinder nicht die deutsche Regelschule besuchen, sondern eine muttersprachliche Klasse. Dafür werden nun einige Schulstandorte in München eingerichtet.

Das Modell hat Gegner, z. B. die Stadt München. Und die InitiativGruppe. Sie wendet sich gegen diese “Ghettozwergschule”, zum Beispiel anlässlich einer Pressekonferenz dazu am 25. Mai 1974.

Drei Kritikpunkte sind zentral:

  1. Die ausländischen Eltern schätzen die Dauer ihres Bleibens in Deutschland falsch ein; sie unterschätzen die Aufenthaltsdauer – und damit treffen sie eine falsche Entscheidung über die schulische Laufbahn ihrer Kinder.
  2. Der Anschluss an die Berufsschule ist von der muttersprachlichen Klasse kaum zu schaffen. Bei nur 8 Std. Deutsch pro Woche erweisen sich die muttersprachlichen Klassen als Sackgasse.
  3. Hinzu kommt: Wohnortsnahe muttersprachliche Schulen sind kaum möglich; die Fahrtzeiten sind lang.

Konsequent geht die InitiativGruppe von der TATSACHE der Einwanderung aus und protestiert gegen eine Anti-Integrations-Maßnahme.

Der Konflikt Kultusministerium – InitiativGruppe

Aus der Presse-Erklärung:

„Abschließend bleibt noch zu sagen, dass sich im allgemeinen die Zusammenarbeit der Initiativgruppe mit öffentlichen und privaten Stellen als sehr positiv bezeichnen lässt.

Als einzige für die Initiativgruppe unerklärliche Ausnahme ist hier die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Kultusministeriums, die sich immer wieder von neuem zeigt, anzumerken.

  • So wurde 1971 die Werbung für Mitarbeiter an Gymnasien untersagt.
  • So wurde 1973 eigens geschulten Mitarbeitern die Hospitation und die Mithilfe in speziellen Deutschfördermaßnahmen für ausländische Kinder untersagt, obwohl eine solche Mitarbeit für den Lehrer eine erhebliche Erleichterung bedeutet hätte.
  • So wurde im März 1973 die Bitte der Initiativgruppe um ein klärendes Gespräch mit Kultusminister Maier, das eventuelle Mißverständnisse zwischen Initiativgruppe und Kultusministerium beseitigen sollte, von Prof. Maier ohne stichhaltigen Grund zurückgewiesen.
  • So wurde die Hospitation von Praktikanten der Friedrich-Oberlinschule an der Einführungsklasse für ausländische Kinder an der Städt. A.-Kutscher Realschule untersagt.

Anders steht es mit dem Bayerischen Arbeitsministerium. Es unterstützt im Jahre 1974 die in Bayern arbeitenden Initiativgruppen und Arbeitskreise zur Hausaufgaben- und Sozialhilfe mit rund 100 000 DM. Die ehrenamtliche Arbeit wird vom Ministerium ausdrücklich gewürdigt.

Politisches Resümee 1974:

Dieses Jahr katapultiert die kleine Bürgerinitiative ins Rampenlicht der Öffentlichkeit und verleiht ihr die Flügel, mit denen sie in den kommenden Jahren fliegen wird.

Man beachte, wie hier kritische Bürgerinitiative und kritisierte politische Welt sich an einander reiben und zugleich zusammenspielen.

Die InitiativGruppe verfolgt ein Programm, ein Konzept, das jenem der großen Politik (sowohl der Konservativen als auch der SPD) widerspricht: Integration der als Einwanderer gesehenen „Gastarbeiter“, vor allem ihrer Kinder.

In Wort und Tat verkörpert die InitiativGruppe Kritik an der Politik, auch an der öffentlichen Mehrheitsmeinung. Denn die praktische Arbeit wird immer auch garniert zugespitzten öffentlichen Stellungnahmen.

Gleichzeitig wird diese Initiative aber auch von diesem so heftig und fundamental kritisierten Staat unterstützt – und ohne diese Unterstützung wäre es für sie schwierig, erfolgreich zu arbeiten:

  • Das Arbeitsministerium des CSU-regierten Bayern finanziert die Geschäftsführung einer Initiative, die dezidiert gegen die bayerische Politik in Sachen Ausländer arbeitet.
  • Die Stadt München – Bürgermeister, Stadtrat, Verwaltung – gibt der Initiative keineswegs recht und fördert dennoch ihre Arbeit, sowohl materiell als auch im Rahmen der lokalen Vernetzung; in manchen Gesichtspunkten knüpft man an die Konzeption der InitiativGruppe sogar an.

Wenn man nur ein Entweder-Oder kennt – und in der politischen Sprache gerade auch dieser Zeit ist das kaum zu überhören – erstaunt dieses gelungene Zusammenspiel einander kritisch gegenüberstehender Kräfte.

Einige staatliche Institutionen erkennen, dass die praktische und ehrenamtliche Arbeit zwar dem ausdrücklichen Ziel der Nicht-Integration der Gastarbeiter widerspricht, aber andererseits doch auch für Wirtschaft und Gesellschaft nützlich zu sein scheint.

Da man politischerseits ein illusionäres Ziel verfolgt, wird die staatliche Politik widersprüchlich. Mit einer Hand bremst und verhindert man, mit der anderen fördert man.

Hildegard Hamm-Brücher spricht die Grenzen an, die die Politik der Entfaltung der InitiativGruppe setzt:

Woran liegt es, daß Hausaufgabenhelfer für ihre Tätigkeit keinerlei Vergütung erhalten? Weshalb erhalten Initiativgruppen, die jahrelang erfolgreich arbeiten, keine einigermaßen ausreichende finanzielle Grundausstattung? Wesentlich billiger als jede Behörde arbeiten sie auf jeden Fall. Darüber hinaus engagierter, beweglicher und spontaner. Wo hätte es irgend eine Behörde bisher besser gemacht als diese Initiativgruppen?

Vor allem das Kultusministerium Bayern spielt nicht mit. Konsequent entzieht sich Kultusminister Hans Maier dem Werben der InitiativGruppe, doch die Türen der Schulen zu öffnen. Maier denkt gar nicht daran, sich mit solchen ärgerlichen und lästigen Kritikern der bayerischen Bildungs- und Gastarbeiterpolitik an einen Tisch zu setzen.

Den Erfolg der InitiativGruppe – der sich heute auch als historischer Sieg erweist – kann das nicht aufhalten. Die InitiativGruppe hat die Zeichen der Zeit erkannt, sie wird von der realen Entwicklung getragen. Es gibt keine Alternative zur Integrationspolitik. Es gab auch damals, 1974, schon keine. Außer im Wunschdenken von Menschen, für die nicht ist, was nicht sein darf.

Man sollte immer auch im Auge haben, dass in dieser Zeit eine breite Mehrheit der Bevölkerung die Rückkehr der Gastarbeiter in ihre Heimat wünscht und eine Politik fordert, die dies fördert. Politische Parteien stehen unter dem Druck der Meinung ihrer Wähler.

Vielleicht könnte man also den Widerspruch auch so fassen: Insofern die Politik von CSU und SPD sich an den Wählern orientiert hat, hat sie die InitiativGruppe zu ignorieren oder zu bremsen versucht. Insofern sie sich an den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und menschlichen Realitäten orientiert hat, am Blick in die Zukunft, hat sie die Integrationsarbeit der InitiativGruppe unterstützt.

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