Die 60er und der Fußball-Rassismus

rassismusRassisten haben es nicht (mehr) leicht im Stadion. Alle sind gegen sie. Und München ist glücklicherweise nicht Rom.

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Abendzeitung. Interview mit dem Fußballer.

    Danny da Costa (Fußball-Profi vom FC Ingolstadt, deutscher U21-Nationalspieler):

“Es ging darum, dass mehrere Fans, oder wie immer man sie nennen soll, in der zweiten Halbzeit meinten, bei Einwürfen oder Ballkontakten Sachen wie ‘Nigger’ oder ‘Schwarzes Schwein’ in meine Richtung rufen zu müssen.”

–  “War das ein ganzer Block? Oder waren das einige wenige Zuschauer?”

“Es waren nicht viele, tatsächlich einige wenige, die sich gedacht haben, in der Gruppe können sie es machen. Immer, wenn der Ball in meine Nähe kam, gab es Affenlaute. Das war natürlich ein Scheißgefühl.”

–  “Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, sie sind deutscher U21-Nationalspieler. Haben sie so etwas schon einmal erlebt?”

“Nein, das kannte ich in dieser Form nicht, so etwas habe ich noch nie erlebt.”

–  “Wie haben sie auf die üblen Beleidigungen reagiert?”

“Als es mir zu viel wurde und zu nahe ging, bin ich zu Schiedsrichter Florian Meyer gegangen und habe ihn darauf hingewiesen. Ich habe ihm gesagt, dass ich da aufs Übelste beschimpft werde, dass das nicht mehr tragbar für mich ist.”

–   “Die wenigen Zuschauer, die sie nennen, …”

“Für mich sind das einfach nur Vollidioten.”

–   “Der Fußball glaubt, sein Rassismusproblem weitgehend überwunden zu haben. Sehen Sie dennoch ein tieferes Übel, das über Einzelfälle hinausgeht?”

“Ich glaube, das war ein Einzelfall. Es ist so zumindest bei mir noch nie vorgekommen. Das ist auch kein spezielles Problem von 1860-Fans. Ich glaube, dass man das in Deutschland ganz gut im Griff hat, aber wenn einige Vollidioten aus der Reihe tanzen, kann man nichts machen. Wenn man die richtigen Fans mit hineinzieht, wäre das nicht fair.”

 

Damit ist schon fast alles gesagt.

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Nochmal die Abendzeitung: Der Verein entschuldigt sich und knöpft sich den Täter vor.

„Jegliche Beschimpfungen dieser Art haben bei unseren Spielen nichts verloren“, erklärte 1860-Geschäftsführer Robert Schäfer nach dem Vorfall.

„Wir sind unserem Ordnungsdienst sehr dankbar, der sofort professionell und konsequent reagiert hat.

So konnten wir die Person identifizieren und haben sein Verhalten zur Anzeige gebracht.

Zudem werden wir umgehend ein Stadionverbot aussprechen.

Jeder Fall dieser Art ist ein Fall zu viel. Personen mit solchem Gedankengut sind keine Löwenfans.

Wir wollen sie weder bei uns im Verein noch bei uns im Stadion haben.

Bei diesem Thema haben wir null Toleranz und verurteilen das aufs Schärfste.“

Das teilte der 37-Jährige auch Danny da Costa und FCI-Geschäftsführer Harald Gärtner persönlich mit und entschuldigte sich für den Vorfall während des oberbayerischen Derbys.

Schade finde ich es, dass kein Zuschauer, der daneben oder in der Nähe des rassistischen Deppen saß, eingegriffen hat. Ich hoffe, das passiert beim nächsten Mal!

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Es gibt einen Fanclub bei den 60ern, der sich seit 20 Jahren gegen angebliche Fans wendet, die den Fußball als Arena für Rechtsradikalismus und Rassismus missbrauchen: Löwenfans gegen rechts.

Die taz lässt sich von Herbert Schröger informieren:

Berüchtigt ist der Block 132 in der Arena am Müllberg, wo sich immer wieder „stadtbekannte Nazifressen“ (Schröger) einfinden und bei jedem Heimspiel eine Blockfahne zeigen. Im Stadion würden sich die Nazis ruhig verhalten, sodass es keine Möglichkeit gebe, offiziell gegen sie vorzugehen. Wer aber regelmäßig ins Stadion gehe, bekomme mit, wie sich die Nazifans vor den Spielen gerieren. „Da hört man dann schon mal das berüchtigte U-Bahn-Lied“, sagt Schröger, der sich vorstellen kann, dass die Schreihälse vom Sonntag gar nicht aus der rechten Szene kommen. „Es ist ganz schwer, diesen alltäglichen Rassismus zu bekämpfen“, meint er.

Im Kampf gegen die Nazis im Fanvolk gab es dagegen vor Kurzem einen spektakulären Erfolg. Beim Eröffnungsspiel im frisch restaurierten 60er-Tempel an der Grünwalderstraße, bei dem die Reserve des TSV in der Regionalliga gegen Illertissen antrat, wurden drei Mitglieder der rechten Szene Münchens von den Fans in der Stehhalle auf der Gegengeraden identifiziert und recht unsanft aus dem Stadion hinauskomplimentiert. Minutenlang sangen die 1.500 Anhänger auf den Rängen „Nazis raus!“ und „Wir sind Löwen und ihr nicht.“

Auch die Ultras der „Giasinga Buam“, die als die Hauptstimmungsmacher gelten, sangen mit. „Ein gutes Zeichen, dass die jungen Kerle da mitgemacht haben“, findet Schröger und ist sich sicher, dass er eine derartige Solidarisierung gegen rechts in seinem 40-jährigen Fandasein noch nicht erlebt hat.

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Fans machen auch sonst Radau. Im Stadion und nach dem Spiel, unabhängig von dem rassistischen Vorfall. 200 Polizisten waren im Einsatz, 9 Personen wurden vorübergehend verhaftet. – Die Abendzeitung berichtet ausführlich darüber.

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Ralph Gunesch, ein Spieler des FC Ingolstadt, facebookt:

“Einen dunkelhäutigen Gegenspieler permanent als ‘Scheiß N***r’ , ‘Zurück in den Busch’ zu beschimpfen und mit Affenlauten zu begleiten zeigt nur, dass Euer IQ knapp über dem eines verbrannten Toastbrotes liegt.

Schließt euch zu Hause ein und labert mit dem rassistischen Müll euren Wandteppich voll, aber verschont uns alle mit dem Gedankengut.”

(zitiert nach der SZ)

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Mein Senf dazu:

Bei 80.000 Fußballspielen (aller Ligen) pro Woche, bei 18 Millionen Zuschauern pro Saison in den Spielen der ersten und zweiten Liga – da passiert immer mal wieder was. Da passieren auch Straftaten: Gewalttätigkeiten, rassistische Ausfälle.

Danny da Costa lässt die Kirche im Dorf. Was am Wochenende in München passiert ist, war eine Ausnahme, sagt er.  Man habe das ganz gut im Griff.

Gut, dass die öffentliche Reaktion auf Rassismus Fahrt aufnimmt. Es ist nicht so, dass rassistische Angriffe heute häufiger vorkommen als früher. Im Gegenteil. Sie fallen uns heute nur eher auf – weil sie allmählich von immer mehr Leuten als unangemessen empfunden werden.

Deutschland gewöhnt sich langsam daran, ein Einwanderungsland zu sein. Und daran, dass ein Deutscher auch schwarz sein oder Özil heißen kann.

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