Salafismus. Teil 14: Wer hört oder liest, interpretiert

islamDer Koran ist für den gläubigen Muslim Gottes Wort. Über den Erzengel Gabriel hat Allah Mohammed diese Worte mitgeteilt, und Mohammed hat sie wortgetreu seinen Anhängern weitergegeben, und nach seinem Tod haben seine Getreuen diese Worte wiederum getreu aufgeschrieben.

Kein Iota könne geändert werden.

Folgt daraus, dass der gläubige Leser den heiligen Text nicht interpretiert? Dass er beim Lesen Wort für Wort unmittelbar versteht?

So sehen das die Salafisten – und ihre ebenfalls salafistisch tickenden Freundfeinde, der islamophobe Teil der Islamkritiker.

Aber: Wie du in den Koran hineinrufst, so schallt es heraus.

Zunächst einmal: Der Koran wurde immer wörtlich genommen.

Ich nehme Worte auch wörtlich, etwa die Worte derer, die zu diesem Artikel Diskussionsbeiträge schreiben. Aber: Findet bei diesem Wörtlichnehmen Interpretation statt – oder nicht?

Wenn text-naive Menschen einen Text lesen, dann merken sie nicht, dass sie dabei interpretieren.

Sie wissen nicht, dass jedes Hören und Lesen schon immer auch ein Interpretieren ist.

Ist Ihnen beim Lesen dieser Worte bewusst, dass Sie sie interpretieren? Dass Sie Ihre eigenen Gedanken hineindenken – und dass dies manchmal dem Sinn nahe kommt, den ich meine, mit meinen Worten ausgedrückt zu haben?

Übrigens: Auch mein Eigenverständnis steht in Zweifel. Ich bin gezwungen, mich selbst zu fragen, wie ich mich und meine Worte selbst verstehe, und ob ich mich angemessen ausdrücke.

Textverstehen ist immer hypothetisch, also, immer muss man damit rechnen, dass man einen Text, den man liest, nicht ganz richtig interpretiert, nicht ganz richtig verstanden haben könnte.

Wenn die Gläubigen den Koran naiv lesen, passiert meistens keine “salafistisch reine”, sondern eine umweltbedingt selektive Lektüre. Sie fügen ihr Verständnis von Gottes Wort ihrem Lebensalltag ein.

Drum wundern sich Muslime manchmal, wenn jemand einen der wenigen böse klingenden Sätze aus dem Koran zitiert; sie erklären dann in der Regel, dass der Satz ganz an die damalige Situation gebunden ist und nicht direkt für unsere heutige Situation gilt. Ohne es sich bewusst zu machen, schaffen also auch die naiven Leser meistens den historischen Abstand und interpretieren das Wort Gottes im Sinne des Friedens, der Barmherzigkeit.

Salafisten brechen aus dem Koran die für sie besonders attraktiven militanten Sätze heraus, ignorieren die Interpretationsmöglichkeiten, die sich aus den jeweiligen Kontext ergeben, ignorieren den Gesamtkontext bzw. denken sich einen Gesamtkontext, der ihrer Aggressivität entgegenkommt.

Die Islamfeinde projizieren in den Koran und Islam ihre eigene Aggressivität, ihr Ressentiment, ihre salafismus-förmige Dogmatik hinein.

Wie du in den Koran hineinrufst, so schallt es heraus.

Ganz offensichtlich rufen die meisten Muslime in Europa in den Koran nicht dschihadistisch hinein.

Kann der Mensch Gottes Wort unmittelbar verstehen?

Der Koran ist unmittelbares Gotteswort – das hat die meisten muslimischen Interpreten fürher zumindest dazu geführt, dass der Mensch immer unsicher sein wird, wie dieses Wort Gottes richtig zu interpretieren sei. Die Zweifel gelten nicht dem Koran als Gotteswort, sondern der richtigen Interpretation. Menschen sind nun mal nur Menschen, also fehlbar – und so wissen sie nicht mit letzter Sicherheit, wie nun Gottes Wort hier und heute zu verstehen ist.

Das ist gute alte islamische Tradition.

Wie sind sie die Interpreten vorgegangen? Sie nahmen einen Satz aus dem Heiligen Text, listeten die ihnen bekannten Interpretationen anderer Gelehrter auf, fügten gegebenenfalls noch eine oder mehrere eigene hinzu – und erwogen dann, welche der Interpretationen am meisten Sinn macht. Das konnten mehrere sein. Am Ende stellten sie fest: Aber Gott weiß es besser.

Beachtet wird bei der traditionalen Interpretation, dass jedes Wort nur im Gesamtkontext des Koran richtig verstanden werden kann. Kein Satz darf isoliert werden.

Beachtet wird dabei, dass alles im Koran unter dem Gesichtspunkt der Barmherzigkeit Gottes verstanden werden muss. (Wer den Koran liest, dem wird auffallen, wie geradezu penentrant die Barmherzigkeit Gottes betont wird.)

Die Salafisten und überhaupt die politisch ambitiösen Gruppen pervertieren den Islam, wenn sie einfach ihre jeweils eigene Interpretation als göttlich, als Gottes Wort verkaufen. Damit machen sie sich selber zu Gott. Das ist Sünde.

Mit Gottes Wort geht es wie mit der Realität insgesamt: Sie sind unendlich, vom kleinen Gehirn des Menschen auch nicht annähernd voll zu erfassen.

Personen, die ihre Interpretation der Welt für absolut verlässlich und gültig halten, nennen wir entweder naiv oder egozentrisch – oder, wenn es sich um Theoretiker handelt, Dogmatiker.

Die Muslime müssen also kein Iota am Koran ändern. Es geht nur um die Interpretation, um die klare Trennung zwischen Gottes Wort und des Menschen Verständnis davon.

Und diejenigen Islamkritiker, die den Koran salafistisch bzw. naiv direkt interpretieren (und dabei meinen, dass sie gar nicht interpretieren), sind selber Salafisten-Typen, also Naivlinge, die nicht wissen, was sie tun, wenn sie einen Text lesen.

Anmerkung:

Damit habe ich noch nicht von der Notwendigkeit gesprochen, einen Text wie den Koran historisch-kritisch zu lesen.

Mohammed hat seine Worte aus seiner Welt geschöpft und an Menschen seiner Welt gerichtet. Es ist das Arabien des 7. Jahrhunderts.

Wir leben in einer sehr anderen Welt und sind als Menschen sehr verschieden von denen, an die sich Mohammed gewandt hat.

Was daraus folgt – und wie man damit religiös umgehen kann, wird Thema eines weiteren Artikels sein.

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