WM

sport1.

Man sieht schon, dass nationalstaatliches Denken und Fühlen, dass die nationale Intuition immer noch dominiert. Die nationale Identifikation treibt prächtige (aber manchmal auch giftige) Blüten.

2.

Ob Deutschland Weltmeister wird, ist offen. Die Chance liegt bei 50%. Gut möglich, dass Argentinien gewinnt und wir am Montag Trauer tragen. – Aus meiner Sicht wäre das nicht weiter schlimm. Es ist für uns (und für viele andere Völker auch) nicht gesund, die NUMMER EINS zu sein. Gut sein, ja, zu den Besten gehören, ja, aber DIE BESTEN zu sein? Dann geht die Nase hoch, zu hoch, dann bricht Arroganz durch. – Obwohl, so schlimm ist das mit uns nicht mehr, alles in allem sind wir heute schon ein auf dem Teppich bleibendes Volk.

3.

Deutschland braucht den Weltmeistertitel (und den Hype drum herum) nicht; Argentinien schon eher – das Land ist in Not und verdient sich eine Rückenstärkung. Aus weltbürgerlicher Sicht fände ich einen Sieg Argentiniens gut. Aus fußballerischer Sicht allerdings nicht. Die deutsche Mannschaft spielt zurzeit den ansehnlicheren Fußball. Auch den etwas besseren, wage ich als Laie zu behaupten. Beim Fußball ist das jedoch keine Garantie für den Sieg.

4.

Brasilien hat es eigentlich gut gemacht. Ich meine das Land. Die WM war bestens besucht, in den Stadien war die Atmosphäre prächtig, die Organisation hat überall geklappt; ein deutsches “RESPEKT!” dafür, liebe Brasilianer! Ihr werdet es mir verzeihen, wenn ich selber es vorgezogen hätte, ihr hättet das Geld für die schönen, aber teuren Stadien in die Infrastruktur für die ärmeren zwei Drittel der Gesellschaft gesteckt. Ich werde auch darauf achten, ob das schreckliche 1:7 zu konstruktiver Reaktion führen wird, zu Katharsis.

5.

Zurück zum Thema Migration: Der Fußball ist die Avantgarde des sich internationalisierenden Arbeitsmarktes. Die ökonomisch starken und politisch intakten Länder werden zu Einwanderungsländern, die, die es nicht sind, zu Auswanderungsländern. Im Fußball scheint das ohne große Probleme zu funktionieren. Für den großen Rest des Arbeitsmarktes allerdings stellen sich mit dieser Entwicklung neue Herausforderungen: Wie vermeidet man die Lohnkonkurrenz nach unten? Wie vermeidet man den Verlust der wertvollsten Arbeitskräfte in den Auswanderungsländern? Wie vermeidet man Allergiereaktionen in den Einwanderungsländern?

6.

Die Einwanderungsländer werden bunter; in ihren Fußballnationalteams zeigt sich das am stärksten. Wo stünden die Mannschaften der Niederlande, der Schweiz, Frankreichs und Englands, Belgiens ohne ihre Einwandererkinder und Eingebürgerten?

7.

Ich würde mir wünschen, Teams wie das der Niederlande, Schweiz, Belgiens, Costa Ricas, Kolumbiens, Ghanas oder Südkoreas würden im Endspiel stehen. Seit 1954 gab es 16 WM; in 8 davon stand Deutschland im Finale. Das reicht wirklich. Man müsste von der Fifa etwas dafür tun können, dass die Chancen der Kleinen steigen und die Chancen der Supermächte Deutschland, Brasilien und Argentinien sinken.

8.

Die FußballWM 2018 wird in Russland stattfinden, die FußballWM 2022 NICHT im Katar. Vier zwingende Gründe sprechen gegen den Katar: 1. die Bestechung bei der Wahl, 2. das unzuträgliche Klima, 3. das mörderische System der Arbeitssklaverei, mit dem die WM-Bauten errichtet wurden, 4. der totale Mangel an einheimischem Fußballpublikum. Jeder einzelne dieser Gründe reicht aus zum Nein, zur Absage, zum Ausweichen auf ein anderes Land.

9.

Nachdem das alles gesagt ist, lehne ich mich entspannt zurück und freue mich auf das unterhaltsame Superdrama am Sonntagabend. Möge die besser fußballernde Mannschaft gewinnen! (Hoffentlich wird das die deutsche Mannschaft sein.)

Kommentare

  1. Gunnar meint:

    ” Man müsste von der Fifa etwas dafür tun können, dass die Chancen der Kleinen steigen und die Chancen der Supermächte Deutschland, Brasilien und Argentinien sinken. ”

    Wenn das nicht humorig gemeint war, dann sagt das allerdings viel über Ihr (anscheinend tief sozialistisches) Weltbild aus. Die oberste Zentralstelle, pra soll in allen Belangen regulierend einwirken. Auch der Sport soll letztlich einem mächtigen Politbüro unterliegen !?

  2. Das Finale degeneriert zum Krieg der Päpste. Humor à la Catholica :-)

    http://www.kath.net/news/46720

  3. conring meint:

    Hier wird das Finale als “Finale der starken Fraune” gedeutet:
    http://www.bild.de/politik/inland/angela-merkel/vergleich-der-starken-frauen-36781910.bild.html
    Als alter Sexist sehe ich da doch Argentinien mit 10:0 gewinnen.

  4. Sozialistisch wie die US-AmericanFootball-Leage. Bei den Anwerbungen jedes Jahr haben die schwachen Mannschaften den ersten Zugriff, Gunnar.

    Es hat insgesamt immer Vorteile, wenn die Verhältnisse gerecht – und das heißt immer auch: wenn die Chancen gut verteilt sind. Einseitigkeit ist von Nachteil – auch wenn sich die jeweiligen “Gewinner” natürlich nicht beklagen.

    Die Nummer eins ist immer nur einer. Für die Gesellschaft ist es nicht gut, wenn es zu sehr auf diese Nummer eins ankommt.

  5. 1:0.
    Es ist geschafft.

    Gratulation an Argentinien. Es war ein gutes, abwechslungsreiches und zugleich ausgeglichenes Spiel, das sie geliefert haben und das sie beinahe gewonnen hätten. Messi wird zum Spieler des Tourniers gekrönt: verdientermaßen.

    Deutschland hat mehr als nur das Spiel gewonnen. Die Mannschaft hat populär gespielt und populär gewonnen. Nicht schlecht für Deutschlands “soft power” generell.

    Dazu kommt die Bilanz der letzten 60 Jahre. 4x Weltmeister, 8x im Finale, 12x unter den letzten vier (bei insgesamt 16 Weltmeisterschaften) – mit Abstand die beste Bilanz.

    Unvergesslich in der Fußballgeschichte: die vier Tore in sieben Minuten gegen Brasilien im Halbfinale.

  6. Noch was zur Alltagsphilosophie:

    Kann man eigentlich sagen: W I R sind Weltmeister?
    Egoisten, extreme Individualisten, Libertäre müssten das strikt ablehnen.
    (Und ich gebe natürlich zu, dass ich nicht mitgespielt und auch sonst nicht zum Erfolg beigetragen habe.)

    Aber wir Menschen sind von vorne herein, von Natur aus soziale Wesen. Für uns zählt auch die Zugehörigkeit, das Kollektiv, von dem wir ein Teil sind. Im Guten wie im Schlechten.

    Im ICH ist ein WIR, im WIR ist ein ICH.
    Das WIR in meinem ICH feiert heute.

  7. Etwas zum Hintergrund des Erfolgs – eine Analyse aus England:

    Just as the country’s rebranded, heavily yet subtly tweaked version of socially responsible capitalism (a bit more ruthless than before but still big on fair competition, long-term goals and employers maintaining the sort of paternalistic attitudes towards employees now scorned in many UK quarters) paid dividends so too has the Bundesliga’s similarly socially responsible football model.

    Fans enjoy controlling influences at clubs, television revenues are distributed evenly and ticket prices pegged, while “mercenary” foreign owners are kept out. The conditions remain ripe for top-class development of indigenous youth which, facilitated by high-calibre coaching, takes place alongside academic education.

    Germany has reaped the rewards of staffing the Bundesliga with more than double the number of homegrown players found in the Premier League. Not to mention producing around 10 times the English contingent of pro-licence qualified coaches.

    So much for the macro picture but at micro level German glory will prompt individual prosperity.

    http://www.theguardian.com/football/2014/jul/13/world-cup-victory-germany-supremacy-every-level

  8. Das erinnert schon stark an bekannte Schlagzeilen: “Wir sind Papst” :-)

    ICH bin sicherlich nicht Weltmeister, aber ich freue mich für die Jungs und das Team, die hart daran gearbeitet haben.

  9. Wieso?
    Auch die Argentinier oder die Holländer haben hart daran gearbeitet. Auch die Chilenen und die Mexikaner und Kolumbianer.

    Unser magisches Oszillieren zwischen dem (deutschen) WIR und dem (persönlichen) ICH ist doch faszinierend, oder?

  10. Korbinian meint:

    Meistens wächst ein WIR-Gefühl noch mit der ungerechten Behandlung durch den Schiri. Also danke Argentinien für die vielen kaum geahndeten Fouls, so machte man das Team zum Weltmeister!

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