Katar: Fußball mit Totenkopf

arabische-laender382 nepalesische Arbeiter – mindestens – sind in Katar beim Bau der Olympia-Einrichtungen bisher gestorben. Allein im September 2013 sollen es 36 gewesen sein.

382. Und das sind mal nur die aus Nepal.

Im November gab es die ersten internationalen Proteste und ein paar besorgte Wortmeldungen der Fußballverantwortlichen. Und ein paar Ankündigungen aus dem Katar, dass man schon … (vgl. meinen ersten Artikel dazu, mit Erläuterungen zum kafala-System)

So hat man jetzt eine unverbindliche Arbeiter-Charta verfasst. Papier ist geduldig. Auf dem Bau und in den Unterkünften geht es zu wie gewohnt. Mörderisch. Betrügerisch. Gegen die Medien abgeschottet.

Arbeitszeit: halb 5 in der Früh bis 7 Uhr abends.

Seine Gesetze hat der Katar nicht geändert. Die Aufsicht über die Baufirmen und ihren Umgang mit den Sklavenarbeitern findet so gut wie nicht statt.

382 nepalesische Sklaven – als ausgesucht junge, gesunde, kräftige Männer sind sie gekommen, nach einigen Monaten oder Jahren der “Arbeit” sind sie tot.

Wie viele von den 200.000 nepalesischen Sklavenarbeitern kehren zurück mit ruinierter Gesundheit?

Wie viele haben am Ende wenigstens etwas verdient? (300 Dollar pro Monat sollen sie bekommen, minus 1000 Dollar Vermittlungsgebühr, minus allerlei anderer verpflichtender Zahlungen).

Wie viele von den ca. 1,4 Millionen “Gast”arbeitern im Katar geht es ähnlich wie den Nepalesen? (Die anderen kommen überwiegend aus Pakistan, Indien und Indonesien. Nach offiziellen Angaben habe es in den letzten 2 Jahren insgesamt 400 Tote gegeben; das ist wohl nur ein Bruchteil der wirklichen Zahl.)

Die Fifa will in solchermaßen gebauten Stadien Fußball spielen lassen.

Dem Katar soll es gegönnt werden, sich weltweit als Ort der Freude darzustellen?

Wie Hohn klingt es, wenn der Katar und seine Kumpane unter den Fußballgewaltigen von der “Öffnung der Kultur und der Gesellschaft Katars für die Welt” sprechen.

Für unsere Eliten scheinen die Verhältnisse im Katar eher kein Problem zu sein, von der schlechten Stimmung unter den Nicht-Eliten abgesehen, die gelegentlich hochkocht.

Sklavenarbeit – das hat für unsere Eliten einen gewissen Charme.

Tut sich allmählich doch etwas gegen den Katar-Skandal?

Am 13. Februar wird es eine Anhörung des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments zur Causa Katar geben.

Die Süddeutsche Zeitung hat sich dazu aufgerafft, einen Leitartikel über das Thema zu bringen, einen Hauptkommentar mit dem Titel “WM der Sklaven”. Geschrieben hat ihn Detlef Esslinger, und der nimmt kein Blatt vor den Mund.

Soll dies der Baugrund sein, auf dem in acht Jahren ein Sportfest ausgetragen wird? Soll man die Katarer dafür bestaunen, was sie aus ihrer Wüste gemacht haben, wenn man weiß, wie sie es gemacht haben? Es hat noch nicht allzu viel internationalen Druck auf sie gegeben bisher; vielleicht glauben sie deshalb, mit ein paar wachsweichen Erklärungen durchzukommen.

Wenn ihm die Arbeiter wichtig wären, würde er das internationale Übereinkommen zur Zulassung von freien Gewerkschaften zumindest mal unterschreiben; er würde eine Mindestbezahlung garantieren, vor allem jedoch nicht einen Tag länger am barbarischen “Kafala”-System festhalten.

Es gibt Fußballfunktionäre – nicht der Präsident des DFB -, die allen Ernstes sagen: andere Länder, andere Sitten. Es gehe nun mal nicht überall so zu wie in Mitteleuropa. Abgesehen davon, dass man mit solchen Äußerungen einem geradezu rassistischen Arbeitsrecht das Wort redet: Wie war das noch gleich? Wollte Katar nicht der Welt die Öffnung seiner Gesellschaft zeigen? Falls das nicht ernst gemeint war – bitte, die Welt kann gerne daheim bleiben.

Ich hoffe, es bringt einer mal eine Broschüre heraus, in der die Katarischen Verhältnisse offen gelegt werden, und diese Broschüre wird dann gratis in allen Stadien in Deutschland an die Zuschauer verteilt.

Beckenbauer (UNSER Katar-Befürworter) darf dann gern auch seine Sicht der Dinge darin zur Kenntnis geben.

Etwa 1,7 Millionen Menschen leben im Katar; davon haben etwa 250.000 die katarische Staatsangehörigkeit. Der Rest – sind “Gastarbeiter” im kafala-System, manche von der höher qualifizierten Sorte, die allermeisten aber Sklavenarbeiter.

Der Katar ist – wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien – die moderne Version eines Sklavenstaates.

Wie ist es möglich, dass wir zu solchen Staaten freundschaftliche Beziehungen pflegen?

Ein Land mit 250.000 Staatsbürgern und über 1 Million Sklavenarbeitern, ein Land, das kaum Fußball kennt, geschweige denn eine Fußballtradition hat, ein Land, in dem man aus klimatischen Gründen kaum Fußball spielen kann, ein Land, das alle Stadien erst bauen muss und dann so gut wie alle Zuschauer einfliegen lassen muss – so ein Land bekommt in Konkurrenz zu vielen echten Fußballländern die Fußball-WM 2022 zugeschanzt.

Das ist nicht anders zu erklären als mit Bestechung. Diejenigen, die für den Katar gestimmt haben, sind massiv beschmiert worden – diese Annahme liegt nahe. Ist sie beweisbar? – Davor werden sich die Entscheider wohl schützen können. Die, die für den Katar gestimmt haben, geben ihre Wahl in der Regel nicht zu. Bei Platini und Beckenbauer können wir wohl sicher sein, dass sie für den Katar waren.

Blatter und Zwanziger waren wohl dagegen.

Nachtrag 29.01.:

Beckenbauer äußert sich zum Katar – aber nur über das Wetter. Kein Wort über die Sklavenarbeiter und die Toten. Hat man ihn danach nicht gefragt? Oder hat man, und er hat geantwortet, dass er sich eine solche Frage verbiete?

Ist es wahrscheinlich, dass heute jemand, der Beckenbauer zu Katar befragt, nicht auch den Sklavenskandal anspricht?

Oder war es nur eine Verlautbarung von Beckenbauer, die schriftlich auf den Tischen der Redaktionen gelandet ist?

Kommentare

  1. In Putins Sotchi soll es beim Bau der Anlagen und der Infrastruktur der Olympischen Winterspiele 2014 zu ganz ähnlichen Missständen gekommen sein! Das wird (politisch korrekt!) vom Westen aber thematisiert und bemängelt. Vermutlich ganz ähnlich liegt der Fall in Brasilien beim Bau der Stadien für die Fußball WM. Reklamiert wird dies da, wo es uns in den Kram passt…

  2. conring meint:

    “Das wird (politisch korrekt!) vom Westen aber thematisiert und bemängelt.”
    Westliche Medien berichten darüber. Tun Sie ja auch im Falle Katar.
    Irgendwelche Unterschiede gibt es in der Berichterstattung nicht.

  3. conring meint:

    “Diejenigen, die für den Katar gestimmt haben, sind massiv beschmiert worden – diese Annahme liegt nahe. Ist sie beweisbar?”
    Nö.
    Blatter war höchst wahrscheinlich als echter Funktionärsfuchs gegen die ganze Sache, weil er eben ahnte, dass diese WM der FIFA jede Menge schlechte Presse bringt.

  4. @Conring

    “Westliche Medien berichten darüber. Tun Sie ja auch im Falle Katar.
    Irgendwelche Unterschiede gibt es in der Berichterstattung nicht.”

    Die Unterschiede sind offensichtlich und für jeden nachlesbar! Katar war vor einigen Monaten ganz kurz in den Medien. Da gabs dann 1-2 Reportagen, hier und da liest man noch was drüber.

    Über die Missstände in Sotchi wird inzwischen alle 30 Minuten berichtet, nicht nur das, auch die Zustände in der Ukraine sind ein Dauerbrenner, mit deutlichen Verweisen auf die friedlichen Demonstranten und gewalttätigen Polizisten. Ebenso mischen sich Merkel und alle anderen EU Politiker mit klarer Parteinahme in die Angelegenheiten der Ukraine ein.

    Den Protesten, die nichts als ein Putschversuch mehrheitlich rechtsradikaler Gruppen und Unterstützern rund um Klitschkos Partei sind, sollte man zumindest als Journalist objektiver gegenüber stehen. Anders als wir, tragen diese eine Verantwortung, nämlich uns die Leser aufzuklären.

    Gerade jetzt läuft z.B. eine Doku auf ARTE “Putins Spiele”.
    Auch Gauck hatte ja abgelehnt zu den Spielen Reisen zu wollen, zwar nicht wegen der Zustände beim Bau der Stadien, aber es geht um die Menschenrechte und Demokratie. Diese müssen anscheinend zu keiner Zeit z.B. gegen die Interessen der NSA verteidigt werden, zumindest kam dazu noch nicht viel von unserem Freiheitskämpfer Gauck.

    Eine deutliche Stellungnahme sowohl zu Sotchi, NSA und ganz besonders Katar und Konsorten ist natürlich angebracht. Die Kritik ist jedoch sehr ungleich verteilt, was Raum für Anschuldigungen zulässt und besonders an der Glaubwürdigkeit unserer Medien zweifeln lässt.

    Wer denen ohnehin alles abkauft, dem ist dann sowieso nicht mehr zu helfen. Es ist auch unsere Pflicht kritisch zu hinterfragen und nicht alles abzunicken was uns aufgetischt wird.

    Theoretisch (weil man sich ja “überall” auf der Welt für Menschenrechte einsetzt) müsste man als Deutsche Nationalmannschaft die WM in Katar boykottieren, das würde meinen Respekt verdienen und wäre ein deutliches Zeichen.

  5. conring meint:

    “Die Unterschiede sind offensichtlich und für jeden nachlesbar!
    Ich bleib einfach mal bei den Sportfestivitäten.
    Die mediale Berichterstattung über Sotschi ist nicht größer als über Katar.
    Auf Arte gibt es da auch in ein paar Jahren eine Doku “Des Emirs Spiele”.
    Großartig wäre es, wenn die DFB-Elf ihren Startplatz in Katar an Israel abtreten würde.

  6. Unterschiede zwischen Sotchi und Katar:

    Soweit ich sehe, sind in Sotschi keine Menschen zu Sklavenarbeitern gemacht worden und keine Menschen durch unerträgliche Arbeitsbedingungen umgekommen. Falls doch, wäre es eine Ausnahme.

    Soweit ich sehe, findet die WinterWM in Sotschi jetzt gleich statt, während die FußballWM in Katar erst 2022 kommt. 2022 wird man sehr viel über alles schreiben, aufgrund der zeitlichen Nähe.

    Warum konzentrieren wir uns nicht auf die Sache? Stimmen die Vorwürfe gegen Russland in Sachen Sotschi? Stimmen die Vorwürfe gegen den Katar? Was kann man tun?

    Der andere Punkt @ conring: Sotschi ist ein eingermaßen sinnvoller Ort für die WinterWM. Russland ist stark im Wintersport, Wintersport hat dort Tradition und kompetentes Publikum … Katar und Fußball?!

    Es spricht so viel vom sportlichen Standpunkt aus gegen Katar als Austragungsort für eine FußballWM wie für den Katar als Austragungsort der WinterWM. Dorthin die WinterWM zu vergeben wäre – sportlich – grotesk. Sportfunktionäre können das nicht anders sehen – solange sie nicht durch irgendwas korrumpiert und wie von einem Magneten aus der Bahn geworfen werden …

  7. conring meint:

    “Es spricht so viel vom sportlichen Standpunkt aus gegen Katar als Austragungsort ”
    Wenn die Katarer nicht die Sache mit ihren Arbeitssklaven am Fuß hätten, die sie offenbar nicht lösen können, würde ich sagen, dass die WM in Katar sozio-kulturell ungemein interessant wäre.

  8. Korbinian meint:

    In Russland sagt man dass Sotschi einer der wenigen Orte im Land ist wo es nie schneit und Putin hat es geschafft dort Winterspiele austragen zu lassen.

    Trotzdem kann man es mit Katar nicht vergleichen.

  9. das habe ich heute in unserer Tageszeitung gefunden:
    http://schleiz.otz.de/web/schleiz/startseite/detail/-/specific/FF-USV-Geschaeftsfuehrer-findet-Fussball-WM-in-Katar-eine-Sauerei-502319376
    da graut’s einem richtig. Der Mann hat das alle selbst gesehen und erlebt.

  10. die Sportschau auf der ARD schreibt über ein Interview von Blatter mit einem Schweizer Sender. Mal sehen, ob die WM neu vergeben wird….
    http://www.sportschau.de/fussball/allgemein/blatter-wm-katar-fehler100.html

  11. Na das war ja eigentlich klar:
    http://www.n24.de/n24/Sport/Fussball/internationaler-fussball/d/4835084/katar-soll-wm-2022-gekauft-haben.html

    Seit langem gibt es Spekulationen über die Vergabe der WM 2022 an Katar. Jetzt sind erstmals Dokumente aufgetaucht, die Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe beweisen sollen.

  12. 1. Das Klima ist fußballunverträglich, vor allem im Sommer.
    2. Arbeitssklaven bauten und bauen die Anlagen, zerstören unter den herrschenden Arbeitsbedingungen ihre Gesundheit und sterben in einer Zahl, dass man von einem Massaker sprechen muss.
    3. Massive Bestechung führte zur Entscheidung pro Katar.

    Jeder einzelne dieser Punkte sollte eigentlich reichen, die Entscheidung umzustoßen.

    Dass der Katar mit Milliarden auch Dschihadisten unterstützt, vor allem in Syrien, kommt noch verschärfend hinzu.

    Nebenbei: Ausgerechnet der Katar ist der letzte und einzige Freund von Erdoganistan in der arabischen Welt. (Falsch, der Sudan, äh, ja, der Sudan gehört wohl auch dazu. Wo grade die vom Glauben abgefallene Mutter der Todesstrafe entgegensieht.)

  13. conring meint:

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass die WM 2022 in Katar stattfindet.
    Das die FIFA wie alle globalen Sportverbände eine ziemlich korrupte Organisation ist, ist keine neue Erkenntnis. Dieses einzugestehen, würde aber bedeuten, dass die Organisation sich selbst vernichtete. Dieses kann aber nicht sein, da die Organisation weiter leben muss. Dieses wollen auch alle ihre globalen Funktionäre.

  14. Alles Schnee von gestern. Die FIFA hat bereits anders entschieden und die Spiele nach Burundi vergeben. OMG! Ihr seid wirklich nicht auf der Höhe der Zeit:

    http://dietagespresse.com/fifa-zieht-notbremse-wm-2022-nach-burundi-verlegt/

  15. conring meint:

    Der Alt-1860er von der taz glaubt auch nicht so richtig an eine Neuvergabe:
    http://www.taz.de/Fussball-WM-in-Katar/!140033/

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