Integrationserfolg. Die Bundesregierung lobt sich selbst. Und sieht das Schichtenproblem nicht.

Das hört man gern:

Erfolge bei der Sprachförderung, mehr Migranten mit Abitur, leichte Fortschritte bei der Ausbildung:

Das sind einige zentrale Ergebnisse des 9. Berichts zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer, den Staatsministerin Böhmer jetzt vorgestellt hat.

“Noch nie hat sich bei der Integration so viel bewegt wie in den vergangenen beiden Jahren”, so Böhmer.

Die Regierung hat Integration in ihr Programm geschrieben; sie verweist gern auf ihre Maßnahmen und deren Wirkung. Anlass dazu war letzte Woche die Vorstellung des 9. Berichts über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland (PDF Kurzfassung; PDF Langfassung) über die Entwicklungen 2010 – 2012.

Während in Ausbildung und Beruf die Defizite noch sehr hoch seien, gebe es unterhalb – im Bereich Schule und Sprachlernen – deutliche Fortschritte.

Immerhin erhöht sich auch die Ausbildungsquote der Migranten allmählich, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Beides aber ist noch weit entfernt vom Durchschnitt – bei der Arbeitslosigkeit stand es 7,2% gegen 16,9 Prozent im Jahr 2011.

Ja zu Deutschland

Mitglied in einem gemeinnützigen Verein sind 35,5% der Migranten, 37,7% der Bevölkerung insgesamt. (Anmerkung: Die kleine Differenz kann von der Altersstruktur verursacht sein.

Die Zahl der Einbürgerungen steigt und liegt inzwischen wieder bei über 100.000 pro Jahr.

Mit Nachdruck setzt sich die Staatsministerin dafür ein, die Einbürgerungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen.

„Ich halte es für dringend notwendig, dass die Behörden die Willkommenskultur auch in der Praxis umsetzen.

Bei den Einbürgerungsverfahren müssen Integrationsleistungen stärker anerkannt werden“, so die Integrationsbeauftragte.

Geduldete Jugendliche

Ein Punkt, bei dem die Regierung leicht Nägel mit Köpfen machen könnte, wenn die Unionsparteien ihrer Integrationsbeauftragten folgen würden:

„Integrationsleistungen anzuerkennen ist auch der rote Faden beim eigenständigen Bleiberecht für gut integrierte Jugendliche und Heranwachsende, das seit einem Jahr gültig ist.

Viele junge Menschen haben nun unabhängig von ihren Eltern eine eigene dauerhafte Aufenthaltsperspektive in Deutschland ohne die ständige Angst, abgeschoben zu werden.

Jetzt gilt es, grundsätzlich eine stichtagsunabhängige gesetzliche Regelung zu schaffen.

Ich unterstütze die Forderung der Integrationsministerkonferenz: Geduldete sollen bei nachhaltiger Integration ein Aufenthaltsrecht erhalten“, so Böhmer.

Sprachförderung in Kindergarten und Schule

 „Entscheidende Voraussetzung für eine gelingende Integration sind gute Sprachkenntnisse.

Umso wichtiger ist die Sprachförderung von Anfang an. Es ist ein großer Fortschritt, dass gezielte Sprachförderung im Kindergarten nahezu flächendeckend in allen Bundesländern stattfindet.

Wegen der zahlreichen unterschiedlichen Verfahren haben Bund und Länder beschlossen, gemeinsam die Wirksamkeit der Sprachfördermaßnahmen zu überprüfen.

Das begrüße ich ausdrücklich. Der Bund setzt bei der Sprachförderung von Anfang an ein wichtiges Zeichen: Das Programm „Offensive Frühe Chancen“ des Bundesfamilienministeriums stellt von 2011 bis 2014 insgesamt 400 Millionen Euro für 4000 Schwerpunkt-Kitas zur Verfügung“, erklärte Böhmer.

Die Betreuungsquoten von Kindern mit Migrationshintergrund zwischen drei und unter sechs Jahren haben sich positiv entwickelt.

Die Quote stieg von 2008 bis 2010 von 81,8% auf 85,7%. Die Daten des Lageberichts zur Bildung zeigen, dass die Migranten aufholen.

Abiturquote: schnellerer Anstieg bei Migranten

So ist der Anteil der ausländischen Schüler, die die Schule mit einer (Fach-) Hochschulreife verlassen, von 2005 bis 2010 um insgesamt 36% gestiegen.

Bei den deutschen Schülern betrug der Anstieg 26%. Allerdings ist der Abstand noch beachtlich: Von den deutschen Schulentlassenen erreicht etwa jeder dritte (36%) die (Fach-) Hochschulreife, von ausländischen Schülern nicht einmal jeder Sechste (15%).

Deutschland IST ein Einwanderungsland

Maria Böhmer, CDU, macht das unmissverständlich deutlich:

„Zusätzlich ist ein Paradigmenwechsel zur vorausschauenden Integrationspolitik notwendig:

Zuwanderung und Integration müssen stets zusammen gesehen werden.

Die Fehler der Vergangenheit, als die Zuwanderer sich weitgehend selbst überlassen wurden, dürfen nicht wiederholt werden.

Vorbereitende Integration muss schon im Herkunftsland beginnen, insbesondere mit dem Erwerb der deutschen Sprache und der Wahrnehmung von Integrationsangeboten.

Anschließend müssen die Zuwanderer so schnell wie möglich nach ihrer Ankunft in Deutschland Fuß fassen.

Die Integrationsvereinbarungen sind dabei eine wirksame Hilfe. Sie stärken die Vernetzung der verschiedenen Akteure vor Ort.

Die intensivere Vernetzung ermöglicht beispielsweise ein gezieltes Übergangsmanagement vom Sprachnachweis im Herkunftsland zur schnelleren Einmündung in den Integrationskurs.

Ein wichtiges Anliegen ist mir, dass auch EU-Bürger einen gesetzlichen Anspruch auf die Teilnahme an einem Integrationskurs erhalten.

Integration ist auch bei Menschen aus EU-Ländern kein Selbstläufer!“, betonte die Staatsministerin.

(Anmerkung: Nichts gegen die “vorbereitende Integration im Herkunftsland” … Aber bitte nicht als Schikane! Wie wär’s damit, wenn wir die Kosten übernähmen?)

Über den Zusammenang Interessen der Wirtschaft – Willkommenskultur

„Qualifizierte Zuwanderung sichert die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes.

Um Deutschland für Fachkräfte attraktiv zu machen, brauchen wir eine überzeugende Willkommens- und Anerkennungskultur.

Erforderlich ist ein gesellschaftlicher Wandel bei der Haltung gegenüber Migranten: von der Abwehrhaltung hin zum Willkommen und zur Wertschätzung.

Alle, die auf Dauer in unserem Land leben, sollen hier ihre Heimat finden und am Leben in all seinen Facetten teilhaben.

Menschen der 3. oder 4. Generation sollten sich nicht mehr als Migranten fühlen müssen oder als solche angesehen werden.

Sie gehören schon längst dazu! Jeder Einzelne kann zum Aufbau eines Wir-Gefühls einen Beitrag leisten.

Deutschland braucht dieses Wir-Gefühl, um die Herausforderungen der Zukunft bewältigen zu können.“

Da fehlt etwas!

Deutschland arbeitet daran, dass die Unterschicht wächst und noch prekärer lebt als bisher schon.

Migranten haben einen größeren Anteil an dieser Unterschicht als die Bevölkerung im Durchschnitt.

Wie wär’s, dies in die Integrationsdiagnose einzubeziehen?

Als Aufgabe des Staates, die Unterschicht der Mittelschicht anzunähern und die Mittelschichtsexistenz nicht immer prekärer werden zu lassen?

Eine Gesellschaft ist durch ihre Mitte stark.

Migranten zu fördern hilft dabei durchaus – eben weil ihr Anteil an der Unterschicht relativ hoch ist.

Aber diese Perspektive kommt bei Böhmer nicht zum Ausdruck.

Fortsetzung:

Integrationskurse. Über einige Schwächen, wenn der Staat seine Erfolge verkaufen will.

Kommentare

  1. Thomas Schönfelder meint:

    (Anmerkung: Nichts gegen die “vorbereitende Integration im Herkunftsland” … Aber bitte nicht als Schikane! Wie wär’s damit, wenn wir die Kosten übernähmen?)

    Richtig, erstens volle 100% Kostenübernahme durch den Staat und zweitens die Chance,den Visumantrag schon vor Abschluss des Deutsch-Kurses stellen zu können und den Antrag bereits bearbeiten, so das bei abgeschlossenem Deutschkurs das Visum unverzühlich erteilt werden kann. Bei mir (Ehegattennachzug war es anders:

    -Erst Deutschkurs, dann Visumantrag
    -Hier in Deutschland Integrationskurs beginnend mit A1. Wozu dann der Kurs im AUsland der noch dazu zeitlich viel zu kurz war, so dass meine Frau zwar ihre Prüfung irgendwie recht und schlecht bestanden hat, aber nichts gelernt. Sie befürwortet daher den Neubegin mit A1, aber ich als der Ehepartner trage die Kosten. Und ich gehöre zu jener Schicht, die das Kursgeld nicht aus der Portokassse bezahlen. Reine Schikane!

  2. Thomas Schönfelder meint:

    Hinzu kommt, das es uns aussichtslos schien, es zuerst mit einem Touristenvisum zu versuchen, damit sie Deutschland vorher mal kennen lernen kann. Wenn überhaupt, dann hängt da zudem noch eine Verppflichtungserklärung dran, mit der Forderung 3000 EURO KAUTION als Sicherheit zu hinterlegen, um zu garantieren, das sie nach Visumablauf auch wirklich wieder abreist. Die gleiche Kaution hätte ich bei Heirat in Deutschland hinterlegen müssen. Heirat in Deutschland bringt jedoch noch mehr Bürokratie mit sich, als Heirat im Heimatland der Frau. Obwohl sich hier Deutschland und die Philippinen in Sachen Bürokratie gar nichts nehmen. Es ist sogar so,das, wenn es mal auf den Philippinen etwas schneller geht, die deutsche Seite um so langsamer arbeitet. Ich kann leider keine Willkommenskultur erkennen, alles nur Schikane von Anfang bis Ende.

    Vor 2 Jahrhunderten haben unsere Eltern über unsere Heirat entschieden,heute maßt sich der Staat diese Rolle an. Sorry, aber so erlebe ich mit meiner Frau das Thema und ihr Integrationskurs dauert noch immer an, der anschließende Orientirungskurs wurde bon 45 auf 60 Stunden erhöht. Für mich, der ich mich nach demEnde der Maßnahme sehne, nur eine Verlängerung des staatlichen Zugriffes.

    Unabhängig vom Nutzen, den meine Frau möglicherweise selber davoträgt. Hoffen wir einfach mal, das für sie und mich persönlich auch was dabei rauskommt. Und das wir uns in Zukunft nicht länger mit Englisch verständigen müdssen, wie es heute noch der Fall ist.

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