Elite und Volk: uneinig

deutschlandUneinig wohl nicht nur, aber besonders in Einwanderungsfragen.

Im MiGAZIN informieren Celine Teney und Marc Helbling über eine Studie, die es belegt.

Die Fragen lauten:

1. Ist Einwanderung gut oder schlecht für die deutsche Wirtschaft?

2. Bereichert die Einwanderung das Zusammenleben – oder unterminiert sie die Homogenität Deutschlands?

3. Sollte die Regierung die Zuwanderung strikt begrenzen?

In allen drei Fällen kommen die befragten Angehörigen der Eliten fast einhellig zu einem  einwanderungsbejahendem Urteil; die allgemeine Bevölkerung ist hingegen gespalten und tendiert etwa zur Hälfte zu negativen Antworten.

Die Elite: Wer wurde da befragt?

Die ursprüngliche Stichprobe bestand aus 956 obersten Führungskräften in elf Sektoren. Der Rücklauf war angesichts der Schwierigkeit, diese höchst privilegierte Zielgruppe zu befragen, mit 37 Prozent relativ hoch.

Der Datensatz besteht aus Daten von 354 Inhabern von Spitzenpositionen in den folgenden Sektoren: Wirtschaft, organisierte Interessensvertretung, Politik, Verwaltung, Justiz, Militär, Wissenschaft, Medien, Gewerkschaft, Kirche und Zivilgesellschaft.

Zur Kontrolle wurde zusätzlich erhoben, zu welchen Einschätzungen generell Personen mit tertiären Bildungsabschlüssen (also auch “die Elite”) kommen.

Auch dieser Anteil der Bevölkerung äußert sich liberaler, einwanderungsfreundlicher als der Durchschnitt der Bevölkerung, allerdings deutlich weniger als die 354 Inhaber von Spitzenpositionen.

Die Eliten befürworten fast geschlossen das europäische Integrationsprojekt, die Öffnung der nationalen Grenzen, die Einwanderung. Für sie ist die Denationalisierung kein Problem. Und sie sind es, die im wesentlichen den politischen Kurs bestimmen.

Das Volk – es wird in Wahlen auch gefragt, aber in welchem Maße wird sein Zögern und sein Nein zu Politik?

Aufgrund des wachsenden ökonomischen, politischen und kulturellen Globalisierungsdrucks scheint die Spaltung zwischen den politischen Eliten und der allgemeinen Bevölkerung sogar noch größer zu werden.

Diese wachsende Kluft, die in mehreren Ländern nachweisbar ist, gilt als eine der Ursachen für die steigende Politikverdrossenheit und den zunehmenden Erfolg rechtspopulistischer Parteien in Europa.

Wie erklärt sich die Spaltung?

Die Kluft zwischen Elite und Bevölkerung ist bislang im Wesentlichen auf zwei Faktoren zurückgeführt worden.

Erstens haben Eliten im Durchschnitt eine höhere Bildung als die allgemeine Bevölkerung. Da Bildung bei der Ausformung liberaler und progressiver politischer Meinungen eine entscheidende Rolle spielt, könnten solche Bildungsunterschiede die Kluft zwischen Elitenmeinung und Mehrheitsmeinung erklären.

Allerdings gibt es Belege dafür, dass die Eliten sich hinsichtlich ihrer allgemeinen politischen Positionen auch deutlich von denen der höher gebildeten Bürger unterscheiden: Die Einstellungen der Elite sind sehr viel liberaler als die der höher gebildeten Bürger.

Der Faktor Bildung allein kann also die Meinungsdifferenzen zwischen der politischen Führung und der allgemeinen Bevölkerung nicht vollständig erklären.

Man muss also einen zweiten Faktor heranziehen:

Sozialisierungseffekte innerhalb der Elite.

Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung müssen sich die Eliten einer political correctness anpassen. Sie sehen sich gezwungen, sich die in Westeuropa vorherrschende Ideologie, also liberale Werte und Normen, zu eigen zu machen (Schimmelfennig 2001).

Im Zeitalter der Globalisierung gehören zu dieser vom westeuropäischen Führungspersonal getragenen Ideologie auch Fragen der Denationalisierung wie die europäische Erweiterung oder über den Nationalstaat hinausgehende moralische Verpflichtungen (zum Beispiel Kosmopolitismus).

Dementsprechend gehen wir davon aus, dass die Eliten sich stärker dafür einsetzen, die nationalen Grenzen für Migranten zu öffnen, als der Durchschnitt aller höher gebildeten Bürger.

Die deutsche Geschichte spielt hier eine Rolle.

Die Meinungskluft zwischen Eliten und Bürgern hinsichtlich der Denationalisierung ist wahrscheinlich in Deutschland stärker ausgeprägt als in anderen westeuropäischen Ländern.

Nach dem Trauma von Nationalsozialismus und Krieg war die Neuerfindung der deutschen Identität explizit auf europäische und internationale Elemente ausgerichtet.

Die Verantwortung Deutschlands gegenüber Ländern, die unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten haben, ist ein Kernelement des Diskurses unter deutschen Eliten, wenn es um die Unterstützung des europäischen Integrationsprojekts geht.

Der normative Druck auf die deutschen Eliten, einem kosmopolitischen Ideal zu entsprechen, ist in Deutschland wahrscheinlich weitaus stärker als in anderen europäischen Ländern.

Um die Besonderheiten des deutschen Falls genauer zu beleuchten, müsste die Kluft zwischen Elite und Bevölkerung im Blick auf die Überwindung nationaler Grenzen in einem nächsten Schritt in anderen Ländern Westeuropas untersucht werden.

Kritik

Die Autoren nennen den Standpunkt der Eliten “Ideologie” und sprechen von political correctness. Ich hingegen würde sagen: Es ist eine kluge und erfolgreiche Interesseninterpretation, die sie zu ihrem Urteil bringt, und nicht die gesellschaftliche Stellung, wie die Autoren unterstellen.

Wer heute auf dem internationalen, auf dem globalen Markt erfolgreich operieren will, wird auch international, global – kosmopolitisch denken müssen.

Das gilt in besonderem Maße für Deutschland.

Deutschland hat sein comeback nach dem 2. Weltkrieg nur dadurch schaffen können, dass es sich als Nation lernfähig gezeigt hat. Die Fähigkeit, nationale Verengungen zu vermeiden bzw. abzubauen, wo sie sich noch zeigen, gehört zu unserer Erfolgsgeschichte.

Ich sehe das eigentliche Problem, das die Eliten mit dem Volk haben, nicht im Dissens bezüglich der Einwanderung, sondern in ihrer neoliberalen Spaltungspolitik: Die Reichen werden ständig reicher, der Mittelstand gerät unter immer mehr Druck und stagniert und fühlt sich abstiegsbedroht, die Unterschicht verliert den Anschluss.

Die “Fremden” werden dem frustrierten Volk dann zu Sündenböcken und Prügelknaben.

 

Kommentare

  1. Ich finde, es gibt noch einen Grund für die positivere Einschätzung der Eliten. Sie haben weniger Angst, mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen!

    Heute gehört internationale Erfahrung schon in den Lebenslauf von gehobenen Berufsanfängern. Viele von diesen Eliten wissen, dass sie es auch in einem anderen Land schaffen würden. Das macht sie relativ entspannt in dieser Frage.

  2. Ein guter Punkt.
    Wer viel und ganz selbstverständlich mit Personen anderer Nationalität zu tun hat, wird sich über Fremdenfeindlichkeit eher wundern.

    Die ist ja auch unter Normalbürgern um so größer, je weniger “Fremde” in der Nähe sind.

    Seltsam, dass in der Studie bzw. dem Bericht darüber dieser Gesichtspunkt nicht auftaucht. Dafür sprechen die Autoren von “Ideologie” und “political correctness”.

  3. fantomas007 meint:

    “Der Faktor Bildung allein kann also die Meinungsdifferenzen zwischen der politischen Führung und der allgemeinen Bevölkerung nicht vollständig erklären.”

    Zumal Akademiker in der Regel nicht weniger rassistisch sind als die Allgemeinbevölkerung. Früher dachte ich tatsächlich, dass gebildete Menschen weniger rassistisch sind. Dabei haben sie sich nur besser unter Kontrolle.

    Siehe hier:

    „Es zeigt sich, dass Studierende, wenn sie anonym(!) befragt werden, durchaus Vorurteile gegenüber jüdisch- und muslimischgläubigen Menschen hegen, sie scheinen nicht sehr tolerant. Dabei weichen die Studierenden hierin nicht relevant von der Allgemeinbevölkerung ab, was allerdings auch nicht wirklich beruhigend ist.“

    http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2014/02/498762/studie-antisemitismus-unter-akademikern-weit-verbreitet/

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