Migrationsbericht 2014 – Teil 4: Integrationskurse (2) – Lehrkräfte

migrationWürde man Grundschüler, Realschüler, Gymnasiasten durch Lehrkräfte unterrichten lassen, die eigentlich nur theoretisch (an der Uni) ausgebildet worden sind, denen aber eine vorbereitende Praxis fehlt?

Wäre es nicht sehr viel billiger, allen Schulunterricht mit Honorarkräften und bei  freiberuflichen Beschäftigungsverhältnissen durchzuführen?

Bei den Integrationskursen meint man sich das leisten zu können.

Die Migrationsbeauftragte stellt im Migrationsbericht 2014 die Kritik daran in den Vordergrund und nimmt Partei für die Lehrkräfte.

21.000 Dozentinnen und Dozenten sind zugelassen.

Sie arbeiten als Honorarkräfte – also selbstständig und “präkär” – bei einem Vergütungsdurchschnitt von 20,20 Euro / Unterrichtsstunde brutto im Jahr 2013.

 Sie arbeiten vielfach ohne Kündigungsschutz, ohne Ansprüche auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und in den Ferien und tragen in der Regel ihre Sozialabgaben (Renten-, Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung) zu 100 % selbst.

Die GEW fordert daher, feste Stellen für die Lehrkräfte in Integrationskursen einzurichten und einen Mindestanteil an festen Stellen bei den jeweiligen Kursträgern festzulegen.

Zudem sollten die Lehrkräfte wie im Öffentlichen Dienst bezahlt werden und an dessen Tarifentwicklung angekoppelt werden.

Solange es die Honorartätigkeit noch gebe, müsse ein Mindesthonorar von 30 € pro Unterrichtseinheit (UE) bezahlt und eine Mindeststundengarantie gewährt werden.

Darin enthalten sein sollten anteilige Zahlungen für Renten- und Krankenversicherung sowie Urlaub und eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Auch im Bundestag vertretene Parteien haben auf die vielfach prekäre Situation von Honorarkräften in Integrationskursen aufmerksam gemacht und eine Erhöhung der Bezahlung auf 26 bzw. 30 €/UE sowie eine größere Beschäftigungssicherheit gefordert.

Zudem treten auch die Lehrkräfte selbst und ihre Netzwerke immer wieder für eine Verbesserung ihrer Lage ein.

Mit der VHS Osnabrück hat auch ein Kursträger in einem offenen Brief vom Mai 2013 „an die auf Bundesebene Verantwortlichen (…) appelliert, (…) den Trägern von Integrationskursen ausreichend Mittel zur Verfügung zu stellen, um ihre Kursleitenden angemessen entlohnen zu können“.

Als direkt Betroffener möchte ich der Migrationsbeauftragten danken für diese klare Stellungnahme.

Danken für den Hinweis, dass die Honorare nachwievor unbefriedigend sind.

Nach Erkenntnissen der Beauftragten haben diese Erhöhungen bislang nicht zu einer grundlegenden Verbesserung der Situation der Lehrkräfte geführt.

Dies entspricht den Erfahrungen mit den Erhöhungen des Kostenerstattungssatzes seit Einführung der Integrationskurse (2005: 2,05 €, 2007: 2,35 €, 2011: 2,54 € und 2013: 2,94 €). Wie bereits das 2009 im Auftrag des BMI erstellte Gutachten zum Finanzierungssystem der Integrationskurse gezeigt hat, werden die zusätzlichen Mittel offenbar von den Kursträgern nur „zu einem geringem Teil zur Verbesserung der Lehrkräftevergütung“ verwendet.

Deshalb begrüßt die Beauftragte, dass der Koalitionsvertrag im Rahmen einer weiteren qualitativen Verbesserung der Integrationskurse auch eine „angemessene Honorierung der Lehrkräfte“ vorsieht.

Dies erscheint auch vor dem Hintergrund erforderlich, dass sich ein Lehrkräftemangel in den Integrationskursen abzeichnet.

Gut qualifizierte und engagierte Lehrkräfte sind die Voraussetzung für den Erfolg der Integrationskurse.

Die Beauftragte wird sich deshalb auch in dieser Legislaturperiode dafür einsetzen, dass die Rahmenbedingungen für eine qualitativ hochwertige Kursdurchführung weiter verbessert werden.

Sie regt an, die Vergütungsgrenze für Honorarlehrkräfte im Rahmen des Trägerzulassungsverfahrens sukzessiv zu erhöhen.

Zudem sollte die Nichterfüllung der Vergütungsgrenze zum Ausschluss des Kursträgers von weiteren Integrationskursen führen.

Bislang führt eine solche Nichterfüllung lediglich zu einer einjährigen Trägerzulassung, die aber unbegrenzt wiederholbar ist.

Parallel dazu müssten die Kursträger durch ausreichende Finanzierung ihrer Aufwendungen, die nicht zuletzt durch die vielfältigen administrativen und qualitativen Anforderungen seitens des BAMF begründet sind, in die Lage versetzt werden, die höhere Vergütungsgrenze zu erfüllen.

Schließlich sollte aus Sicht der Beauftragten geprüft werden, inwieweit durch eine Ergänzung der Kriterien im Trägerzulassungsverfahren die Beschäftigungssicherheit der Lehrkräfte verbessert werden könnte.

Um einen Umsetzungsvorschlag zu erarbeiten, der u.a. die komplexen vergabe-, wettbewerbs- und arbeitsrechtlichen Aspekte bei diesem Thema angemessen berücksichtigt, schlägt die Beauftragte die Einrichtung einer Expertenrunde vor.

PS: Die InitiativGruppe – mein Träger und Arbeitgeber – zahlt 23 Euro pro UE. Trotz der hohen Mieten speziell in München.

Die Münchner Volkshochschule als größter Träger in der Stadt setzt zustäzlich städtische Mittel ein, um den Lehrkräften ein höheres Honorar zahlen zu können.

Migrationsbericht 2014 – Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6 - Fortsetzung folgt

 

Zugabe:

Eine heftige Attacke gegen die Integrationskurse und gegen die Volkshochschulen als größtem Träger unter dem Gesichtspunkt der Interessen der Lehrkräfte reitet Georg Niedermüller (im MiGAZIN).

Vielleicht sollte man die Integrationskurse ganz abschaffen.

Niedermüller zeigt dies anhand der Volkshochschulen, dem größten Träger für Integrationskurse.

Damit Nichteingeweihte es besser verstehen, hier eine Erläuterung:

Praktisch sind die Arbeitsverhältnisse für die Kurslehrkräfte frühkapitalistisch konzipiert: Der Arbeitgeber (offiziell: der Träger) kann Lehrkräfte anheuern und rausschmeißen, wann und wie er will. Er kann ihnen Vorschriften machen, ohne dass sie sich wehren können – außer, indem sie gehen.

Denn für den Staat sind wir freiberuflichen Lehrkräfte Unternehmer! (Das ist kein Witz. Das sagen die Staatsvertreter wirklich.)

Die Lehrkräfte eines Sprachkursträgers sind insofern nicht Beschäftigte des Trägers, sie sind keine Mitarbeiter der Schule, sie gehören rechtlich nicht zur Schule – so wenig, wie der Elektriker, den die Schule anheuert, um irgendwelche Leitungen zu reparieren oder neue Lampen anzubringen.

Man hat also Lehrer und Lehrerinnen in dieser Schule, die kein Kollegium bilden können und die offiziell nicht zu dieser Schule gehören. Die alle nur einzeln auftreten, ihren Vertrag und ihre Weisungen entgegennehmen, ihren Unterricht ableisten und dann nach Hause gehen. Wie der Elektriker auch. Nur, dass man dem Elektiker nicht vorschreibt, nach welchem Buch er vorzugehen hat, für welche Prüfung er vorzubereiten hat, in welchem genauen Zeitraum er zu kommen hat, und was sonst noch für den Unterrichtsbetrieb einer Schule nötig ist.

Ein systematischer Kursbetrieb ohne Weisungen an die Lehrkräfte ist kaum möglich. Damit sind Lehrkräfte eines Schul- oder Kurssystems aber eben keine freien Unternehmer, sondern eigentlich abhängig Beschäftigte.

Sie müssten also angestellt werden.

Das aber würde den Staat mehr Geld kosten.

Der Geldgeber, das BAMF, tut darum so, als seien die Lehrkräfte freie, unabhängige Unternehmer, und er hätte er mit ihnen nichts zu tun; er sorgt dafür, dass sie keine sozialrechtliche Absicherung und ein nur mäßiges Honorar bekommen können, um Geld zu sparen.

Der Verantwortliche stiehlt sich aus der Verantwortung. Der Staat agiert hier als asozialer Arbeitgeber.

Dass dies auch Folgen für die Qualität des Unterrichts und für die Teilnehmer hat, kann man sich ausrechnen.

Kommentare

  1. …genau aus diesem Grund sind wohl die Lehrer im Integrationskurs meines Mannes auch schon in einem Alter, in welchem sie nur noch ihre Rente aufbessern…
    Ganz ehrlich: die drei Lehrer sind echt schon Rentner. Mein Mann ist aber hell begeistert. Das Lernen hier ist aber auch eher nicht so anstrengend, da hier in unserer Gegend die Ausländer eher dünn gesät sind und in der Klasse gerade mal 8 Schüler sind.

  2. Ja ja, wir Alten, wir machen das schon gut. Wir haben viel Erfahrung und die Ruhe des Alters.

    Warum kriegen nur die Bänkster satte Boni, warum nicht wir Lehrer-Gruftis einen Erfahrungsbonus? Etwa in der Größenordnung der Bänkster-Boni vielleicht? Im Gegensatz zu den Bänksters arbeiten wir konstruktiv und richten keinen Schaden an.

    (Diese Boni sollen heute noch höher sein als vor dem Crash!)

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