Fachkräfte-Fortschrittsreport (Teil 2): Wir sind ein Einwanderungsland!

Teil 1

7,2 Millionen Einwohner Deutschlands haben keine deutsche Staatsbürgerschaft. 8,2 Millionen Einwohner stammen entweder direkt oder über ihre Eltern aus dem Ausland. Macht 16 Millionen – oder knapp 20 Prozent der gesamten Einwohnerschaft.

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Arbeitslosigkeit, September 2012:

  • Deutsche Staatsbürger: 5,9 Prozent
  • Ausländer: 13,8 Prozent.

Der Fortschrittsbericht meint:

Die Potenziale von Erwerbspersonen ohne deutschen Pass würden also nur unzureichend ausgeschöpft.

Die strukturellen Ursachen dafür seien niedrige Bildungs- und Berufsabschlüsse, Defizite in den deutschen Sprachkenntnissen.

Worauf er nicht eingeht: Was sind die Ursachen für den relativen Misserfolg der Ausländer in unserem Schul- und Ausbildungswesen?

Das würde Fragen berühren, auf die die Bundesregierung nicht gerne antworten möchte.

Unser Bildungssystem ist berüchtigt dafür, dass es Nachkommen aus bildungs- und einkommensschwachen Haushalten nicht hochkommen lässt.

Bezogen auf Personen mit Migrationshintergrund kann man immerhin melden, dass die Erwerbstätigenquote in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist.

Sie liegt jetzt (2011) bei 68,1 Prozent (Männer:  76,5 Prozent -  Frauen: 59,7 Prozent). 2006 lag sie noch über 6 Prozent weiter unten. Vor allem die Frauen haben etwas aufgeholt; sie liegen aber immer noch weit zurück.

Der Fortschrittsbericht spricht hier von einer erheblichen Ressource für die Zukunft – und davon, dass hierüber inzwischen Einigkeit bestehe.

Das heißt, dass man auch auf konservativer Seite allmählich Abschied zu nehmen gewillt ist von der Vorstellung, dass die Frau mit Kindern zwar arbeiten darf, aber doch nach Möglichkeit besser zu Hause für Kinder und Küche sorgt.

Auch vom neuen Berufsqualifikations-Anerkennungsgesetz verspricht man sich eine höhere Erwerbstätigenquote.

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Qualifizierte Zuwanderung

Für die langfristige Sicherung der Fachkräftebasis ist auch die qualifizierte Zuwanderung bedeutend.

Deutschland muss ein attraktives Zielland für internationale Fachkräften werden und dafür die Willkommenskultur für Bürger aus EU-Mitgliedsstaaten und Hochqualifizierte aus Drittstaaten entscheidend verbessern.

Ich lasse mir das auf der Zunge zergehen.

Deutschland muss ein attraktives Zielland für internationale Fachkräfte werden -

  • erstens bedeutet dieser Satz, von der Regierung selbst progtrammatisch verkündet, eine Revolution, verglichen mit dem, was mehr als 30 Jahre lang verbissen geleugnet wurde.
  • Zweitens, die Regierung gibt zu, dass Deutschland noch kein attraktives Zielland für internationale Fachkräfte ist.
  • Drittens verspricht man, das Nötige zu tun, damit Deutschland es wird.
  • Viertens muss man dafür etwas aufbauen, was man Willkommenskultur nennt. Also: Man muss den Leuten zeigen, dass sie herzlich willkommen sind und dass wir ihnen dankbar dafür sind, dass sie uns als Land, in dem sie arbeiten wollen, gewählt haben.

Ich fürchte, das ist etwas, was  im Bewusstsein einer Mehrheit der Deutschen nicht so schnell ankommen wird.

Die Regierung versucht deshalb – so scheint es mir – “zweigleisig” zu verfahren: Roter Teppich für die Qualifizierten – Hindernislauf für die anderen.

Ob das so funktionieren kann?

Man möchte doch auch das Potenzial derer ausschöpfen, die schon hier sind und unterqualifiziert sind.

Man möchte insgesamt ein zuwandererfreundliches Klima haben – der rassistische oder sonstwie ressentimentgeladene Fremdenfeind macht keinen großen Unterschied zwischen dem hochqualifizierten schwarzen Ingenieur und dem verzweifelten Flüchtling aus Somalia.

Wenn iranische Flüchtlinge in Asyllagern dahinvegetieren, wird sich der gut verdienende iranische Arzt eventuell durchaus mit betroffen fühlen. Auch, wenn irgendwo bei uns ein Iraner von Rechten verprügelt wird, nur einfach deshalb, weil er ein (angeblich) Fremder ist.

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Versicherungspflichtige Erwerbstätige aus EU-Staaten und Drittstaaten

Versicherungspflichtige Erwerbspersonen aus den EU-8-Staaten (Osteuropa, volle Arbeitnehmerfreizügigkeit seit 2011; jeweils Jahresmitte, gegenüber dem Vorjahresmonat):

  • 2011 – 2010:  + 40.000
  • 2012 – 2011: + 79.000

aus den EU-2-Staaten (Rumänien, Bulgarien)

  • 2011 – 2010: + 14.000
  • 2012 – 2011: ?? (vermutlich deutlich höher)

aus den restlichen EU-Staaten

  • 2011 – 2010: + 80.000

aus Drittstaaten (= Rest der Welt)

  • 2011 – 2010: + 57.000

Der Anstieg ist jeweils nicht allein mit einem Zuzug gleichzusetzen; viele derer, die jetzt eine Erwerbstätigkeit aufgenommen haben, haben hier schon vorher gelebt, sei es, dass sie aus der Ausbildung, sei es, dass sie aus der Arbeitslosigkeit kommen.

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Vorhaben der Bundesregierung

Ein Vorhaben hält man für geschafft: das Anerkennungsgesetz macht für viele den Weg frei zu einer ihrer Qualifikation angemessenen Erwerbstätigkeit.

(Anmerkung: Vorsicht! Schauen wir erst einmal. Es ist schrecklich kompliziert, die Länder müssen es implementieren, nach wie vor gibt es steile Hürden.)

Das Gesetz wird begleitet von der Finanzierung einer Reihe von Qualifizierungsmaßnahmen, um eventuelle kleinere Lücken in der Qualifikation schließen zu können.

Siehe www.anerkennung-in-deutschland.de

Hinzu kommt ein Programm zur berufsbezogenen Sprachförderung für Personen mit Migrationshintergrund (ESF-BAMF-Programm). Sprachunterricht und berufliche Weiterbildung werden miteinander verknüpft.

Auch Bleibeberechtigte und Flüchtlinge sollen in Zukunft in den Genuss dieses Förderprogramms kommen können.

Etwa 1 Million Mütter mit Migrationshintergrund (mit Kindern bis zu 18 Jahren) sind zurzeit nicht erwerbstätig – das sind etwa 50 Prozent. (Bei den Müttern ohne Migrationshintergrund sind immerhin 72 Prozent erwerbstätig.)

Bessere Erwerbsperspektiven für Mütter mit Migrationshintergrund werden derzeit in Modellprojekten erforscht.

In der Vergangenheit hat man in Deutschland Gesetzeshürden aufgebaut, die es Unternehmen schwer gemacht haben, einen Ausländer einzustellen, solange nicht sichergestellt ist, dass sich nicht doch irgendwie ein “deutscher” findet. Diese Hürden werden nach und nach wieder abgebaut.

Die Welcome Center, über die ich schon berichtet habe, gehören mit zum neuen Programm der Bundesregierung.

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Die Blaue Karte

Die Blaue Karte ist seit 1. August 2012 in Kraft.

Sie möchten in Deutschland, Mitgliedsstaat der Europäischen Union, leben und arbeiten?

Ähnlich der Green Card in den USA ebnet die Blaue Karte EU als Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für hoch qualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten den Weg in die Europäische Union.

Die Blaue Karte EU Deutschland, auch EU Blue Card Germany genannt, ist ein Aufenthaltstitel, also ein Nachweis(-dokument) über den legalen Aufenthalt eines Angehörigen eines Drittstaates in einem EU-Mitgliedsstaat zum Zwecke der Erwerbstätigkeit. Die Blue Card ist also für Angehörige von Nicht- EU-Staaten gedacht. Für Mitglieder von EU-Staaten gilt Freizügigkeit hinsichtlich ihres Aufenthalts.

Wer kann eine Blue Card beantragen?
Eine Blaue Karte EU beantragen kann ein Ausländer, der Staatsangehöriger eines Nicht-EU Landes ist, für Deutschland, wenn er

a) entweder einen deutschen oder einen anerkannten ausländischen oder einen einem deutschen Hochschulabschluss vergleichbaren ausländischen Hochschulabschluss und

b) einen Arbeitsvertrag mit einem Bruttojahresgehalt in Höhe von mindestens 44.800 € (3733 Euro monatlich), in sogenannten Mangelberufen (Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure, Ärzte und IT-Fachkräfte ) in Höhe von 34.944 € (2912 Euro monatlich) hat.

Alles darüber auf einer eigenen Website der Bundesregierung.

Familienangehörige (!) dürfen uneingeschränkt mit-einwandern. Auch ohne Deutschkenntnisse.

Schon nach 33 Monaten bekommt man ein Daueraufenthaltsrecht in Deutschland.  Bei guten Deutschkenntnissen sogar schon nach 21 Monaten.

Zahlen darüber, wie viele die Blaue Karte bereits beantragt haben, liegen  noch nicht vor.

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Abschließend stellt die Bundesregierung fest:

Die Zuwanderung habe zur positiven Beschäftigungsentwicklung in Deutschland beigetragen.

Negative Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit zeigen sich dabei nicht.

Vor 10 Jahren hatte man noch leidenschaftlich das Gegenteil behauptet.

(Anmerkung: Mit Folgen! Ein krasses Beispiel liefert Klaus J. Bade in seinem aktuellen MiGAZIN-Artikel: Tausende von hochqualifizierten jüdischen Einwanderern aus der ehem. Sowjetunion wurden nach 1990 in ihren Qualifikationen nicht anerkannt – der Wissenschaftler muss sich als Taxifahrer verdingen … )

Kommentare

  1. Thomas Schönfelder meint:

    Hmmmm, das betrifft Fachkräfte. Aber ich wünsch mir auch mehr Rechte als mit einer Philippina (Nicht EU Angehörige). Die musste vorher in ihrer Heimat Deutsch lernen. Das Visumverfahren konnte erst NACH Abschluss ihres Deutsch Kurses überhaupt anlaufen. Nachreichen ging also nicht. Und hier in Deutschland muss sie nun dennoch von vorne mit A1 mit dem Integrationskurs beginnen. Deshalb sage ich: Abschaffung der Deutsch Lern Pflicht im Ausland! Ersatzlos. Mit dem Integrationskurs lernt sie eh hier Deutsch von Grund auf.

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