Hamburg. Zahl der Muslime grotesk überschätzt.

statistik15 Millionen Muslime in Deutschland?

Aus der Studie “Hamburg postmigrantisch” erreicht uns diese Information:

Das subjektive Bedrohungsgefühl geht besonders mit der erheblichen Überschätzung des Anteils der Muslime an der deutschen Bevölkerung einher.

Dieser liegt real bei ca. 4 Millionen, also etwa 5 Prozent.

Allerdings überschätzen 70 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger die Zahl der Muslime in Deutschland.

Jeder zweite sogar sehr deutlich: So überschätzen 23,3 Prozent der Befragten den Anteil mit Schätzwerten zwischen 11 Prozent bis 20 Prozent stark und 26,1 Prozent überschätzen diesen mit Werten von über 20 Prozent sehr stark.

Die Statistik bezieht sich nur auf Hamburg. Ich nehme an, wir dürfen sie für Deutschland nehmen.

Nur etwa 8% der Befragten wissen einigermaßen Bescheid und kommen in die Nähe (4-6%). 10% unterschätzen ihn. 22% überschätzen ihn leicht auf 6-10%.

Aber die Hälfte der Deutschen glaubt, bei uns würden 10 Millionen oder sogar noch mehr Muslime leben – ein Viertel meint, es seien 15-20 Millionen und mehr.

Das ist psychologisch faszinierend.

Eine Minderheit, der die Aufmerksamkeit der Mehrheit gehört, wird wohl immer in ihrer Zahl und in ihrem Einfluss massiv überschätzt.

Ich frage bei Gelegenheit gern, wie viele Juden bis 1933 in Deutschland gelebt haben, bei einer Einwohnerzahl von rund 60 Millionen. Außer den wenigen, die der realen Zahl – 550.000 – schon mal direkt begegnet sind, überschätzen sie alle ausnahmslos. Man hört dann: 3 oder 5 Millionen, 10 Millionen, sogar 20 Millionen hab ich schon gehört.

(Anmerkung: Ich nehme an, dass ein Teil der Befragten kaum ein Verhältnis zu großen Zahlen bzw. zu statistischen Zahlen hat. So jemand wählt dann naiv hohe Zahlen und Prozentsätze, um damit sein Gefühl auszudrücken: Es sind soo viele! Zuu viele!)

>>> hier gibt es die Studie “Hamburg postmigrantisch auf PDF.

Weitere Ergebnisse:

Ermutigend – aus der selben Umfrage:

Positive Signale finden sich auch in Zustimmungswerten von 65,5 Prozent zu der Aussage „Wir sollten Muslimen mehr Anerkennung entgegenbringen.“

Darüber hinaus nehmen 58,7 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger den Islam als eine kulturelle Bereicherung war.

Andererseits:

Dennoch gibt es bei 34,9 Prozent der Befragten Vorbehalte, das eigene Kind in eine Schule zu schicken, in der jeder vierte Schüler muslimisch ist.

Und 20,9 Prozent der Hamburger nehmen Muslime als soziale Belastung wahr.

Etwas mehr als jede vierte Person in Hamburg stimmt zudem der Aussage zu „Muslime in Deutschland bedrohen viele Dinge, die ich in dieser Gesellschaft für gut und richtig halte“. Als bedroht erachten die Befragten Werte wie das soziale Miteinander, Sicherheit und Ordnung oder Religions- und Glaubensfreiheit.

Gegen eine Einschränkung des Baus öffentlich sichtbarer Moscheen wenden sich 62,6% – 35,3% wären für eine solche Einschränkung.

Für Religionsunterricht auch für Muslime sprechen sich 53,2% aus.

Sollte eine muslimische Lehrerin das Recht haben, im Schulunterricht ein Kopftuch zu tragen? – 43,9% sagen ja, 52,7% sagen nein.

Und 60,7% lehnen den Vorwurf ab, Muslime würden in Deutschland viele Dinge, die man für gut und richtig halte, bedrohen.

71,9% verneinen die Aussage, die in Deutschland lebenden Muslime würden das soziale Netz belasten.

“Wie würden Sie Ihr Wissen über Muslime einschätzen?” – knapp 40% meinen, viel oder sogar sehr viel zu wissen, knapp 60% sind bescheidener und geben zu, nur wenig oder sehr wenig zu wissen.

Zusammenfassend:

Man kann also zumindest für Hamburg nicht sagen, dass es eine muslimfeindliche Mehrheit gebe – die Islamfeinde sind nicht “das Volk”; allerdings ist diese Minderheit zahlenmäßig beträchtlich.

Insgesamt zeigt sich Hamburg seiner kulturellen und religiösen Vielfalt gegenüber aufgeschlossen.

Das ist vor allem interessant, da die Hansestadt zugleich eine starke Säkularisierung auf Individualebene erlebt.

Es lässt sich aber auch eine stabile Größe der Abwehr (ca. 30 %) gegenüber der weit vorangeschrittenen Diversifizierung der Stadt messen.

Diesem Anteil an der Bevölkerung kann eine tendenzielle Neigung zu rechtspopulistischen Themen zugeschrieben werden.

Entsprechend muss diese Abwehr gegenüber religiösen Minderheiten Grund zur Besorgnis geben und von Politik und Zivilgesellschaft stärker beobachtet und thematisiert werden.

Städtische und kommunale Programme der politischen Bildungsarbeit sollten auch jene in die postmigrantische Gesellschaft einzubinden versuchen, die sich derzeit von ihr abwenden.

Die Abwehr geschieht teilweise aus Unwissen, aus Angst, aus Verunsicherung hin aber auch aus rassistisch motivierten Gründen.

Die Politik muss hier passgenaue Programme für die unterschiedlichen Motivlagen entwickeln.

Noch ein Fazit, an anderer Stelle der Studie:

Das Image Hamburgs – sowohl in der Selbst- als auch in der Außenwahrnehmung – als multikulturelle, multi-ethnische, multi-religiöse und multi-nationale Stadt ist offenbar so stark verankert, dass damit eine gewisse Gelassenheit gegenüber diesem Themensetting einhergeht.

Es besteht ein solides Fundament der Toleranz gegenüber Pluralität.

Auf Grundlage dieser starken demokratischen Kultur erleben die meisten Hamburgerinnen und Hamburger Diversität – darunter die muslimische Kultur – als Bereicherung, befürworten Anerkennung gegenüber unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen – so auch Musliminnen und Muslimen –, und begrüßen den Kontakt zu Menschen mit anderen kulturell-religiösen Herkunftsgeschichten – etwa muslimische Mitschülerinnen und Mitschüler an den Schulen ihrer Kinder.

Abermals mag sich hier die Geschichte der Hafenstadt niederschlagen, die über Seefahrt, Handel und Einwanderung seit langem mit Migration im Stadtbild konfrontiert war und von dieser stets ökonomisch, aber auch kulturell profitierte.

Gleichzeitig ist Hamburg von einer langen Tradition der Auswanderung geprägt, was sich in Empathie gegenüber Menschen, die ebenfalls auswandern mussten, auszudrücken scheint.

Auch Kontakte zwischen muslimischer und nicht-muslimischer Bevölkerung sind in vielen Stadtteilen seit langem Teil des postmigrantischen Alltags und stellen einen positiven Einflussfaktor für den Abbau von Stereotypen dar.

Statistik zu Hamburg:

1,8 Millionen Einwohner

knapp 500.000 = 28% mit Migrationshintergrund (München: 40%)

davon kommen 62% aus einen europäischen Land (10% aus Polen), 19% aus der Türkei, 14% aus der ehem. Sowjetunion.

34% der Hamburger sind Mitglied der evangelischen Kirche, 10% der katholischen.

Die Anzahl der Musliminnen und Muslime in Hamburg kann nur geschätzt werden,
da sie amtlich nicht erhoben wird.

Laut der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ machen Hamburger Musliminnen und Muslime ca. 3,5 % der muslimischen Menschen in Deutschland aus (Haug et al. 2009).

Die BASFI schätzt die Anzahl der Musliminnen und Muslime in Hamburg auf ca. 130.000, was ca. 8 % der Hamburger Gesamtbevölkerung bedeuten würde (BASFI 2013).

Die alevitische Gemeinde Hamburg umfasst je nach Schätzungen zwischen 30- und 50.000 Personen (OSI 2010b: 35).

Salafisten?

Das aktuelle Personenpotenzial der salafistischen Szene in Hamburg wird vom Verfassungsschutz auf ca. 240 Personen geschätzt, ca. 70 werden als jihadistisch eingestuft.

Ca. 25 Personen salafistischer Prägung verließen 2013 die Hansestadt aus politisch-religiösen Gründen in Richtung Syrien (Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg 2014: 31f, 46).

Das islamistische Personenpotenzial in Hamburg wird mit ca. 2225 Personen angegeben (Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg 2014: 32f.).

Es setzt sich aus 230 als gewaltorientiert und 1995 als nicht-gewaltorientiert eingestuften Personen zusammen.

Das Spektrum der nicht-gewaltorientierten Personen setzt sich aktuell aus den Organisationen „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG), „Islamisches Zentrum Hamburg e. V.“ (IZH) und „Tablighi Jama’at“ (TJ) zusammen.

An der Listung der IGMG wurde in den vergangenen Jahren immer wieder Kritik geübt, u.a. betraf diese die Kategorisierung der Bewegung im Graubereich des legalistischen Islamismus sowie die Auswertung des angeführten Beweismaterials (Schiffauer 2006, 2010: 267ff., 2014). Im April 2014 hat der Verfassungsschutz Hamburg die Beobachtung der IGMG eingestellt.

Kommentare

  1. Leo, wieder mal ein sehr interessanter Beitrag! Eine kleine Anmerkung zu den Zahlen hätte ich dann doch: Die Einwohnerzahl Deutschlands wird 1933 so um 80 Millionen betragen haben und keinesfalls 60 Millionen. Bei der Volkszählung 1939 waren es 90 Millionen, inklusive der Österreicher ;-)
    Der gefühlte (überhöhte) prozentuelle Anteil von Minderheiten war dadurch allerdings noch unbegreiflicher?

  2. “Aber die Hälfte der Deutschen glaubt, bei uns würden 10 Millionen oder sogar noch mehr Muslime leben – ein Viertel meint, es seien 15-20 Millionen und mehr.
    Das ist psychologisch faszinierend.”
    Allerdings auch leicht zu erklären.
    Der Islam, seine Kritiker, seine Funktionäre und Apologeten haben es eben geschafft die hiesige Migrationsdebatte vollkommen zu überherrschen.
    Wenn man so eine Seite wie migazin.de liest, kann man ja auch leicht den Eindruck gewinnen, dass alle Migranten Muslime sind. Andere Religionen finden da ja überhaupt nicht statt.

  3. Was soll übrigens der Studientitel “Hamburg Postmigrantisch” bedeuten?
    Klingt natürlich wahnsinnig tiefsinnig.
    Aber glauben die StudienmacherInnen wirklich, dass es keine weitere Migration nach Hamburg geben wird.
    Es gab auch schon immer Migration nach Hamburg und nicht erst seit den letzten 50 Jahren.

  4. Die Ergebnisse dieser Hamburger Studie überraschen mich nicht im geringsten. In einem anderen Thread hatte ich ja bereits auf die bundesweiten, ganz ähnlichen Ergebnisse hingewiesen unter Hinzufügung der von fowid gewonnenen Erkenntnisse.

    Die muslimische Machtübernahme, die von Spinnern wie bei PI vorhergesagt wird, wird wohl noch eine Weile auf sich warten lassen. :-)

  5. Der Begriff postmigrantisch wird im Text beantwortet. Bitte lesen, conring!

    Ich hab auch den Fall der Juden herangezogen – die fantastische Überschätzung ihrer Zahl vor 1933. Das geschieht heute ja nicht aufgrund von Antisemitismus. Nur, da diese Sache eben irgendwie wichtig ist und heiß über die Juden in Deutschland diskutiert wird, überschätzt man die eigentlich bescheidene Zahl – die Tatsache, dass sie deutlich weniger als 1% der Bevölkerung ausgemacht haben: 0,8%! (Berlin: 3,8% = 170.000), München 1,2%)

    Hier sind interessante Zahlen gesammelt: http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/einfuehrung.html.de?page=2

    Off topic – Interessant finde ich auch das: 6.500 Berliner Juden haben in Berlin oder sonstwo im Gebiet des Reiches überlebt – 1.200 davon als in der Stadt Untergetauchte. Da müssen viele Nicht-Juden ihr Leben riskiert haben, um es möglich zu machen. Knapp 56.000 wurden Opfer des Holocaust.
    http://sie-waren-nachbarn.de/304

    almabu,
    ich habe als Zahl der Einwohner 1933 etwa 65 Millionen bei Wikipedia gefunden; knapp 80 Millionen im Mai 1939 (mit Österreich und den Sudentengebieten).

    Off topic – Neugierig hab ich gleich mal weiter nachgeschaut:

    1946 (Oktober) waren es dann wieder 65 Millionen – die vier Besatzungszonen zusammen ohne die verlorenen Ostgebiete, aber mit den ca. 12 Millionen Flüchtlingen von dort. 1950 etwas über 18 Millionen in der DDR, 50 Millionen in Westdeutschland. Bei der Wiedervereinigung waren es dann 79 Millionen.

    Meiner Schätzung nach leben auf dem Gebiet der ehem. DDR heute ca. 13,5 Millionen Menschen (einschließlich ca. 1,2 Millionen in Ostberlin) – das wäre eine deutliche Abnahme gegenüber 1950, also 4 bis 5 Millionen weniger als 1950 (eine Abnahme von fast 25%), während auf dem Gebiet des ehemaligen Westdeutschland die Einwohnerzahl 1950 bis heute von 50 Millionen auf über 68 Millionen gestiegen ist (eine Zunahme von etwa 35%).

    Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland ca. 42 Millionen Einwohner, aber da bin ich mir nicht sicher, ob man den Teil des späteren Westberlins schon dazugezählt hat (das wären fast 3 Millionen). Vermutlich nicht. Dann hätte sich die Bevölkerung in Westdeutschland samt Westberlin 1939 bis heute von 45 Millionen auf 68 Millionen vermehrt.

  6. conring meint:

    @ Leo Brux
    “Der Begriff postmigrantisch wird im Text beantwortet. Bitte lesen, conring!”
    Wo denn?
    Der Begriff taucht in der Überschrift zum ersten Kapitel auf und wird dann weiter benutzt. Definiert und erläutert wird er nirgends.
    Übiringes ist der im ersten Kapitel gegebene historische Abriß über die Hamburger Wirtschafts- und Migrationsgeschichte eher dürftig.

  7. Korbinian meint:

    @Frank @ conring

    Die Verbände haben es leider geschafft durch ihr Gelärme und Getrommel den gutmütigen, schlafenden, biersaufenden und Schweinehälften futternden Zipfelmützenmichel aufzuwecken.

  8. @conring
    in der Studie selbst ist es definert und beschrieben was postmigrantisch bedeutet … dieser Artikel verweist ja auf diese Studie (siehe Link)

    aber für dich: ” Der für die Titelreihe gewählte Terminus postmigrantisch steht hier für die Aushandlungsprozesse, die in Kommunen, Städten, Regionen und Bundesländern in Deutschland stattfinden, nachdem Migration als politische Realität anerkannt worden ist. Postmigrantisch steht dabei nicht für einen Prozess der beendeten Migration, sondern für eine Analyseperspektive, die sich mit den Konflikten, Identitätsbildungsprozessen, sozialen und politischen Transformationen auseinandersetzt, die nach erfolgter Migration einsetzen. “

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