Kanada, du hast es besser!

Deutschland: Die Zahl der Erwerbstätigen wird bis 2030 um 8 Millionen sinken.

Für diejenigen, die glauben, eine niedrigere Einwohnerzahl sei doch kein Nachteil: Es handelt sich um Erwerbstätige, und die müssen außerdem eine umso größere Zahl von Rentnern ernähren.

Dieser Rückgang ist so drastisch, dass selbst ein volles Ausschöpfen unseres Potenzials (etwa über ein besseres, finnland-ähnliches Schulsystem) nicht ausreichen würde, die Produktivität der Wirtschaft hoch genug zu halten.

Reiner Klingholz ist Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Hier, was er dem SZ-Journalisten Thomas Öchsner erklärt:

Um den volkswirtschaftlichen Schaden durch die niedrigen Geburtenraten gering zu halten, empfiehlt Klingholz deshalb mehr Arbeitskräfte, und vor allem Hochqualifizierte, aus dem Ausland anzuwerben.

Nur wie?

Das Berlin-Institut rät in einer neuen Studie zu einem Blick nach Kanada.

Deutschland könne von dessen Zuwanderungs- und Integrationspolitik eine Menge lernen, glauben die Fachleute.

Was läuft im Einwanderungsland Kanada anders und besser?

Während hierzulande ein Großteil der Migranten nur gering qualifiziert ist, schneiden sie in Kanada sogar besser ab als die heimische Bevölkerung.

45 Prozent von ihnen verfügen dort über einen Hochschulabschluss, in Deutschland sind es nur 32 Prozent.

Entsprechend leichter finden sie auch Arbeit: Drei Viertel der Zugewanderten zwischen 25 und 54 Jahre sind erwerbstätig, in der Bundesrepublik sind es 69 Prozent.

Noch besser sieht es in der zweiten Generation aus: Während hier vier von zehn Zuwandererkindern nicht einmal einen Berufsabschluss haben, bringen es die meisten Migrantenkinder in dem nordamerikanischen Land zu einem akademischen Abschluss, sie übertrafen damit deutlich den Nachwuchs der Einheimischen – nicht nur weil sie offenbar ehrgeizige Eltern haben.

Das Schulsystem, das alle Schüler bis zur 9. Klasse durchlaufen, ist durchlässiger, Kinder von Zuwanderern werden mehr gefördert.

Der Erfolg hat Gründe:

In Kanada werden seit 1967 qualifizierte Zuwanderer entweder nach ihren Fähigkeiten ausgewählt.

Für Bildung, Sprache, Alter oder Berufserfahrung werden Punkte vergeben.Nur wer genug erreicht hat, darf ins Land.

Oder sie werden angeworben, wenn sie am Arbeitsmarkt besonders gefragt sind, etwa für die Ölindustrie.

Die Zuwanderer werden dabei noch zu Hause auf das Leben in Kanada vorbereitet.

Sind sie im Land, gibt es Programme, sich nachzuqualifizieren oder das für den Beruf notwendige Vokabular zu verbessern.

In diesem Punktesystem, kombiniert mit Sonderprogrammen für Zuwanderer, sieht das Berlin-Institut ein Modell für Deutschland.

In Kanada spricht man Englisch. Eindeutig ein Vorteil, wenn man qualifizierte Arbeitskräfte anwerben will.

Davon sollten sich die Politiker jedoch nicht abschrecken lassen, sagt Klingholz. Gar nichts zu tun, ist für ihn die schlechtere Alternative: Sonst drohe Deutschland zu einem ‘monoethnischen Altersheim’ zu werden.

Dazu kommt das Bildungsangebot für Einwanderer, das dem deutschen haushoch überlegen ist. Maria Böhmer hat es letztes Jahr mal per Besuch selber anschauen können (ZEIT):

„Es gibt bei Familien, die neu ins Land kommen, sofort eine professionelle Einschätzung der Kinder bezüglich ihres Bildungsstandes, und zwar nicht nur durch formale Zeugnisse und die Bewertung des Sprachstandes, sondern auch durch Mathematiktests, so dass sich auch sprachunabhängig Erfolgserlebnisse vermitteln lassen.“

Zudem lobt Böhmer, wie von Anfang an die Eltern eingebunden werden: So gehört zum Begrüßungsprogramm eine Beratung – bei Bedarf mit Übersetzer – darüber, wie sie ihrem Kind helfen können und welche Erwartungen die Schule an die Eltern hat.

Und sie bekommen, ähnlich wie ihre Kinder, vom ersten Tag an Englischkurse angeboten. Eine solche Einbindung der Eltern gibt es in Deutschland vereinzelt schon, wie Böhmer jüngst bei Schulbesuchen quer durch die Republik erlebt hat – aber so flächendeckend wie in Kanada sei das Angebot bei uns eben noch nicht.

Allerdings wählt Kanada seine Einwanderer auch stärker als Deutschland nach Kriterien wie Bildung, Alter und Qualifikation aus.

Ein kanadischer Fachmann empfiehlt:

„Wieso führen Sie nicht die Kenntnis der türkischen oder arabischen Community als ein zusätzliches Kriterium für die Einstellung neuer Lehrer ein?“, fragt er. „Das würde schon einen großen Unterschied machen.“

So geht das in Kanada:

„Es gibt kein stärkeres Argument für Schüler, sich anzustrengen, als einen Lehrer mit demselben kulturellen Hintergrund.“

Um mehr Lehrer, Psychologen, Sozialarbeiter und andere Schulmitarbeiter aus Einwandererfamilien anzulocken, wurden die Ausschreibungsregeln erweitert, sagt McKell: Außer fachlichen Voraussetzungen ist es heute in Toronto von Vorteil, unterschiedliche Sprach- und Kulturkenntnisse zu haben.

Lernen von Kanada, lernen von Finnland – machen wir uns nichts vor: Die Bürger sehen das gar nicht ein, dass man von anderen, von Erfolgreicheren sowas lernen kann.

Bei uns kommt das gar nicht in Frage, dass sich die Elitekinder mit den Unterschichtskindern in EINE Klasse setzen. Und dass türkischstämmige Lehrkräfte teutsche Elitekinder unterrichten.

Und da bei uns nur eine Kultur gilt, nämlich die deutsche, wozu braucht man da Lehrkräfte, die erweiterte Kulturkenntnisse haben?

Kommentare

  1. Sie beantworten Ihre Frage quasi selbst – Sie führen die Kriterien für die Einwanderung an.
    Diese gibt es bei uns nicht – jedenfalls nicht so hart.

    Natürlich gibt es auch bei uns Kriterien für die “reguläre Einwanderung” – überhaupt keine Frage.

    Jedoch ist bei uns besagte reguläre Einwanderung für Fachkräfte gänzlich uninteressant (siehe 130 BlueCards die in Anspruch genommen wurden), da der deutsche, überzüchtete Sozialapperat dermaßen hohe Abgaben nötig macht, dass nur wenige Woanders-auswanderer nicht qualifiziert für Länder mit weit höheren Löhnen, wie Kanada, Australien, USA u.Ä. sind, jedoch gleichzeitig interessant für Deutschland sind.

    Ich muss mir bei Äusserung meiner Auswanderungsgedanken immer anhören, dass in den Ländern, wo man richtig viel Netto vom Brutto hat die sozialen Auffangnetze sehr schwach sind.
    Dieses Argument zieht jedoch seit etwa 10-15 Jahren schon nicht mehr – ist aber in den Köpfen verankert. Damals bekam man ja wirklich ALLES von den Krankenkassen bezahlt – Zahnarzt, keine Medikamentenzuzahlung, keine Sonderbehandlungskosten.

    Auch bei mir war diese Aussage im Kopf verankert, bis ich vor 3 Jahren wie selbstverständlich einen Routinegesundheitscheck machen ließ. Ein paar Wochen später trudelte die 150 Euro teure Laborrechnung ein – für den Blutcheck…

    Nun gibt es zwar in besagten Ländern auch nicht viel soziale Sicherheit, geht man jedoch PLANMÄßIG (und nicht auf gut Glück) in diese Länder, versichert sich und arbeitet, so hat man dermaßen viel mehr Geld, dass man, wenn man ein wenig Buchhaltung und Verwaltung macht, trotz zur-Seite-legen von Krankengeld und Altersvorsorge noch riiiiichtig gut leben kann.

    In Deutschland verdient ein Zuwanderer auch in einem akademischen Job vllt. ne ganze Ecke mehr als bei sich zuhause, jedoch hat er eben auch die wahnsinnigen Abgaben.

    Solange die Abgaben so hoch sind und woanders niedriger, wird die Zuwanderungsrate den Weg alles physikalischen gehen – den des geringsten Widerstandes – woanders hin.

    Diese Umstände zu ändern – am besten mit einem Schalter, von jetzt auf gleich so machen wie in Finnland, so wie Sie im anderen Thread fordern, ist unmöglich, da die Umstände bei uns sind, wie sie sind und man wenn überhaupt 4-5 Jahrzehnte braucht, um umzustellen, was ja momentan nicht mal angedacht wird.

    Aber bleiben wir bei der Zuwanderung – jetzt aber zu der mit Bezug zum Sozialsystem:

    Kanada hatte keine türkischen Gastarbeiter, daher auch keine verfehlte Integration und keine ausländische Unterschicht in diesem Ausmaße wie Deutschland.

    Kanada ist kein Asylland – auch diese Kosten fallen kaum an.

    Kanada hat keine Nazivergangenheit, die es verdammt, elendiglich vorsichtig und nachsichtig bei allem zu sein, was mit nicht-Kanadiern zu tun hat.

    Der Wunsch nach der Gesamtschule (Highschool) ist auch ein edler Wunsch, jedoch müsste man Stück für Stück umstellen und auch hier steht das Publikum dem im Wege.
    Sie beschuldigen die Eltern, die Elite… aber WARUM wollen die denn nicht, dass ihre Kinder zusammen mit der “Unterschicht” unterrichtet werden?

    Ich war bis 1990 auf der Volksschule und war gottfroh danach aufs Gymnasium zu gehen.
    Auf den deutschen Hauptschulen ist für Kinder, die eher sensibel und strebsam sind die Hölle auf Erden.
    Was da geprügelt und gemobbt wurde – auf dem Gymnasium NICHT.
    Ich würde meine Kinder ebenfalls NIEMALS auf eine deutsche Gesamtschule schicken. Nicht weil ich denke, dass es dort nix lernt – die langsameren Schüler MÜSSEN jedoch mit extra-Lehrkräften ausgeglichen werden um nicht zur Bremse zu werden.
    Nein – weil ich keine Lust habe, dass mein Kind Angst vor der Schule hat.

  2. kunzi,

    warum funktionieren in den Ländern mit Gesamtschulsystem die Gesamtschulen anders als in Deutschland? – Weil alle dahin gehen. Die Nachteile der Gesamtschule bestehen also nur, solange es noch ein Gymnasium als Alternative gibt.

    Die Gesamtschulen in den Niederlanden, in Finnland, in Kanada etc. funktionieren doch gut – besser als bei uns die Sekundarstufe.

    Warum war und ist Deutschland unattraktiv für ausländische hochqualifizierte Fachkräfte?
    Das hat vor allem mit der deutschen Abwehr zu tun – dem elenden bürokratischen Zirkus, all den traditionellen Abwehrmaßnahmen eines Landes, das kein Einwanderungsland sein will. Es hat auch damit zu tun, dass Deutsch nicht so populär ist wie Englisch. Damit, dass man in Deutschland an manchen Orten noch auf direkte Ablehnung stößt. Vielleicht in dem einen oder anderen Fall auch damit, dass man in Deutschland weniger verdient als woanders.

    Es hat wohl kaum was zu tun mit den Abgaben. Die sind in Deutschland nicht allzu hoch, und man bekommt ja auch was dafür: exzellente Infrastruktur und sozialstaatliche Leistungen, einen hohen Grad an Sicherheit vor Kriminalität.

    Man tut sich leichter, wenn man als Einwanderungsland NUR gut ausgebildete Einwanderer zulässt.

    Das ist in Deutschland in der Vergangenheit so nicht möglich gewesen. Es wird auch immer einen Teil von Armutswanderung nach Deutschland geben.

    Was folgt daraus? – Dass man sich was einfallen lassen muss. Dass man Wege finden muss, den Nachteil zu kompensieren. Dass man dafür sorgen muss, dass die Kinder der Einwanderer gut ausgebildet werden.

    Dass Ausländer in Deutschland gut behandelt würden, ist ein Märchen.

    Es wird erzählt von fiesen Typen, die gern die Sau rauslassen und gegen Migranten und sonstige Minderheiten gewaltätig werden würden (natürlich nur via Staat), es aber nicht dürfen.

    Ausländer sind sowohl vom Staat als auch von der deutschen Bevölkerung schlecht behandelt worden. Man sehe sich das frühere scharf diskriminierende Ausländerrecht an, den Mangel an Hilfen, die penetrante Forderung nach Rückkehr, die Lagerhaltung von Asylbewerbern … Soweit der Staat. Und die Bevölkerung? Wer selber kein Ausländer ist, merkt das vielleicht gar nicht. Aber es ist übel gewesen, kunzi, richtig übel, was die Ausländer bei uns an Gemeinheiten seitens der Normalbürger auszuhalten hatten.

    Ich meine allerdings, dass sich beides erheblich gebessert hat; sowohl der Staat als auch die Bürger sind heute toleranter, offener.

  3. Alles berechtigte Punkte.

    “Man tut sich leichter, wenn man als Einwanderungsland NUR gut ausgebildete Einwanderer zulässt.”

    Dies ist der Hauptpunkt.
    Durch die Tatsache, dass wir wahnsinnig viele Ausländer und eingebürgerte Kinder und Jugendliche in der unqualifizierten und Unterschicht haben, ist eine Umstellung auf eine Gesamtschule zumindest kurzfristig undenkbar und mittelfristig immer noch annähernd unmöglich…

    Dass da die Eltern blocken verstehe ich wie gesagt ohne jegliche Vorbehalte – ich würde es auch tun…

  4. “”Das hat vor allem mit der deutschen Abwehr zu tun – dem elenden bürokratischen Zirkus, all den traditionellen Abwehrmaßnahmen eines Landes, das kein Einwanderungsland sein will. Es hat auch damit zu tun, dass Deutsch nicht so populär ist wie Englisch. Damit, dass man in Deutschland an manchen Orten noch auf direkte Ablehnung stößt. Vielleicht in dem einen oder anderen Fall auch damit, dass man in Deutschland weniger verdient als woanders. “”

    NEE, Kanada ist viel bürokratischer. Gerade WEIL es dort strengeder Einwanderungsbedingungen gibt. Erstmal muss man auf einer Skill Shortage Liste stehen z.B. oder bereits einen Arbeitgeber haben. Auch der Nachweis Sprachkenntnisse und punktesystem ist viel strenger und auch viel bürokratischer.

    und die Deutschen sind entgegen anderer Behauptungen sehr tolerant. Ich kann ihnen von einer indischen Bekannten eine Geschichte erzählen. Ihre Kollegin ist eine Krankenschwester mit arabischen Hintergrund, ging zum Arbeiten von Nord-DE nach DK und wurde in DK bei weitem weniger freundlich behandelt als in DE.

    Aus diesem Grunde ging sie zurück nach DE. In DK wollte nicht mal jmd im Bus neben ihr sitzen. In Nord-DE gab es hinegen nie Probleme mit Rassismus. Da wird DE bei weitem negativer dargestellt, als es der Wahrheit entspricht.

    ein Grund warum viele nicht nach DE kommen: die Reallohnentwicklung seit 2002 war hier negativ, in anderen OECD-Ländern nicht.

    Berufe wie Krankenschwester verdient in vielen anderen Ländern in Relation zu den Preisen oft mehr, da ist Luxemburg und Schweiz attraktiver.

    und die Steuern und Abgaben auf Arbeit sind hier halt auch recht hoch bzw. die Gehälter eben nicht in allen Bereichen gleich hoch wie anderswo.

  5. Das freut mich zu hören – dass es bei uns toleranter und weniger bürokratisch zugeht.

    Einzelerfahrungen genieße ich aber mit Vorsicht. Der eine erlebt dies, der andere das. Der eine interpretiert so, der andere anders.

    Das Einwanderungsland Kanada sortiert stärker unter den Einwanderern. Das ist bei uns schon infolge der EU-Regeln nicht so eng und streng möglich.

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