FC Bayern München: unsportlich.

sportDer FC  Bayern München findet die Trainingsbedingungen in Qatar ideal und nimmt auch noch mal schnell ein paar Millionen für einen Auftriff in Saudi-Arabien mit in die Münchner Kasse.

Und geht damit zu weit.

Wenn Mercedes Milliarden vom Golf aquiriert, oder wenn eine deutsche Firma am Gold super Geschäfte macht, oder wenn unsere Autofahrer mit Benzin fahren, das aus dem Öl vom Golf gewonnen wurde – dann sagen wir: Geld stinkt nicht.

Aber ist Sport – wie Mercedes – eine REIN kommerzielle Angelegenheit?

Gibt es da nicht eine Grenze?

Der FC Bayern München trainiert ideal in Baulichkeiten, die in mörderischer Sklavenarbeit errichtet worden sind.

Wie wär das im Fall der Allianz-Arena, wenn die unter den selben Bedingungen gebaut worden wäre? Mit Sklavenarbeit, mit einigen Toten und einem hohen Prozentsatz von Arbeitern, die sich dabei ihre Gesundheit ruiniert hätten aufgrund von Ausbeutungsbedingungen, und der Bauherr würde sagen: Hauptsache billig! -?

Das ginge nicht. Das wäre nicht zu ertragen. In München.

Indem der FC Bayern München sich den kriminell erzeugten Luxus des Qatar leistet, adelt er ihn mit seinem Namen.

Aus Zugabe gönnt man dann auch noch den Saudis die Ehre eines Freundschaftsspiels. Während zur gleichen Zeit Raif Badawi seine ersten 50 Peitschenhiebe empfängt. Öffentlich.

Raif Badawi, der seit seiner Verhaftung 2012 mit etlichen Menschenrechtspreisen geehrt wurde, ist eine solitäre Erscheinung im wahhabitischen Königreich. Seinen Blog nannte er “Saudi Free Liberals” und widmete ihn kompromisslos dem Säkularismus, als “die praktische Lösung, um Länder – unseres mit eingeschlossen – von der Dritten in die Erste Welt zu befördern”. Das ist harter Tobak für ein Land, das nicht einmal eine Verfassung hat, weil das zu weltlich wäre.

Badawi beschränkte sich in seinen Blog-Einträgen nicht aufs Theoretisieren, sondern legte sich ganz konkret mit den salafistischen Religionsbehörden und ihren Institutionen, etwa der Sittenpolizei, an. …

Die ersten Schwierigkeiten mit der Justiz – in Saudi-Arabien eine religiöse Angelegenheit – begannen jedoch schon 2008. 2013 stand die Anklage Apostasie im Raum, die ein Todesurteil befürchten ließ, genauso wie Gefährdung der Staatssicherheit. Es wurde “Beleidigung des Islam” – und Badawis Anwalt Walid Abulkhair wurde später ebenfalls verurteilt, zu 15 Jahren.

derStandard

Saudi-Arabien ist – wie der IS – Verfechter des Kopfabschneide-Islam. Ein Terrorsystem, das zudem weltweit den islamistischen Terrorismus mitfinanziert. Der saudische Wahhabismus ist die Ideologie des Islamischen Staats – nur, dass dieser den Irrsinn konsequenter umsetzt.

In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht nur nicht Autofahren, sie dürfen keinen Sport betreiben, kein Stadion besuchen – sie werden zum Beispiel kategorisch vom Fußball ausgeschlossen.

Es geht im Sport auch um Geld. Das ist in Ordnung. Ein Verein muss auch aufs Geld schauen, muss versuchen, möglichst hohe Einnahmen zu erwirtschaften.

Aber anders als bei Mercedes geht es nicht nur und nicht in erster Linie ums Geld.

Der Sport muss sportlich bleiben.

Niemand fordert für den Auslandseinsatz einer Fußballmannschaft, dass der Gastgeber unseren Ansprüchen an Demokratie und Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte genügt.

Aber es gibt eine Grenze. Die hat der FC Bayern München überschritten.

Geld stinkt nicht, aber wenn man es aus der Scheiße holt, dann stinkt es eben doch.

Der FC Bayern München ist ein Sympathieträger, die Spieler, der Trainer, der Vorstand sind immer auch Vorbilder.

Da reicht es nicht, wenn Rummenigge und Guardiola und andere patzig auf die idealen Trainingsbedingungen verweisen.

Sie sind NICHT ideal. Sie werfen einen Schatten auf den FC Bayern München. Auf den Sport.

Der Verein ist wichtig für München. Ein Aushängeschild der Stadt. Jetzt ist er dabei, das kaputt zu machen.

Die, die den Verein leiten, verstehen viel von Fußball und viel vom Geld – aber politisch sind sie dumm.

Fußballerisch mag der Verein Siege verdienen – sportlich hat er versagt.

Anmerkung eins:

Nachdem sich Beckenbauer seinen Ruf ruiniert hat, weil die Annahme nahe liegt, er habe für den Qatar gestimmt und sich dafür auch noch bestechen lassen, nachdem der Macher des FC Bayern München, Uli Hoeneß, als irrer Zocker und als hochgradiger Steuerbetrüger hinter Gitter geraten ist, machen sich jetzt auch noch Rummenigge und Guardiola zu Buhmännern.

Sie wissen nicht, was sie tun.

Der Erfolg ist ihnen zu Kopf gestiegen.

Ich gehe davon aus, dass der FC Bayern München sich für nächstes Jahr ein anderes Trainingsquartier wählen wird.

Und dass noch genug passieren wird, damit die FußballWM 2024 NICHT im Qatar stattfinden wird.

Anmerkung zwei:

Hier ist ein offener Brief an den FC  Bayern München.

Ich möchte ihn hiermit als Münchner Bürger, geboren in München, unterstützen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

obwohl mir der Verein, den ich seit meinem elften Lebensjahr unterstütze, weiterhin sehr viel bedeutet und mir sportlich derzeit eine Freude bereitet wie selten zuvor in meinem Leben, kann ich verschiedene Entscheidungen der Vereinsführung derzeit mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.

Die bezieht sich vorrangig auf die Kooperation des FC Bayern München mit den Staaten Katar und Saudi-Arabien. Die inzwischen über Jahre andauernde Zusammenarbeit des Vereins mit einem Staat, der Arbeitskräfte zum Bau von Stadien in einer Form einsetzt, die von Amnesty International als “moderne Sklaverei” bezeichnet wird und dabei bereitwillig Todesfälle in Kauf nimmt, ist bereits schwer erträglich.

Dass Karl-Heinz Rummenigge, der immerhin den Verein (und damit auch mich als Mitglied) in der Öffentlichkeit vertritt, dann auch noch die Dreistigkeit besitzt, diese im aktuellen sportstudio nicht nur mit den angeblich weltbesten Trainingsbedingungen, sondern mit “Aberglauben” (!) zu rechtfertigen, empfand ich bereits als Beleidigung derjenigen, denen das Thema Menschenrechte am Herzen liegt. Dass all dies zudem ein Jahr nach der Ehrenpräsidentschaft für Kurt Landauer geschieht, einem Beschluss, der die Weltoffenheit des FC Bayern zeigen sollte und an seine Bereitschaft erinnert, auch gegen diktatorische Systeme ein Zeichen für die Menschlichkeit zu setzen, schmerzt ebenfalls. So verkommt die Ehrenpräsidentschaft zu einem Feigenblatt, das den Eindruck erweckt, dass die Vergangenheit instrumentalisiert wird, um von gewollter Ignoranz zu diesen Themen in der Gegenwart abzulenken. Besonders, da der Verein sich gegen eine offene Diskussion des Themas bisher verwehrt hat.

All dies konnte ich tolerieren in der Hoffnung, dass hinter den Kulissen daran gearbeitet werde, dass der FC Bayern 2016 nicht mehr mit Katar kooperieren würde, auch wenn unser Trainer “Markenbotschafter” des Landes sein mag.

Das Testspiel in Saudi-Arabien am heutigen Tag (Samstag, Anmerkung der Redaktion) ist leider der Tropfen, der für mich das Fass zum Überlaufen bringt. Dieses Spiel findet statt an einem Tag, an dem ein Aktivist zum zweiten Mal dafür ausgepeitscht werden sollte, dass er es gewagt hat, für religiöse Debatten und politische Freiheiten in Saudi-Arabien einzutreten, wozu er weiterhin zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Wie kann ein Verein, der sich offiziell für eine freie Gesellschaft und eine friedliche Welt einsetzt, dies ignorieren? Ebenfalls findet dies ein Tag nach der öffentlichen Enthauptung einer Frau in Mekka statt, die während der Enthauptung nicht einmal narkotosiert wurde, damit sich die Enthauptung für sie so schmerzvoll wie möglich gestaltet. Seit Jahresbeginn wurden damit in Saudi-Arabien bereits sieben Menschen hingerichtet.

Auch wenn der FC Bayern nicht die Politik Saudi-Arabiens und Katars bestimmt, so legitimiert er sie mit seiner Anwesenheit doch zumindest. Ich habe an meinen Verein höhere Ansprüche als den, in erster Linie Geld zu verdienen und Titel zu gewinnen. Und eine Absage des Testspiels mit Verweis auf die politische Situation in Saudi-Arabien wäre ein starkes und wichtiges Zeichen eines Vereines gewesen, der Millionen Fans auf der ganzen Welt erreichen kann. Der Verlust von Sponsorengeldern oder eventuell sogar eine schlechtere Saisonvorbereitung sind für mich in keiner Weise gegen die Vorgänge aufzurechnen, die der FC Bayern mit seiner Anwesenheit adelt. Und wenn der FC Bayern für diese Werte, die er bei der Ernennung Kurt Landauers zum Ehrenpräsidenten hochgehalten hat, nicht eintreten kann oder eintreten will, dann kann ich eine Vereinsmitgliedschaft mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren.

Ich würde gerne eine Stellungnahme von Ihnen als Vorstand zu diesen Anliegen hören, die mir zeigt, dass der Verein sich seiner konkreten moralischen Verpflichtung zu diesen Themen bewusst ist und mir erklären kann, warum ich nicht fristgerecht zum 01. Juni 2015 aus dem Verein austreten sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Anmerkung drei (Nachtrag):

Detaillierter Artikel dazu in der FAZ.

„Ich weiß schon länger, dass bei den Bayern Kommerz Ethik schlägt und sich im Zweifel auf die Seite des Geldbeutels gestellt wird. Das ist schade, aber überrascht mich nicht“, sagte Theo Zwanziger, Vorstandsmitglied des Internationalen Fußball-Verbandes, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Und:

Saudische Bürgerinnen durften nicht ins Stadion. Ihnen bleibt der Zutritt zu Fußballspielen im islamischen Königreich verwehrt. Frauen dürfen in Saudi-Arabien kein Auto fahren und sind auch vom Sport in Vereinen und Schulen ausgesperrt.

Beim Bayern-Auftritt in Riad durften nur weibliche Mitglieder der deutschen Delegation in den hinteren Reihen der Logen Platz nehmen.

Organisiert wurde die Partie von Volkswagen. Audi ist Sponsor und Anteilseigner bei der FC Bayern Fußball-AG. Der Verein wollte sich am Dienstag auf Anfrage nicht äußern.

„Borussia Dortmund sind ethische und soziale Standards wichtig. Wir haben schon vor Jahren beschlossen, dass wir grundsätzlich kein Spiel in einem Land absolvieren werden, das breite Schichten der Bevölkerung diskriminiert, ihnen das Stadionerlebnis verbietet und sich einem Dialog über das Thema Menschenrechte kategorisch verschließt“, teilte der Verein mit.

Ebenfalls lesenswert: Peter Mühlbauer bei telepolis.

Anmerkung vier:

Saudi-Arabien kriselt. Wie, beschreibt ein Artikel in der ZEIT.

Zum Kopfabschneide-Islam:

Zehn Menschen hat das Königreich bereits seit Beginn des Jahres in aller Öffentlichkeit den Kopf abschlagen lassen, darunter einer Frau auf offener Straße in Mekka. Das Video dazu zirkuliert im Internet.

Die Bilder von der Auspeitschung des Bloggers Raif Badawi haben rund um den Globus Bürger aufgebracht und Proteste ausgelöst.

Kein Ereignis der letzten Jahre hat die beschämende Menschenrechtsbilanz Saudi-Arabiens so ins internationale Rampenlicht gerückt, wie die 15-minütige Prügelszene vor der Al-Jafali-Moschee in Jeddah.

Über den Islamischen Staat regen wir uns auf. Zurecht. Über Saudi-Arabien schweigen wir?

Wer wird am Ende des Jahres mehr Köpfe öffentlich abgeschlagen haben – der IS oder Saudi-Arabien?

Aber die Saudis sind unsere engen Freunde, treue Verbündete, umworben, man fördert das Regime durch prestigeträchtige Großveranstaltungen. Man sieht ihm alles nach.

Es wird Zeit, mit der Heuchelei Schluss zu machen.

Kommentare

  1. Ich nehme an, ihr alle habt die Kommentare zu König Abdullahs Tod gelesen.

    War dieser Mann verantwortlich für das, was in Saudi-Arabien bis zu seinem Tod geschehen ist? Verantwortlich dafür, dass z. B. Raif Badawi mit 1000 Peitschenhieben langsam zu Tode gefoltert wird? Verantwortlich für das Köpfritual? Verantwortlich für die wahhabitische Mission in Europa, das Finanzieren salafistischer Vereine bei uns? Etc.

    Wenn es sowas wie einen Unrechtsstaat gibt, dann ist Saudi-Arabien einer. Der König eines solchen Staates ist ein Verbrecher.

    Und nun lese man die devoten Beileidsbekundungen aus Deutschland, den USA, etc..

    Beispiel:

    Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Saudi-Arabien zum Tod von König Abdullah kondoliert und dem Monarchen für “seine ausgewogene und vermittelnde Politik im Nahen Osten (…) Respekt und Anerkennung” gezollt. Wie das Bundespresseamt am Freitag mitteilte, sprach Merkel in einem Kondolenztelegramm dem neuen König Salman Ibn Abdelasis ihr “tief empfundenes Mitgefühl” aus. Weiter schrieb die Kanzlerin über Abdullah: “Mit Klugheit, Weitsicht und großem persönlichen Einsatz ist er für eine behutsame Modernisierung seines Landes und für den Dialog der islamischen Welt mit dem Westen eingetreten.”

    Noch ein Beispiel:

    Kremlchef Wladimir Putin bezeichnete König Abdullah als “weisen und kontinuierlichen Staatsmann und Politiker”: “Seine Hoheit hat viel getan für die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung”, schrieb Putin Kremlangaben zufolge an das Königreich. Der russische Präsident hob außerdem hervor, dass Abdullah sich auf “verschiedenen Ebenen” um den internationalen Anti-Terror-Kampf sowie für eine “gerechte Regulierung des arabisch-israelischen Konflikts” verdient gemacht habe.

    Ein drittes:

    US-Präsident Barack Obama hat den verstorbenen König als aufrichtigen und mutigen Führer gelobt. “Die Nähe und Stärke der Partnerschaft zwischen unseren zwei Ländern ist Teil von König Abdullahs Vermächtnis”, teilte Obama mit. Er habe an die Wichtigkeit der US-saudischen Beziehungen als Kraft für Stabilität und Sicherheit im Nahen Osten und darüber hinaus geglaubt. Obama lobte die “echte und warme Freundschaft”, die die beiden Staatsmänner verbünde. Der Familie des verstorbenen Königs und dem Volk Saudi-Arabiens sprach Obama sein Beileid aus.

    Geld stinkt nicht. Ok. Aber Geld macht auch korrupt.

    Was sich da gerade zeigt, ist eine Lektion.

    Eine Lektion in politischem Zynismus.

    Wie kann der Westen es wagen, den Iran zu kritisieren, weil der etwa nicht demokratisch ist, weil er die Menschenrechte verletzt … und dann den Verbrecherkönig Abdullah ehrenvollste Nachrufe gewähren? Oder Assad. Oder Castro. Oder Chavez.

    Mir kommt eine Strafe in den Sinn. Merkel, Putin und Obama müssen nach Saudi-Arabien reisen und – vor laufender Kamera! – Raif Badawi je einen Peitschenhieb versetzen. Das wird dann groß in den jeweiligen Abendnachrichten gezeigt.

    Nein, nicht dass ich meine, die jeweilige Opposition wäre da besser.

    Ich muss also das Szenario ergänzen. Merkel, Putin und Obama müssen, während sie ihren Hieb auf Badawis zerschundenen Rücken setzen, laut ausrufen: Wir tun dies im Namen unseres Volkes! Im Namen Deutschlands, im Namen Russlands, im Namen des amerikanischen Volkes!

    Mit der Verbeugung vor dem Verbrecherregime der Saudis dienen Merkel, Putin und Obama tatsächlich den materiellen Interessen ihrer jeweiligen Völker. Nicht nur die von Big Money, das am Golf glänzende Geschäfte macht.

    Die Kritik an ihnen bleibt billig, solange man nicht bereit ist, die beträchtlichen materiellen und politischen Nachteile in Kauf zu nehmen, die aus einer distanzierteren Politik folgen würden.

  2. Korbinian meint:

    Der traurige Witz an der Sache ist dass dieser Monarch verglichen mit den Sudairi-Sieben (von denen ist jetzt wieder einer dran) tatsächlich eine moderate Position vertreten hat. Er blieb auf Distanz zum Klerus und hat u.a. eine gemischt-geschlechtliche Universität gegründet.
    Natürlich sind diese Gestalten dort alle Verbrecher in unseren Augen. Aber wieso Putin ihn lobt erschließt sich mir nicht ganz.

  3. Moderate Position. Na ja, so, wie vielleicht Göring etwas moderater war als Himmler?
    Was Abdullah da an angeblichen Reformen gebracht hat, war kaum mehr als Kosmetik und Show.
    Weder wollte noch konnte er mehr bieten. Das ganze System war und ist und bleibt verbrecherisch. Das kann man eigentlich nicht reformieren.
    Wenn es zusammenbricht, wird das für alle eine Katastrophe – für die ca. 50.000 Saudis, für die Einwohner des Landes, die keine Saudis sind, für die Region, für die Weltwirtschaft, für Europa …

    Das ist schon ein Dilemma. Das Regime ist eine Katastrophe, ein Zusammenbruch des Regimes wäre auch eine Katastrophe – wohl eine noch größere?

    In der Politik ist es allerdings üblich, Dilemmas nicht auszusprechen.

    Was macht man? – Man REDET von Reformen und lobt, wenn mal was gemacht wird, was als Reform verkauft werden kann, indem man es riesig aufbläst. Das dient nur zur Ablenkung und zur Rechtfertigung dafür, dass man sich kaufen lässt. DAS ist es, was man MACHT: Man verkauft sich.

  4. Korbinian meint:

    UK flaggt auf Halbmast und Erdo derMuslimbruder war bei der Beerdigung dabei. Warum der eigentlich?

  5. conring meint:

    “Das ganze System war und ist und bleibt verbrecherisch. Das kann man eigentlich nicht reformieren.”
    Als “verbrecherisch” würde ich die saudische Monarchie nicht bezeichnen. Das System stützt sich doch auf eine breite Zustimmung innerhalb der Bevölkerung, wird daneben auch von einschlägigen Religiosngelehrten unterstützt und ist von daher durchaus legitimiert. Oppositionelle sind eher Einzelkämpfer, die sich nicht auf größeren Rückhalt innerhalb der Bürgerschaft stützen können. Der arabische Frühling ist an dem Land auch vollkommen spurlos vorbei gezogen.
    Von daher dürfte es keine reale Alternative zu den Sauds geben.

  6. Da bin ich also nun “islamkritischer” als du, conring. Ein Regime, das Unrechtsgesetze etabliert und mit Mord und Terror regiert – wie zum Beispiel auch das Nazi-Regime 1933-39 (!) – ist ein Unrechtsregime, ein Verbrecherregime. Ob eine Mehrheit ihm zustimmt oder nicht. Die Nazis hätten, wenn sie es gewollt hätten, leicht 70% und mehr Zustimmung per Wahl oder Referendum holen können. Die Saudis – wahrscheinlich nicht so viel. Aber es gibt bei beiden Regimes – wie auch bei dem in Nordkorea – keine Möglichkeit, den Grad der Zustimmung objektiv zu messen.

    Ich würde auch das iranische Regime als verbrecherisch bezeichnen, ebenso das von Assad und das von As-Sisi in Ägypten, ebenso – aus anders liegenden Gründen allerdings – das Landraub-Regime von Israel.
    Ob da jeweils eine Mehrheit der Bevölkerung dahinter steht, ist sekundär – auch Völker können verbrecherisch handeln.
    Wie das deutsche Volk 1933-1945.
    Oder die US-Amerikaner im Umgang mit den Indianern.
    Oder die Rassistenregierung mit ihrem weißen Staatsvolk im Südafrika der Apartheid.
    Oder die Serben unter Milosevic.
    Oder die Russen im Fall Ostukraine (bis zu 80% stimmen dem Griff Russlands nach der Ostukraine zu, eine Mehrheit sähe es wohl auch gern, wenn Putin sich gleich die ganze Ukraine schnappen würde).
    Auch der US-Angriffskrieg war ein Verbrechen – gedeckt durch mehr als zwei Drittel der US-Bevölkerung.

    Ich lass gern pragmatisch mit mir reden. Aus politischen Gründen muss man viele Verbrechen akzeptieren. Manchmal muss man mit Verbrechern paktieren. Ich moralisiere auch nicht, wenn es um Verbrechen geht. Aber dass eine Politik wie die der Saudis (oder des Qatar beim Bau der Sportanlagen) verbrecherisch ist, oder der US-Einmarsch im Irak 2003, oder das Vorgehen Russlands im Fall der Ostukraine, oder der Religionsterror der Mullahs im Iran, etc. — DASS das verbrecherisch ist, möchte ich schon gern öffentlich festgestellt haben. Das ist eine Frage der Ehrlichkeit und Konsistenz.

    Dass wir Menschen es nie schaffen werden, Verbrechen aus der Welt zu schaffen – und dass es wohl unklug wäre, das überhaupt so radikal zu versuchen – gehört auch zur ehrlichen Bestandsaufnahme.

    Die Saudis haben ein kleptokratisches, totalitär-theokratisches Regime etabliert. Wenn man überhaupt irgendwelche rechtlichen und zeitgenössischen Maßstäbe anlegt an eine innere staatliche Ordnung, dann wird man diese Ordnung für verbrecherisch halten müssen.

    Man könnte natürlich sagen, die Saudis leben nicht im 21. Jahrhundert, sondern im 18. Jahrhundert. Dann würde ich auch sagen, für diese Zeit gelten unsere Maßstäbe nicht, also auch nicht die Bewertung als verbrecherisch im vorliegenden Fall.

  7. conring meint:

    “Man könnte natürlich sagen, die Saudis leben nicht im 21. Jahrhundert, sondern im 18. Jahrhundert. Dann würde ich auch sagen, für diese Zeit gelten unsere Maßstäbe nicht, also auch nicht die Bewertung als verbrecherisch im vorliegenden Fall.”
    Das haben Sie schön formuliert.
    Irgendwie ticken da unten die Uhren eben ganz anders.
    Ein Beispiel sind die öffentlichen Hinrichtungen. Das ist etwas, was es so eben nur dort noch gibt. Wenn die Bevölkerung das nicht goutieren würde, dann würde das Regime diese Praxis auch schnell fallen lassen und Hinrichtungen etc. eben hinter verschloßenen Türen abhalten, was ja in fast allen anderen Staaten, die sowas noch praktizieren die Norm ist.

  8. So wie in Nordkorea zum Beispiel oder auch bei uns in feudalistischen Zeiten gibt es in Saudi-Arabien nicht die Öffentlichkeit, in der sich Protest manifestieren und organisieren könnte. Da wird niemand gefragt, und die meisten kennen das auch gar nicht, nämlich, dass man Teil einer Öffentlichkeit und insofern gefragt ist.

    Die Saudis bekämpfen auch verbissen jeden Versuch, eine solche Öffentlichkeit zu entwickeln. Das ist der Grund, warum sie Raif Badawi so exemplarisch brutal und sichtbar bestrafen. Niemand darf es wagen, Öffentlichkeit zu spielen. Entscheidungen – alle! – werden strikt intern und geheim und ohne jede Mitsprache nicht dafür vorgesehener Beteiligter getroffen.

    Wir können uns das kaum vorstellen – ein Land, ein Volk, eine Nation, ein Regime — ohne jede Öffentlichkeit (außer der, die sie selbst inszenieren, natürlich).

    Ohne Öffentlichkeit – keine Politik. Politik steht nur den wenigen damit Beauftragten zu. Im übrigen ist Politik VERBOTEN. Es gibt darum keine Parteien, keine irgendwie politisch agierenden Vereine. Natürlich auchk kein Medium für irgend eine Öffentlichkeit außer der regime-offiziellen.

    Man könnte vielleicht sogar sagen: Es gibt in Saudi-Arabien gar kein Volk. (Es hat keinerlei Möglichkeit, sich zu konstitutieren oder zu artikulieren.)

    Was es aber schon gibt: Viele Saudis haben mitbekommen, dass es außerhalb anders zugeht und es insofern Alternativen gibt; und viele – wir wissen nicht, wie viele – Bewohner Saudi-Arabiens sind sehr sehr unzufrieden. Vermutlich mehr als die Hälfte ist frustriert und muss mit ziemlich hohem Bestechungseinsatz daran gehindert werden, anarchisch aufzubegehren.

    Es ginge nur anarchisch, denn es gibt keinerlei Möglichkeit, sich oppositionell zu organisieren und zu verständigen.

  9. conring meint:

    “Vermutlich mehr als die Hälfte ist frustriert und muss mit ziemlich hohem Bestechungseinsatz daran gehindert werden, anarchisch aufzubegehren.”
    Stimmt auch wieder.
    Wobei eben das Problem ist, dass man so richtig nicht sagen kann, was das saudische Volk will.
    Es gibt Leute wie Herrn Badawi oder auch Turki al-Hamad, die versuchen einen offenen gesellschaftlichen Diskurs zu führen. Die werden dann von den Sauds und den dortigen Religionsfunktionären gleich hart sanktioniert. Wobei vollkommen offen ist, inwieweit Herr Badawi überhaupt für eine nennenwerte Zahl seiner MitbürgerInnen spricht.
    Und dann gibt es eben auch Leute wie den seligen Ossam Bin Laden, die meinen, dass die Sauds eigentlich viel zu lasch sind…
    Und dann gibt es eben auch

  10. Korbinian meint:

    Merkel schickt übrigens den Krischan Wulff zum kondolieren nach Riad. Kein schlechter Zug, schließlich gehört auch der Wahabiten-Islam zu Deutschland.

  11. Korbinian meint:

    Die absolute Pervertierung jedweden sportlichen Kräftemessens sieht man hier:
    http://www.welt.de/sport/handball/article136655924/Der-unheimliche-WM-Gastgeber-wirft-Fragen-auf.html

    Zusammengekauftes Nationalteam und eingekaufte Fans. Warum pachtet Katar nicht fpür die WM 2022 ein Gebiet in Russland am Pazifik z.B. ? Da würde es dann auch mit dem Klima passen.

  12. conring meint:

    @ Korbinian
    “Die absolute Pervertierung jedweden sportlichen Kräftemessens sieht man hier”
    Soo schröcklich ist das doch wirklich nicht, eher morgenländisch-skurril.
    Noch skurriler dürfte die Leichtathletik-WM werden. Da hobsen eine Woch lang junge Menschen beiderlei Geschlechts fast nackt in einer einzigen Arena herum. Und zum Marathonlaufen muss man die auch noch in die Stadt lassen…

  13. Sollte man Länder, die Frauen keinen Sport treiben lassen und Frauen nicht einmal in Stadien zuschauen lassen wollen, nicht von allen Sportinstitutionen und Sportveranstaltungen ausschließen?

    Es ist das Geld, nur das Geld, das gigantische Geld, das diese Horror-Regimes investieren können, es ist das Geld, das uns davon abhält.

    Vielleicht hindert es uns zurecht – denn Geld regiert uns. Wer genug Geld hat, wird freigesprochen, fast egal, welche Verbrechen er begeht. Geld wäscht rein. Geld macht sexy. Geld beten wir an. Geld ist unser Gott. Geld verführt uns, uns selbst zu verraten.

    Dass der FC Bayern München und die FIFA sich Qatar leisten können, und dass deutsche Firmen die Milliarden aus dem Golf gern kassieren, und dass Merkel, Obama und Putin (und die deutschen Medien) jetzt dem Verbrecher Abdullah die Ehre erweisen, das hält uns den Spiegel vor: So sind wir! Sklaven des Geldes. Geldfetischisten.

    Wenigstens bewusst sein sollten wir uns, dass wir es sind.

    Da sagt man immer, wir wären säkular und agnostisch. Nicht, wenn es ums Geld geht. Da stehen wir einem Heiligtum gegenüber.

    Die Sklaverei wird immer noch tiefer. Denn die Kommerzialisierung, die Marktdurchdringung der Alltagswelt nimmt weiter zu, wird vorangetrieben – es wird uns als rational verkauft, marktförmig zu denken und zu handeln und zu leben.

    Mein Gott, die Saudis haben Geld – also sind sie gut. Jedenfalls gut genug, um unsere hochgeachteten Partner zu sein. Und wenn sie jeden Tag 100 “Sündige” öffentlich köpfen würden – WIR sind es ja nicht, die geköpft werden.

    Korbinian,
    das geht auch an dich. Es sind Mercedes, Volkswagen, FC Bayern München & Co, die die Wahhabiten fördern, umarmen, hochschätzen – und ins Land holen. Wahhabitisches Kapital ist in der Tat ein Teil von Deutschland, oder?

    Und dagegen hast du vielleicht gar nicht so viel.

  14. conring meint:

    “Sollte man Länder, die Frauen keinen Sport treiben lassen und Frauen nicht einmal in Stadien zuschauen lassen wollen, nicht von allen Sportinstitutionen und Sportveranstaltungen ausschließen?”
    Klare Antwort: NEIN.
    Frauensport ist auch im Westen keine altüberkommene Institution, sondern hat sich auch hier gegen diverse Wierstände der einschlägigen Vereinsfunktionäre langsam durchgesetzt. So haben alle euroäischen Fußballverbände Fraunefußball anfangs der 1920er Jahre verboten und erst 1970 wieder zugelassen.
    Von daher sollte man da gerade in einer globaliserten Welt doch großzügig sein.

  15. Korbinian meint:

    Sogar sehr viel. Ich betrachte es mit größtem Argwohn dass die sich hier einkaufen. Ich fahre keinen Mercedes, auch keinen Volkswagen und der FC Bayern kann mich mal. Eine ekelhafte Mischpoke: Kleinkariert und hochmütig, können nur austeilen aber nicht einstecken.
    Okay, einstecken können sie doch, die Kohle: FC BuyEarn.

  16. Ich bestehe nicht auf meiner Forderung, conring, aber es gibt inzwischen Standards, die auch von der UN festgeschrieben worden sind. Außerdem finde ich dein Argument nicht schlüssig.

    Einmal angenommen, ein Land erlaubt es nicht, dass jüdische Fußballspieler in einer Mannschaft sein dürfen, die im Lande spielt … ZUschauen durften Frauen auch schon vor dem Frauenfußball.

    Aber es stimmt natürlich, man muss anderen Völkern etwas Zeit geben, sich bei der Emanzipation der Frau zu entwickeln.

    Einmal angenommen, die FIFA würde nur noch für internationale Fußballspiele Nationen zulassen, in denen es auch Frauenmannschaften gibt und eine Liga für sie – was würde da am Golf passieren? Ich möchte wetten, dass sie dann vier oder sechs Frauenmannschaften gründen würden, nur, um nicht ausgeschlossen zu werden. Das wär doch schon mal ein schöner Erfolg, meinst du nicht?

    Und ein abgegrenzten Bereich für weibliche Zuschauer müsste auch zu den Mindestanforderungen gehören.

    Eine Idee wäre es vielleicht auch, wenn man den Saudis erlauben würde, sich von der Anforderung freizukaufen: Sie müssten dann jährlich 1 Milliarde Dollar einzahlen in einen Fonds zur Unterstützung von Frauenfußball in Ländern der sog. Dritten Welt.

  17. conring meint:

    @ Leo Brux
    “Außerdem finde ich dein Argument nicht schlüssig.”
    Mein Argument ist natürlich nicht schlüßíg, deines allerdings auch nur, wenn man sich auf eine ganz hohe moralische Warte setzt.
    “Einmal angenommen, ein Land erlaubt es nicht, dass jüdische Fußballspieler in einer Mannschaft sein dürfen, die im Lande spielt …”
    Gab es doch auch schon…
    Vor ein paar Jahren hat auch ein ägyptischer Fußballnationaltrainer verkündet, dass in seiner Mannschaft nur Muslime spielen…

    “Ich möchte wetten, dass sie dann vier oder sechs Frauenmannschaften gründen würden, nur, um nicht ausgeschlossen zu werden. Das wär doch schon mal ein schöner Erfolg, meinst du nicht?”
    In der Tat.
    Wenn die Katarer übrigens wirklich in einer Mannschaftsdisziplin Weltmeister werden wollen, dann würde ich ganz ernsthaft Frauenfußball empfehlen. Die nächste WM, noch ohne Gastgeber, ist 2019. Wäre noch nach Katar zu holen.
    Und wenn man unter den Katargenserinnen jetzt schon anfängt gezielt Talente zu sichen. Diese dann vier Jahre lang mit ein paar internationalen JugendtrainerInnen trainieren lässt…

  18. Mein Punkt mit den Juden war: Wenn ein Land im Rahmen eines internationalen Fußballturniers es keiner Gastmannschaft erlauben würde, dass Juden darunter wären … Ich bin mir sicher, dass man da unnachsichtig reagieren würde.

    Inwiefern ist mein Argument “moralisch”? Ich argumentiere vom Interesse her. Und davon, dass ich eine Idee habe, wie menschliches Leben gelingen kann – und wie nicht. Ich habe ein Interesse am guten Leben der Menschheit. Meine Vorstellung dazu bringe ich ein und verknüpfe sie pragmatisch mit den Vorstellungen meiner Mitmenschen und mit den Machtverhältnissen. Das hat auch etwas Moralisches an sich, aber nicht so, wie du dir das wohl denkst.

    Meine Aussage, dass Menschen nicht anders sein können, als sie sind, gilt auch für die Saudis und die Qataris.

  19. Korbinian meint:

    Damit wir auch gern mal wieder den Iran mit in die Liste aufnehmen können:

    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10152992707555979&set=a.10150227875880979.361081.618015978&type=1

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