Alemannia Aachen und seine rechten Fans

sportAlemannia Aachen war einmal eine Bundesligamannschaft (2006/2007). Auf den Abstieg in die zweite Liga folgte ein weiterer in die dritte und der letzte in die Regionalliga West. Der Verein hat ein (jetzt) zu großes, zu teures Stadion (den Tivoli) – und zu viele rechtsorientierte Fans.

Es gab einmal zwei Fanclubs.

Den einen – den rechten, nach rechtsradikal hin offenen Fanclub gibt es noch immer: die Karlsbande. Sie ist so extrem, dass der Verfassungsschutz sie ins Visier genommen hat.

Den anderen – den “linken” (eigentlich: den, der die politische Mitte repräsentiert) – gibt es nicht mehr: die Aachen Ultras.

Mithilfe von Neonazis hat die Karlsbande die Aachen Ultras aus dem Stadion geprügelt und deren Anhänger bis nach Hause verfolgt – eine Hetzjagd, die am Ende erfolgreich war: Die Aachen Ultras haben aufgegeben, sich aufgelöst. (Der Vorgang wird zunächst beschrieben in einem älteren ZEIT-Artikel vom 10.2.2012; im aktuellen ZEIT-Artikel geht es um das traurige Ergebnis des Ringes: Die Rechten haben gewonnen.)

Die Karlsbande ist “rechtsoffen”. Rund 50 Neonazis spielen in ihre eine wichtige Rolle; sie können u. a. auf die Schnelle eine Schlägerbande rekrutieren. Sie verbrüdern sich gern mit den Stadionordnern.

Im Stadion selbst zeigt man die rechte Haltung selten, auch wenn mal einer eine Halbzeitlang den Arm zum Hitlergruß reckt oder die Ultras als “Juden” bezeichnet werden.

Die Aachen Ultras – das waren die Normalen: die, die für Menschenrechte, Rechte von Homosexuellen eingetreten sind, die, die auf Verhöhnungen und Provokationen verzichten.

Der Verein hat seine wahren Fans nicht genug geschützt. Ein paar Stadionverbote, das Verbot, die Vereinszeitung der Karlsbande im Stadion zu verteilen – viel war es nicht, was er gemacht hat.

Besonders interessant finde ich die Charakterisierung des Unterschieds der beiden Fankulturen. Da zeigt sich, was eine Gesellschaft sich selbst antut, wenn sie unsozial wird. Sie schafft sich selbst einen üblen Mob. Ich zitiere ausführlich:

Im Konflikt zwischen den Ultras und der Karlsbande prallen aber nicht nur zwei politische Gegensätze aufeinander, sondern auch zwei unterschiedliche Fan-Kulturen. Wie in manchem anderen deutschen Stadion kämpfen zwei Jugendstile um die Macht in der Kurve.

Die Karlsbande sind wie ihre befreundeten Hooligan-Gruppen Westwall und Supporters die Traditionalisten am Tivoli. Die Ultras verstehen sich als Avantgarde. Diese Differenzen traten im Stadion stets zu Tage. Die Karlsbande feuert klassisch an. “Olé Alemannia” ist ein alter Schlachtruf, den sie gerne singt. Und wenn sie den Alemannia-Walzer anstimmt, macht das ganze Stadion mit. Die Ultras folgen hingegen dem Ultra-Code, der aufwendige und bunte Choreografien und melodische Musik vorsieht.

Die Karlsbande hat eine dicke Pauke, der Trommler betont stets den ersten Schlag des Takts. Die Ultras hatten immer eine Snare Drum dabei, mit der sie komplexe Rhythmen anschlugen. Sie legen Wert darauf, schönere und einfallsreichere Lieder zu singen. “Im Vergleich mit dem Rest vom Tivoli machen die Ultras Zwölftonmusik”, sagt Gebhardt. Von einigen Zuschauern wurden die Kreativen abfällig “Sambatruppe”, “Schwulis” und “Mädchen” genannt.

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Noch mehr Unterschiede: Ultras betreiben, im Gegensatz zu den Traditionalisten, keinen spielbezogenen Support. Sie singen ihre Lieder, fast egal, was auf dem Platz passiert. Der Vorsänger, der Capo, steht oft mit dem Rücken zum Spielfeld. “Ihr Spiel auf den Rängen ist den Ultras oft wichtiger”, sagt Gebhardt.

Ultras wollen zudem über Politik mitreden. Nicht nur über Antifaschismus oder Pyrotechnik, sondern auch über Ticketpreise und die Kommerzialisierung und Neoliberalisierung des Fußballs. Die deutschlandweite Aktion 12:12, mit der sich Fans gegen die Sicherheitspolitik der Verbände richteten, boykottierten die Aachener Ultras, weil angeblich rechtsoffene Fan-Gruppen aus anderen Städten teilnahmen. In einem Stadion wie dem Tivoli wurden sie durch ihre Ambitionen zu Fremdkörpern. Auch deswegen hielt sich die Solidarität mit ihnen in Grenzen.

Die Ultras sind die “Gymnasiasten”, die Karlsbande die “Plebejer”. Die Karlsbande schlägt fester mit den Fäusten, die Ultras reden geschickter mit Journalisten und Politikern. Die Karlsbande sind “Normalfans”, konformistischer, die Ultras elitärer. Die Karlsbande grölt “Hurensohn” und “Arschloch”, die Ultras geben sich gesittet.

Wie die Traditionalisten ihre Rolle verstehen, zeigt sich im Spiel gegen Lotte: Als ein Stürmer des Gegners eine Schwalbe hinlegt und minutenlang eine Verletzung simuliert, pfeift und flucht das Aachener Publikum, was die Kehlen und Lungen hergeben, auch das auf der Haupttribüne.

Die Ultras hätten sich an dieser Unsitte des Fußballs nicht gestört. Ihrer Meinung nach ist es unfein, Gegner zu verhöhnen. Doch die Ultras sagen, singen und tun nichts mehr. Sie kommen nicht mehr zum Tivoli.

Bemerkenswert: Weder der Verein noch der DF’B noch die Aachener Politik sehen sich imstande, den rechtsradikalen und rassistischen Umtrieben wirksam entgegenzutreten, wenn die Täter sich als Fußballfanclub tarnen.

 

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Ganz ehrlich: Auf Ultras die nur sich selbst abfeiern kann ich getrost verzichten. Die sollen auf Festivals oder zum Karneval gehen.
    Interessant finde ich die Gemeinsamkeiten zu anderen “proletarischen” Subkulturen die auch gern mal auf die Schnelle 50 Leute herbeitelefonieren falls ein paar Kumpels Stress mit wem auch immer haben.

  2. @korbinian

    Ja stimmt, die gibt es wirklich. Deswegen ist das ja alles eigentlich harmlos. Die wollen doch nur spielen.

    Schlimmer sind die linken Gutmenschen die sich selbst beweihräuchern…

  3. Wir wissen, WIE einst die Nazis erste Machtpositionen gewonnen haben, bevor sie dann 1933 die ganze Macht errungen hatten. Deshalb gibt es bei uns einen Konsensus, der von mitte-rechts bis links reicht: Bei sowas warten wir in Zukunft nicht ab. Da reagieren wir gleich zu Anfang, unterbinden wir den Terror gleich zu Anfang. “Wehret den Anfängen!”

    Man hat sich in Aachen schon ein bisschen gewehrt. Die Karlsbande wird als das eingeschätzt, was sie ist: als rechte Terrorbande. Es gibt ein paar Maßnahmen gegen sie. Offensichtlich braucht man ein Verbot.

    Man stelle sich vor, wie man einer ähnlichen Bande begegnen würde, wenn sie linksterroristisch oder islamistisch-terroristisch orientiert wäre – und auf eine politisch eher in der Mitte anzusiedelnden Fangruppe eine Hetzjagd veranstalten würde.

    (Für Minderheitenschutz etwa bei Homosexuellen einzutreten, oder Antisemitismus abzulehnen – das gehört doch wohl eher in die politische Mitte bei uns und ist nicht unbedingt nur links, oder?)

    Korbinian, du schreibst:

    Ganz ehrlich: Auf Ultras die nur sich selbst abfeiern kann ich getrost verzichten. Die sollen auf Festivals oder zum Karneval gehen.

    Ich beziehe das auf die Aachen Ultras.

    Wenn ich damit nicht irre: Was bedeutet deine an sich harmlose und nachvollziehbare Meinung im Kontext der Vorfälle in Aachen?
    IN DIESEM KONTEXT könnten sie eine Befürwortung der Hetzjagd und der Vertreibung sein.

    Ich nehme nicht an, dass du es wirklich so meinst. Aber so ist es zu lesen, wenn man den Kontext einbezieht.

  4. Korbinian meint:

    Ich wollte damit sagen dass die Aachen-Ultras in diesem Kontext eine mehr als peinliche Rolle spielen: Sie hätten mit ernsthaften Support dafür sorgen können dass sich eher “unpolitische” Fans nicht den Karlsbanden-Protagonisten anschließen.

    @Norbi

    Warum so gereizt? Harmlos ist da gar nichts.

  5. Warum eine peinliche Rolle?
    Kann es nicht verschiedene Fanclubs für einen Verein geben, mit verschiedenen Kulturen?
    Übel wird es, wenn ein Club wie die Karlsbande einen anderen sozusagen vernichtet. Da steckt Faschismus drin.

    Zur Logik deines Arguments:
    Würde jemand die Nazis 1933 entschuldigen und sagen: Die anderen Parteien sind schuld, warum haben sie keine die Massen überzeugende Politik gemacht – so würden wir beide dem nur bedingt zustimmen und beide argumentieren, dass das kein Grund ist, daraufhin die Nazis zu dulden und als gerechtfertigt zu sehen.

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