San Francisco wird – asiatisch?

asienVor 15.000 Jahren oder so haben Asiaten den amerikanischen Kontinent erobert. Friedlich.

Heute kommen die meisten Einwanderer in die USA aus Asien.

San Francisco hat das Glück, besonders beliebt bei ihnen zu sein: 40% der Einwohner haben bereits asiatischen Migrationshintergrund.

Viele in zweiter, dritter Generation, viele als Einwanderer.

Der Bürgermeister der Stadt ist Edwin Lee, liberaler Demokrat mit chinesischen Wurzeln. Er spricht fließend Mandarin und Kantonesisch.

Chinesische Schriftzeichen machen es den vielen chinesischen Einwanderern leicht, sich zurechtzufinden.

Die neuen Einwanderer sind ein Glücksfall für die USA. Deutschland könnte sie darum beneiden:

Sie sind bestens ausgebildet, diszipliniert, ehrgeizig, erfolgreich.

Sie bevölkern – als Mehrheit bereits? – die Arbeitsplätze im Silicon Valley, der Zukunftsschmiede der digitalen Revolution.

Spielend setzen sie sich gegen die anderen Amerikaner durch, wo immer sie auftauchen. Als Gruppe (als Asian Americans) haben sie weit überdurchschnittliche Einkommen.

Sie sind allerdings kein homogener Block. Bei den Chinesen schaut es anders aus als bei den Indern. Zwischen Japanern und Koreanern bzw. Chinesen gibt es Zoff, wenn bei irgend einem Gedenken der 2. Weltkrieg ins Spiel kommt. Die Kambodschaner sind die ärmsten, die Iraner (!) die reichsten.

Cupertino ist eine fast ganz asiatisch gewordene Gemeinde im Silicon Valley, Gilbert Wong ist ihr Bürgermeister.

Die Zukunft von Cupertino, kein Zweifel, ist asiatisch. Und Wongs Umgang mit der Vergangenheit ganz kalifornisch: “Jeder, der hierherkommt”, sagt der Bürgermeister, “soll sein Gepäck an der Grenze lassen.” Sprich: Hier soll sich jeder neu erfinden und die Lasten der Geschichte auf den Müll werfen.

Kalifornien war schon immer ein gewaltiges Experiment. Eine Zukunftswerkstatt. Der Ort, an dem sich alles, was Amerika bevorsteht, ein paar Jahre früher beobachten lässt.

“Hier in Cupertino werden unsere Kinder zu Bürgern der Welt erzogen”, sagt Coleen, die vierfache Mutter, und sie ist sichtlich stolz auf ihre Gemeinde. “Die Welt der Zukunft sieht so aus wie unsere Stadt, bunt, gemischt, voller Ehrgeiz, ein Nebeneinander von Religionen, Kulturen, Essgewohnheiten.”

So weit zusammengefasst einige Infos, die ich der ZEIT-Reportage von Heinrich Wefing entnehme.

Was ist von alledem zu halten?

San Francisco hatte schon immer seine vitale Chinatown. Wird die ganze Stadt jetzt eine Chinatown?

Eine vermutlich sehr deutsche Frage, die man deutsch-kritisch mit Goethe beantworten könnte: Amerika, du hast es besser!

Was passiert mit den Einwanderern, etwa denen aus China? – Sie werden Amerikaner.

Ob ein Amerikaner nun weiß, schwarz, braun oder chinesisch ausschaut, ist einem richtigen Amerikaner gleich.

(Nun ja, die haben dort auch ihren Rassismus und ihren Ethnozentrismus und ihre bigotten communities. In manchen Staaten dominiert das. Aber nicht in Kalifornien.)

Wird San Francisco, wird das Silicon Valley die Zukunft der USA?

Ausgestattet mit kalifornischem Optimismus kann man das glauben.

Mir, dem deutschen Skeptiker und Melancholiker, fehlt dieser Optimismus.

Auf der einen Seite: Der internationale Arbeitsmarkt wächst, intensiviert sich, und ein Land, das nicht gut mitzuspielen fähig ist, bleibt zurück.

Deutschland muss sich anstrengen, attraktiver zu werden für Leistungsträger global.

Das heißt auch: Wir müssen erst noch richtig lernen, wie wir als Einwanderungsland reüssieren können. Wir müssen mehr Talent entwickeln, auf offene Weise Deutsche zu sein, offen für Multikulturalität und vielschichtige Identität.

Es muss selbstverständlich werden, dass man als Deutscher auch schwarz oder braun sein kann, dass man als Deutscher ausschauen kann wie ein Chinese oder ein Inder.

Dass man auch dann ein Deutscher ist, wenn man aus China, Indien oder der Türkei stammt und vielleicht auch zwei Pässe in der Schublade hat.

Auf der anderen Seite verzeichnen wir die immer dramatischere Spaltung zwischen den Reichen (die zum Teil auch Leistungsträger sind, zum anderen Teil aber auch Absahner) und den Armen.

DAMIT untergraben wir den Zusammenhalt der Gesellschaft, DAMIT gefährden wir den sozialstaatlichen Ausgleich, DAMIT unterminieren wir unsere Demokratie.

Die Hauptaufgabe unseres Verfassungsschutzes wäre es, für den Sozialstaat zu kämpfen, für höhere Löhne und Gehälter, für eine höhere Besteuerung der Reichen.

Dass die Gesellschaften sich nicht primär ethnisch spalten, sondern sozial – dieser Aspekt fehlt in dem ZEIT-Artikel.

Er hält aber an Schluss einen kleinen Trost bereit – und da liegt auch mein zweiter Einwand:

Ein Vater, Chinese, möchte Kinder erziehen wie Amy Chua, die Tiger Mom.

Gar keine Freizeit? Keine Freiheit?

Na ja, er lacht. Letztens hätte die siebenjährige Tochter eines chinesischen Freundes ihren Vater angebrüllt:

“Papa, ich habe kein Leben! Immer nur Arbeit!”

Da sei er schon ins Grübeln gekommen.

Vgl. meinen Artikel über die Von den Vietnamesen lernen?

Vgl. auch den aktuellen Artikel in der SZ: Die Schule macht die Schüler krank

Wir werden nicht den Weg der “asiatischen” Schule gehen können.

Fast jeder dritte Schüler klagt laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2013 über Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Gereiztheit oder Niedergeschlagenheit. Vor allem Mädchen sind betroffen, 40 Prozent der Schülerinnen geben sogar an, mehrmals in der Woche unter psychosomatischen Beschwerden zu leiden. Eine Studie des Landesamts für Statistik in Thüringen kommt zu dem Schluss, dass sich die Fälle von Asthma bei Achtklässlern in den letzten sechs Jahren mehr als verdoppelt haben. Auch die Anzahl der Verhaltensauffälligkeiten ist rapide angestiegen. …

“Besonders belastend ist für Kinder das schwelende Gefühl, es könnte etwas schiefgehen”, sagt Hurrelmann. Dass sie sitzen bleiben oder den Abschluss nicht schaffen. Verantwortlich dafür seien auch die Eltern: “70 Prozent von ihnen erwarten, dass das Kind das Abitur macht”, sagt er. Diese Erwartungen machten die Kinder sich zu eigen. “Und wer sie nicht erfüllt, fühlt sich als Versager.”

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Irgendwie geht das alles, Leo, aber irgendwo muss man eine Grenze ziehen. 40% nicht-europäischer Anteil in einer deutschen Metropole (mit der Tendenz zur absoluten Mehrheit), da wäre das keine deutsche Metropole mehr. Ab wie gesagt, wir sind nicht die USA, wir sind Zuwanderungs- und nicht Einwanderungsland.

  2. Wieso wäre das keine deutsche Metropole mehr – wenn diese 40% überwiegend Deutsche wären (auch wenn sie nicht so ausschauen wie Deutsche des Jahres 1900)?

    Da sind wir wieder bei dem Problem, dass wir nicht recht wissen, wie wir das Deutschsein anders definieren sollen als
    a) (staatsrechtlich:) Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.
    b) (ethnisch:) Der Deutsche spricht von Kind auf gutes, richtiges Deutsch.

    Also, ich kenne zwei chinesisch-stämmige Mädchen, die sind in München geboren, sprechen und schreiben und denken besser Deutsch als alle ihre Klassenkameraden – sprechen allerdings auch prima Mandarin. Sind das jetzt keine deutschen Mädchen?
    Ok, sie sind auch chinesische Mädchen – aber das widerspricht sich nicht, das schließt sich nicht aus.

    Außerdem: Ein Zuwanderungsland ist halt auch ein Einwanderungsland. Wir wollen doch hoffen, dass sich die Zuwanderer bei uns so wohl fühlen, dass sie gerne bei uns bleiben. Und dass sie Deutsche werden. Und dass in der ersten und zweiten Generation die Integration und in der dritten Generation oder so in der Regel die Assimilation geschafft ist.

    Apropos 40%: Der Anteil derer mit Migrationshintergrund liegt in München inzwischen bei 38%. Die 40% sind also bald erreicht. Ich hab noch nicht feststellen können, dass München DADURCH gefährdet wäre. Eher dadurch, dass wir uns hier zu wenig vor der Kaufkraft der Reichen schützen.

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