Flüchtlingsdrama: Pfarrkirchen als Beispiel.

asylDie Kleinstadt Pfarrkirchen liegt in Niederbayern, im Rottal. Tiefe bayerische Provinz, verlässlich katholisch-konservativ. Mit berühmter Wallfahrtskirche auf dem Kalvarienberg, ein Kloster – mit viel Platz, da es kaum noch katholische Mönche gibt.

Natürlich gab es – anfänglich – Widerstand, als plötzlich Flüchtlinge untergebracht werden sollten.

Es gab einen kleinen Glaubenskrieg deswegen, aber er dauerte nur kurz.

Wer Ängste vor Ausländern schüren möchte, tut sich nicht mehr so leicht wie vor 20, 30 Jahren; die Menschen sind offener geworden.

Dazu kamen starke Signale: Der Passauer Bischof gab den leer stehenden Klostertrakt unbeirrt her, der Landrat von der CSU verwies auf die humanitäre Pflicht, die alle Rottaler hätten.

Nun helfen sie alle zusammen, die Polizei, die Politiker, die Vereine – von Fremdenfeindlichkeit wollen sie hier nichts wissen.

Trotzdem bleibt es eine Gratwanderung.

SZ

Der bayerische Verteilungssschlüssel sieht vor: 460 Flüchtlinge müssen in Niederbayern untergebracht werden. Man macht das an acht Standorten. Einer davon ist das Kloster in Pfarrkirchen. Das ging nicht ohne den üblichen Protest ab:

Der ehemalige Pfarrkirchner Bürgermeister

hatte kürzlich einen gereizten Brief an den Passauer Bischof Stefan Oster geschrieben:

Er ignoriere die Gefühlslage der Menschen, die Marienwallfahrtsstätte sei ein zu sensibler Bereich, um dort Asylbewerber unterzubringen, formulierte Georg Riedl: “Die Volksseele kocht, aber keiner traut sich öffentlich etwas zu sagen.”

Später legte der Ex-Politiker noch nach: Wenigstens müsse man Möglichkeiten prüfen, hier dann halt “brutal verfolgte Christen” unterzubringen.

Danach riefen beim Landrat ein paar Leute an, die Angst hatten, der Islam überrenne das Christentum.

Aber es waren nicht viele, sagt Fahmüller. Auch trauen sich dreiste Immobilienbesitzer nicht mehr, feuchte Löcher als Unterkünfte anzubieten.

Das war früher anders. “Der Respekt vor dem Schicksal dieser Menschen ist gewachsen.”

Und so berichtet der Landrat von einer Frau, die Flüchtlingskinder mit Plastiktüten in die Schule laufen sah, umdrehte und ihnen Ranzen kaufte.

SZ (dito die folgenden Zitate)

In Pfarrkirchen sind es nun 20 Flüchtlinge.

Wie es der Zufall will, ist ein Großteil der 20 Asylbewerber, die nun im ehemaligen Schülerheim der Salvatorianer wohnen, aus Eritrea, sie sind alle orthodoxe Christen.

“Das hat der liebe Gott gefügt”, sagt Franz Wasmeier mit zynischem Unterton.

Er ist Leiter dieses und zwei weiterer Heime im Landkreis und ein praktisch veranlagter Mensch.

Früher bei den Patres, die im Juli weggezogen sind, war er Hausmeister, er ist aktiv in der katholischen Jugendarbeit, engagiert gegen rechts.

In seinem Haus soll alles sauber und friedlich sein. Wasmeier stapelt Spülmittel, Windeln, Decken generalstabsmäßig in Kammern. Alles perfekt – und das schützt ihn vielleicht vor all den anderen Unwägbarkeiten.

Immer montags gibt er bei der Regierung von Niederbayern die Zahl der freien Betten durch. 50 hat er hier, verteilt auf Zwei- bis Fünfbettzimmer mit Gemeinschaftsdusche.

Wasmeier weiß nie vorher, wer im Bus sitzen wird, welche Schicksale, welche Nationalitäten.

Er achtet peinlich darauf, dass es mit den Nachbarn keine Probleme gibt. “Ich will ein gutes Klima, weil wir in der politischen Diskussion stehen”, sagt er.

Gerade hat ihn ein junger Eritreer um ein Kruzifix für sein Zimmer gebeten, Wasmeier hat es in einem leeren Raum für ihn abgeschraubt. “Schreiben’s des!”

Wasmeier erzählt weiter:

Da ist die Frau aus Kongo, die auf der Flucht mehrmals vergewaltigt wurde, zuletzt im griechischen Durchgangslager.

Da ist ein junger Syrer, der dünn und stumm im Eingang steht und nicht so recht zu wissen scheint, was er hier verloren hat.

Tagsüber schlichtet Wasmeier Streit, wenn es nachts zu laut war: “Manche schreien wie am Spieß, wenn sie schlimme Träume haben. Da sind die anderen sauer, weil sie aufwachen.”

Alltag im Asylbewerberheim.

Gerade war eine Gruppe vom Frauenbund da und hat Winterkleidung gebracht.

Dass es in Pfarrkirchen gut geht, hat sicher auch damit zu tun, dass die Zahl überschaubar bleibt. Wenn – wie in der Münchner Bayernkaserne – um die 2.000 zusammengepfercht werden, geht es anders zu.

Viel Wohlwollen spürt der Heimleiter hier. In der Kirche haben sie sich gefreut, als die Flüchtlinge halfen, die schwere Erntekrone hinauszutragen.

Aber damit die Stimmung so bleibt, muss alles picobello sein. Kein Schmutz, keine Gewalt.

Wasmeier wartet, wie er sagt, “auf Besuch der Neonazis”. Die stellen sich vor jedes Heim im Rottal und fotografieren es.

In Schönau hat eine rassistische Gruppierung mit dem perfiden Namen “Dritter Weg” Flugblätter gegen Asylbetrug verteilt. Die Leute im Ort habe das “Gott sei Dank” null beeindruckt.

Stefan Oster ist der zuständige Bischof mit Sitz in Passau.

“Es liegt in der Natur von jedem von uns: Das Fremde macht zunächst Unbehagen.”

Früher, als er noch als Journalist gearbeitet habe, habe sich das aber stärker bemerkbar gemacht, meint er.

“In den Achtzigerjahren war es problematischer. Die Menschen haben sich geöffnet, die Gesellschaft hat sich entwickelt.”

Für ihn war es keine Sekunde eine Frage, das Salvatorkolleg zu öffnen; Betten, Küchen, alles sei doch schließlich da.

Gerade hat er eine Predigt für die Diakonenweihe am Samstag geschrieben. Es geht um das Weltgericht im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Da teilt Jesus die Menschheit zur Linken und zur Rechten ein. “Der Herr zählt hier lauter Unterlassungen. Da hat keiner etwas Böses getan, sondern er hat etwas Gutes unterlassen”, erklärt der Bischof. “Und so ist die Kirche, jeder Christ, jede Christin, aufgerufen, Menschen in Not zu helfen.”

Auf jene Menschen in Pfarrkirchen, die unterschwellig Angst verspüren, will der Bischof auch eingehen. Ein runder Tisch der Diözese zur Flüchtlingsarbeit soll aufklären.

Und die Wallfahrt, “ein Herzensanliegen der Gläubigen”, will Oster auch erhalten. Er sucht gerade intensiv nach Ordensleuten, die in das Kloster einziehen könnten.

Der Bischof lächelt. Denn die Chancen stehen gut. Und so könnte es sein, dass bald Flüchtlinge und Patres gemeinsam auf dem Gartlberg wohnen.

Soweit die Reportage der SZ.

Denjenigen, deren ceterum censeo auf die Grenzen hinweist – Deutschland könne doch nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen – sei, ebenfalls als ceterum censeo, gesagt:

Natürlich nicht. Aber man kann sein Teil beitragen. Die Grenze dessen, was wir beitragen können, ist noch lange nicht erreicht.

Und was man gibt, soll man gern geben. Auch ohne gieriges Verlangen nach Dankbarkeit.

Man sollte sich auch immer überlegen, was man sich gegenseitig geben kann, zu gegenseitigem Gewinn. Die Migranten bringen Arbeitskraft, Talent, Jugend mit. Damit ließe sich einiges anfangen im demografisch absteigenden Deutschland.

Tun wir also mal bitte nicht so, als ob wir hier nur Kosten hätten.

 

Kommentare

  1. conring meint:

    @ Leo Brux
    Ganz ernst gemeinte Frage:
    Wie wird man eigentlich Flüchtlingsheimleiter? Gibt es da irgendwo ein Stellenprofil? Oder ist das Job, den jeder, der mal irgendwie im Gebäudemanegement tätig war, machen darf?
    In Pfarrkirchen scheinen die Flüchtlinge ja Glück gehabt zu haben, dass der Hausmeister der Salvatorianer ein sozial kompetenter Mensch ist.

  2. Gute Frage.
    Ich glaube nicht, dass man für jedes Heim einen für die Sache ausgebildeten Flüchtlingsheimleiter hat.

  3. Hans Thaller meint:

    Es ist sicherlich gut und richtig,daß 20 Asylanten in Gartlberg
    untergebracht wurden.Aber,so glaube ich zumindest,vielleicht ist dies
    mit einem Hintergedanken verbunden.Das Kloster steht leer und es entstehen dauern Kosten.Setzt man da 20 Asylanten rein,erhält man von der öffentlichen Hand pro Person und Tag € 28.-;sind somit pro Tag € 560.- ergibt im Monat rund € 16.800.-.Mittlerweile sind viele leerstehende Pfarrhöfe in Bayern mit Asylanten `bestückt`worden.Wahrscheinlich vorrangig christlicher Nächstenliebe.

  4. Warum sollte die Kirche nicht AUCH ans Finanzielle denken dürfen? Es ist doch schön, wenn sich mein Vorteil mit meiner Menschlichkeit verbinden kann. Ich persönlich bemühe mich um solche Koinzidenz.

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