Von den Vietnamesen lernen?

asienEtwa 100.000 Vietnam-Stämmige leben in Deutschland.

Zusammen mit den Koreanern und Iranern gehört ihr Nachwuchs zu den besten in unserem Schulsystem.

An der Bildung der Eltern liegt es in ihrem Fall nicht: Die Eltern können oft nur schlecht Deutsch und gehören auch nicht zur Bildungsschicht ihres Landes (anders als etwa die auch sehr erfolgreichen Kinder iranischer Familien).

Trotzdem liegt es an den Eltern. Bzw. an ihrer Kultur. Lisa Becker analysiert es in der faz.

Auffallend sei eine starke Korrelation zwischen Bildungserfolg und Konfuzianismus, von dem Vietnam, das chinesische Provinz war, stark beeinflusst sei.

In dieser Lehre ist der Aufstieg durch Bildung schon seit rund 2000 Jahren ein Ideal; er hebt das Ansehen der ganzen Familie.

„Dies haben die Vietnamesen verinnerlicht. Bis heute sind die Erwartungen der Eltern hoch“, erklärt Beuchling.

Das spiegelt sich auch in Redensarten wider wie: Hat ein Kind Erfolg, dann ist es der Stolz der Familie. Eltern seien hoch angesehen.

„Und es ist die Aufgabe der Kinder, gut in der Schule zu sein.“

So verbringen sie, das berichten auch andere Beobachter, fast ihre ganze Freizeit mit Lernen und Bildungsaktivitäten – mehr noch als deutsche Kinder aus den oberen Schichten.

Wie machen diese Eltern es nun?

Die Kinder erfahren den Druck der Eltern, die hohen Erwartungen. Sie müssen einen erheblichen Teil ihrer Freizeit ins Lernen investieren. Ohne, dass ihnen dabei die Eltern helfen können. Die Eltern sorgen aber für die Lernbereitschaft, indem sie unnachsichtig bleiben.

Auch die Eltern türkisch-stämmiger Kinder legen großen Wert auf Bildung und Erfolg in der Schule. Aber:

Die türkischen Eltern hätten ein großes Vertrauen in die Lehrer und in die Zuständigkeit der Schule. „In der Schulzeit wird die Erziehung der Kinder oft an die Schule übergeben.“

Ganz anders bei den Vietnamesen: Lehrer seien zwar angesehen; doch schreibe man ihnen lediglich die Aufgabe von Schiedsrichtern zu, die die Leistungen der Schüler fair bewerteten.

„Der Förderauftrag und die Verantwortung für den Bildungserfolg liegen aber bei den Eltern“, erklärt El-Mafaalani. „Eine solche Haltung scheint besonders gut zum deutschen Schulsystem zu passen.“

Je mehr man hingegen auf die Förderung der Schüler durch Lehrkräfte vertraue, desto riskanter werde es.

Daraus zieht die Autorin des Artikels eine resignative Schlussfolgerung:

Nach Beuchlings Erkenntnissen kann man vom vietnamesischen Beispiel kaum Empfehlungen für andere ableiten.

Die deutsche Integrationspolitik fokussiere auf türkische Kinder und basiere auf der Vorstellung, je integrierter, desto größer ist der Erfolg in der Schule.

Für Vietnamesen bedeute eine stärkere Anpassung an die deutsche Kultur aber genau das Gegenteil: weniger Bildungserfolg.

Das kann man heute schon beobachten. „Vietnamesen, die in der zweiten und dritten Generation in Deutschland leben, haben schon einen Teil der vom Konfuzianismus geprägten Wertehaltung verloren“, sagt Beuchling.

Das Ergebnis: Ihre Schulleistungen gehen zurück – in Richtung der deutschen Kinder.

Dazu mein Kommentar:

Die vietnamesischen Kinder mit ihrer konfuzianischen Bildungskultur kommen mit der alten deutschen Notenkultur, dem harten System der Selektion gut zurecht.

Für die normal im heutigen Deutschland sozialisierten Kinder ist das keine Option mehr. Deutschland wird seine Kultur nicht auf Konfuzianismus umstellen, nehme ich an. (Mag sein, dass noch einige strenge Lehrer und pisa-verwirrte Bildungsminister dieser Utopie nachhängen.)

Was mir am vietnamesischen Beispiel gefällt, ist die (letztlich doch) intrinsische Motivation: Das Kind lernt, weil es lernen will. Es braucht darum den Lehrer nur als Helfer oder Begleiter, nicht als einen, von dem man abhängig ist oder von dem man sein Lernen abhängig macht.

Darum frage ich:

Wenn man sich unsere Kinder in ihrer heutigen Umwelt anschaut – wie müsste man die Lernprozesse organisieren, dass die Kinder lernen WOLLEN?

Sicherlich nicht so, wie unser Schulsystem die Lernprozesse organisiert. Das verlässt sich immer noch auf die Idee des Zwangs,  auf die Notenpeitsche.

Schon 2010 hab ich mal einen Artikel zu den Kindern der Vietnamesen geschrieben.

 

Kommentare

  1. Ich habe eine vietnamesische Angestellte, kam in jungen Jahren nach Deutschland. Super Schulnoten, allerdings arbeitet sie nur wie ein Roboter Prozesse ab. Nicht einmal nach Links oder rechts schauen. Es scheint als ob auswendig lernen ohne zu verstehen zu den guten Noten geführt hat. In der Firma gibt es noch ähnliche Beispiele…

  2. Wenn wir Integration nur am Schulerfolg messen, begehen wir einen großen Fehler.

    Vergleicht man Türken mit Vietnamesen, werden die Vietnamesen immer gelobt und mit dem Verweis auf die Abiturquote als Musterbeispiel dargestellt. Das gleiche tut man auch mit den “Deutschrussen”.

    Ich frage mich jedoch, wer ist präsenter in der Deutschen Gesellschaft?
    Wieviele Vietnamesen sind bedeutende Unternehmer, Politiker, Schauspieler, Regisseure oder Sportler? Gleiches gilt für die russischen Einwanderer.

    Der schulische Erfolg der Vietnamesen ist natürlich nicht zu leugnen, aber er ist kein garant für Bürger, die dieses Land voranbringen, kreativ sind und Werte schaffen.

    Es ist verletzend für die Türkischen Migranten, dass ihre Leistungen so wenig gewürdigt und anerkannt werden. Es ist nicht verwunderlich, dass viele aus der 2.-3. Generation inzwischen Müde davon sind, sich ständig rechtfertigen zu müssen.

  3. Vietnamesische Schüler sind im Durchschnitt sehr viel erfolgreicher in unseren Schulen als türkisch-stämmige Kinder. Erfolgreicher auch als ethnodeutsche Kinder.

    Ich finde das interessant. Auch die möglichen Gründe dafür. Und was sie bedeuten.

    Seltsam, wenn dann jemand sich beschwert, ich würde in diesem Artikel die Leistungen türkischer Migranten nicht würdigen. Waren denn die das Thema?

    Und ist Ihnen nicht aufgefallen, wie ich den vietnamesischen Schulerfolg bewerte?

  4. Leo, meine Kritik ist nicht direkt an Sie gerichtet. Ich wollte auf ein allgemeines, in der Integrationsdebatte herschendes Problem deutlich machen.

    Zum Artikel:
    Dem Artikel von Lisa Becker kann ich zustimmen, wobei ich schon anmerken muss, dass ich von meinen Vietnamesischen Freunden weiß, wie das so bei den zuhause ablief.
    Da kriegte man schonmal Prügel für eine 2 im Mathe Test.
    Naja, muss natürlich nicht die Regel sein, aber Noten und vorallem gehorsam spielen wohl eine große Rolle in der vietnamesischen Kultur.

    Als Flüchtlinge, haben die Vietnamesen der 1. Generation auch wohl ein besonderes Interesse daran gehabt, für ihre Kindern die bestmögliche Ausbildung zu bekommen, sie hatten von Anfang an, nie wirklich die Absicht zurückzukehren?

    Ich denke auch, dass die 3.-4. Generation sich dem Durchschnitt der übrigen Schüler annähren wird. Genauso wie bei den Türken werden diese immer deutscher. Sie stellen schon richtig fest, dass das bei Vietnamesen den gegenteiligen Effekt hat, bezogen auf die Schulnoten.

  5. Unmut meint:

    VN war keine Chin. Provinz und es gab Teile von Vietnam, die mal historisch chinesisch waren und dann wieder vietnamesisch. Vieles in der dt. Gesels. sind nichts weiter als Klisches. Viele vn. Gastarbeiter hatten auch Hoschulabschluss aus VN; sie arbeiten heute in Läden…vieles ist dummer Quatsch und kulturelle Ignoranz.

  6. ähem, “vieles” – Was denn nun?
    Und wer sagt hier, “Vietnam” wäre mal eine chinesische Provinz gewesen?

  7. ewald hetzel meint:

    @Leo Brux

    Provinz ?
    Sie zitieren Lisa Becker:
    “eine starke Korrelation zwischen Bildungserfolg und Konfuzianismus, von dem Vietnam, das chinesische Provinz war, stark beeinflusst sei.”

    intrinsische Motivation ?
    Davon haben vietnamische Kinder nicht mehr als türkische.
    Die Eltern fordern und fördern zielstrebig den Erfolg – sie “investieren in die Zukunft”.
    Die Verankerung des immensen Stellenwertes der Bildung geht auch auf die chinesische Tradition der Beamtenprüfungen zurück,
    die Kindern unterster Schichten einen (katapultartigen) sozialen Aufstieg bot – für die ganze Familie.

    resignative Schlussfolgerung ?
    Es ist eine empirische Feststellung.

    @Norbi

    “Ich frage mich …? Ich denke…?”
    Fakten sind einfach besser.

    “Wieviele Vietnamesen sind bedeutende Unternehmer, Politiker, Schauspieler, Regisseure oder Sportler? Gleiches gilt für die russischen Einwanderer.”
    Was meinen Sie denn damit ?
    Gerade die Russen verändern doch als Sportler unsere Gesellschaft (Eiskunstlauf, Akrobatik u.v.a.).
    Und: haben Sie mal recherchiert, wieviele vietnamesische und chinesische Kinder bei russischen Klavierlehrern üben,
    weil ihren Eltern der “Spaß” an deutschen Musikschulen nicht reicht ?

    “Der schulische Erfolg der Vietnamesen ist natürlich nicht zu leugnen, aber er ist kein garant für Bürger, die dieses Land voranbringen, kreativ sind und Werte schaffen.”
    Natürlich schaffen die vielen vietnamesischen Akademiker (oft Informatiker, Naturwissenschaftler!) Werte und bringen unser Land voran,
    nicht nur finanziell. Und egal, ob weitgehend assimiliert oder traditionell orientiert.

  8. Viet-de meint:

    Der schulische Erfolg der Vietnamesen sind nicht von Himmel gefallen ….Das ist sehr harte Arbeit und kostet viele Geld ob unsere Kinder ein mal Unternehmer , Politiker , Schauspieler , Sportler….werden können ,das ist nicht unser Ziel , wir wollen die Kinder zuerst gute Mensch zu sein mit der Bildung durch Ehrlichkeit . Viele wollen ihre Kinder nur viele Geld und mit schnelle Erfolge .Mein Kind war unglücklich Klasse 5 im Gymnasium mit vielen türkische Kinder ( seit 2 Jahre Gymnasium ohne Empfehlung dann schicken viele türkische Eltern ihre Kinder in Gymnasium ) das war eine Katastrophe …die Klasse ist zu laut , wird gemobbt , gestohlen ,,,,jetzt mein Kind ist in andre Schule mit vielen deutschen Kinder dann ist besser.Alle meine Kinder spielen Klavier und Geiger nicht um viele Geld zu verdienen wie andere Eltern schicken ihre Kinder für Boxen , Fussball , Schauspielen ….mit der Hoffnung reich zu werden . Was ist besser muss jeder selber wissen wir wollen unsere Kinder glücklich werden mit geistlichen Frieden ohne Gewalt , Neid , Hass und Lüge .

  9. Nguyen meint:

    Um intrinsisch motiviert zu werden, bedurfte es ausreichender Disziplin der Eltern. Wenn das Kind die Motivation der Eltern verstanden hat und als richtig erachtet fühlt es sich an wie intrinsische Motivation. Wenn das Kind in seinem Leben diesen Weg ohne Refelxion geht wird es sich anfühlen wie der richtige Weg – für die Eltern.

    Und so leben wir mit zwei Persönlichkeiten eins der deutschen Gesellschaft entfaltet und eins in der vietnamesischen Tradition verfestigt Und dabei immer unsere Eltern in Ehre gehalten.

    Liebe Grüße
    Ein Kind der ersten Generation

  10. Jakobiner meint:

    Vergesst nicht den Philip Rössler– jedoch war dieser vietnamesisches Adoptivkind einer deutschen Familie–da stimmte die intristische Motivation scheinbar auch, denn zum Arzt und FDP-Vorsitzenden (kurzfristig) hat er es gebracht. Ich kann mich aber noch an gehässige Kommentare in der deutschen Öffentlichkeit und auch aus Teilen seiner Partei erinnern, was “der Vietcong” und “der Fidschi”denn in solch hoher Stellung in der deutschen Gesellschaft zu suchen habe.

  11. Thu Ha meint:

    echt lustig was ich hier lese ( und nicht nur hier )
    ich bin 14, in deutschland geboren worden…und ein kind von vietnamesischen einwanderern.
    ehrlich gesagt bin ich nicht so schlau wie die anderen ” total intelligenten” kinder. ich geh zwar aufs gymnasium, aber die besten in meiner klasse sind noch immer deutsche. ich lern auch nicht gerne, aber meine halbwegs guten noten hab ich dadurch, dass ich seit ich klein war sachen gut auswendig lernen konnte.( und jetzt nicht denken jeder vietnamese kann alle sachen übermenschlich gut auswendig lernen)vielleicht liegt es daran, dass wir nur 5 vietnamesen in meiner schule haben, aber unsere intelligenz wird zu überbewertet. ich habs nur knapp mit nem duchschnitt von 2,3 aufs gymi geschafft ( ich verdanke diktaten echt was cx )mein kleiner bruder besucht die realschule (und mal ehrlich… er ist überhaupt nicht schlau…obwohl das könnt an seiner faulheit liegen). wir lernen um unsere eltern glücklich zu machen ( vor allem weil wir deren probleme und die als emotionale wracks ja hautnah (mit)erleben dürfen…nicht falsch verstehen!o.o) sie zwingen mich ja auch nicht, ich hab deshalb auch zu viel freizeit ( die ich sinnlos verbringe… hehe….)
    vielleicht liegts auch daran dass wir ausländer im allgemeinen fleißiger sind oder so. ich weiß aber, dass nicht alle vietnamesischen kinder von ihren eltern zu intelligenzbestien gedrillt werden. aber erwarten nicht eigentlich alle eltern dass ihre kinder gute noten schreiben?
    tja…der rössler ist als kleines kind nach deutschland gebracht worden und von deutschen aufgezogen worden. und nur weil er vietnamese ist muss das gar nichts bedeuten. ( auch das nicht falsch verstehen, ich war nur total überrascht dass ein vietnamese in deutschland so was großes in deutschland erreicht hat)
    So…das war jetzt mal die ansicht eines der vietnamesischen kinder über die man so einen fuss macht (ich überleg mir grad ob es fuss gibt…gibt es das überhaupt?o.o)

  12. The Hung meint:

    Also: Der Punkt ist, in jeder Kultur herrscht etwas wie Ideologie oder was? Für die Vietnamesen ist es wichtig, dass man hohes Bildungsniveau erreicht. Weniger um Geld zu verdienen oder um das Land aufzubauen. Man glaubt daran, wenn man ein hohe Abschluss hat, versteht man mehr vom Leben, von Gleichheit, von Freiheit, von Gleichberechtigung, von wahren Glück, und man weiß wie man mit Menschen herum umgeht. Danach kommt das Geld verdienen. Man kann mit den Freunden angeben, mein Kind ist ein Akademiker. Bei den Türken ist es anders: Es ist wichtig, dass man gleich als Kind ein großes Auto zu fahren hat, dass man eine Blondine abschleppt… So und was macht man als Kind um schnell ans Geld ranzukommen, natürlich nicht die Schule. Viel wichtiger ist es bei den Türken die in der Wahnstellung phantasierte Ehre. Wir sind die hübschesten, klügsten und stärksten Männer der Welt. So deswegen wird auf die Fresse gehauen, gestochen, beleidigt . Schule? Mathe? Physik… was ist das? warum guckst du? Warum lernst du?

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