Migrationsbericht 2014 – Teil 2: Statistik

migrationDer Migrationsbericht beschäftigt sich nicht nur mit den aktuellen Einwanderern oder denen, die direkte Migrationserfahrung hinter sich haben, sondern auch mit deren direkten Nachkommen, der zweiten Generation.

Er soll deshalb nächstes Jahr einen neuen Namen bekommen.

Zunächst die Zahlen für die Personen mit Migrationshintergrund:

Einwohner insgesamt: PLUS

  • 2010: 81,7 Millionen
  • 2011: 81,8 Millionen
  • 2012: 81,9 Millionen

Davon ohne Migrationshintergrund: MINUS

  • 2010: 66,0 Millionen
  • 2011: 65,8 Millionen
  • 2012: 65,6 Millionen

Mit Migrationshintergrund: PLUS

  • 2010: 15,7 Millionen = 19,3%
  • 2011: 16,0 Millionen = 19,5%
  • 2012: 16,3 Millionen = 20,0%

Mit direkter Migrationserfahrung: PLUS

  • 2010: 10,6 Millionen = 13,0%
  • 2011: 10,7 Millionen = 13,1%
  • 2012: 10,9 Millionen = 13,3%

Das sind zwei Drittel der Einwohner mit Migrationserfahrung. Ein Drittel ist also bereits in Deutschland geboren.

Unter den 20% mit Migrationshintergrund haben

  • 11% einen deutschen Pass,
  • 9% keinen.

Herkunft der Einwohner mit Migrationshintergrund:

  • Türkei 3,00 Millionen = 18,3%
  • Polen 1,54 Millionen = 9,4%
  • Russland 1,21 Millionen = 7,4% (fast alles Aussiedler)
  • Kasachstan 0,92 Millionen = 5,6% (fast alles Aussiedler)
  • Italien 0,76 Millionen = 4,6%
  • Rumänien 0,53 Millionen = 3,9%
  • Griechenland 0,40 Millionen = 2,4%
  • Kroatien 0,37 Millionen = 2,3%
  • Serbien 0,30 Millionen = 1,8%
  • Ukraine 0,27 Millionen = 1,6%

Anteil unter den Einwohnern mit Migrationshintergrund:

  • Kinder: 35,5%
  • über 65: 9,2%

Damit ist diese Bevölkerungsgruppe erheblich jünger als die Gesamtbevölkerung und mildert etwas die zunehmende Überalterung der Gesellschaft.

Die Migranten sind im Durchschnitt 35,5 Jahre alt, die ohne Migrationshintergrund hingegen 46,4 Jahre.

Männer (50,4 %) und Frauen (49,6 %) sind fast gleich stark vertreten. Der leichte Männerüberhang liegt an den Griechen, Italienern, Afrikanern und Türken. Die Einwanderer aus dem Osten sind hingegen etwas häufiger Frauen.

2,3 Millionen der Einwohner mit Migrationshintergrund haben die deutsche Staatsbürgerschaft durch Einbürgerung erworben. 2013 waren es 112.000; 25% davon waren Türken.

Es gibt in Deutschland etwa 8 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern.

Von diesen leben

  • 70,7% als Ehepartner (Tendenz abnehmend)
  • 9,4% in Lebenspartnerschaft (Tendenz zunehmend)
  • 19,9% alleinerziehend (Tendenz zunehmend)

Die Prozentzahlen unter den 2,4 Millionen Familien mit Migrationshintergrund lauten:

  • 79,1% als Ehepartner (Tendenz abnehmend)
  • 6,1% in Lebenspartnerschaft (Tendenz zunehmend)
  • 14,8% alleinerziehend (Tendenz zunehmend)

Das ist also etwas traditionaler als in der Gesamtbevölkerung, man nähert sich aber an.

Wer heiratet wen?

13,5% der Eheschließungen im Jahre 2012 waren “binational”. Dies bezieht sich aber nur auf diejenigen unter den Migrationshintergründlern, die als Ausländer erfasst worden sind; die größere Hälfte, die bereits einen deutschen Pass hat, fällt nicht unter den Begriff “binational”.

Bezieht man die deutschen Staatsbürger mit Migrationshintergrund ein und schaut man sich die Zahlen der Verheirateten unter ihnen an, so leben etwas über 20% in ehelicher Gemeinschaft mit einer Person, die keinen Migrationshintergrund hat.

Bei Deutschen ohne Migrationshintergrund fällt das Heiratsverhalten nur geringfügig heterogen aus. Lediglich 4,7 % der Deutschen ohne Migrationshintergrund haben eine Person mit Migrationshintergrund geheiratet.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass 95,3 % Personen ohne Migrationshintergrund untereinander geheiratet haben. Bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrundbeträgt dieser Anteil 74,7 %.

Obwohl in beiden Bevölkerungsteilen vorrangig aus dem gleichen Migrationsstatus geheiratet wird, zeigt sich bei Personen mit Migrationshintergrund eine größere Offenheit, eine „interethnische“ Ehe einzugehen, d.h. eine Person ohne Migrationshintergrund zu heiraten.

Nicht selten wird die interethnische Trauung als Gradmesser für Integration gewertet, womit die Integrationsleistung der Personen mit Migrationshintergrund hervorgehoben wird.

Zur sozialen Lage:

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60% des mittleren Einkommens hat.

Das sind 2012 immerhin 26,8% der Einwohner mit Migrationshintergrund, aber nur 12,3% der Einwohner ohne.

Paare mit drei und mehr Kindern zum Beispiel sind deutlich stärker von Armut bedroht – und die finden sich häufiger unter den Migranten.

52,5% der Alleinerziehenden mit Migrationshintergrund gehören zur Gruppe der Armutsgefährdeten. (Bei denen ohne Migrationshintergrund: 35,6%)

Bei Paaren mit 1 Kind ist der Unterschied krass: 26,1% gegen 7,4%.

Der Bildungsstand hat kaum Auswirkung auf die Armutsgefährdungsquote.

Der Unterschied zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund wird auch mit einer höheren Bildung nicht geringer.

Die Armutsgefährdungsquote bei Personen mit Migrationshintergrund bleibt auch dann hoch, wenn sie das Abitur haben. Die Quote liegt mit 20,1 % mehr als doppelt so hoch als bei Personen ohne Migrationshintergrund und Abitur. Hier beträgt der Wert 8,9 %.

Auffallend ist, dass über alle Alterskohorten hinweg die Armutsgefährdungsquote bei Personen mit Migrationshintergrund und Abitur (20,1 %) deutlich höher ist als bei Personen ohne Migrationshintergrund und Hauptschulabschluss (14,9 %). Das auffallend hohe Ungleichgewicht ist mitunter auf den Zugang zum Arbeitsmarkt sowie den Unterschieden in den Einkommen zurückzuführen.

Personen mit Migrationshintergrund sind fast doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen als Personen ohne Migrationshintergrund.

Die Beauftragte spricht sich für eine genaue Analyse der Diskrepanzen in der  Armutsgefährdung aus, um die Faktoren für das Ungleichgewicht benennen und diesen entgegenwirken zu können.

Wanderungsgewinne

  • 2012: + 369.000
  • 2013: + 437.000

2012 kamen

  • 77,5% aus Europa
  • 22,5% von außerhalb Europas

Der Wanderungsgewinn ist besonders hoch mit Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Dahinter kommen die Südstaaten in der Krise: Griechenland, Italien, Spanien, Portugal.

Mit der Türkei gibt es bisher einen leichten Wanderungsverlust.

Im Vergleich mit den anderen OECD-Staaten ist der Wanderungsgewinn Deutschlands nicht besonders hoch.

Zu den wichtigsten Gründen für die Zuwanderung nach Deutschland zählt die
OECD die Freizügigkeit innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums, den
Familiennachzug und mit geringem Abstand dazu den humanitär begründeten
Zuzug.

Zusätzlich stellen die Arbeitskräftenachfrage im Inland und der zeitlich begrenzte Zuzug von Studierenden aus dem Ausland weitere Gründe für das Zuwanderungsaufkommen in Deutschland dar.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) sieht in der hohen Wanderungsfluktuation im innereuropäischen Raum eher den temporären Charakter der Zuwanderung als die dauerhafte Verlagerung des Wohnsitzes nach  Deutschland bestätigt.

Perspektive des Begriffs Migrationshintergrund

Die Bevölkerungsstruktur in Deutschland ist vielfältig. Zu- und Abwanderung verstärken die Heterogenität der Gesellschaft.

Wanderungsbewegungen und die damit verbundene Veränderung der Gesellschaftsstruktur gehören zu weltoffenen Einwanderungsgesellschaften dazu.

Die Ausdifferenzierung in der statistischen Erfassung wird zwar der heterogenen Bevölkerungsstruktur gerecht.

Die Beauftragte weist aber auch darauf hin, dass die Reichweite des Migrationshintergrunds thematisiert werden sollte.

Denn ein zugeschriebener Migrationshintergrund kann eine positive Zugehörigkeitsentwicklung zu Deutschland verhindern.

Daher geht es auch um die Frage, bis in welche Generation der Migrationshintergrund hineinreichen sollte und ab wann eine Unterscheidung der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund nicht mehr sinnvoll erscheint.

Die Beauftragte regt an, im Zusammenhang mit der Neufassung des Mikrozensusgesetzes sich diesen Fragen anzunehmen.

Der Migrationshintergrund ist längst nicht mehr ausschließlich als ein statistisches Merkmal zu sehen.

In öffentlichen Debatten, aber auch in wissenschaftlichen Studien, wird diese Kategorie verwendet.

Nicht selten dient der Migrationshintergrund dabei als Schlagwort zur Beschreibung von Defiziten.

Eine Auseinandersetzung um Zugehörigkeit und Zusammenhalt kann nicht auf statistische Kriterien reduziert werden.

Hier ist auch die Migrations- und Integrationsforschung gefordert, vor allem mithilfe von qualitativer Forschung Konzepte und Ansätze für ein gelingendes Miteinander zu entwickeln.

Ein weiteres Resümee entnehme ich der Einleitung zum Migrationsbericht:

Heute leben über 16 Mio. Menschen mit einem Migrationshintergrund in Deutschland. Das ist jede fünfte Person.

Das statistische Merkmal des „Migrationshintergrundes“ beschreibt eine Gruppe, die sich aus so individuellen Menschen zusammensetzt wie unsere offene Gesellschaft insgesamt:

Sie sind entweder selbst nach Deutschland eingewandert oder hier geboren.

Sie sind deutsche Staatsbürger, Ausländerinnen und Ausländer oder besitzen mehrere Staatsbürgerschaften.

Diese Vielfalt ist eine Bereicherung für unser Land. Es ist gut, dass sich in den letzten Jahren der fast ausschließlich defizitorientierte Diskurs über Menschen mit „Migrationshintergrund“ gewandelt hat.

Heute bestreitet niemand ernsthaft, dass wir ein buntes und vielfältiges Land sind und dass wir für ein gutes Miteinander gleiche Teilhabechancen für alle Menschen in unserem Land brauchen.

Der Umgang mit der Vielfalt in einer offenen Gesellschaft ist nicht immer einfach und ist kein Selbstläufer.

Das hat Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Einbürgerungsfeier am 22.05.2014 im Schloss Bellevue eindrucksvoll beschrieben:

„Einwanderung wurde zuerst ignoriert, später abgelehnt, noch später
ertragen und geduldet, und schließlich als Chance erkannt und bejaht.

Und in diesem Stadium befinden wir uns heute. Heute weiß ich: Wir verlieren uns nicht, wenn wir Vielfalt akzeptieren. Wir wollen dieses vielfältige ‚Wir‘.

Wir wollen es nicht besorgnisbrütend fürchten. Wir wollen es zukunftsorientiert und zukunftsgewiss bejahen.“

Einige Zeilen weiter:

Wir sind ein beliebtes Land, auch für Einwandererinnen und Einwanderer.

So lag 2013 der Wanderungsgewinn Deutschlands bei über 437.000 Menschen.

Damit ist Deutschland nach den USA das zweitbeliebteste Land unter den in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) organisierten Nationen.

Das hat sicher mit der Attraktivität unseres starken Wirtschaftsstandort es zu tun.

Hinzu kommtaber eine erfreuliche und helfende Grundeinstellung in der Bevölkerung gegenüber Einwandererinnen und Einwanderern und insbesondere auch gegenüber Flüchtlingen.

Migrationsbericht 2014 – Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6 - Fortsetzung folgt

 

Kommentare

  1. Die Statistik hat einen kleinen Fehler. Deutschland hat aktuell 81,9 Millionen Einwohner; die 16,5 Millionen Einwohner mit Migrationshintergrund machen dann 20% aus. Aber das ist nur eine Marginalie ohne große Bedeutung.

    Dass Thüringen nur 4,1% Einwohner mit Migrationsgeschichte hat, ist tatsächlich erstaunlich. Die dortigen Neonazis werden wohl glauben, dass das auch an ihnen liegt.

    In München sind es 40%! Wer wagt zu behaupten, das sei schlecht für die Stadt?

  2. Liegt wohl auch daran, dass Thüringen Deutschlands Billiglohnregion ist. Die jungen Leute wandern alle ab, weil es hier keine oder kaum gutbezahlte Arbeit gibt. Und warum sollen denn die Leute hierherkommen, wenn sie hier kein Geld verdienen können? Das betrifft Ur-Deutsche genauso wie Migranten und Leute mit Migrationshintergrund.
    Obwohl.. hier in unserer Ecke von Schleiz sind ne Menge Nicht-Ur-Deutsche zugegen, aus aller Herren Länder.

  3. gefunden in der FAZ:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/rechtsextremismus-studie-44-prozent-der-deutschen-sehen-asylbewerber-negativ-13276567.html

    Rechtsextremismus-Studie 44 Prozent der Deutschen sehen Asylbewerber negativ

    Fast die Hälfte der Deutschen hat eine negative Einstellung zu Asylbewerbern, zeigt eine neue Studie zu Rechtsextremismus. Besonders Anhänger der AfD neigen demnach rechtsextremen Argumentationsmustern zu.

  4. Danke für den Link. Der Artikel hat viele wichtige Zahlen und Einschätzungen. Zum Beispiel:

    Zick sagte, es gebe einen rabiaten „marktförmigen Extremismus“ in Deutschland, der ausgeprägtem Effizienzdenken folge. Menschen, die nicht so viel für die Gesellschaft leisteten, sondern eher Kosten verursachten, stießen in dieser Denkweise auf Ablehnung. Besonders verbreitet sei ein solcher Fokus auf Wettbewerb und die Vormacht des Stärkeren unter Anhängern der eurokritischen Partei AfD, denen auch ein „überdurchschnittliches Ausmaß“ an chauvinistischen und ausländerfeindlichen Denkweisen nachgewiesen wird. Außerdem würden Mitglieder dieser Gruppe signifikant oft Aussagen zustimmen, die den Nationalsozialismus verharmlosen.

    Auch anderen Gruppen gegenüber – wie Muslimen oder Sinti und Roma – gibt es laut Studie verbreitete Vorbehalte in Deutschland. Etwa 38 Prozent der Bevölkerung meinen, Sinti und Roma neigten zu Kriminalität. Fast 20 Prozent finden, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden.

    Was die 44% angeht, die Flüchtlinge negativ sehen, bin ich nicht unzufrieden: Es ist keine Mehrheit.

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