Integrationsgedanken (30): Deutsch ist, wer Deutsch spricht.

integrationWenn man die Leute folgendes fragt:

Was ist Ihrer Meinung nach das entscheidende Kriterium dafür, deutsch zu sein?



entscheiden sich immerhin 96,8% für das Sprechen der deutschen Sprache, 78,9% für die deutsche Staatsbürgerschaft – und nur noch 37% dafür, dass man auch deutsche Vorfahren haben müsse.

(Man kann sich für alle drei Kriterien zugleich entscheiden.)

Spiegel Online resümiert zutreffend:

Die Definition nationaler Identität hat sich grundlegend verändert.

Zu diesem Schluss kommt nach SPIEGEL-Informationen eine Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

Demnach definiert die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung das Deutschsein nicht mehr ausschließlich über Abstammung, sondern über andere Kriterien.

Nachdem die nationale Kollektivseele der deutschen Volksgemeinschaft sich individualistisch aufgelöst hat, bleiben nur die drei für die Umfrage gewählten Kriterien.

Würde man offiziell das dritte Kriterium wählen – Deutsch ist, wer deutsche Vorfahren hat – dann würde man einen Teil der deutschen Staatsbürger diskriminieren.

Bei Spiegel Online kann man selbst noch mit abstimmen und muss sich für eine von den drei Optionen entscheiden.

Das Ergebnis dort – am Sonntagabend: Bei ca. 18.000, die abgestimmt haben

  • 40% für Deutsch ist, wer deutsch spricht.
  • 27,5% für Deutsch ist, wer einen deutschen Pass hat. (= mein eigenes Votum)
  • 32,5% für Deutsch ist, wer deutsche Vorfahren hat.

Der Anteil derer, die die Einwanderungsgesellschaft noch nicht wahrhaben wollen, ist also auf ca. ein Drittel geschmolzen.

Er wird weiter schmelzen.

Allerdings:

Ein Diskutant im Spiegel-Online-Forum notiert zutreffend unter dem Artikel:

Deutsch ist, wer einen deutschen Pass hat, d.h. deutscher Staatsangehöriger ist. Braucht man wirklich keine Abstimmung, steht so in jedem deutschen Pass.

Es ist in der Tat offiziell so. Aber man darf dem Volk schon die kleine Abweichung vom Gesetz zugestehen und das Deutschsein inoffiziell und gefühlsmäßig an die Sprache binden. Das ist zwar etwas diskriminierend, aber ich nehme es da nicht so genau.

Jemand, der das Deutschsein ganz an die deutsche Sprache bindet, ist immerhin demjenigen voraus, der meint:

Deutsch ist, wer deutsch denkt und deutsche Werte und Tugenden lebt.

Wie denkt man “Deutsch”? Was wären heute noch tatsächlich “deutsche Werte und Tugenden”? Und wer bestimmt es und misst es?

Man könnte allenfalls noch sagen: Deutscher ist, wer sich mit Deutschland identifiziert.

Aber angesichts unserer rabiat gewordenen Individualität und angesichts unserer multiplen Identität ist das auch nicht so leicht zu realisieren.

Die Ergebnisse der Studie werden erst am Mittwoch vorgestellt.

Ich werde darüber berichten, werfe zunächst einen Blick auf die Ankündigung.

Was ist deutsch und wer gehört zum „deutschen Wir“, jetzt da Deutschland ein Einwanderungsland ist?

Nachdem Migration als etwas Unumkehrbares erkannt worden ist, das Deutschland kontinuierlich vielfältiger werden lässt, finden nun Aushandlungen darüber statt, wie wir mit dieser postmigrantischen Vielfalts-Realität umgehen wollen.

„Postmigrantisch“ richtet den Blick auf die Gestaltung der Gesellschaft nach erfolgter Einwanderung. Wer darf mitgestalten und wer nicht?

Wer gehört zum „deutschen Wir“ – und wer nicht?

Und wie wird dieses „deutsche Wir“ definiert?

Die Akzeptanz einer pluralen Gesellschaft lässt sich unter Anderem am Umgang mit und der Einstellung gegenüber kulturellen, ethnischen, religiösen oder nationalen Minderheiten messen.

Eine der größten religiösen Minderheiten in diesem Land sind derzeit Muslime.

Der Umgang mit dieser Gruppe kann als „Seismograf“ gesehen werden, um die Einstellungen zu Vielfalt und Pluralität innerhalb der Gesamtbevölkerung zu messen und der Frage nachzugehen, was für die Bevölkerung heute „Deutschsein“ bedeutet und was nicht.

Eine bundesweite repräsentative Umfrage mit 8270 Befragten, die von Wissenschaftler_innen des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt und von der Stiftung Mercator gefördert wurde, hat folgende Fragen untersucht:

I. Wie beschreibt die Bevölkerung heute deutsche Identität, nachdem Migration unumkehrbar geworden ist und immer mehr Menschen, die hier leben, für sich in Anspruch nehmen, deutsch zu sein, auch wenn ihre Vorfahren es nicht waren? Welche Narrative prägen das Bild der Bevölkerung von Deutschland?

II. Gesteht die Bevölkerung in Deutschland gesellschaftlichen Minderheiten (konkret Muslimen) Rechte, Partizipation und Zugehörigkeiten zu?

III. Welches Wissen und welche Stereotype bestehen über die größte religiöse Minderheit in diesem Land? Welche Kontakte gibt es?

Ein Drittel oder sogar die Hälfte der Deutschen – je nach Kriterienstrenge – hat sich mit der Einwanderungsgesellschaft noch nicht abgefunden. Die andere Hälfte aber doch, mehr oder weniger.

Deutschland IST ein Einwanderungsland, wird es bleiben und wird es sogar noch in stärkerem Umfang werden – müssen.

Das rechtfertigt den Schritt, jetzt von einer “postmigrantischen” Realität zu sprechen: Einwanderung ist Normalität, Integration gehört zum Alltag heute und in der Zukunft – ebendso die Frage nach der Gestaltung einer solchen vielfältigen Gesellschaft.

Akzeptanz und gleichberechtigte Teilhabe zu fördern, das gehört nun zu den Regierungsaufgaben.

Wir müssen sie von denen, die unsere Politik gestalten, erwarten – genau so, wie wir von ihnen erwarten,

  • dass Homosexuelle gleichberechtigter und undiskriminierter Teil der Gesellschaft sind;
  • dass die Emanzipation der Frau auch in den Bereichen, in denen die Männerriegen noch dominieren, Einzug hält;
  • dass Behinderte nicht von vorne herein benachteiligt werden in Arbeit und Alltag.

 

Kommentare

  1. Alles falsch!

    Deutsch ist, wer seit 16 Jahren fern der “alten Heimat” lebt und beim Abspielen der Deutschen Nationalhymne vorm Fernseher aufsteht (manchmal mit feuchten Augen) :-) :-)

  2. Dermann meint:

    Putin ist also Deutscher ? Österreicher sind Deutsche ? ;) Ich glaube, dieser Definition fehlen noch einige Merkmale. Eine Abkehr vom ius sanguinis ist aber m.E. nur akzeptabel, wenn wirklich auch alle mitmachen.

    Sind nationalistische Türken Deutsche, weil sie einen deutschen (Zweit-)Pass haben und dessen Belanglosigkeit gar nicht genug betonen können ? Ich soll mich dagegen nicht auf Abstammung berufen können und habe keine zweite Blutsnationalität ? Das ist asymmetrisch.

  3. pinetop meint:

    @ Leo Brux,
    ich teile Ihre Überzeugung bezüglich der am Ende genannten drei Forderungen.

    Beschränken Sie den Appell lediglich auf die Regierenden? Wahrscheinlich nicht, nehme ich jetzt an. Ich vermute aber (das können Sie jetzt bestreiten), dass ihr Appell sich an jene richtet, die die politische und gesellschaftliche Entwicklung der letzten fünf Jahrzehnte bewußt oder auch unbewußt miterlebt haben. Sind Sie geneigt, unter der Bedingung der kulturrelativistischen Sensibilität, diese Forderung nicht allen abzuverlangen?

    Ist es möglich, dass Sie antiemanzipatorische Einstellungen überhören und ein Auge zudrücken, wenn Aussagen dieser Art von Personen stammen, die streng einer Religion oder einem archaischen Weltbild verfallen sind?

  4. pinetop meint:

    Wenn man nur die Sprache als Kriterium heranzieht, gehen die Schweizer ihrer Nationalität verlustig.

  5. Es gibt ja auch Deutschtürken, die fühlen sich in Deutschland eher wie Türken und in der Türkei eher wie Deutsche. Es kommt also immer auf den Kontext an. Der Staat hat natürlich keine andere Wahl als Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit auch als Deutsche zu behandeln.

  6. Sprache – so wichtig sie natürlich ist – stellt kein hinreichendes Kriterium dar. Das kann man ja ganz deutlich in Frankreich beobachten mit der riesigen Minderheit der Maghrebiner. Die sprechen zwar alle ein (meist sogar hervorragendes) Französisch – aber von echter Integration kann keine Rede sein wie man überdeutlich in den banlieus der Grossstädte beobachten kann.

    Viel wichtiger als Deutschkenntnisse wäre mE ein Bekenntnis zu den grundlegenden Werten einer feiheitlichen und säkularen Demokratie, was natürlich einem Abschwören der Dominanz religiöser Lebensnormen entsprechen würde. Ich würde niemandem einen Pass erteilen,der diese Versicherung nicht glaubwürdig ablegt.

  7. Jakobiner meint:

    Zu Frank:

    Naja, eine Art staatlichen Treueeid–aber was bedeutet denn das schon? Den kann ja jeder formal abgeben und wird dann auch jeder abgeben, ohne dass das bedeuten würde, dass er jetzt deswegen von der Demokratie überzeugt wäre. Lippenbekenntnisse und Tariqa in Sachen Verfassungspatriotismus sagen doch noch lange nichts über die innere Überzeugung. Auch wenn man einen staatsbürgerlichen Test machen würde, hieße dies noch nicht viel. Oder sollen die Migranten staatsbürgerliche Besinnúngsaufsätze auf die jeweilige Verfassung schreiben? Da würde man wohl auch nur auswendiggelernte und unterwürfige Phrasen in Aneinanderreihung bekommen, genuaso wie bei deutschen Schülern, die immer ein gutes Gespür dafür haben, was der Lehrer hören/lesen will und dies auch schon in voreilender Vorwegnahme niederschreiben.Also, lieber Frank, wie stellen sie sich solch einen Gesinnungstest oder solch ein “Abschwören” denn praktisch vor?

  8. @Jakobiner:

    Lügendetektor?

    Nein im Ernst – ich weiss es auch nicht so konkret. Ich wollte ja nur darauf hinweisen, dass ich “Sprache” als nicht hinreichend ansehe und so habe ich mich auf die Suche nach besseren Kriterien begeben. Die Ausgestaltung lasse ich natürlich offen.

  9. Jakobiner meint:

    Bester FRank,

    dass Sprache kein hinreichendes Kriterium ist, ist mir auch klar. Die Frage ist aber, wie soll man denn staatlicher- und zivilgesellschaftlicherseits eine Integration hinbekommen, die sich eben nicht nur auf Formalien und das Abfragen einer Gesinnung, die der letzte nichtintegrationswillige Depp formal niederschreiben kann. Ich gehe da eher von einem organische und ganzheitlicherem Zusmammenspiel aus Diskussionen, Tests, zivilgesellschaftlicher Partizipation von Migranten, Auseinandersetzung mit anderen Minderheiten und Förderung aus. Mehr fällt mir momentan dazu auch nicht ein.Und sollte ein Al-Kaidamann oder ein IS-Anhänger auch noch bei diesen Kriterien durchrutschen, so haben sie doch bei den anderen Miogranten eine gewisse Wirkung.

  10. Jakobiner meint:

    Das grundätzliche Problem ist doch eher dies: Die Pädagogen sind entweder Beamtentypen, die einen vorgegebenen Lehrplan höherer Autorität durchbringen wollen und dann gibtzes noch Pädagogen, die ihren Schülern reflektierende, krtische Denkweisen und eine gewisse Eigenständigkeit beibnringen wollen. Am besten wird dies etwa in dem Film “Der Club der Toten Dichter”sichtbar.Die meisten Schüler wissen erst einmal, dass sie bei ihren Eltern Erfolge in der Schule zurückmelden müssen und daher versuchen sie sich dem jeweiligen Pädagogen, der seinen vorgegebenen Lehrplan durchziehen muss, bedindgungslos unterzuordnen und sich in voreilendem Gehorsam seiner Meinung zur Erzielung einer guten Note einzufühlen und nachzukommen.Natürlich lässt man in einem demokratisch-bürgerlichen Staat auch bis zu einem gewissen Grad etwaige Pro- und Contraerörterungen zu, aber alles soll ausgewogen sein–wie in den Öffentlich-Rechtlichen Fernsehanstalten des Staates. Nonkonformisten, Antiautoritäre werden da als assozial, egoistisch, nicht teamorienteirt,etc. ausgesondert.Umgekehrt muss man aber sehen, dass es eher auf den Inhaklt der Lehrpläne ankommt als auf einen Lehrplan per se.Diese Unzufriedenheit gegen Bildungs- und Leistungsforderungen wussten ja auch solch autoriäre Führer wie Mao zu nuetzen in seiner Kulturrevolution, in der er gegen (andere) Autoritären aufbegehren liess, Bildung als reaktionär geisselöte und nur noch solche abstrakten Parolen ausgab wie “Zerstört das Alte, baut das Neue”. Eine ganze Generation von Rotgardisten wurde dann aufs Land geschickt, um Schweineställe auszumisten und die Schulen und Universitäten bleiben dicht. Also vermeintlicher Antiautoritaismus und Jugendrevoltentum hat auch seine ihm innewohnenden Gefahren. Als Schüler sprach mir aber der Film “The Wall”von Pink Floyd sehr aus dem Herzen, umgekehrt fand ich aber den Songesreim “We don´t need no education, we don´t need force controll” auch etwas fragwürdig.Und hinter diesen grundsätzlichen pädagogischen Fragen, stellt sich eben auch die Frage, wie man eine integrationsfördernde Bildung hinbekommt,, die da einen Zwischenweg geht.

  11. Hätten alle das Folgende verinnerlicht, gäbe es sicher weniger Probleme:

  12. Jakobiner meint:

    Lieber Frank,

    John Lennons Imagine ist solch pazifitisches Einheitsgedussel, zumal sehr kitschig. Nein, nein,.nein,,ag ich gar nicht. Aber vielleicht wäre ja mal ein Sleep-In von Yoko Ono mit Migranten der ultimative Gesinnungstest!!!

  13. @Jakobiner:

    Für euch Jungspunde mag das ja sein. All die guten Sachen wie zB Simon and Garfunkel (Hello Darkness, my old friend!) und alles was mit Woodstock gewachsen ist, schreckt euch natürlich ab.

    Aber ich gebe zu, dass der Hinweis auf “Imagine” einfach nur Ausdruck meiner Hilflosigkeit ist, wie man Immigranten etwas von dem uns inhärenten Lebensgefühl mitteilen soll. Und schon gar nicht, wie man sich vergewissern will, dass Immigranten kapieren, worum es in einem modernen Staat wirklich geht. Zielführende Vorschläge nehme ich gerne entgegen.

  14. Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Punkt. Basta.
    Es ist einfach so, Derman.

    Man muss ja nicht jeden Deutschen lieben. Man muss sich nicht mit jedem Deutschen identifizieren.

    Das mit dem jus sanguinis gilt nicht mehr. Nichts gegen Nostalgiker und ihre Sehnsüchte. Privat darf jeder seiner perversen Neigung frönen und sie sogar für gesund und vorbildlich halten. Das gestehen wir den deutsch-nationalen Gruftis ebenso zu wie den türkisch-nationalistischen Schwachmaten.

    Ich rate aber jedem: Nimm die Gegenwart, wie sie ist!

    Auf jedenfall gibt es keine Blutsnationalität. Ich wüsste auch nicht, was das wäre, und ich nehme an, deren Verfechter wären in größter Verlegenheit, wenn sie uns das plausibel machen müssten. Sie würden es wohl am liebsten dabei belassen, dass “man” doch wohl “so einen Instinkt habe”. Haben manche, in der Tat. Aber die meisten eher nicht.

    Man kann einen Tanzinstinkt haben, aber man kann auch keinen haben – und braucht nicht viele Worte dazu zu machen, weil man den andern nicht mit seinem eigenen Instinkt belästigen wird, sondern das Dasein oder Nichtdasein dieses Instinkts hinnimmt – selbst wenn man findet, dass es schon schöner ist, diesen Tanzinstinkt zu haben. Er ist aber nicht universalisierbar.

    So ist es auch mit dem Deutschtums-Instinkt.

    Wer da was verallgemeinern und verpflichtend machen möchte, der muss schon ganz ganz genau erklären, was da zu tun und zu denken und zu fühlen sei, und was für ein Blut man haben muss (bitte messbar!), und wieso es genau dieses Blut sein muss und kein anderes … und wieso überhaupt das Blut etwas mit dem Deutschsein zu tun haben soll.

    Wie bringt man Einwanderern das Deutschsein bei?
    Gar nicht.
    Es ist wirklich am besten, wenn man es erst gar nicht versucht.
    Was wir tun können, ist: Glaubwürdig und attraktiv wir selbst zu sein. Was immer das sein mag, deutsch oder bayerisch oder vorwiegend individuell.

    Die erste Generation der Einwanderer braucht wirklich nicht zu versuchen, “deutsch” im kulturellen Sinne zu werden. Es ist wichtig, sich gut sprachlich verständigen zu können, je besser, desto besser. Man wird sich an die Gesetze und an einige ungeschriebene Regeln halten müssen, also zum Beispiel verstehen müssen, dass man bei uns nicht immer, aber doch recht oft einigermaßen pünktlich sein sollte.

    Für den Rest sorgen die Gesetze und Hausordnungen und Betriebsregeln.

    Die zweite Generation, die in Deutschland geboren wird oder wenigstens hier sozialisiert wird, atmet so viel von der sie umgebenenden Kultur ein, dass sich die Frage des “Deutschseins” im kulturellen Sinn kaum noch stellen wird. (Es sei denn, man macht zu wenig soziale Politik und erlaubt Ghettosituationen. DAS wäre dann aber UNSER Fehler.)

  15. Ius sanguinis:

    Natürlich muss jeder, der den Anspruch erhebt, Deutscher zu sein, einen Stammbaum vorweisen, der mindestens 500 Jahre rein deutsch ist. Ich bin als Lutheride in genau dieser hervorragenden (und völlig dämlichen) Situation. :-)

    Ich bin wie du, Leo, exakt derselben Meinung, dass der Pass das ausschlaggebende Argument ist. Was uns unterscheidet ist die Frage, wer ihn denn nun haben soll. Du weisst, dass ich den Doppelpass für ein schweres Integrationshindernis halte.

  16. Ich finde es hingegen gut, wenn man als Deutscher nicht bloß und nicht primär ein Deutscher ist, sondern auch ein Europäer, ein Türke oder ein Russe, ein Münchner, ein Musiker, ein um das Jahr 2000 Geborener, ein Mann bzw. eine Frau, ein Familienvater, eine Leseratte, ein was weiß ich ist. (Sowas wie der Doppelpass ist mir darum grundsätzlich sympathisch.)

    Das Deutschsein wird überschätzt. Das Türkischsein natürlich noch viel mehr. Mein Nervenkostüm schüttelt sich immer wieder, wenn ich erlebe, wie T Ü R K I S C H sich viele Türken fühlen. Als ob es darüber hinaus nichts weiter Wichtiges gäbe. Als ob das Türkischsein das Zentrum der eigenen Identität sein könnte.

    Es ist schön, wenn ein Münchner sich als Münchner empfindet (so wie ich); es wäre aber ziemlich abwegig, sich seine Identität als Münchner so absolut vorrangig zu setzen, dass sie alle anderen Segmente der Identität verdrängt.

    Ich bin ein Deutscher, sogar ein patriotischer Deutscher. Aber bitte, ich bin noch sehr viel mehr als das und sehr viel anderes, und mein Deutschsein ist alles in allem eher ein sekundäres Segment meiner multiplen Identität. Dass ich ein Mensch bin, ist mir sehr viel wichtiger und beschäftigt mich sehr viel mehr als mein Deutschsein.

    Mir fällt auf, dass bei Nationalisten (Deutschen, Russen, Türken, etc.) die Zugehörigkeit zur Nation wichtiger ist als das Menschsein. Da wird’s krank und u. U. gefährlich.

    Mir fällt allerdings auch auf, dass bei vielen jüngeren Deutschen (Amerikanern, etc.) das individuelle Ego so heftig ist, dass ihnen ihr (kollektives!) Menschsein nicht bewusst bleibt und in ihrem Selbstverständnis kaum eine Rolle spielt.

  17. @Leo:

    Als nachgewiesener Weltbürger (mein Gott, wo habe ich nicht schon überall gewohnt!) kann ich dir da nur beipflichten. Trotzdem bleibe ich gerade deswegen angesichts der immer noch vorhandenen Nationalismen beim Doppelpass höchst skeptisch, denn der hebt dieses nationale Denken ja leider nicht auf. Das führt eher zu Wertungen, die in unserem Zusammenhang eher schädlich sind. Man kann (und sollte) Weltbürger auch dann sein, wenn man nur einen einzigen Pass hat. Ich habe es trotz verschiedener Versuchungen immer so gehalten.

  18. Dermann meint:

    Ich bin gar kein Verfechter eines strengen ius sanguinis. Nur ist es natürlich ein kleiner Unterschied, ob jemand seit vielen vielen Generationen hier verwurzelt ist und ob jemand hier letzte Woche aus dem Bus gestiegen, ein paar Brocken deutsch gelernt und heute einen Pass bekommen hat. Seh ich so.

    Wenn man das Abstammungsrecht abschafft, dann verstehe ich nicht, wieso nur es Türken dann doch zugesteht und ihnen qua Abstammung ihren türkischen Pass unbedingt erhalten will. Das ist Blutsrecht. Hier geborene Kinder in der dritten und vierten (und fünften, sechsten) Generation sollen Türken bleiben können, aus Gründen des Blutes, der Abstammung. Warum ? Was soll der Widerspruch ?

  19. Türken müssen sich Anfang 20 entscheiden, ob sie die deutsche Staatsangehörigkeit wollen oder nicht. Die haben da keine Wahl.

  20. Dermann,
    das mag schon sein, dass mancher Türke sich ganz ungeniert “blutsmäßig” (eigentlich: kulturmäßig) als Türke empfindet, also völlig im ius sanguinis aufgeht. Er wäre dann das, was ein bornierter Deutschnationaler auch ist: ein nationalistischer Depp.

    Nur, für uns heißt doch der türkische Pass, dass der Typ eben zwei Staatsbürgerschaften hat, und ich seh da kein Problem. So, wie ich auch Münchner und zugleich – sagen wir: Kölner sein könnte. Manche haben halt zwei Heimaten. Manche wechseln zwischen der einen und der anderen Welt hin und her. Das halte ich durchaus für fruchtbar in unseren Zeiten der Globalisierung.

    Wir sollten auch mal nicht vergessen, dass wir selber schuld sind, wenn sich die Türken in Deutschland immer noch primär als Türken fühlen. WIR selber wollten es nämlich so und haben alles dafür getan, dass es so kommt – im irrigen Glauben, dass sie uns dann schon wieder verlassen und in die “eigentliche Heimat” zurückkehren würden …

    Was die generationenlange Verwurzelung angeht, so würde ich sie nicht überschätzen. Mein Deutschsein ist zwar über viele viele Generationen (es sieht so aus: bis in die Zeit des 30jährigen Krieges) verwurzelt, aber das bedeutet eigentlich so gut wie gar nichts. Denn so weit ich mein Deutschsein wahrnehme, ist es Produkt meiner Eltern und der mein Aufwachsen begleitenden Kultur.

    Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein Migrantenkind sich ganz und gar als deutsch empfindet, während ein “Eingeborener” mit 1000 Jahren deutscher Verwurzelung sein Deutschland so unangenehm empfindet, dass er unbedingt auswandern und Australier werden will.

  21. Jakobiner meint:

    Zu Frank,

    “Für euch Jungspunde mag das ja sein. All die guten Sachen wie zB Simon and Garfunkel (Hello Darkness, my old friend!) und alles was mit Woodstock gewachsen ist, schreckt euch natürlich ab.”

    Woodstock und diese ganzen Hippiebands sagen mir weniger zu, auch mit Janis Joplin kann ich wenig anfangen. Das ist musikalisch irgendwo Geschwurbel. Aber Simon und Garfunkel (“Reifeprüfung”mit Dustin Hoffmann) und viele Bands der 70er Jahre mag ich doch sehr (Genesis, Pink Floyd, David Bowie, Sweet,Black Sabbath, Teile der Rolling Stones und der Beatles, Deep Purple, Jimi Hendrix,Boston, Fleetwood Mac, etc.). Auch hatten viele Filme der 60er und 70er Jahre noch etwas zu erzählen, sei es nun Lovestory, Reifeprüfung,Easy Rider–ein ganz anderes Lebensgefühl–irgendwie zwischen Aufbruchstimmung und Rebellion, während heute vor allem Action- und Animationskino dominiert oder Jugendliche sich nur noch solchen Scheiß wie How ein Met your Mother und Biss zum Morgengrauen-Vampirschrot in Endlosschleife ansehen.

  22. Dermann meint:

    Leo, aber wie rechtfertigt sich diese Asymmetrie: aus der Kategorie “deutsch” machen wir eine reine Passfrage, “türkisch” jedoch ist für uns OFFIZIELL weiter eine Frage der Abstammung. Wie geht das zusammen, staats- und völkerphilosophisch ?

  23. Sie können als Deutscher doch auch die türkische Staatsbürgerschaft beantragen.

  24. Dermann meint:

    Und meine deutsche behalten ? Das wusste ich in der Tat nicht. Na wenn das stimmt, werde ich nach Antalya ziehen und in der Türkei xenophil und in Deutschland xenophob wählen ;)

    Quatsch, ich wollte nur mal die bequeme Situation deutscher Erdogan-Türken veranschaulichen.

  25. Wie ich schon geschrieben habe, dürfen Türken ihre Staatsangehörigkeit nicht behalten, wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit wollen.

  26. Die Regeln sind da allgemein nicht mehr so streng was die doppelte Staatsbürgerschaft anbelangt. Nach meinen Informationen dürfte ich inzwischen wohl meine deutsche behalten, wenn ich die tunesische annähme, was mir mehrfach angeboten wurde. Dann könnte ich auch aktiv und nicht nur passiv ins politische Geschehen eingreifen, was angesichts der derzeitigen spannenden Situation sehr attraktiv wäre. Bisher habe ich “nur” die lebenslange Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis (wegen meiner zwei Firmen hier und wegen meiner Heirat mit einer Tunesierin).

  27. Kein Bairisch und Fränkisch mehr zu Hause sprechen? Das dürfte für die CSUler problematisch werden. Achso, es geht ja nur um die Ausländer. Immerhin, dann kann der Durchschnittsdeutsche wenigstens diese Leute verstehen.

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