Die Schweiz wird von Migranten beherrscht – im Fußball

schweizEinmal abgesehen davon, dass ihr Trainer aus dem ungeliebten Deutschland kommt (nun, wenigstens ist er nahe der Schweizer Grenze geboren, in Lörrach) -

die Schweiz wird am Freitag gegen Frankreich auflaufen mit folgenden Spielern:

  • Diego Benaglio, geb. in Zürich, aber auch italienischer Staatsbürger
  • Johan Djourou, Elfenbeinküste
  • Ricardo Rodriguez, geb. in Zürich, chilenisch-spanischer Abststammung
  • Valon Behrami, Kosovo
  • Gökhan Inler, geb. in der Schweiz., türkischer Abstammung
  • Xherdan Shaqiri, Kosovo
  • Granit Xhaka, geb. in der Schweiz, kosovarischer Abstammung
  • Admir Mehmedi, Albaner aus Mazedonien
  • Josip Drmic, geb. in der Schweiz, Schweizer und Kroate

Das sind 9 von 11. Immerhin noch zwei sind Schweizer von der “ethnisch reinen” Sorte, wie sie Blocher und die xenophoben Populisten von der SVP bevorzugen: Lichtsteiner und von Bergen. (Die Reservebank ist ca. 6:5 zusammengesetzt.)

Bei 20% Ausländeranteil und vielleicht 35% Migru-Anteil in der Bevölkerung hat die Schweiz in ihrer Fußballnationalelf einen Migrantenanteil von über 80 Prozent.

Wie viele davon sind Muslime? Es könnten 5 sein, wenn wir Behrami, Shaqiri, Xhaka, Mehmedi und Inler von ihrer Herkunft her einordnen. Fast die Hälfte.

Was heißt das nun?

Dass die Schweiz von Migranten (und vielleicht sogar von Muslimen) erobert bzw. überfremdet wird? – So werden es nicht einmal die Oberxenophoben interpretieren.

Auch die Schweizer – selbst diejenigen, die gegen die Minarette abgestimmt haben – werden zugeben: Die neun Schweizer Spieler mit Migrationsgeschichte spielen und gewinnen mit der Schweiz für die Schweiz. Sie sind Schweizer wie Blocher und Blunschli.

Ihr Gegner am Freitag, die französische Mannschaft, hat ebenfalls viel Migrationsgeschichte.

Raphael Varane, Mamadou Sakho, Patrice Evra, Paul Pogba, Blaize Matuidi, Karim Benzema sind Migranten bzw. Migrantenkinder, bei vier weiteren Spielern erinnert der Name an mehrere Generationen zurückliegende Einwanderung: Lloris, Cabaye, Valbuena, Griezmann.

Engländer, Niederländer, Belgier, Amerikaner, Australier – und Deutsche zeigen sich in Brasilien als weitere Gewinner der Einwanderung.

So gut wie ohne solche “Auffrischung” kommen vorerst noch viele andere Mannschaften aus: Brasilien, Argentinien, Kolumbien, Mexiko zum Beispiel, oder Spanien, Italien (mit nur 1 Ausnahme: Balotelli), Griechenland, Bosnien-Herzegowina, Russland. Von den Asiaten und Afrikanern nicht zu sprechen. Sie sind nicht (oder schon lange nicht mehr) attraktiv für Einwanderer.

Bei keiner anderen Mannschaft ist der Migrationsanteil unter den Spielern größer als bei den Schweizern.

Ich gratuliere!

Und wünsche mir die Schweiz als Weltmeister.

(Ob Blocher dann vom Matterhorn springt?)

Nachtrag: Grade finde ich einen Artikel der FAZ über das Thema. Die Schweizer kommen darin nicht vor, aber die Niederländer:

Laut „Volkskrant“ haben 247 Spieler der WM, mehr als Drittel, eine solche Doppel-Staatsbürgerschaft.

Neun davon stehen allein im Kader der Niederlande. Wie Bruno Martins Indi, als Kind von Immigranten aus Guinea-Bissau in Portugal geboren. Stürmer Memphis Depay, der „Oranje“ gegen Australien mit seinem Schuss zum 3:2 den Sieg rettete, ist halber Ghanaer. Verteidiger Terence Kongolo hat neben dem niederländischen auch einen kongolesischen und einen Schweizer Pass. Besonders international treibt es Mittelfeldspieler Jonathan de Guzman: Er ist als Sohn eines Filipinos und einer Jamaikanerin in Kanada geboren – und spielt für Holland.

Nigel de Jong und vier weitere Spieler im Kader haben neben der niederländischen Nationalität auch die der früheren Kolonie Surinam. So geben sie durch ihre Herkunft der Oranje-Auswahl auch einen südamerikanischen Einschlag, was von Vorteil sein kann. Schließlich hat noch kein europäisches Team in Südamerika den Titel gewonnen. Aber es steckte auch noch nie so viel Südamerika in einem europäischen Team wie nun in dem der Holländer.

Und 41 Franzosen seien bei der WM dabei – 23 im Kader Frankreichs, der Rest in anderen, in afrikanischen Mannschaften.

Jetzt hat auch die taz einen Artikel zur Multikulti-Nati(onalmannschaft) der Schweiz.

In der linken Wochenzeitung Woz findet sich eine Karikatur, zu deren Verständnis man nur wissen muss, dass die genannten Namen allesamt für frühere Misserfolge im Schweizer Fußball stehen:

Zwei Schweizer, einer von ihnen erkennbar rechtsradikal, der andere nicht minder dumpf, unterhalten sich. „Wenn ich diese Multikulti-Nati mit ihrem deutschen Trainer sehe, dann trauere ich den goldenen Zeiten unter Paul Wolfisberg und Daniel Schandüpöö [sic] nach, als die Schweiz immer verlor und ich mich so richtig bemitleiden konnte!“, schimpft der Rechtsextreme.

Sein Kumpan ist überzeugt: „Wir wollen Heinz Hermann zurück! Alain Geiger! Andy Egly!“ Im Hintergrund hat der Karikaturist einen an seinem blonden Scheitel leicht als Deutscher erkennbaren Mann gezeichnet, der sich denkt: „Was ist denn ein Multikulti-Nazi?“

Nati (gesprochen: Nazi) nennen die Schweizer liebevoll ihre Nationalmannschaft.

Die Schweizer Rechtspopulisten scheinen da echt ein Problem zu haben.

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Naja, zur internationalen Mittelklasse wird es für die Schweizer reichen, darüber hinaus wohl eher nicht. Aber wenigstens ist das Kosovo doch mal bei einem internationalen Turnier vertreten, Albanien hatte es ja bisher auch nicht geschafft. Glückwunsch :-)

  2. conring meint:

    Brasilien und Bosnien-Herzegowina (nur zwei Beispiele) werden im Fußball auch von Migranten beherrscht. Fast die komplette Nationalmannnschaft kickt im Ausland.

  3. Ja, das ist ein weiterer Aspekt. Den hätte ich auch erwähnen sollen.
    Der Fußballer-Arbeitsmarkt ist fast ganz international geworden. Das zeigt die Richtung an, in die es mit dem Arbeitsmarkt auch in anderen Branchen gehen wird.

  4. conring meint:

    @ Leo Brux
    Hat nicht nur mit der Internationalisierung des Profifußballarbeitsmarktes, sondern auch auch mit der allgemienen Migration und damit verbundenen Mehrfachnationalitäten zu tun.
    Gebürtige Berliner spielen bei der WM für die BRD, für Ghana und für die USA.
    http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball-wm/viele-wm-spieler-haben-eine-multinationale-herkunft-12998882.html

  5. Academia meint:

    Heute haben Sie ein auf den Deckel bekommen.
    Haris Seferović – Siegtorschütze gegen Ekuador. Geboren in der Schweiz aber die Eltern kommen aus Bosnien.

  6. 2:5 – das war deutlich. Hätte noch schlimmer kommen können.
    Aber sie haben noch eine Chance, weiterzukommen. Wenn Ecuador gegen Frankreich verliert oder unentschieden spielt und die Schweiz gegen Honduras gewinnt.

  7. conring meint:

    Übrigens spielten in den italienischen Weltmeistermannschaften der 1930er jahre auch immer zwei/drei gebürtigen Italiener.
    Und in den 1950/60er Jahren war es auch noch möglich, dass ein Spieler für verschiedene A-Nationalmannschaften auflief.
    Alfredo DiStafano hat für Argentinien und Spanien gespielt. Alcides Ghiggia für Urruguay und Italien.

  8. conring meint:

    “Übrigens spielten in den italienischen Weltmeistermannschaften der 1930er jahre auch immer zwei/drei gebürtigen Italiener.”
    Muss latürlich Argentinier heißen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*