Feuer in Backnang. Grund zum Verdacht?

tuerken-in-deNein.

Ein Hintertürchen lass ich mir zwar offen. Eine Bereitschaft zum Verdacht.

Aber soviel kann man wohl sagen: Die Experten haben keinen materiellen Anhaltspunkt für Brandstiftung gefunden, sehen dagegen die Möglichkeit von Defekten entweder beim Holzofen oder bei den Stromleitungen.

Macht es Sinn, einem solchen Ermittlungsergebnis grundsätzlich zu misstrauen?

Nur für die, die in einer Phantasiewelt leben.

Was nicht heißt, dass Fehler der Experten oder eine sehr versteckte, kaum entdeckbare Brandstiftungstechnik nicht denkbar wären.

Wir operieren hier aber mit Wahrscheinlichkeiten.

Die durchaus reelle Möglichkeit, dass ich einem Verkehrsunfall zum Opfer falle, wenn ich heute rausgehe, wird mich nicht vom Rausgehen abhalten, weil die Wahrscheinlichkeit hinreichend gering ist, so dass ich mir keine Sorgen mache.

Wollte ich im Falle Backnang einen Verdacht hegen und aussprechen, wäre ich auf Indizien angewiesen.

Der Hinweis auf Mölln und Solingen oder auf den NSU genügt nicht. So wenig, wie der Hinweis auf grässliche Verkehrsunfälle genügt, um mich dran zu hindern, zur Arbeit zu fahren.

Auch der Hinweis auf die mörderische Sprache der Rechtspopulisten, wenn es um Türken und Muslime geht, genügt nicht.

Brandstiftung mit Mordabsicht wären ihnen zuzutrauen. Hassworte bestrafen wir aber ebenso wenig wie Gewalt- und Mordphantasien – das soll auch so bleiben. Justiziabel wird es erst beim Aufruf zu einer Straftat, und dann natürlich bei der Tat selbst.

Es gibt bisher keinen konkreten Hinweis darauf, dass Rechtsextreme oder Rechtspopulisten hinter dem Feuer von Backnang stehen.

Man merkt in dieser Situation, wie wichtig es ist, dass die Sicherheitsbehörden und der Staat insgesamt Vertrauen genießen.

Ich kann als Bürger, der in München in seinem Wohnzimmer sitzt und surft und liest, nicht WISSEN, wie zuverlässig die Ermittler in Backnang arbeiten und gearbeitet haben.

Mir bleibt nur die Wahl: Vertraue ich – oder misstraue ich?

Wenn, wie im Falle NSU, das Versagen so krass wird, so eklatant, so extrem, so über alle Befürchtungen und Vorstellungsbereitschaften hinaus, dann wirft das einen schweren, bösen Schatten auf alles, was der Staat in vergleichbaren Fällen tut.

Das gilt für die Justiz, die im Fall Mollath eine schiere Katastrophe geliefert hat. Das gilt für die Bayerische Polizei, die sich einenMissgriff nach dem andern leistet – und dann hauptsächlich bloß in Deckung geht, die Opfer beschuldigt, sich dumm stellt.

Insgesamt haben unsere Sicherheits- und Ermittlungsbehörden (nicht der Verfassungsschutz, aber doch wenigstens die Polizei auf allen Ebenen) und die Justiz einen guten Ruf, einen berechtigt guten Ruf, den es zu verteidigen sich lohnt.

Damit Leute wie ich, die zum Misstrauen durchaus fähig und bereit sind, dem Staat weiter vertrauen können.

Diejenigen, die hingegen von vorne herein und kategorisch den Staat verteidigen, wenn’s um law and order oder um die Behandlung von Minderheiten geht, leisten der Demokratie und dem Staat keinen guten Dienst.

Einen Überblick über die natürlich gewordenen Zweifel an abwiegelnden Informationen gibt ein Artikel in der taz:

Nach dem beispiellosen Versagen der Behörden im Zusammenhang mit der NSU-Mordserie reichen solche Erklärungen allerdings nicht aus, um die Gemüter zu beruhigen.

Die türkischen Tageszeitungen in Deutschland, die der Tragödie ihre Titelseiten widmeten, hielten sich allerdings größtenteils mit Verdächtigungen zurück – ganz anders als vor vier Jahren, als nach einem Großbrand in Ludwigshafen die Spekulationen ins Kraut schossen.

Dafür mahnte der türkische Staatspräsident Abdullah Gül die „vollständige Aufklärung“ der Brandkatastrophe an. Und die Opposition in Ankara schickte sogar zwei Abgesandte nach Backnang, die sich selbst ein Bild machen sollen.

…  Das tief sitzende Misstrauen auf türkischer Seite gegen die schnellen Erklärungen der deutschen Behörden hat gute Gründe – nicht nur wegen der NSU-Mordserie, deren Aufdeckung schließlich die dunkelsten Ahnungen bestätigte, sondern auch wenn man die Region gut kennt.

Denn Backnang liegt im Rems-Murr-Kreis, der in Baden-Württemberg als Hochburg der rechtsextremen Szene berüchtigt ist.

Ich sehe im Moment keinen Anlass zu einem Verdacht. Aber halten wir die Augen offen!

Nachtrag:

KM weist auf einen Punkt hin, den ich eben bei meiner SZ-Lektüre (12.3.2013, S. 10) auch finde:

Halim ist in Rage, aber nicht, weil er einen fremdenfeindlichen Anschlag vermutet, so wie manche. “Wir haben sieben-, achtmal nachgefragt beim Hausmeister, wann die funkelnde Elektrik repariert wird, nie ist etwas passiert.”

Halim hat überlebt, weil er zufällig anderswo übernachtet hat.

Die Brandermittler arbeiten noch dran, herauszufinden, wo das Feuer seinen Ausgang genommen hat. Der Ofen war’s nicht.

Kommentare

  1. Christoph meint:

    Mich haben die Reaktionen in der türkischen Presse (hier und in der Türkei) sowie Einzelmeinungen (z.B. über Zitate oder Interviews) schockiert. Der Verdacht eines Anschlages war sofort gegenwärtig und die Ermittlungsergebnisse der Polizeit lagen auch gleich im Zweifel. Allerdings nicht aus Böswilligkeit, sondern wegen fehlendem Vertrauen in die deutschen Behörden und Staatsorgane.
    Ich finde das schlimm und es beschämt mich auch persönlich. Wir haben eine Atmosphäre geschaffen, die einigen unserer Mitbürger ein Gefühl der Angst verschafft. Das beginne ich allmählich zu begreifen und zu verstehen.

    Neues Vertrauen werden wir uns erarbeiten müssen. Die Frage ist nur wie. Ich traue dem NSU-Prozess nicht viel zu und der Untersuchungsausschuss im Bundestag ist langsam, durch politische Interessen unfrei und für die Masse (da zähle ich mich auch zu) zu intransparent.

  2. Das Misstrauen der Türken haben wir uns in der Vergangenheit “verdient”!
    Es ist also nachvollziehbar, wenngleich natürlich nicht schön…

    Warten wir die Ermittlungen ab. Wenn Morgens um vier in einer Wohnung der ersten Etage, die zu dieser Zeit von aussen nicht zugänglich ist, ein Feuer ausbricht, dann spricht zunächst einmal alles für “innere Ursachen” des Brandes.

    Warum den acht Opfern nicht gelang, was den drei Geretteten gelang, kann ich von hier nicht abschätzen. Vermutlich sind die Kinder und ihre Mutter im Schlaf zum Opfer des Rauches geworden? Das ist eine schlimme Tragödie.

    Ob der Zustand der Heizanlage, der Elektrik, etc. der Wohnung eine Vorgeschichte hatte, weiss ich ebenfalls nicht.

    Ein geöffnetes Nachtlokal im Erdgeschoss sollte eigentlich einen gewissen Schutz und womöglich Zeugen der Ereignisse bieten?

  3. Soweit ich das jetzt mitbekommen habe, soll die Mutter die Behörden mehrfach auf den schlechten Zustand der elektrischen Leitungen aufmerksam gemacht haben (laut Deutschlandfunk).

  4. Alles soweit richtig Leo…nur wenn die Polizei gleich einen fremdenfeindlchen Hintergrund kategorisch ausschließt, während die Trümmer noch rauchen, dann hat das nun mal ein “Gschmäckle”, wie man in BaWü sagt, und sorgt für berechtigtes Misstrauen. Es wäre besser gewesen, wenn sie angekkündigt hätten, dass in alle Richtungen ermittelt werden würde.
    Sollte sich das mit den elektrischen Leitungen aber erhärten, könnte man den Hausmeister wegen fahrlässiger Tötung verklagen.

  5. Hat man Brandstiftung “kategorisch ausgeschlossen”? – Meines Wissens nein. Man hat gesagt, es gebe bisher keinerlei Anhaltspunkte für eine Brandstiftung.

  6. @Leo

    Meines Wissens war auch einer der ersten Sätze: Fremdenfeindlichkeit kann ausgeschlossen werden. Selbiges war auch in Ludwigshafen so. Nach den eklatanten Gegebenheiten in der Sache NSU sollten die Ermittler oder deren Pressesprecher etwas sensibler sein.

  7. Wer hat das gesagt? – WENN es eine offizielle Stelle gesagt hat, dann hast du recht.
    Vielleicht hat man aber auch gesagt: Einen fremdenfeindlichen Hintergrund könne man bis jetzt ausschließen, da im Moment noch keinerlei Indizien für eine Brandstiftung gefunden worden sind.
    Wär auch nicht gut formuliert, weil etwas irreführend, aber nicht ganz falsch.

  8. Zumindest laut eines Artikels in der FR

    Klaus Hinderer ist ein Polizist, dessen Arbeit im Großraum Waiblingen geschätzt wird. Seit zwölf Jahren arbeitet Hinderer als Polizeisprecher, er gilt als ruhig und verlässlich. Bundesweit und international hat er mit seiner Bemerkung über die Brandursache im schwäbischen Backnang bei türkischen Verbänden und Politikern allerdings für Misstrauen gesorgt. Nachdem die Flammen in dem Haus gerade gelöscht waren, hatte der Polizeisprecher öffentlich erklärt, dass er einen fremdenfeindlichen Anschlag so gut wie ausschließen könne.”

    also gleich Ausschluss, statt “keine Anhaltspunkte”.

    http://www.fr-online.de/panorama/brand-katastrophe-in-backnang-zweifel-an-den-ermittlern,1472782,22068312.html

  9. Das gefällt mir auch nicht.

    Aber was sagen die Brandermittler dazu?
    Können sie nach einem kurzen Blick auf die Szene sagen: Brandstiftung war es nicht?
    Bei Brandstiftung gibt es wohl fast immer (?) oder meistens (?) Indizien, die man rasch feststellen kann, noch bevor man sich durch den ganzen Brandschutt gearbeitet hat. Brandbeschleuniger zum Beispiel, oder eine leicht zugängliche Stelle, an der der Brand begonnen hat, ohne dass das von alleine oder aus Versehen hätte passieren können.

    Da bin ich kein Fachmann.
    Aber auch wenn es so wäre, wie ich es versuchsweise mal angenommen habe, könnte es sich ja um einen Fall handeln, bei dem die Brandstiftung verdeckt erfolgt ist, also ohne Brandbeschleuniger und an einer Stelle, die durchaus feuergefährdet sein kann …

    Aber solche Überlegungen sollten unsere Phantasie nicht gleich in Brand setzen.

  10. conring meint:

    Was Herr Hinderer so genau gesagt hat kann man in diesem Video ab ca. 1.40 hören.
    http://www.youtube.com/watch?v=o0rXQRFzPks
    Was übrigens der Herr Kiroglou ab ca. 1.10 erzählt, spricht doch für einen Brandherd in der Wohnung.

  11. Dieser Professor Faruk Sen, von TAVAK, behauptete in HURRIYET, dass es im Bezirk in dem Backnang liege, im vergangenen Monat 12 Brandstiftungen gegeben habe. Er sagt NICHT, dass diese rassistische oder fremdenfeindliche Hintergründe gehabt hätten. Es wäre unter solchen Voraussetzungen allerdings schon komisch, dass eine Brandstiftung beinahe sofort kategorisch ausgeschlossen worden sei?

  12. Möglicherweise können Fachleute recht schnell sehen, dass Brandstiftung vorliegt. Möglicherweise auch nicht. Keine Ahnung. Würd ich mal einen Fachmann fragen.
    Wenn Brandstiftung nicht so leicht und schnell erkennbar ist, wär die Aussage der Polizei – dumm. Im jetzigen Klima dumm.

    Die Polizei hätte sagen können:

    “Wir haben bis jetzt keinerlei Anhaltspunkt für eine Brandstiftung gefunden, dagegen starke Indizien dafür, dass die Brandursache ein Defekt im Haus ist. Aber warten wir die weiteren Untersuchungen ab. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten. Seien Sie sicher, dass wir immer die Möglichkeit eines Brandanschlages mit berücksichtigen. Wir bitten Sie aber auch, nicht vorschnell gleich einen Brandanschlag anzunehmen. Nach dem momentanen Ermittlungsstand erscheint uns ein solcher eher als unwahrscheinlich.”

    Das hätte ich gesagt. Vielleicht sollte ich mich mal als Pressesprecher bewerben …

  13. Nein, es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass das Gebäude im Fokus der Neonazi-Szene war. Nach drei Tagen hat die Polizei die Spuren im Internet entdeckt und dann gleich beseitigt.
    Siehe http://www.netzwerkit.de/Members/MaxMoritz/news20130314-001

  14. Jetzt erneut ein Brand mit türkischen Opfern in Köln. Polizei ermittelt nach allen Seiten, sieht aber wohl bisher keinen Anhaltspunkt für Brandstiftung?

    Türkischer Vize-Premier gibt dazu öffentliche Kommentare ab und fragt, ob es nur in türkischen Wohnungen defekte Elektrostecker gäbe? Es scheint, die offiziellen Beziehungen sind reichlich vergiftet und von Misstrauen überschattet? Dafür gibt es zwar historisch berechtigte Gründe, aber Automatismen, die rituelle gegenseitige Beschuldigungen auslösen, bringen uns auch nicht weiter im friedlichen Zusammenleben.

    Spielen vielleicht der kalte Winter, marode Elektrinstallationen in alten, heruntergewohnten Wohnungen und stromintensive Elektroheizkörper eine Rolle bei diesen Ereignissen? Dann handelte es sich mehr um ein soziales als um ein ausländerfeindliches Problem, aber ich bin kein Elektriker…

  15. Fatima Özoguz meint:

    Pfingsten 2011 gab es hier in Delmenhorst auch einen Großbrand, von dem u.a. auch Türken betroffen waren, aber nicht nur. Es stellte sich heraus, dass zwei junge Männer gezündelt hatten und dafür lächerliche 18 Monate auf Bewährung bekamen! Wieso um alles in der Welt wird ein 24 (!) -jähriger nach Jugendrecht verurteilt? ?
    Es fällt auf, dass so etwas oft an Feiertagen passiert. Liegts an der Langeweile?

    http://www.nwzonline.de/blaulicht/brandstifter-prozess-zwei-maenner-verurteilt_a_1,0,975651965.html

  16. Ein unglaubliches Urteil! Schade, dass keine Begründung im Artikel steht.
    3 Mio Schaden und Verletzte und Bewährung?

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