Klaus J. Bade (2): Wie das Thema Integration jahrzehntelang “verschlafen” wurde

intergrationAus einem weiteren Interview mit Klaus J. Bade, diesmal in den Deutsch-Türkischen Nachrichten:

Horst Köhler (CDU, damals Bundespräsident)

erklärte 2006 in einem semantischen Befreiungsschlag, man habe das Thema Integration jahrzehntelang schlicht und einfach »verschlafen«.

Diese demonstrative Realitätsverdrängung in den Übergangszonen von Integrations- und Einwanderungsfragen, die von der Bundespolitik seit den späten 1970er Jahren konstant und folgenreich betrieben wurde, ist heute schon in den Geschichtsbüchern nachzulesen.

Kritische Zeitgenossen hatten  davor schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert gewarnt…

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie gehörten zu diesen kritischen Zeitgenossen. Was haben sie damals gesagt?

Klaus J. Bade:

Ich habe seit Anfang der 1980er Jahre, zusammen mit wenigen anderen Forschern mit Praxisbezug im Feld von Migration und Integration und mit einigen Experten der Integrationspraxis, immer wieder vor den gesellschaftlich gefährlichen Folgen dieser demonstrativen Erkenntnisverweigerung und insbesondere davor gewarnt, die Eigendynamik von Integration „als gesellschaftspolitisches Problem ersten Ranges“ zu unterschätzen.

Das könnte, so habe ich schon 1983 geschrieben, am Ende „für die politischen Parteien in der parlamentarischen Demokratie dieser Republik schwerwiegende Legitimationsprobleme aufwerfen.“ Das war, wie man heute weiß, leider keine unbegründete Sorge.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie reagierte Politik auf solche Warnungen?

Klaus J. Bade:

Unsere Mahnungen und Warnungen wurden lange demonstrativ überhört oder verdrängt. 

Zu verdichten begann sich stattdessen kollektives Misstrauen gegenüber Migrations- bzw. Integrationspolitik, dann gegenüber Migration und Integration überhaupt und schließlich ersatzweise gegenüber der  Zuwandererbevölkerung selbst.

Erst im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, also mindestens ein Vierteljahrhundert zu spät, kam es zu kraftvollen integrationspolitischen und zögerlich auch zu migrationspolitischen Initiativen.

Ihre Bedeutung wurde in der öffentlichen Diskussion oft ebenso wenig erkannt wie die Tatsache, dass Integration auf kommunaler Ebene, gemessen an den lange widrigen staatlichen Rahmenbedingungen, sogar meist relativ erfolgreich verlaufen war.

Integrationserfolge wurde allerdings häufig auch von fahrlässigen populistischen Politikern schlechtgeredet und in nicht wenigen Leitmedien larmoyant kaputtgeschrieben.

Die Rede von der „gescheiterten Integration“ überdauerte deshalb, allen empirischen Gegenbelegen zum Trotz, denn schlechte Nachrichten laufen besser als gute.

Das war einer der Hintergründe für die Empörungsexplosion der Sarrazin-Debatte 2010/11.

Bade spricht von einem selbstverschuldeten und völlig unnötigen Problemstau, erzeugt durch die Erkenntnisverweigerung der politischen Eliten und deren realitätsfernen Selbstdefinition Deutschlands als einem “Nicht-Einwanderungsland”.

Heute suchen sie ihre unverkennbare historische Mitschuld an der unnötigen Erschwerung der ohnehin komplexen Probleme von Migration und Integration gern anderen anzulasten – vorzugsweise einer dubiosen sogenannten ›MultiKulti‹-Front, die es in Wirklichkeit auf Bundesebene in Regierungsverantwortung nie gab.

Ich sehe hier auch die andere Seite dieser Medaille. Politiker reden dem Volk gern nach dem Maul, berücksichtigen die Stimmung im Volke. Sie wollen gewählt werden.

Die Erkenntnisverweigerung ging nicht von den Eliten aus, sondern vom Volk. Die Eliten haben mitgespielt, die Neigung zum Ignorieren und Fehlinterpretieren im Volk gestärkt. Gegen das offensichtliche Interesse des Landes an einer Integration der Eingewanderten.

Man könnte sagen, die Eliten haben den Vorteil der Bildung und des erhöhten Standorts, sie hätten es schneller und besser wissen können.

Richtig. Das ändert nichts an Richtigkeit meiner Aussage. Der Ausgangsort der Realitätsverleugnung, des Neins zum Einwanderungsland, der Xenophobie, ist das Volk selbst.

Klaus J. Bade wird mich mit der Frage kontern: Hat denn die Politik nicht auch eine Vorbildrolle?

 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*