Migrationsbericht 2014 – Teil 1

migration704 Seiten lang ist das Ding, das die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özoguz, soeben vorlegt.

Ich hab’s noch nicht gelesen. SZ und ZEIT nennen kurz ein paar wichtige Punkte darin, die sich auch in der offiziellen Pressemitteilung finden.

Hier ein Auszug, mit meinen Hervorhebungen:

… Deutschland ist ein Einwanderungsland. Er zeigt, dass wir nach Jahren der Ignoranz dieser Tatsache und dem wichtigen Paradigmenwechsel vor 15 Jahren weiter vorankommen, auch eine Einwanderungsgesellschaft zu werden.

Einerseits sind viele aktuelle Herausforderungen immer noch den Versäumnissen von gestern geschuldet. Aber anderseits verursachen wir auch heute erneut integrationspolitische Probleme von morgen.

So ist die soziale Herkunft in Deutschland immer noch zu oft Ursache für Bildungserfolg bzw. -misserfolg. Im Schulabgangsjahr 2012 blieben 11,4 % der ausländischen Schülerinnen und Schüler an den allgemeinbildenden Schulen ohne Hauptschulabschluss und 4,9 % der deutschen Schülerinnen und Schüler. Hier sind gemeinsame Anstrengungen von Bund und Ländern gefordert. Ein zentraler Punkt ist der quantitative und qualitative Ausbau der Ganztagsschulen.

Es ist alarmierend, dass 30,5% der ausländischen jungen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufsausbildung bleiben. Der Bericht zeigt auch, in welchem Ausmaß Bewerber mit Einwanderungsgeschichte bei der Ausbildungsplatzsuche diskriminiert werden. Deshalb habe ich schon zu Beginn meiner Amtszeit das Thema Ausbildung zu meinem Schwerpunkt für 2014 gemacht.

Der Lagebericht zeigt, dass wir noch lange nicht von gleichberechtigter Teilhabe im Gesundheitswesen sprechen können. Menschen mit Einwanderungsgeschichte nehmen wichtige Leistungen unseres Gesundheitswesens deutlich seltener in Anspruch. Es gibt erheblichen Nachholbedarf, damit wirklich alle Menschen eine gute Gesundheitsversorgung – auch im Alter, und auch ohne gesicherten Aufenthaltsstatus – erhalten. …

Zurzeit zwingen die schwersten Menschenrechtskrisen seit Jahrzehnten immer mehr Frauen, Männer und Kinder, aus ihrer Heimat zu fliehen. Im Zeitraum des Lageberichts und auch im laufenden Jahr, ist ein deutlichen Anstieg der Asylanträge zu verzeichnen: 2012 wurden 77.651 Asylanträge gestellt, 2013 waren es bereits 127.023. Für das laufende Jahr 2014 werden ca. 200.000 Asylanträge erwartet. Die bereinigte Anerkennungsquote stieg seit 2011 von 29% auf nunmehr 44,1% und unterstreicht das Ausmaß der Menschenrechtskrisen.

Es zeigt sich in diesem Zusammenhang, dass es in unserer Gesellschaft eine große Hilfsbereitschaft gibt, Flüchtlinge zu unterstützen. Damit haben wir heute eine grundsätzlich andere, positive Grundstimmung, also noch vor 20 Jahren.

Deutschland nimmt aktuell 30 % aller Flüchtlinge in der Europäischen Union auf. Das “Gemeinsame Europäische Asylsystem” bleibt eher theoretisches Konstrukt. Deshalb wird in der kommenden Zeit dringend darüber zu sprechen sein, wie wir in Europa in absehbarer Zeit ein solidarisches, leistungsfähiges und gerechtes europäisches Asylsystem bekommen.

Der Migrationsbericht erfasst Vorgänge von Juni 2012 bis etwa Mai 2014. Aktuellere Entwicklungen werden nur ausnahmsweise einbezogen.

Er bezieht sich nicht nur auf Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit, sondern auch auf die sog. Personen mit Migrationshintergrund und ihre Lebenslagen.

Wer in Deutschland geboren ist, deutscher Staatsbürger ist, perfekt Deutsch kann, erfolgreich seinen Schulabschluss gemacht hat – und Mehmet heißt, bleibt immer noch massiv am Arbeitsmarkt (und Wohnungsmarkt) diskriminiert.

Ich werde zumindest größere Teile des Berichts lesen und einiges davon hier zur Diskussion stellen. Außerdem interessieren mich immer wieder neue statistische Zahlen.

Es gibt auch eine Kurzfassung des Migrationsberichts 2014. Sie hat 36 Seiten.

 

Kommentare

  1. Integration auf dem Rücken der Kinderrechte:

    http://beschneidung.die-betroffenen.de/blog/Lagebericht-Integration/

  2. Ich glaube doch, dass wir andernorts genug über das Thema geredet haben.
    Kinderrechte können nun mal, zumindest was die ersten Lebensjahre angeht, nur von denen bestimmt werden, die einmal Kinder waren. Und die kommen, wenn sie Juden und Muslime sind, nicht zum Ergebnis, dass ihnen die Beschneidung geschadet hätte oder schaden würde. Im Gegenteil. Körperlich sind die Juden und die Muslime nicht weniger fit als die Nichtbeschnittenen. Sex und Fortpflanzung sind auch nicht eingeschränkt worden. Als gemeinschaftsbildende Tradition seit Jahrtausenden bewährt, hat sich die Beschneidung für Juden und Muslime als Vorteil erwiesen. Wie weit das heute noch gilt, müssen die Gemeinschaften klären, die die Beschneidung praktizieren. Also die Erwachsenen, die einmal Kinder waren und beschnitten worden sind.

    Wenn wir schon von Schaden reden wollen: Der massive Eingriff einer Gesellschaft in die Traditionen einer Religionsgemeinschaft in Form eines Beschneidungsverbots wäre für unser Zusammenleben und den Frieden im Lande schädlich. Denn es würde sich um eine Kriegserklärung gegen die Juden und gegen die Muslime handeln. (Genau dieses Bedürfnis steckt wohl hinter so mancher Forderung nach einem Beschneidungsverbot.)

    Wie gesagt, wir haben genug drüber geredet.

  3. @Korbinian:

    “Integration auf Kosten der Kinderrechte” war die These von Mogis. Das spielt im Gesamtbericht natürlich (sind ja nur Kinder) eine untergeordnete Rolle, die Leo nicht einmal der Erwähnung wert fand.

    Wir haben ja etwas, das sich “Religionsmündigkeit” nennt. Das heisst, jeder kann mit dem Erreichen des 14. Lebensjahres seiner Religion entfliehen – ohne Einverständnis der Eltern. Die (extrem schädliche) frühkindliche Indoktrination lässt sich damit natütlich nicht verhindern. Die führt teilweise zu Traumata, die ein ganzes Leben anhalten. Selbst bei Agnostikern und Atheisten lässt sich das beobachten. Ich habe erschütternde Berichte dazu.

    Fortschrittliche Juden in den USA plädieren dafür, am 8. Tag nach der Geburt nur eine symbolische “Beschneidung” (Piekser!) vorzunehmen und die endliche Entscheidung darüber mit der Bar Mizwa (ca. 14 Jahre) dem Kandidaten selbst zu überlassen. Übrigens: knapp 50% der in Deutschland lebenden männlichen Juden sind unversehrt und nicht verstümmelt (was aber an dem starken Zuzug russischer Juden liegt).

    Der Koran macht keinerlei Aussagen über den Zeitpunkt einer Beschneidung, ja er sagt nicht einmal, dass sie überhaupt sein muss (wie Sie richtig sagen: keine der 5 Säulen). In einer Hadithe (Ort vergessen, ich glaube Abu Bakr) soll aber stehen, dass die Beschneidung bis zum 14. Lebensjahr vollzogen werden sollte. Bei erwachsenen Konvertiten wird überhaupt keine Beschneidung verlangt (Beweis: ich bin vollständig intakt :-) ).

    Man sieht: bei einigem guten Willen lassen sich auch an dieser Stelle (siehe Religionsmündigkeit) Kompromisslinien finden, die mit den Religionen ausgemacht werden können.

    Von einem Religionskrieg zu sprechen, wenn es um die Kinderrechte geht, gehört in die Kategorie der typischen (unsachgemässen) Übertreibungen unseres Blog-Warts.

    Wir verbieten ja auch zurecht, dass Eltern ihre Kinder schlagen dürfen und nehmen spinnerten Sekten, die dies trotzdem tun, schlicht und ergreifend die Kinder weg (siehe die “Zwölf Stämme”). Zu meiner Jugendzeit war das (christlich vorgegebene) Schlagen von Kindern sogar noch in der Schule ïblich. Man sieht, dass sich auch in relativ kurzer Zeit bei gutem Willen Dinge zum Positiven ändern können. Warum sollte das bei den mutwilligen Verstümmelungen nicht irgendwann zu menschenrechtskonformen Regelungen kommen? Ich bleibe da optimistisch.

  4. fantomas007 meint:

    Manchmal bist du echt witzig ,Frank.

    Von welcher dubiosen Verstümmelung redest Du da?

    Ich würde das eher als Tuning bezeichnen. Obwohl ich Agnostiker bin, würde ich meinem Kind, sollte ich eines Tages einen Jungen haben, die Beschneidung dringend raten. Ich wäre sehr enttäuscht, wenn er sich dagegen entscheiden würde. Ich hab nur gute Erfahrungen damit gemacht. Und du weißt, dass ich das sehr gut beurteilen kann, weil ich ziemlich spät beschnitten wurde. Ich hab es nie als Verstümmelung empfunden. Ganz im Gegenteil. Die Pornodarsteller wissen schon, wieso sie sich mehrheitlich für die Beschneidung entscheiden. Und ich würde Dir auch raten, die Aussagen von Frauen im bestimmten Blogs durchzulesen, die sich darüber auslassen. Die Anzahl der Frauen, die sich für einen Unbeschnittenen erwärmen können, nachdem sie das aus eigener Erfahrung beurteilen können und die Wahl hätten, ist verschwindend gering, im Vergleich zu denen, die Beschnittene eindeutig bevorzugen.

    Deswegen muss ich immer wieder schmunzeln, wenn von Verstümmelung die Rede ist. Selbst wenn Du Dich auf den Kopf stellst, werdet ihr in dieser Hinsicht nichts erreichen, weil die Beschnittenen es einfach als Vorteil sehen und selbst wenn sie nicht mehr gläubig sind, diese Praxis nicht aufgeben werden. Und wenn es verboten wäre, würden sie es trotzdem im Ausland machen lassen, mit einem Attest, dass die Vorhaut leider verengt war. Ein Verbot wird nichts bringen, außer einer unnötigen Kriegserklärung an Muslime, Juden und allen die eine Beschneidung als sinnvoll oder vorteilhaft betrachten.

  5. Jakobiner meint:

    Zu Leo Brux:

    Vielleicht für dich als Integrationslehrer eine ganz aktuelle pädagogische Diskussion, wie man Kinder pädagogisch fördert:

    in der Pädagogikfront nun eine neue Wendung: Nachdem die US-Chinesin Amy Chua ihre “Tigermutter”schrieb, die als neues konfuzianisch-drakonisches Erizehungsmodell lobgepreist wurde, bzw. auch empörte Reaktionen hervorrief ( “Verbrennt den Teddybären, wenn das Kind nicht gut in Mathe und Klavierspielen ist”), nachdem der Leiter von Salem zur Rückkehr zu preußischer Disziplin aufforderte, hat nun die kanadische Inderin Shimi Kang das Buch “Das Delphin-Prinzip”geschrieben, das nun innerhalb der Pädagogenszene auch wieder als neues Modell gehypt wird–nämlich der Laizessfaire-Erziehung.So scheinen neuerding asiatisch stämmige Westler die Erziehungsdiskussion zu dominieren-die konfuzianisch-drakonsische Paukschukle ala China versus die mehr liberlae grösste Demokratie der Welt–Indien.Hier noch aus der Buchvorstellung:

    “Ein Muss zum Trendthema: Starke Kinder – ohne Leistungszwang
    Die kanadische Pädagogin Dr. Shimi Kang leistet mit ihrem Buch einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Erziehungsdebatte. Ihr Ziel sind glückliche, neugierige, lebendige, kooperative Kinder, die ganz nebenbei auch sehr erfolgreich sind. Die derzeit oft propagierte Fixierung auf Erfolg und Leistung lehnt sie ab, denn ehrgeizige Tigermütter und neurotische Helikoptereltern schaffen Druck, Angst und Kontrolle – kein Klima, in dem sich Kinder optimal entwickeln können. Dagegen setzt Shimi Kang das Delfin-Modell: Delfine sind intelligent, sozial, voller Lebensfreude und dienen ihr als anschauliches Bild dafür, wie Erziehung heute gelingen kann. Mit vielen Beispielen aus der Praxis und persönlichen Geschichten.”

    Wobei die Sarrazins, CSUler, AfDler, da eher an die konfuzianisch-drakonische Erziehung glauben dürften.

  6. @Fantomas007:

    Ich sehe zu meiner Freude, dass du deinem Sohn die Entscheidung überlassen würdest.

    Alles andere, angebliche Vor- oder Nachteile, haben mit dem Thema nichts zu tun.

    Natürlich gibt es auch Säkulare, die sich beschneiden lassen, warum auch nicht? Ist doch jedermanns eigene Entscheidung.

    Nur das Einverständnis muss da sein.

  7. Jakobiner meint:

    Interessant in diesem Zusammenhang auch die Website des Los Angeles Police Departments (LAPD), das auf die konfuzianische Tradition bei der Erziehung von asiatischen Jugendlichen verweist: Sie begehren nicht gegen Lehrer auf, sie haben gegenüber Vorgesetzten nur Respekt und gute Leistungen und Noten, sie erscheinen völlig integriert und fallen erst dann auf, wenn sie eines Verbrechens überführt werden können.

    “Not all gang members are obvious in their dress or manner. Asian gangs, for example, are not immediately recognizable by their attire. Also, they may not display gang characteristics while in school. They are respectful to staff, do not disrupt activities, do not drop out of school and maintain their grades. In such cases, gang affiliation is often not known until a criminal incident occurs.”

    http://www.lapdonline.org/get_informed/content_basic_view/23472

  8. Liebe Leute,
    ich hab wirklich keine Lust, dass zu jedem vierten Artikel hier über die Beschneidung diskutiert wird. Deshalb lösche ich jetzt die meisten Beiträge dazu.
    Es kann schon sein, dass Beschneidung mal irgendwann wieder als Problem hier aufgegriffen wird; dann können wir unsere Argumente erneut aufwärmen und diesen bescheuerten Kulturkrieg fortsetzen.

    Denn nichts anderes ist das. Die Rede von den Kinderrechten in diesem Zusammenhang ist Unsinn. Man kann nicht alles den Eltern und den Gemeinschaften überlassen, aber man muss schon verdammt starke Argumente haben, wenn man sich als Gesellschaft in sowas einmischt.

    So. Und jetzt Punkt. Alles weitere werde ich löschen.

  9. fantomas007 meint:

    Frank kann es ja nicht lassen. Trotzdem wäre ich dafür, wenn das bereits Geschriebene stehen bleibt.

    Vielleicht schafft es Frank ja in Zukunft einfach darauf zu verzichten. Das kann ja nicht so schwer sein.

  10. Korbinian meint:

    Tjaa… Fantomas, da irrst Du Dich mal wieder. Hab mir gerade die erste Seite die von google verlinkt wurde angeschaut. Und die Meinungen sind nicht eindeutig sondern eher 50 / 50 . Ein letztes dazu, Thema ist durch.

  11. Hier sind ALLE GRÜNDE, warum die Deutschen Angst vor Ausländern haben sollten…….
    http://www.huffingtonpost.de/2014/11/05/angst-vor-auslaendern-gruende_n_6105240.html

  12. Ein blog aus der faz. http://blogs.faz.net/10vor8/2014/11/05/wenn-ich-koennte-wuerde-ich-wie-tim-bendzko-schnell-mal-die-welt-retten-2818/

    Christen die flüchten, Yesiden, die im Gebirge festsitzen, Kurden die kämpfen und Muslime, die sich verzweifelt dagegen wehren, dass sie nicht über einen Kamm mit dem sogenannten Islamischen Staat geschoren werden. Dabei haben sie weder einen Staat, geschweige denn haben sie etwas mit dem Islam zu tun. „Wieso? Der Muslim ist doch ein Islamist. Oder nicht?“ wurde ich letztens gefragt. Ja, Differenzierung ist etwas, was in unserer hektischen, schnelllebigen Zeit gerne mal hinten rüber fällt. Hey, aber was soll’s? Morgen ist die Schlagzeile vergessen, der nächste Skandal wartet schon. Und die Netz-Meute wartet schon darauf, ohne Filter und ohne Verstand, dafür aber mit ihren armseligen Namen, wie Billo72, BumBumKnall, ihre Meinung kund zu tun. Ja, wir brauchen Schubladen, um uns selbst in Sicherheit zu wiegen. Schwarz-Weiß-Denken. Klare Einteilung, klare Kante. Aber wieso muss ich überhaupt wissen, ob es nun ein Christ, ein Muslim, ein Syrer, ein Iraker oder ein sonst was ist? Sind die knapp 10 Millionen, die gerade auf der Flucht sind, nicht einfach nur Menschen? Und zwar Menschen, die ihr Land nicht verlassen wollten, sondern mussten! Menschen, die sich in ihrer Heimat ein Leben aufgebaut hatten, eine Zukunft, die Träume für ihre Kinder hatten, und die nun mit Nichts auf der Flucht sind. Menschen, die Dinge erlebt haben, bei denen wir selbst im Kino die Augen verschließen würden. Männer, die mit ansehen mussten, wie ihre Frauen und Kinder vergewaltigt wurden, Kinder, die mit ansehen mussten, wie ihre Väter hingerichtet wurden. Und wir? Ja wir sehen die Bilder im Fernsehen. Täglich. Aber wirklich vorstellen können und wollen wir es uns nicht. Wie soll ein Mensch das auch ertragen? Wir verschließen verständlicherweise unsere Augen, aber unsere Fähigkeit zur Empathie dürfen wir nicht verschließen. Ach ja, „das haben die sich doch selber eingebrockt, die mit ihrer Religion.“ Mein Gott, dann glauben sie wahrscheinlich auch noch an den Weihnachtsmann.

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