Der NSU und das Oktoberfest-Attentat 1980: die Parallele

recht13 Menschen starben, 211 wurden verletzt, 68 von ihnen schwer, viele davon waren für ihr Leben gezeichnet. Es war der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik.

Gundolf Köhler, 21, Student, hatte die Bombe am Nordausgang des Oktoberfests platziert; sie ging sofort los und tötete ihn und 12 zufällig in der Nähe stehende Besucher.

Dass Köhler den Anschlag nicht allein durchgeführt hat, war durch Zeugenaussagen, aber auch durch einzelne Ermittlungsdetails, kaum zu übersehen. Die Verbindung zur rechtsextremen “Wehrsportgruppe Hoffmann” auch nicht. (Details zu allem findet man in Ulrich Chaussys gründlicher, immer zurückhaltender und dennoch packender Reportage “Oktoberfest. Das Attentat.)

Trotzdem, die Ermittlungsbehörden und ihre politischen Vorgesetzten sind sich fast sofort einig: Das hat der Gundolf Köhler ganz allein gemacht – und aus ganz privaten Gründen.

Allein habe er den teuflischen Plan ausgeheckt, allein hat er eine britische Mörsergranate entleert, dann  1,39 kg TNT eingefüllt und sie in einen Feuerlöscher gesteckt, samt Schrauben und Nägeln, allein den Zünder und den Zeitmechanismus angebracht. Er allein ist nach München gefahren, um die Rohrbombe in den Abfallkorb am Haupteingang Nord zu legen. Und warum? Selbstmord aus Liebeskummer.

Jeder Hinweis, der in Richtung Kameraden und Rechtsradikalismus ging, wurde rasch beiseitegelegt oder ganz ignoriert. Dass Zeugen Köhler zuvor im Gespräch bzw. Streit mit Männern beobachtet haben – wozu solche Aussagen ernst nehmen? Man weiß nichts über diese Männer, also müssen sich die Zeugen eben geirrt haben.

Soweit man überhaupt in diese Richtung ermittelt hat, hat man es ohne Nachdruck gemacht. Die Alleintäterschaft stand von vorne herein fest.

Warum? – Aus den selben Gründen, aus denen die Ermittler im Fall der Ceska-Mordserie grundsätzlich die Möglichkeit ausgeschlossen haben, dass ein rechtsradikaler Hintergrund gegeben sein könnte. Aus dem selben Grund, aus dem die Staatsanwaltschaft jetzt davon ausgeht, es habe sich beim NSU nur um die drei Kernmitglieder gehandelt, nicht auch um ein kleines Netzwerk rund um diese drei herum.

Im Falle des Oktoberfestattentats hat sich eine weitere Zeugin gemeldet. Bei Rechtsanwalt Dietrich, der die Opfer seit 1980 betreut,

meldete sich eine Theologin, die 1980 als Studentin in München Sprachkurse für Aussiedler gab. Einer ihrer Schüler war der Rechtsradikale Andreas W.

Durch Zufall will sie im Spind von W. am Tag nach dem Bombenanschlag Flugblätter gesehen haben, auf denen Gundolf Köhler als Held verehrt wurde.

Doch zu dem Zeitpunkt hatte die Polizei Köhlers Namen noch gar nicht bekannt gegeben.

Die Frau sagt, sie sei daraufhin zur Polizei gegangen. Doch dort habe man sie abgewimmelt. Dann schwieg sie 34 Jahre lang.

Doch dafür, deutete Anwalt Dietrich an, soll es einen überzeugenden Grund geben. Den aber darf vorerst niemand erfahren, da sonst die Identität der Zeugin erkennbar wäre. Die Ermittler wollen sie vor Angriffen Rechtsextremer schützen.

Die Bundesanwälte in Karlsruhe jedenfalls glauben der Frau offenbar.

Spiegel Online

Beneralbundesanwalt Runge hat darum angeordnet, dass der Fall erneut umfassend aufgerollt wird.

Endlich.

Die Ermittlungsbehörden verteidigen sich gegen alle Vorwürfe. Man habe immer auch nach möglichen Mittätern geforscht, sei aber nie fündig geworden.

Sie stellen sich damit dumm. Sie verraten sich indirekt selbst:

Hätte man im vorliegenden Fall nicht zumindest erwarten können,

1. dass man zugibt, man wisse nicht sicher, ob es die Tat von Gundolf Köhler allein gewesen war oder ob er vielleicht doch Helfer und Hintermänner und rechtsradikale Motive gehabt habe;

2. dass man darum den Fall insofern weiter offen lässt und alle Beweismittel  aufbewahrt?

Die Indizien dafür, dass Köhler nicht allein gehandelt hat, waren immer recht deutlich; dass man diese Leute nicht ermitteln konnte, ändert an diesen Indizien nichts – es entwertet diese Indizien nicht.

Wie konnte man bei der gegebenen Faktenlage diesen abenteuerlichen Schluss ziehen: Wir konnten die Personen, auf die die Zeugen und die Zigarettenkippen in Köhlers Auto hingewiesen haben, nicht ermitteln – also gab es sie nicht.

Die Alleintäter-Liebeskummer-Theorie war die angenehme. Sie vermied auch den Blick auf die Wehrsportgruppe Hoffmann, die damals wohl liiert war mit dem bayerischen Verfassungsschutz.

Die rechtsextreme Szene wurde – auch schon 1980 – von oben gedeckt. So können sich die bayerischen SOKO-Bosporussianer 30 Jahre später herausreden, es habe doch noch nie rechtsradikal organisierte Morde gegeben – wie hätte man da annehmen können, hinter den Ceska-Morden könnten vielleicht auch Rechtsradikale stecken! (Wie schrieb doch ein Gutachter? – Deutsche tun sowas nicht. Die Handschrift sei südeuropäisch!)

Annette Ramelsberger kommentiert für die SZ:

Man muss sich keinen Illusionen hingeben: Ohne das Auffliegen der rechtsextremen Terrorgruppe NSU wäre es nie dazu gekommen, dass der Generalbundesanwalt nun offiziell die Ermittlungen zu den Hintergründen des Oktoberfest-Attentats wieder aufnimmt – nach mehr als 34 Jahren.

Bis zum November 2011, als die Existenz des NSU entdeckt wurde, hätte niemand geglaubt, dass es solche Terrorgruppen in Deutschland gibt oder gegeben hat.

Und bis zu diesem Zeitpunkt wurden auch jene eher belächelt als ernst genommen, die unermüdlich auf mögliche Hintermänner des Oktoberfest-Attentats in München hingewiesen haben.

Es reicht ja nicht, dass nach dem Auffliegen des NSU ein halbes Dutzend Verfassungsschutzchefs zurückgetreten sind.

Es geht darum zu erkunden, was man alles nicht gesehen hat in jener Zeit, da der Staat nach rechts Scheuklappen trug.

Beim Oktoberfest-Attentat fing es an.

Die Ermittlungsbehörden – von der Polizei über den Verfassungsschutz bis zu den Staatsanwälten – stecken in einer Vertrauenskrise. Wer glaubt ihnen noch? Auch staatstreue Gemüter hegen inzwischen Zweifel.

Artikel ergänzt am 13.12.

Kommentare

  1. Aufklärung ist grundsätzlich zwar immer gut, aber zum Einen erscheint mir zweifelhaft, ob diese nach der langen Zeit überhaupt noch möglich sein wird und zum Anderen hätte unsere bundesrepublikanische Geschichte vielleicht einen (geringfügig?) anderen Verlauf genommen, wären die Ermittlungen damals sauber geführt worden? Ander herum ausgedrückt: Die Vertuscher haben ihr Ziel vermutlich erreicht und das ist ärgerlich!
    Das wir daraus (zivilgesellschaftlich) nichts gelernt haben, zeigt das gleiche Vertuschungsschema 34 Jahre später bei der NSU-Affäre. Sollte es den Vertuschern wieder gelingen damit durchzukommen, dürfen wir uns bereits auf den nächsten Fall “freuen”. Darauf ein fröhliches “Weiter so!”

  2. Ich rechne auch nicht mit einer wirklichen Aufklärung. Das Staatsinteresse ist: Nun ja, ein paar Fehler sind gemacht worden, das ist peinlich und erfordert Korrekturen, aber im großen und ganzen ist schon alles in Ordnung mit unseren Ermittlungsbehörden, ab jetzt passen wir besser auf.

    Das Interessante an der Sache ist: Es ist eigentlich jedem klar, dass im Fall Oktoberfest-Attentat staatlicherseits massiv manipuliert wurde – also, dass der Staat dafür gesorgt hat, dass falsch aufgeklärt und vertuscht und der Rechtsradikalismus verharmlost wird.

    Von rechts droht, so denkt der Rechtsstehende, nicht so viel Gefahr wie etwa von links – man denke an die RAF. Der Feind steht links, nicht rechts. Das ist das Weltbild, das ist das Feindbild.

    Um das zu erkennen, muss man keineswegs staatskritisch eingestellt sein – es ist so offensichtlich, dass es jedem ins Gesicht springt.

    Unsere Sicherheitskräfte und die für sie verantwortliche Politik stehen rechts. Sie sind insofern immer auch parteilich.

    Sowohl im Fall Oktoberfest-Attentat als auch im Fall NSU hat der Staat systematisch und grundsätzlich den Rechtsradikalismus dadurch gedeckt und geschützt, dass er ihn von vorne herein bezüglich Täterschaft und Motivation nicht in Betracht gezogen hat.

    Das muss erklärt werden.
    WARUM, verdammt nochmal, WARUM verhält sich der Staat so?
    WARUM verhalten sich Ermittlungsbehörden so?

    Wenn Staat und Verfassung von rechts in Frage gestellt werden, ist das sehr viel gefährlicher, als wenn das von links geschieht: weil der Resonanzboden für die Rechte sehr viel empfänglicher ist als für die Linke.

    Weil auch unsere eigenen Sicherheitskräfte eher den Rechtsextremismus als den Linksextremismus emotional und politisch anschlussfähig finden.

    Ich denke an die rechtsradikalen Sticker, die in einem Nürnberger Polizeitansporter angebracht waren: wochenlang? monatelang? Und keiner der mit dem Wagen transportierten Polizeimänner hat was gesagt … Und die Polizei hat, als es rauskam, nur abgewiegelt.

    Man stelle sich vor, ein Polizist hätte einen linksradikalen Spruch angebracht, oder einen dschihadistischen …

  3. Korbinian meint:

    Googelt mal die Namen Frank Lauterjung und Heinz Lembke. Ich befürchte diese Zeugin könnte schwere Probleme bekommen.

  4. Ich möchte doch annehmen, dass sich die eigenartigen Todesfälle sowohl im Fall Oktoberfest als auch im Fall NSU (Zeugen, V-Leute, Leute im Umfeld) nicht noch allzu sehr vermehren werden. Schon jetzt fragt man sich, wieso sich auch in dieser Hinsicht die Zufälle so häufen.

    Können sich die Ermittlungsbehörden noch so einen überraschenden Todesfall leisten?

    Ich denke dabei auch an Michelle Kiesewetter. Sie kam aus der örtlichen und sozialen Umgebung des NSU. Vielleicht hat sie was mitbekommen? Und musste ausgeschaltet werden?
    Reine Spekulation von mir. Aber anzunehmen, die beiden Uwes hätten sie zufällig angetroffen und hätten es mal nur auf die Polizeiwaffen abgesehen, ist auch bloß Spekulation. Und eher weniger plausibel als meine: Bringen zwei Gangster, die schon ein ziemliches Waffenarsenal besammen hatten, zwei Polizisten um, damit sie noch ein paar Polizeiwaffen dazu bekommen – und bringen sie sich dabei nicht auch selber ziemlich in Gefahr? (Der Mord war riskant. Wie leicht übersieht man da einen Zeugen der Tat. Und Polizistenmord ist schon – für die Polizei! – was anderes als der Mord an ein paar Männern türkischer Herkunft. Da strengt sich die Polizei normalerweise ziemlich an, die Täter zu kriegen.)

    Wieder einmal aber ist es VÖLLIG AUSGESCHLOSSEN, dass Staatsbedienstete irgendwie kriminell beteiligt gewesen sein könnten. Das wird nicht einmal in Erwägung gezogen. Kaum deutet man es an, schon hört man – wie im Fall NSU bis 2011 – das hätte man doch gründlich geprüft und könne es kategorisch ausschließen.

    Es ist wie in der NSA-Sache. Man ahnt die systematische Spionage, den Bruch von Recht und Gesetz durch die Spionageinstitutionen – aber es muss Spekulation bleiben, denn außer ein paar Indizien und das Gefühl, dass die machen, was sie machen können und im Schutz des Dunkels auch machen dürfen, haben wir nicht. Bis dann ein Snowden kommt … Snowden, das ist der Albtraum der Staatsschützer, die im Verborgenen wirken. Es spricht Bände, dass auch ein deutscher Innenminister in Snowden nur den Kriminellen sehen kann.

    Was alles hat unser Staat zu verbergen???

    Hätte der Staat nichts Kriminelles zu verbergen, hätten wir Snowden längst zu uns eingeladen, ihm die deutsche Staatsbürgerschaft und das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse überreicht, ihn im Bundestag ehrenhalber sprechen lassen, ihm ein stattliche Pension auf Lebenszeit verliehen. Und eine Straße, an der entweder der BND oder der Bundesverfassungsschutz liegt, in Snowden-Straße umbenannt.

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