Das König-Abdullah-Zentrum in Wien – Dialog mit den Wahhabiten?

islamWas soll, was kann man in einem Dialog mit den Wahhabiten, mit den Saudis bereden – außer Geld- und Politikangelegenheiten?

Interreligiöser Dialog

  • mit den Auspeitschern von Badawi?
  • Mit einem Regime, das keine Juden ins Land lässt?
  • Mit einer Gesetzgebung, die Frauen daran hindert, Auto zu fahren und Männer bestraft, wenn sie unabsichtlich den harmlosesten Körperkontakt mit einer Frau erfahren?
  • Mit einer Todesstrafe, bei der der Delinquent öffentlich geköpft wird?
  • Mit einer Politik, die weltweit den politischen Salafismus finanziert, aus dem dann wiederum Dschihadisten erwachsen?
  • Mit einer Religion, die offen und öffentlich und unmissverständlich und grundsätzlich Menschenrechte ablehnt und bricht?

Das König-Abdullah-Zentrum in Wien soll ein Ort dieses interreligiösen Dialogs sein.

Für einen Dialog braucht man aber eine gemeinsame Gesprächsbasis.

Die ist im Falle des Wahhabitentums nicht gegeben.

Man kann mit ihnen Geschäfte machen.

Man kann sich politisch sagen: Besser, das Horrorregime dort bleibt stabil; wenn es zusammenbräche, würde die Hölle im Nahen Osten noch sehr viel heißer werden. (Woran wir nun wirklich weder ein politisches noch ein ökonomisches Interesse hätten.)

Man kann sich sogar politisch in der einen oder anderen Angelegenheit verbünden und diesbezüglich sachliche, die Differenzen ausklammernde Beziehungen pflegen.

Aber wie zum Teufel will man mit diesen Fanatikern und Verbrechern einen interreligiösen Dialog führen?

In Deutschland hat der Verfassungsschutz ein Auge auf der saudi-gesponserten Salafistenszene. Mit Sorge sieht man das Entstehen einer salafistischen Subkultur unter muslimischen Jugendlichen. Einer Subkultur, die überall, wo Muslime verwahrlosen, den Sprung in den religiösen Fanatismus als Ausweg eröffnet.

In Österreich nun unterstützt die Regierung auch mit Steuergeldern das Kaiciid, das “King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue“.

Als Raif Badawi seine ersten 50 Peitschenhiebe bekommen hat – dafür, dass er öffentlich für religiöse Toleranz und die Trennung von Staat und Religion eingetreten ist – ging natürlich die Frage an das Abdullah-Zentrum: Wie steht ihr dazu?

Kein Kommentar!

Das Zentrum tut so, als ob es interreligiös offen wäre, schmückt sich mit ein paar Personen anderer Religion – ein Dialog aber findet nicht statt.

Man redet nicht: Der Wahhabismus in seiner saudischen und und dschihadismusfördernden Realität ist kein Thema.

Es gibt keine Dialog-Inhalte.

Das ganze ist eine Fassade. Ein Propaganda-Projekt.

Pauschal verurteilt man – so heißt es – den Islamischen Staat und”jede Gewalt gegen Sunniten, Schiiten, Christen und Jesiden“. Konkret hat man dazu nichts zu sagen. Denn die dschihadistischen Gewalttäter werden gewalttätig auf der Basis der salafistischen, der wahhabitischen Interpretation des Islam.

Jetzt hat man sich ein wenig in der Österreichischen Regierung gestritten.

Wie berichtet, befürchtet die schwarze Regierungshälfte unter Berufung auf den österreichischen Botschafter in Riad, dass “bei einer Missachtung der völkerrechtlichen Verträge” womöglich gar die Opec oder der Opec-Fonds aus Wien abziehen könnte.

Doch der SPÖ-Chef, der das Abdullah-Zentrum bisher schon mehrmals als “Schweigezentrum” tituliert hat, weil man sich bisher zu keiner Stellungsnahme zu der Auspeitschung des Menschenrechtsaktivisten Raif Badawi durchringen konnte, besteht weiterhin darauf, dass die interreligiöse Dialogeinrichtung ihrem Namen gerecht werden muss – “und zwar klar und deutlich auf Basis der Menschenrechte”.

Wenn aber das Zentrum “nur als Wirtschaftszentrum mit religiösem Feigenblatt” fungiere, “dann soll sich Österreich auch nicht mehr daran beteiligen und aussteigen”, empfiehlt Faymann.

derStandard

Der Kanzler und die SPÖ denken über den Ausstieg nach.

Die ÖVP hat das kritisiert. Damit gefährde man österreichische Interessen. Es sei nicht Aufgabe des Abdullah-Zentrums, saudische Innenpolitik zu kritisieren.

Ja, die politischen und ökonomischen Interessen sind real und wiegen schwer. Geschäfte mit den Ölstaaten sind lukrativ …

Sollte man diese Fassade also nicht doch einfach so stehen lassen? Wenn’s den Saudis so gefällt, ja mei, dann sollen sie halt ihr Schwindelzentrum behalten. Es fällt sowieso keiner drauf rein, oder?

Dafür spricht zum einen das politische und ökonomische Interesse, also das Interesse an Stabilität und an guten Geschäften.

Dafür spricht aber – überraschenderweiser – noch ein weiterer Grund:

Das Kaiciid ist nämlich ein Produkt des innersaudischen Diskurses, einer Richtungsdebatte, sogar eines Kulturkampfes. Und – und da irren diejenigen, die es als wahhabitisches Missionszentrum sehen – es steht auf der Seite, von der man will, dass sie diesen Kampf gewinnt. Wenn man so will: Es hat eine antiwahhabitische Botschaft nach innen.

Der alte König Abdullah hat mit seinem vorsichtigen Modernisierungskurs eine Medizin verordnet, die nicht allen schmeckt: und zwar nicht nur den religiösen Eliten, sondern auch vielen im gesellschaftlichen Unterbau. Auch das Kaiciid ist eine bittere Pille, mit seinem Vorstand, in dem auch Vertreter von Religionen sitzen, die in Saudi-Arabien nicht einmal als solche anerkannt sind (…) und seiner Erwähnung der Jesiden.

Es tut sich viel im Königreich, das ja auch aus historischen Gründen nicht überall gleich “wahhabitisch” ist (der früher osmanische Hijaz etwa ist anders als der Najd, wo die Sauds und Ibn Abdulwahhab im 18. Jahrhundert ihr Bündnis schlossen).

Es gibt Kräfte, die begriffen haben, dass die Engführung des Islam in einer Sackgasse mündet.

In einer globalisierten Welt geht es nicht ohne Akzeptanz, dass es andere Wege zu Gott gibt außer dem eigenen salafistischen. Oder dass es Menschen gibt, die Gott überhaupt nicht brauchen – zugegeben, das ist die Lektion für Fortgeschrittene.

Wenn es zu verstörend wird, setzt das Mantra – Generalsekretär Faisal bin Abdulrahman bin Muaammar will alle dazu “bekehren” – vom Dialog ein. Dialog ist der Weg ist das Ziel. Und es ist ja auch nicht so, dass Teilnehmer an den diversen Konferenzen und Programmen nichts davon haben. Wahhabitische Mission sind diese jedenfalls nicht.

Die Annahme, dass der Druck nach Öffnung vor allem von unten ausgeht, ist falsch.

Er kommt stärker von den – oft im Ausland ausgebildeten – Eliten. Tausende Stipendiaten werden zum Studium in andere Länder geschickt.

Das wird von ultrakonservativen Geistlichen mit Fatwas kommentiert, die Reisen ins Ausland, und gar ins nichtislamische, für unerwünscht erklären. Sie werden ignoriert.

Gudrun Harrer in derStandard

Der neue König, so sieht es aus, wird die minimalen Reformschritte des verstorbenen Königs Abdullah nicht weitergehen. Der relativ reformorientierte Justizminister, der sich immer wieder mit den wahhabitischen Richtern angelegt hatte, ist geschasst worden.

Sollte sich König Salman ganz der super-reaktionären Seite zuwenden, wird er ohnehin aus dem – aus wahhabitischer Sicht – sündigen Projekt eines Dialogzentrums aussteigen.

Man könnte, sollte, müsste auch die REALE Menschenrechtsbilanz des Westens in die Betrachtung einbeziehen.

Zum Beispiel: Die USA bekennen sich zur Folter. Mehrheitlich. Sie verehren via Film Mörder wie diesen Sniper Chris Kyle und sein Vergnügen am Morden.

Es hat sicher auch seine Gründe, warum sich Pegidaner, PIdioten und dergleichen nicht dazu aufraffen können, Deutschlands Beziehungen zu Saudi-Arabien in Frage zu stellen, oder die beträchtlichen Investitionen der Golf-Staaten in deutsche Firmen als Teil der angeblichen Islamisierung zum Grund für ihre Sorge, ihre Empörung und ihre Demonstrationen zu machen.

Merkel, Obama, Putin etc. beugen öffentlich und devot die Knie vor dem toten König Abdullah und preisen diesen Mann.

Im Hinterkopf steckt bei allen das INTERESSE am Geld und am Öl und an politischer Stabilität wirksam, auch bei denen, die vordergründig wüten.

Das Geld der Wahhabiten stinkt nicht, und dem Benzin riecht man es auch nicht an, woher es kommt.

Die Moschee, das Kopftuch und die halal-Speise hingegen, die sind sinnlich hyperpräsent. Zwar harmlos und ganz im Rahmen einer multikulturellen, pluralistischen Kultur und Gesellschaft. Aber eben in die Augen springend. Als Aufreger und Aufgeiler und emotionaler Blitzableiter geeignet.

Die Debatte zum Abdullah-Zentrum kann man bei derStandard gut verfolgen. Auf der hier verlinkten Seite sind alle Artikel dazu aufgelistet.

Kommentare

  1. Saudische Frauen dürfen jetzt auch in der Schweiz nicht mehr Auto fahren!
    Die Alpenrepublik akzeptiert künftig nicht mehr den Internationalen Führerschein alleine als Dokument, zum Beispiel zur Anmietung eines Mietwagens, sondern verlangt zusätzlich eine Übersetzung des Originaldokumentes, des saudischen Führerscheines, den es bekanntlich für Frauen nicht gibt! Die Frauen sind raus, aus dem Mietwagen und die Schweiz reibt sich die Hände in Unschuld…
    Ca. 30.000 Saudische TouristInnen besuchen jährlich die Schweiz.
    “…sollen’s halt Taxi fahren, die Weiber, bringt eh’ noch mehr Geld?”

  2. Ronald meint:

    @ Leo Brux
    “Mit einer Religion, die offen und öffentlich und unmissverständlich und grundsätzlich Menschenrechte ablehnt und bricht? ”
    Verschone bitte die Religion. Sie ist unschuldig und kann nichts dafür, daß sie von Wahabiden, Salafisten und anderen Wirrköpfen mißbraucht wird.

    “Man kann mit ihnen Geschäfte machen”
    Können ja, man sollte es aber besser lassen. Der sog. Westen ist an der Entstehung des Salafismus mit Schuld, weil er mit dem Teufel zusammen paktiert. Das zeugt von einer verlogenen Doppelmoral. Und der ZMD wurde jahrelang von einem Exil Saudi mit besten Kontakten nach Riyad vertreten. Und ausgerechnet der sitzt am runden Tisch in der Islamkonferenz. Das ist keine Integrationspolitik, sondern eine Desintegrationspolitik, die Berlin betreibt.

    “Als Raif Badawi seine ersten 50 Peitschenhiebe bekommen hat – dafür, dass er öffentlich für religiöse Toleranz und die Trennung von Staat und Religion eingetreten ist – ging natürlich die Frage an das Abdullah-Zentrum: Wie steht ihr dazu?”
    Wie sichern eigentlich Mitglieder des „Liberal Islamischen Bundes Deutschland e.V.“ ihre körperliche Unversehrtheit wenn sie zur vorgeschriebenen Pilgerfahrt nach Mekka ins Reich der Wahabiden reisen (müssen). Die müßten ja aufgrund ihrer Vereinszugehörigkeit schon bei der Einreise ausgepeitscht werden. Diese Frage beschäftigt mich jetzt ernsthaft. Ich stehe der Idee eines liberalen Islams sehr nahe. Aber daran ist leider schon Bassam Tibi mit seinem “Euroislam” gescheitert. Hoffentlich hat der LIB mehr Erfolg.

  3. conring meint:

    @ Ronald
    2Wie sichern eigentlich Mitglieder des „Liberal Islamischen Bundes Deutschland e.V.“ ihre körperliche Unversehrtheit wenn sie zur vorgeschriebenen Pilgerfahrt nach Mekka ins Reich der Wahabiden reisen (müssen).”
    Da würde nichts passieren.
    Im Umgang mit nur kurzzeitig im Lande verweilenden Ausländern sind die Saudis sehr pragmatisch. So haben die dortigen Potentaten keine religiösen Skrupel sich mit westlichen Politikerinnen (Merkel, Rice etc.) zu zeigen und auch gegen US-Soldatinnen auf der Prince Sultan Air Base zeigt man sich eher tolerant.

  4. Manche glauben eben, dass “Dialog” nur das Präteritum zum Präsenz “Dialügt” darstellt.

    Man wird abwarten dürfen (hängt vom Finanzierer ab), on Idriz’ MÜFFI bald in ähnliche Fahrwasser kommt.

  5. Ich habe den Artikel mal bei uns und bei den österreichischen Freidenkern verlinkt.

  6. Ronald,
    du hast schnon recht, aber gemeint ist nicht der Islam, gemeint ist der Wahhabismus, die wahhabitische Religion.

    Apropos Geschäfte machen: In einem kapitalistischen System herrscht “Vielgötterei”; der oberste unserer Götter aber ist das Geld. Dem opfern die meisten hier bedingungslos.
    Insofern haben Saudis und “wir” (die Kapitalisten) immerhin einen gemeinsamen Gott. Er verbindet uns …
    Was die Wahhabiten angeht, so möchte ich zu Bedenken geben, ob bei ihnen nicht Scheitan hinter der Maske Allahs sein Unwesen treibt. Dieser bösartig gedachte Gott – steht er bei den Saudis über dem Göttlichen Geld oder neben oder unter ihm?

    Frank,
    ich kenne Benjamin Idriz – und finde deshalb Bemerkungen wie die deine hetzerisch.
    Idriz wird wie in Penzberg so auch in München darauf achten, dass es sich um eine offene, integrationsorientierte Moschee handelt.
    Wenn ein Investor vom Golf Einfluss nehmen will auf das Konzept, kommt er nicht in Frage. In Penzberg funktioniert das problemlos.

  7. Was ist an “Abwarten” denn nun schon wieder hetzerisch?

  8. Es wäre auch hetzerisch, wenn ich schreiben würde:
    Ob Frank Berghaus mit seinem aggressiven Atheismus bald in den Terrorismus abrutscht, wird man abwarten dürfen.

    Es wäre – hetzerisch, nicht wahr? Es gibt nämlich keinen Grund, warum man es befürchten sollte.

    Man könnte zum Beispiel auch fragen, wie lange es noch dauern wird, bis Leo Brux zum Islam konvertieren wird. Fragt einer das, wissen wir, wie das einzuschätzen ist. (Ich würde so jemandem keine weitere post mehr genehmigen.)

    Es sind Versuche, unter die Gürtellinie zu schlagen.

  9. Korbinian meint:

    Eigentlich müssten sich sich Großmuftis der Hanafiten, Malikiten und Schaafiten darauf einigen dass die Hanbaliten außerhalb des islamischen Konsens stehen. Das wär ein Signal!

  10. Ronald meint:

    @ Leo Brux:
    „du hast schnon recht, aber gemeint ist nicht der Islam, gemeint ist der Wahhabismus, die wahhabitische Religion“
    Sorry Leo Brux, da muß ich dich wieder korrigieren. Es gibt nur den Islam als Religion, den ich übrigens gleichberechtigt neben den anderen beiden monotheistischen Weltreligionen Judentum und Christentum, aber auch den anderen großen Religionen wie z.B. Buddismus oder Hinduismus sehe. Eine wahabitische Religion gibt es sicherlich keine. Es gibt 4 große islamische Rechtsschulen, die Koraninhalte, die gläubige Muslime als göttliche Offenbarungen ansehen, ausgelegt und Handlungsdirektiven formuliert haben. Die Anhänger dieser Rechtsschulen sind Hanifiten, Malikiten, Schaafiten und Hanbaliten. Die Namen leiten sich jeweils aus den Namen der Rechtsgelehrten bzw. Imame ab (z.B. Abu Hanifa für die Hanifiten). Die Wahabiten sind die Anhänger einer puristisch-traditionalistischen Richttung des sunnitischen Islams, die der hanbalistischen Rechtsschule folgen. Diese Rechtsschule kann man als die konservativste der vier o.g. Rechtsschulen bezeichnen.

    @Korbinian
    „Eigentlich müssten sich sich Großmuftis der Hanafiten, Malikiten und Schaafiten darauf einigen dass die Hanbaliten außerhalb des islamischen Konsens stehen. Das wär ein Signal!“
    Gute Idee, da wäre ich als Vertreter des liberalen Islams auch sofort dabei. Wie schön, daß wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben und ich im Gegensatz zu meinem Glaubensbruder Badawi nicht Gefahr laufen muß, aufgrund meines Posts hier zu 1000 Peitschenhieben verurteilt zu werden.

  11. conring meint:

    @ Leo Brux
    “Zum Beispiel: Die USA bekennen sich zur Folter. Mehrheitlich. Sie verehren via Film Mörder wie diesen Sniper Chris Kyle und sein Vergnügen am Morden.”
    Da kann man auch ganz wesentlcihe Unterschiede feststellen.
    “American Sniper” wird in den USA kontrovers diskutiert. Über die Zulässigkeitkeit von Folter wird eben auch diskutiert.
    Und beide Diskurse kommen vollkommen ohne religiöse Expertisen aus…

  12. conring,
    interessant ist vor allem, was PRAKTIZIERT wird.
    Fest steht, dass CIA & Co an der Folter festhalten; dass Obama und seine Regierung die Praxis ausgesetzt haben, dass sie aber jederzeit wieder aufgenommen werden kann – ganz offiziell. Was im Geheimen passiert, wissen wir nicht so recht. Guantanamo existiert nach wie vor, und es gibt zahlreiche “Dunkelkammern”, in die wir keinen Einblick haben.

  13. Ronald,

    meine Mutter ist Christin, US-evangelikale Armaggedon-Beschwörer sind auch Christen. Beide beziehen sich auf die Bibel, haben Jesus Christus im Sinn etc.. Und doch haben sie beide nichts miteinander zu tun. Sie präsentieren uns ein so völlig unterschiedliches, gegensätzliches Christentum, dass man nicht sagen kann, dass das, was sie vereint, das eine und gültige Christentum wäre.

    Es gibt also ganz verschiedene Christentümer. Man braucht ja bloß hinzuschauen und hinzuhören, dann erkennt man es.

    Im Fall des Islam ist es nicht anders. Man braucht nur hinzuschauen – und man sieht die völlig unvereinbaren Versionen des Islam. Also gibt es extrem unterschiedliche Islame.

    Auch die IS-Dschihadisten sind Muslime und Vertreter des Islam. Auf ihre perverse Weise eben. Andere leben und verkörpern erfreulicherweise einen Islam, der ungefähr das Gegenteil von dem Islam ist, den die IS-Dschihadisten leben und verkörpern.

    Die IS-Dschihadisten haben öffentlich geschworen, den schiitischen Islam auszurotten. Schia und Dschihadisten-Sunni (nur eine Minderheiten der Sunniten fällt unter diese Kategorie) – kann man da nicht von zwei völlig unterschiedlichen Islam-Versionen sprechen?

    Wenn du jetzt sagst, die eine (die deine) ist die richtige und die andere die total falsche, nun ja, beide Seiten sehen das so – gegen einander. Notwendigerweise.

    Was genau macht dann den Unterschied aus? – Ich würde dir schon zustimmen, dass nur eine sozusagen nachdenkliche Interpretation des Koran eine angemessene sein kann. Nur eine, die im Kern auf Barmherzigkeit für alle Menschen dieser Erde besteht. Denn Gott ist barmherzig – das ist laut Koran seine primäre Eigenschaft.

    Aber funktioniert die Ausschließung der – von der eigenen Position aus gesehen – falschen Interpretation des Islam so, wie das etwa in der Frage Ist X eine Demokratie – ja oder nein? funktionieren würde?

    Ich kann zum Beispiel schlüssig und zwingend zeigen, dass das, was Erdogan in der Türkei anstrebt, Alleinherrschaft und Diktatur ist und keine Demokratie, denn Demokratie bedeutet immer auch Gewaltenteilung, und die lehnt er ausdrücklich ab, und er schafft sie auch nach und nach ab. Ergo ist das, worauf es in der Türkei am Ende hinausläuft, nicht einmal eine “illiberale Demokratie” (hölzernes Eisen, rundes Viereck, sauerstoffreiches Vakuum) wie zurzeit etwa in Ungarn und wie es vielleicht jetzt noch – noch – in der Türkei der Fall ist.

    Für Demokratie gibt es eine klare und praktisch überprüfbare Definition. Gibt es die auch für den Islam? Die “Fünf Säulen” reichen dazu nicht, auch nicht das geäußerte Bekenntnis zu diesem und jenem – da es offensichtlich zu extrem unterschiedlicher und sogar todfeindschaftlicher Praxis führen kann.

  14. conring meint:

    @ Leo Brux
    “da es offensichtlich zu extrem unterschiedlicher und sogar todfeindschaftlicher Praxis führen kann.”
    Die todfeindschaftliche Praxis könnte man einfach dadurch vermeiden, dass man den Glauben eben als Privatsache definert und nicht erwartet, dass alle Mitmenschen dem einzig richtigen Glauben folgen. Dann hat man allerdings das Problem, dass man dazu sowas wie eine nicht primär religiöse Gesellschafts- und Staatstheorie entwickeln oder übernehmen müßte.
    Wird in den nächsten 100 jahren im islamischen Raum flächendeckend nicht geschehen. Dazu ist da doch der konservative theologische Maisntream zu stark und zu gut verankert.

  15. conring,
    genausogut könnte man fordern, dass alle gefälligst katholisch oder baptistisch oder sunnitisch werden sollen. Da kommt bei dir der Missionar durch, der glaubt, atheistische Nationen seien nicht fähig, miteinander Krieg zu führen.

    Der einzig richtige Glaube für dich ist der agnostische. Das ist schon ok, du darfst genauso deinem Glauben anhängen und ihn auch öffentlich leben und institutionell realisieren wollen wie Katholiken oder andere.

    Lieber wäre mir aber Pluralismus. Mit dem Recht der agnostischen und religiösen Glaubensgemeinschaften, als solche an der Gestaltung des Staates demokratisch mitwirken zu können.

    Unser Gehirn funktioniert nun mal nur, indem wir glauben. Es würde sonst nichts zustandebringen, und schon gar keine Gesellschaft. Der Mensch ist ein Wesen, das glaubt. Und zwar fundamental. WAS er glaubt, unterscheidet sich so, wie sich etwa auch die Sprachen unterscheiden. Irgendeine Muttersprache hat jeder, und irgend einen Glauben hat auch jeder. Es geht nun mal nicht anders.

    Aber es ginge – bescheidener. Bei den religiös Gläubigen ebenso wie bei den atheistisch Gläubigen.

    Bescheidenheit, Zurückhaltung, Nachdenklichkeit, Großzügigkeit – das brauchen wir, nicht eine total durchsäkularisierte spirituelle Monokultur.

  16. conring meint:

    “Lieber wäre mir aber Pluralismus.”
    Pluralismus ist mir auch lieber. ich habe hier doch auch schon öfters geschreiben, dass ich keineswegs die Religionen irgendwie vollkommen ins private Kämemrlein verbannen möchte.
    Allerdings gehört zu einem funktionierenden Pluralismus auch, dass eine gewisses Maß an Relativismus. Man muss auch andere Meinungen und Weltentwürfe akzeptieren können.
    In der Weimarer Republik gab es ein unglaublich pluralistiches Meinungsspektrum, von völkisch-rassistischen Denken bis hin zum Kommunismus. Dieser Pluralismus führte allerdings zu einer äußerst gewaltätigen politischen Kultur und letzendlich zum Weischern dieser republik, da zu viele Mrenschen ihre jeweilige Weltanschauung als allein seligmachend ansahen und diese eben auch allen anderen aufzwingen wollten.

  17. conring,
    dass die Weimarer Republik am Pluralismus (bzw. AN der Demokratie) gescheitert sei und nicht an den beiden wirtschaftlichen Katastrophen in Verbindung mit der antidemokratischen Neigung eines großen Teils der Konservativen (und ihrer Unfähigkeit, die Weltkriegsniederlage zu verdauen), ist eine recht ungewöhnliche Interpretation der Geschichte. Die Brüningsche Austeritypolitik sowie das Bündnis eines großen Teils der Konservativen mit den Nazis hat der Demokratie dann den Rest gegeben.

    Es gibt vermutlich keinen Historiker, der die Sache so interpretiert wie du, conring. Vielleicht solltest du mal ein Buch drüber schreiben und die Historikerzunft entsprechend aufklären. Es steckt darin ein Plädoyer GEGEN Pluralismus.

    Da haben wir zwei Optionen:

    A) WENN nicht alle Seiten relativistisch sind, funktioniert also Pluralismus nicht und muss ersetzt werden durch – durch was?

    B) Oder möchtest du jetzt den Relativismus contra-relativistisch für absolut gültig erklärt haben?

    Müssen wir also die katholische Kirche verbieten? (zweite Option) – Oder müssen wir den Pluralismus beenden und irgendwie durch eine diktatorische Form ersetzen? (erste Option; wär wohl im Sinne von Frank Berghaus, auch wenn er strategisch-taktisch noch nicht so weit gehen möchte.)

    Dieser Pluralismus führte allerdings zu einer äußerst gewaltätigen politischen Kultur und letzendlich zum Weischern dieser republik

    Das ist ebenso falsch wie die dabei verwendete Orthographie.

    Ein reifer und kluger Relativismus kommt auch mit absolutistischen Opponenten ganz gut zurecht, wenn sie sich bezüglich der Politik auf das Grundgesetz einlassen.

    Das tut die katholische Kirche, das tun die Moscheeverbände. Sie brauchen darüber hinaus nicht relativistisch zu werden; obwohl es natürlich schade ist, dass sie es nicht in dieser Weise öffnen wollen.

  18. Ich habe den Eindruck, dass Conring Pluralismus und Heteroginität verwechselt. Daher scheint mir auch, dass er Relativismus als Synonym für Homogenität verwendet. Man muss Meinungen und Weltentwürfe nicht akzeptieren.

  19. Ronald meint:

    @Leo Brux
    „Es gibt also ganz verschiedene Christentümer. Man braucht ja bloß hinzuschauen und hinzuhören, dann erkennt man es. Im Fall des Islam ist es nicht anders. Man braucht nur hinzuschauen – und man sieht die völlig unvereinbaren Versionen des Islam. Also gibt es extrem unterschiedliche Islame“
    Im Grunde genommen bin ich bei dir, ich muß jedoch abermals Widerspruch einlegen. Für die Muslime ist der Koran und damit das Fundament ihrer Religion eine göttliche Offenbarung. Deshalb kann es nur einen einzigen Islam geben, nämlich DEN ISLAM, den uns Allah durch seinen Propheten Muhammed (s.a.s.) offenbart hat und keinen wahabitischen, malikitischen, Schiitischen, liberalen oder Euro Islam wie ihn einmal Bassam Tibi versucht hat, uns schmackhaft zu machen. Beim Christentum mag das etwas anders zu beurteilen sein.
    Das was du mit mit wahabitischem Islam meinst, ist die wahabitische Auslegung der göttlichen Offenbarung. Die gibt es ebenso wie die hanifitische, malikitische, schaafitische und hanbalitische Auslegung, die sich oft nur in Detailfragen unterscheiden. Natürlich glaubt jede Rechtsschule, daß ihre Auslegung oder Sichtweise die authentischste ist. Und meine eigene liberal geprägte Auslegung entspricht bei manchen Fragen nicht der Auslegung einer der 4 (konservativen) Rechtsschulen. ich will dir ein Beispiel nennen: Ich bin deutsch und muslimisch. Ich habe zwei Identitäten: Eine säkulare als deutscher Staatangehöriger eines demokratischen und freiheitlichen Rechtsstaates (ich benutze dafür gerne den Begriff citoyeen). Meine andere ist die muslimische Identität. Die eine schliesst die andere nicht aus (versuche das einmal einem Wahabiten einzutrichtern, der glaubt, Frauen dürfen keine Autos fahren). Es gibt Dinge, die ein normaler deutscher Staatsangehöriger tut, ohne eine schlechtes Gewissen zu bekommen, z.B. Alkohol trinken oder ein Bordell besuchen (aus welchen Gründen auch immer). Der Muslim Ronald tut das nicht, weil es haram (= verboten) ist und gegen die göttliche Offenbarung verstößt. Er würde es gerne tun, er tut es aber nicht, weil er sich bei dieser Frage dem Willen Allahs unterordnet und sein eigenes Ego zurücksteckt – auch wenn es schwer fällt. Der citoyeen Ronald liebt FKK und Nacktwandern – völlig undenkbar aus muslimischer Sicht (das ist ein Dauerkonflikt in unserer Ehe). Der Muslim Ronald macht aber trotzdem FKK und geht Nacktwandern (wenn auch mit etwas schlechtem Gewissen). Warum? Weil er nach dem Quellenstudium der in Frage kommenden Koransuren keinen Ausschliessungsgrund findet. Das koranische Gebot, daß Männer und Frauen sich in der Öffentlichkeit gewisse Körperzonen bedeckt halten, basiert darauf, daß man seine körperlichen Reize nicht sexistisch zu Schau stellt. Das ist weder beim FKK noch beim Duschen nach dem Sport der Fall (um ein anderes Beispiel zu nennen). Des weiteren kommt hinzu, daß sich die koranischen Offenbarungen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse auf der arabischen Halbinsel im 7. Jh. N.Chr. beziehen. Das muß man bei der Auslegung und Anwendung des Korans berücksichtigen, was aber von konservativen Vertretern vehement abgelehnt wird. Kann man deshalb von einem „Ronald-Islam“ sprechen? Nein natürlich nicht! Der Muslim Ronald wird auch eines Tages vor Allah Rechenschaft ablegen müssen für seine Taten im irdischen Leben. Es kann ihm dann passieren, daß ihm seine FKK Leidenschaft einen Malus einbringen wird. Das ist aber seine Sache. Er alleine ist vor Allah für seine Taten verantwortlich, wie er als Muslim den einen Islam praktiziert hat. Muslim Ronald wird sich auch nicht anmaßen, andere Muslime, die den Koran anders (vielleicht mehr konservativ) auslegen zu belehren oder gar zu missionieren. Meine Frau sagt immer im Hinblick auf meine FKK Aktivitäten: Allah wird dich bestrafen für deine Sünde. Und ich sage: ja und vielleicht auch zu recht!

    „Auch die IS-Dschihadisten sind Muslime und Vertreter des Islam. Auf ihre perverse Weise eben….Die IS-Dschihadisten haben öffentlich geschworen, den schiitischen Islam auszurotten…kann man da nicht von zwei völlig unterschiedlichen Islam-Versionen sprechen“
    Die IS-Schergen sind Muslime (leider), aber keine dschihadisten und recht keine Vertreter des Islam. Sie mißbrauchen den Islam für ihre Verbrechen und ziehen mit ihrem schändlichen Tun eine Religion und die Mehrheit ihrer Gläubigen durch den Dreck. Die Taten der IS hat mit dem Islam nichts zu tun. Das krude Weltbild salafistischer Haßprediger hat mit der Botschaft des Korans ebenfalls nichts zu tun. Die IS-Terroristen und die salafistischen Haßprediger verkörpern eben keine (abzulehnende) Islam-Version. Die verkörpern nur eines: Eine Horrorvision unvorstellbaren Ausmaßes, die jede Vorstellungskraft sprengt.

    „Ich kann zum Beispiel schlüssig und zwingend zeigen, dass das, was Erdogan in der Türkei anstrebt, Alleinherrschaft und Diktatur ist und keine Demokratie, denn Demokratie bedeutet immer auch Gewaltenteilung, und die lehnt er ausdrücklich ab, und er schafft sie auch nach und nach ab“.
    Die AKP unter Erdogan benutzt die Werte des Islams nur als Tarnanstrich. Erdogan ist für mich kein aufrichtiger Muslim, sondern ein autoritärer Heuchler, der seine Anhänger mit einem Stück materiellen Wohlstand ruhigstellt.

    „Für Demokratie gibt es eine klare und praktisch überprüfbare Definition. Gibt es die auch für den Islam? Die “Fünf Säulen” reichen dazu nicht, auch nicht das geäußerte Bekenntnis zu diesem und jenem – da es offensichtlich zu extrem unterschiedlicher und sogar todfeindschaftlicher Praxis führen kann“
    Den Lackmustest für Islam gibt es nicht. Deine Vergleiche bereiten mir etwas Unwohlsein, weil man das nicht vergleichen kann. Die 5 Säulen sind auch nur das Grundgerüst, sozusagen der Minimalkonsens, dem du dich als Muslim unterziehen mußt – und auch das mehr symbolisch. Das was du als praktisch überprüfbare Demokratiedefinition bezeichnest wäre mich als Muslim der Koran und die sunna, die im Gesamten ein Werte- und Normensystem abbilden mit eindeutigen Geboten und Verboten, aber aufgrund ihrer Universalität und zeitlichen Unbegrenztheit eben nur einen Rahmen abbilden können, der Auslegungsspielraum zuläßt und deshalb eben auch mißbraucht werden kann. Eine Checkliste wie sie dir jetzt vorschwebt wird und kann es im Islam nicht geben. Das klappt nur im modernen Demokratieverständnis und auch da kann man unterschiedlicher Meinung sein, z.B. ob die Bundesrepublik ein Rechtsstaat ist oder nicht wie ich unlängst in einem mühsamen Forumdisput erleben mußte.

  20. conring meint:

    “WENN nicht alle Seiten relativistisch sind, funktioniert also Pluralismus nicht und muss ersetzt werden durch – durch was?”
    Alle müssen überhaupt nicht relativistisch sein, aber die meisten plitischen und gesellschaftlcihen Kräfte müssen schon einen gemeinsamen Wertekodex teilen und auch Krompromisse nicht als Teifelswerk ansehen.
    Die Hindenburgschen Präsidialkabinette wären überhaupt nicht möglich gewesen, wenn nicht soviele politische Kräfte, auch schon innerhalb des Zentrums und der DVP, autoritäre Regierungsformen präferiert hätten.
    Übrigens gehörten in den 1920er Jahren doch auch die beiden christlichen Großkirchen in das Lager der Demokratiefeinde. Bejaht wurde die neue Staatsform von fast keinem klerikalen Vortruner.

  21. Es ist schon ein starkes Stück, dem man hier begegnet, wenn man zufällig einmal hereinschaut:

    Müssen wir also die katholische Kirche verbieten? (zweite Option) – Oder müssen wir den Pluralismus beenden und irgendwie durch eine diktatorische Form ersetzen? (erste Option; wär wohl im Sinne von Frank Berghaus, auch wenn er strategisch-taktisch noch nicht so weit gehen möchte.)

    Wann hätte ich je einen solchen Schwachsinn behauptet? Niemand will die katholische Kirche verbieten. Die erledigt sich im ausgehenden Religiozän, in dem wir uns befinden, ganz von allein. Ein ihr angemessener Platz in dieser Gesellschft ist ihr natürlich zugesichert. Die baulichen Kunstwerke werden auch zukünftige Generationen weiter pflegen wie wir es auch heute mit griechischen Tempeln tun. So viel Geschichtsverständnis sollte schon sein.

  22. Frank,
    Religion wird sich nicht erledigen. Sie wird sich nur wandeln.

    Je größer der Stress, desto größer das Bedürfnis nach Religion, Frank, und das kann man zuverlässig vorhersagen: Der Stress wird größer werden, auch bei uns. Also, mach dich auf eine Renaissance der Religion gefasst. (Sie wird sich leider in Formen abspielen, die auch mir nicht gefallen werden.)

    Global gesehen ist die Religion sowieso wieder im Vormarsch. Der Stress nimmt zu, global. Die Leute BRAUCHEN die unbedingte, bedingungslose, sie ganz und gar erfassende Orientierung. Die kriegen die meisten Menschen auch in Europa nur durch Religion in einer Form, die meinen Abstraktionsneigungen nicht entsprechen kann.

    Deinen Todeswunsch für Religion übersetze ich in einen Mordwunsch. Das ist natürlich etwas gemein von mir, aber so denke ich mir das immer: Wenn jemand etwas wie Islam oder Kommunismus oder dergleichen ELIMINIERT sehen möchte, muss man misstrauisch werden.

    Natürlich kriegst du sowieso nie die Chance. Insofern brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.

  23. Ronald,
    ich würde sagen, Allah hat via Mohammed DEN ISLAM für die Araber rund um Mekka und Medina im 7. Jahrhundert offenbaren lassen.
    Keinen Islam für uns hier und heute. Auch keinen für die Chinesen des 7. Jahrhunderts.

    Hätte er das gewollt, hätte er auch den Chinesen einen Mohammed geschickt. Oder uns hier in Deutschland, in deutscher Sprache verkündigend, natürlich.

    Hätte Allah Mohammed seinen Leuten einen Koran verkündigen lassen, der für uns hier und heute auf direkte Weise verständlich und gültig sein könnte, dann hätten ihn die Hörer von damals nicht verstanden.

    Allah bzw. Mohammed hätte dann ja u. a. über Autos, digitale Kommunikation, Atombomben und Facebook sprechen müssen.

    Mohammed musste sich so ausdrücken, dass ihn SEINE Leute verstehen konnten. Das führt – unvermeidlicherweise – zu einem Text, der für uns nicht mehr so recht verständlich sein kann. Der uns heute fremd sein muss.

    Worin auch wieder ein gewisser Reiz liegt … Man wird dann hineinlesen und herauslesen, was man sich selber denkt, individuell oder als gemeinschaftlich lesendes Kollektiv.

    Islam bzw. Koran verhalten sich wie Realität: Wir untersuchen, forschen, prüfen – und interpretieren und stellen dann eine Hypothese über die Realität auf, die von anderen bestritten werden kann und bestritten werden wird.

    Wer den Koran, der für die arabische Realität im 7. Jahrhundert eine göttliche Offenbarung war, hier und heute richtig verstehen will, wird ihn nicht nur sprachlich übersetzen müssen, sondern die Andersartigkeit der heutigen Welt (im Vergleich zur arabischen Welt im 7. Jh) und der heutigen Menschen berücksichtigen müssen – was zu einer noch viel schwierigerern “Übersetzungsarbeit” führt.

    Ich bleib dabei: Ich sehe mir die Muslime an – im Überblick über alle mir bekannt werdenden Äußerungsformen – und stelle fest: Mannomann, wie verschieden die sind! Und noch dazu gibt es ähnlich wie bei den Evangelischen keinerlei Instanz, die irgend etwas irgendwie orthodox machen könnte.

    Nur die Bibel gilt. Nur der Koran gilt (na ja, plus Hadithe). – Das sorgt für Vielfalt. – Gut so!

    Also gibt es DEN Islam nicht. Auch wenn sich natürlich jeder SEINEN Islam für DEN Islam hält. Ist ja auch in Ordnung.

    Wär ich katholisch, ich würde sagen: ICH, Leo Brux, definiere, was der wahre Katholizismus ist. Wer denn sonst? Der Papst etwa?! – So ist das nun mal, wenn man ein modernes Individuum ist.
    Wobei es natürlich klug ist von so einem frechen Individuum, dieses Recht der Fixierung und Definition ALLEN zuzugestehen, denn ALLE hierzulande sind Individuen wie ich (mehr oder weniger) und dürfen beanspruchen, was ich für mich beanspruche.

    Dem steht das Bedürfnis eines anderen Typs von Mensch gegenüber, der sich etwas sucht, dem er sich blind unterordnen kann. Aber das muss er bzw. sie sich dann WÄHLEN. Der Angebote sind viele. Womit wir wieder beim Individuum sind, das wählt.

    Es gibt allerdings eins, das wir nicht wählen können. Nur eins. Das ist die Realität selbst. Meiner Subjektivität steht nüchtern und unerbittlich eine (von mir nur bedingt und begrenzt zu erfassende) Realität gegenüber. Der muss ich mich ein- und unterordnen. Was ist, das ist. Da gilt auch für mich: Islam. Ergebenheit. Unterwerfung.

    Sünde in diesem Kontext ist die Abwendung von der Realität, die Realitätsverleugnung. Die Selbsttäuschung. Wenn man sich selbst belügt.

    Mein persönliches Verhältnis zur Realität ist religiös und durch das Wort ISLAM ganz richtig erfasst.

    Mein Buch bzw. meine Offenbarung finde ich nicht in Bibel oder Koran, sondern – in der Realität selbst. Alles, was ist, und so, wie es ist, ist – heilig. A L L E S. Und einfach dadurch, dass es I S T.

    Wäre ich weise, wäre mein ganzer Tag ein einziges Gebet. Ein Gebet, das im getreuen (ego-distanzierten) Wahrnehmen der Wirklichkeit bestünde.

    Ich könnte vielleicht sagen: Ich höre “Gottes Stimme” im unendlich vielfältigen Faktum der Realität.

    Ich bin also ein religiöser Agnostiker.
    (Klingt wie ein Oxymoron. Ist aber keins.)

  24. @Leo Brux
    Daß sich unsere Sichtweisen (du als religiöser Agnsotiker, ich als prkatizierender Muslim) nicht auf einen Nenner bringen lassen liegt in der Natur der Sache. Immerhin sind die gemeinsamen Schnittmengen noch recht groß, und wir haben Meinungsfreiheit und bekennen uns zu einer Meinungsvielfalt (ganz wichtig, aber leider nicht selbstverständlich).
    „ich würde sagen, Allah hat via Mohammed DEN ISLAM für die Araber rund um Mekka und Medina im 7. Jahrhundert offenbaren lassen.
    Keinen Islam für uns hier und heute. Auch keinen für die Chinesen des 7. Jahrhundertsich würde sagen, Allah hat via Mohammed DEN ISLAM für die Araber rund um Mekka und Medina im 7. Jahrhundert offenbaren lassen.
    Keinen Islam für uns hier und heute. Auch keinen für die Chinesen des 7. Jahrhunderts“
    Nein Allah (t) hat den Islam nicht exklusiv für die Araber von Mekka und Medina offenbart, mal abgesehen davon, daß es damals keine Araber nach unserem heutigen Verständnis, sondern eine Vielzahl von Stämmen gab. Die Offenbarungen waren weder geographisch noch zeitlich begrenzt. Die Universalität und Allgemeingültigkeit der Offenbarungen faszinieren mich als Muslim immer wieder auf’s Neue. Ich habe kein Problem, das islamische Werte und Normensystem in der der heutigen Zeit zu leben. Und warum sollte es ein Chinese nicht auch können?
    Und drehe ich den Spieß einmal um. Das christliche Werte- und Normensystem beschränkt sich doch auch nicht nur auf Bethlehem und Umgebung. Und genauso wie Chinesen den Islam praktizieren können (was die chinesischen Uiguren auch tun) praktizieren Menschen in Südamerika und Schwarzafrika das Christentum. Natürlich auf ihre Weise, da ist im Hinblick auf den Ritus die Heterogenität größer als im Islam, aber das hat konstruktive Gründe.
    „Mohammed musste sich so ausdrücken, dass ihn SEINE Leute verstehen konnten. Das führt – unvermeidlicherweise – zu einem Text, der für uns nicht mehr so recht verständlich sein kann. Der uns heute fremd sein muss“
    Ich hatte keine Probleme, mir als deutscher Konvertit den Zugang zu den Botschaften des Korans zu erarbeiten. Man muß es ernsthaft wollen und betreiben. Es gibt genügend Hilfestellungen und heute im Internetzeitalter erst recht. Das ist heute sogar noch einfacher als vor 20 Jahren als ich anfing. Deshalb akzeptiere ich, daß der Text DIR fremd ist, aber beziehe das bitte nicht auf die Allgemeinheit und mache da schon gar kein MUß draus.
    „Worin auch wieder ein gewisser Reiz liegt … Man wird dann hineinlesen und herauslesen, was man sich selber denkt, individuell oder als gemeinschaftlich lesendes Kollektiv“
    Du verallgemeinerst schon wieder, aber o.k. das ist der Tatsache geschuldet daß du Agnostiker bist. Grundlage für das Hinein- und Herauslesen im Islam sind im wesentlichen die vier Rechtsschulen. Und wenn ich mir fatwas zu bestimmen Themen anschaue, was ich regelmäßig mache, erkenne ich immer wieder, daß es sich die islamischen Rechtsgelehrten nicht einfach gemacht haben wenn es um die Auslegung oder Anwendung der göttlichen Offenbarung geht. Und genau das verleiht den Muslimen die Autorität, sich dem Willen Allahs (t) zu beugen oder auch nicht. Übertretungen sind oft eher die Regel als die Ausnahme, v.a. in sexueller Hinsicht. Das individuelle Herauslesen ist ohnehin Augenwischerei, weil es nach meinem Dafürhalten diese Möglichkeit nicht gibt. Mit den koranischen Inhalten, mit denen ich mich bis jetzt befasst habe, sind so eindeutig und klar was Botschaft anbelangt, daß es keine Wahl gibt. Der Koran ist keine Speisekarte. Entweder du unterwirfst dich als Muslim den Inhalten oder auch nicht. Eine andere Dimension sind die bewußten Verzerrungen und Verdrehungen, die z.B. Salafisten betreiben. Das ist aber keine Auslegung, das ist vorsätzliche Manipulation, und deshalb haben die Verbrechen der IS bzw. der sie unterstützenden Salafisten nichts mit einer „extremen Auslegung“ des Korans zu tun.

    „Ich bleib dabei: Ich sehe mir die Muslime an – im Überblick über alle mir bekannt werdenden Äußerungsformen – und stelle fest: Mannomann, wie verschieden die sind! Und noch dazu gibt es ähnlich wie bei den Evangelischen keinerlei Instanz, die irgend etwas irgendwie orthodox machen könnte“
    Die Vielfalt gibt es im Christentum auch. Ich halte die Vielfalt auch für sinnvoll. Ich bekenne mich zu multi kulti. Viel wichtiger ist der gemeinsame Nenner im Werte- und Normensystem. Der ist oft erstaunlich groß – gerade im Vergleich zwischen Islam und Christentum. Die fehlende Instanz, etwas orthodox zu machen wie du so schön schreibst, war für mich als Ex-Katholik ein ganz wichtiger Grund, zum Islam zu konvertieren. Zwischen dem Gläubigen und Allah (t) gibt es nämlich keine Instanz, und das ist auch gut so

  25. @ Ronald:

    Die Offenbarungen waren weder geographisch noch zeitlich begrenzt.

    Ja und nein. Es gibt – wie in der Bergpredigt von Jesus – ein universalistisches Potenzial auch im Koran. Soweit ja. Aber die Sprache ist eindeutig lokal gebunden, sowohl linguistisch als auch kulturell. (Wie bei der Bibel auch.)

    Mohammed hat erstens nicht Deutsch gesprochen. Zweitens hat er kulturell beschränkt argumentiert. Anders hätte ja auch die Kommunikation nicht funktioniert.

    Ein zeitgemäßer Islam wird also daran arbeiten, das universalistische Potenzial im Koran zu bergen und das kulturell bedingte zurückstellen.

    Grob an einem Beispiel gezeigt:

    Der Koran plädiert eindeutig gegen Berauschung. Das ist eine universalistisch plausible Forderung und kann insofern auch heute und für uns in Deutschland gültig sein.
    Was aber eigentlich nicht dagegen spricht, mit Alkohol medizinisch in Berührung zu kommen, oder mal eine Schnapspraline zu essen oder EIN Glas Wein zu trinken, da es hierbei nicht zur Berauschung kommt.
    Wenn jemand nun argumentiert, dass zumindest im Glas Wein und in der vielleicht versehentlich gegessenen Schnapspraline ein Verführungspotenzial liegen könnte, dann würde ich sagen: Ok, das gibt es.
    Das gibt es aber auch über die Unterhaltung per Film und Musik und Sport und Spiel – auch da kommt es immer wieder zur Berauschung, zum individuellen oder kollektiven Delirium. Ebenso bei der übermäßigen, sprich rauschhaften Verehrung von Mohammed? Oder wenn ein Mob sich an einem Feindbild berauscht.

    Andererseits sollen wir kein Schweinefleisch essen; das macht natürlich keinen Sinn. Schweinefleischesser leben nicht weniger gesund und anständig und naturgemäß und menschengemäß und gottgefällig, als es etwa die Rindfleischesser tun. Das Verbot, kein Schweinefleisch zu essen, hat schlicht unter den mitteleuropäischen und modernen Bedingungen (mit Kühlhäusern, Kühlschränken) keinen plausiblen Sinn. Es ist bloß eine dumme Abgrenzungsshow. Dass Allah das Schweinefleischverbot generalisiert, kann man ausschließen. Gott ist sicherlich nicht dümmer als wir.

    Ich habe kein Problem, das islamische Werte und Normensystem in der der heutigen Zeit zu leben. Und warum sollte es ein Chinese nicht auch können?

    Ausmahmen gibt es immer. Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Islam ist für die meisten Menschen auf dieser Welt nicht zugänglich. Nicht verständlich.

    Wenn Allah wollte, dass die Chinesen Muslime werden, wieso hat er dann keinen “Mohammed” (keinen chinesischen peygamber) zu ihnen geschickt?

    Können wir daraus nicht schließen, dass Allah eine solche Vereinheitlichung der Menschheit für unzuträglich hält? Ich würde ihm da als Politikwissenschaftler, Kulturwissenschaftler und Anthropologe unbedingt zustimmen. Nur EINE Religion auf Erden – das wäre der Untergang.

    Mit den koranischen Inhalten, mit denen ich mich bis jetzt befasst habe, sind so eindeutig und klar was Botschaft anbelangt, daß es keine Wahl gibt.

    Wie gesagt, ich glaube ja nicht, dass sich ein Münchner des Jahres 2015 an einem Mekkaner des Jahres 622 orientieren kann. Von ein paar Universalien abgesehen, wie zum Beispiel, dass man die Realität erkennen und akzeptieren muss. Dass es gut ist, wenn man mutig ist und einer Gefahr ins Gesicht schaut. Dass man besonnen, umsichtig handeln sollte. Und dergleichen. Solche Weisheit findet man recht ähnlich auch in der chinesischen Philosophie, etwa bei Konfuzius oder LaoTse und bei ganz einfachen Leuten in fast allen Kulturen der Menschheit – aber immer nur bei einigen wenigen Individuen.

    Eindeutig und klar?
    Wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich gedeutet wird …

    Eine andere Dimension sind die bewußten Verzerrungen und Verdrehungen, die z.B. Salafisten betreiben. Das ist aber keine Auslegung, das ist vorsätzliche Manipulation, und deshalb haben die Verbrechen der IS bzw. der sie unterstützenden Salafisten nichts mit einer „extremen Auslegung“ des Korans zu tun.

    Das ist mit Sicherheit anders. Die Dschihadisten verzerren und verdrehen nichts VORSÄTZLICH. Sie sind überzeugt, dass sie den Koran richtig lesen und verstehen. Drum gehen sie auch recht mutig in den Tod.

    So funktioniert unser Gehirn. Es glaubt. Es hält sich von vorne herein für gerechtfertigt – und sucht dann nach Möglichkeiten der kommunikativen Rechtfertigung, wenn Zweifel auftauchen oder andere überzeugt werden sollen.

    Die Kreuzfahrer, die Muslime massakriert haben, waren von der religiösen Rechtfertigung ihrer blutigen Taten genauso überzeugt wie – auf der anderen Seite – der fundamental friedliche, menschenfreundliche Franziskus von Assisi von seiner pazifistischen Nachfolge Jesu.

    Hitler war so überzeugt von der Richtigkeit seiner Gedanken und seiner Politik – wie ich davon überzeugt bin, dass seine Gedanken und seine Politik falsch und bösartig waren.

    Es gibt schon auch Täuschung und Propaganda auf dieser Welt, und nicht zu knapp, aber nicht auf dieser grundsätzlichen Ebene der Grundüberzeugungen. Mit der Absicht einer BEWUSSTEN Täuschung geht niemand in den Tod.

    Die Dschihadisten sagen sich nicht: Hä hä, jetzt fälschen wir mal den Islam! Damit wir in unseren mörderischen Gelüsten gerechtfertigt sind.

    So, wie Hitler nicht gedacht hat: Hä hä, jetzt tu ich mal so, als ob die Juden eine die Menschheit vergiftende Rasse wäre, etc. In Wirklichkeit weiß ich natürlich, dass das gemein falsch ist; ich bin ja nicht blöd.

    Ich nehme an, dass du mir da zustimmst. Aber wie erklärt sich dann die zitierte Aussage?

  26. @Leo Brux
    „Ja und nein. Es gibt – wie in der Bergpredigt von Jesus – ein universalistisches Potenzial auch im Koran. Soweit ja. Aber die Sprache ist eindeutig lokal gebunden, sowohl linguistisch als auch kulturell. (Wie bei der Bibel auch.) Mohammed hat erstens nicht Deutsch gesprochen. Zweitens hat er kulturell beschränkt argumentiert. Anders hätte ja auch die Kommunikation nicht funktioniert“

    Nein die Sprache ist nicht lokal gebunden und kulturell gleich gar nicht. Arabisch ist die Sprache der göttlichen Offenbarung. Deshalb ist das Erlernen der arabischen für einen Muslim schon fast eine religiöse Pflicht, die auch für mich gilt oder gelten soll. Da beneide ich oft arabische Muttersprachler. Die gemeinsame Sprache und der gemeinsame Ritus ist eine kulturübergreifende Klammer mit egalisierender Wirkung. Die Egailität, d.h. die Gleichheit aller Muslime vor Allah (t) unabhängig ihrer Ethnie, Hautfarbe, Nationalität, etc. ist ein ganz wichtiges Element im Islam. Nicht die Religion passt sich dem Gläubigen an, sondern der Gläubige passt sich der Religion an. Diese Hingabe wird im Ritus sichtbar, z.B. im fünfmaligen Gebet alltäglich. Dabei ist es völlig egal, ob es sich um einen Deutschen, Chinesen, Araber, etc. handelt. Das ist ein zentraler Aspekt, aus dem sich die innere Stärke des Islams speist, die dem Christentum aus meiner Sicht fehlt. Das ist übrigens ein zentraler Aspekt, der mich zum Konvertieren bewog.

    „Wenn jemand nun argumentiert, dass zumindest im Glas Wein und in der vielleicht versehentlich gegessenen Schnapspraline ein Verführungspotenzial liegen könnte, dann würde ich sagen: Ok, das gibt es. Das gibt es aber auch über die Unterhaltung per Film und Musik und Sport und Spiel – auch da kommt es immer wieder zur Berauschung, zum individuellen oder kollektiven Delirium. Ebenso bei der übermäßigen, sprich rauschhaften Verehrung von Mohammed? Oder wenn ein Mob sich an einem Feindbild berauscht“

    Über die Frage, was berauschend wirkt, haben sich islamische Rechtsgelehrten lange gestritten, es ist aber definiert. Mir fehlt jetzt aber die Zeit für Quellenrecherche, habe nämlich auch noch anderes zu tun heute. Ich kann dir versichern, ein Rausch am Feinbild gehört ebenso wenig dazu wie einer infolge der Verehrung des Propheten (s.a.s.). Der Muslim ist auch explizit aufgefordert, seinen Verstand walten zu lassen, dazu gibt es ebenfalls eine Koransure. Macht ja auch Sinn. Der Rausch infolge der Verehrung des Propheten (s.a.s.) ist ohnehin eine „Schnapsidee“, weil ein Muslim nur Allah (t) verehrt aber niemals seinen Propheten (s.a.s.). Das hat Mohammed (s.a.s.) schon zu Lebzeiten stets betont. Das gibt keinen Stoff für einen Rausch.

    „Andererseits sollen wir kein Schweinefleisch essen; das macht natürlich keinen Sinn. Schweinefleischesser leben nicht weniger gesund und anständig und naturgemäß und menschengemäß und gottgefällig, als es etwa die Rindfleischesser tun. Das Verbot, kein Schweinefleisch zu essen, hat schlicht unter den mitteleuropäischen und modernen Bedingungen (mit Kühlhäusern, Kühlschränken) keinen plausiblen Sinn. Es ist bloß eine dumme Abgrenzungsshow.“

    Die Genese des Schweinefleichverbotes ist nicht hinreichend geklärt. Hygiene, Trichinen, etc. sind Erklärungsansätze. Das Gros der Muslime macht sich hier wohl auch keine ernsthaften Gedanken über Sinn oder Unsinn. Es wird als Teil der göttlichen Offenbarung akzeptiert und basta. Selbst ich als deutscher Muslim und potentiellen Querdenker akzeptiere viele Gebote, auch wenn sie mir nicht unmittelbar einleuchtend sind. Die Inhalte des Korans sind für einen Muslim keine Verhandlungssache. Es gibt natürlich Gebote gegen die ich als Muslim wissentlich (also mit Vorsatz) oder vielleicht triebhaft verstoße (nach dem Motto der Geist ist willig, aber das Fleisch schwach). Aber das ist etwas anderes. Dafür muß ich als Muslim auch irgendwann Rechenschaft ablegen. Im übrigen ist mir als Vegetarier das Thema Schweinefleisch auch herzlich egal. Vor vielen Jahren wurde ich einmal in einem Moscheeverein beim Fastenbrechen auf mein Vegetarierdasein angesprochen mit dem Seitenhieb, es wäre gute Praxis (er spielte auf die sunna an), Fleisch zu essen. Ich entgegnete, daß es für diese vermeintlich gute Praxis keine ausreichend gesicherten hadiths gäbe, weshalb ich getreu der islamischen Lebensphilosophie in Anspielung auf das Fasten und sich Mäßigen erwiderte, daß bei mir die vegetarische Ernährung eben gute Praxis ist, die mich fit hält und meinem körperlichen und meinem seelischen Gleichgewicht dient. Fit for Life und Islam ergänzen sich für mich hervorragend. Den damaligen Moscheevereinen (das ist jetzt bald 20 Jahre her) haftete noch sehr stark das Stigma des „Kindergartenislams“ an wie gerne argumentiere.

    „Dass Allah das Schweinefleischverbot generalisiert, kann man ausschließen. Gott ist sicherlich nicht dümmer als wir“

    Sorry das grenzt jetzt an Gotteslästerung. Du kannst dich argumentativ nicht über Gott stellen.

    „Ausmahmen gibt es immer. Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Islam ist für die meisten Menschen auf dieser Welt nicht zugänglich. Nicht verständlich“

    Beides ist falsch. Der Islam ist für jeden Menschen zugänglich und verständlich – gerade heute im Zeitalter moderner Medien. Hier bedarf es nur dem Willen und der Bemühung des Gläubigen. Du kannst doch nicht erwarten, daß dir der Islam auf dem silbernen Tablett „all inclusive“ präsentiert wird.

    „Können wir daraus nicht schließen, dass Allah eine solche Vereinheitlichung der Menschheit für unzuträglich hält? Ich würde ihm da als Politikwissenschaftler, Kulturwissenschaftler und Anthropologe unbedingt zustimmen. Nur EINE Religion auf Erden – das wäre der Untergang“

    Das ist eine hypothetische Gedankenspielerei. Historisch gesehen war eine gewisse Vereinheitlichung schon beabsichtigt angesichts der verkommenen Gesellschaftsstrukturen auf der arabischen Halbinsel in vorislamischer Zeit, die der Vielgötterei huldigte. Auf der anderen Seite bejaht der Islam in seinen Offenbarungen ausdrücklich Jesus als Propheten und bekennt sich zur Koexistenz mit Judentum und Christentum als monotheistische Religionen. Damit ist für mich der Anspruch auf die eine Religion auf Erden auch obsolet. Mal abgesehen davon, daß Anhänger von „multi-kulti“ bin, würde für mich eine Religion nicht unbedingt den Untergang bedeuten.

    „Wie gesagt, ich glaube ja nicht, dass sich ein Münchner des Jahres 2015 an einem Mekkaner des Jahres 622 orientieren kann“

    Warum sollte er das tun? Wäre völlig balla balla. Der Münchner (Muslim) orientiert sich genauso wie sein Glaubensbruder aus Peking, Ankara oder Rio nur an der göttlichen Offenbarung übermittelt durch den Propheten Muhammed (s.a.s.) und überträgt die Werte und Botschaften in sein alltäglichen Leben in München, Peking oder sonst wo und praktiziert sie in seiner jeweiligen Heimatkultur.

    „Das ist mit Sicherheit anders. Die Dschihadisten verzerren und verdrehen nichts VORSÄTZLICH. Sie sind überzeugt, dass sie den Koran richtig lesen und verstehen. Drum gehen sie auch recht mutig in den Tod“
    Doch sie tun es mit Vorsatz, weil sie sich für ihr Tun selektiv Rechtfertigungsgründe aus dem Koran suchen, die vielleicht an sich und isoliert betrachtet nicht per se verwerflich sein müssen, aber sie greifen zur Durchsetzung auf Mittel zurück, die klar gegen den Koran verstoßen. Mord ist z.B. auch im Islam verboten. Es gibt im Islam sozusagen im Rahmen eines rechtfertigenden Notstandes eine Regelung, wonach vorsätzliche Täuschung über die wahren Absichten erlaubt ist, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen (habe jetzt nur den arabischen Begriff vergessen). Dieses Konstrukt ist eigentlich als Notfallhilfe gedacht wenn Muslime in der Defensive stehen und um Leib und Fürchten müßen. Die Salafisten mißbrauchen diesen Instrument führe ihre Offensiven. Den Koran verstehen tun die meisten gleich gar nicht. Bestes Beispiel ist Pierre Vogel. Ein hirnverbrannter Wanderprediger und gescheiterte Existenz. Oder nehmen wir das Prekariat europäischer Konvertiten, die sich radikalisieren. Die meisten halte ich ohnehin für dumm, den Koran zu verstehen. Das ist nämlich gar nicht so einfach.

    „Die Dschihadisten sagen sich nicht: Hä hä, jetzt fälschen wir mal den Islam! Damit wir in unseren mörderischen Gelüsten gerechtfertigt sind“

    Nein so einfach ist es nicht, weil die Überzeugung psychologisch hergeleitet werden, aber auch entlarvt werden kann. Da gehören Salafisten in einen Sack mit Kreuzfahrern und Nazis und vielen anderen mehr. Die eigene Rechtfertigung von Schandtaten, die zur Überzeugung führt, rechtfertigt diese nicht. Ich könnte auch sagen, Dummheit schützt vor Strafe nicht. Und so wie die Alliierten im II. WK zum physischen Liquidierung von Nazi-Deutschland gezwungen waren, müßte dafür gesorgt werden, daß IS- Verbrecher und Salafisten unschädlich gemacht werden – wenn es sein muß mit Gewalt.

  27. @ Ronald:

    1

    Nein die Sprache ist nicht lokal gebunden und kulturell gleich gar nicht.

    Natürlich ist Arabisch wie jede andere Sprache lokal gebunden und kulturell partikular. Chinesen zum Beispiel oder Deutsche sprechen bekanntlich Arabisch nicht als Muttersprache. Man kann Arabisch lernen, aber das ist für die meisten mühsam und außerdem (außer für Gläubige) sinnlos.
    Wenn die Offenbarung nur auf Arabisch erfolgt, ist das unfair dem Rest der Menschheit gegenüber. Einen partikularen und damit unfairen Gott würde ich ablehnen.

    2

    Der “Mohammed-Rausch”: Nun, ich benütze meine Augen und Ohren und nehme wahr, dass sich manche Muslime bei Protesten gegen die Beleidigung Mohammeds in einen Protestrausch versetzen. Die sind in diesem Zustand nicht mehr nüchtern. Das sieht man doch, oder?

    Ich finde, Muslime sollten ihre dem Koran entnommenen Regeln etwas umsichtiger setzen. Es gibt eben nicht nur den Alkohol- und Drogenrausch. Rausch ist ein allgemeineres Phänomen. Ein Mob zum Beispiel ist eine in einen Rausch versetzte Gruppe, die Hirne der beteiligten Individuen sind vernebelt, grade so, als ob sie besoffen wären.

    Soviel darf man von den Theologen und Exegeten schon verlangen.

    3

    Mit deiner Erläuterung zum Schweinefleisch kann ich leben: dass es nun eben mal Regeln und Gegebenheiten gäbe, die die Gläubigen nicht verstehen. Der Mensch kann Gott nicht verstehen.

    Ich verstehe “meinen Gott”, die Realität, ja auch nicht bzw. nur sehr sehr begrenzt – und unterwerfe mich ihm gerade dort, wo ich ihn nicht verstehe.

    Aber “mein Gott” spricht in meiner Muttersprache zu mir. Die Realität spricht in eines jeden Muttersprache zu dem, der auf sie hört. (Diese Stimme vernimmt in einem gewissen Umfang jeder um seines guten Lebens und vor allem um seines Überlebens willen.)

    Die Realität – das ist der “Gott”, der nicht partikular ist und dem gegenüber die Unterwerfung darum angemessen ist.

    4

    „Dass Allah das Schweinefleischverbot generalisiert, kann man ausschließen. Gott ist sicherlich nicht dümmer als wir“
    Sorry das grenzt jetzt an Gotteslästerung. Du kannst dich argumentativ nicht über Gott stellen.

    Das Umgekehrte wäre Verrat an der Vernunft, die uns Gott – insofern er der Schöpfer des Menschen ist – verliehen hat und die uns erst zu Menschen macht.

    Einmal angenommen, Gott tritt an uns Deutsche heran und sagt: Glaubt nun, meine lieben Geschöpfe, dass 1+1 = 3!
    Dann sag ich: Tut mir leid, du rechnest falsch.
    a) Bist du Gott? Wie soll ich das wissen? Vielleicht spinne ich und bilde mir was ein. Ich könnte mich in deiner Identität täuschen. Offensichtlich lässt du mir die Freiheit, das für möglich zu halten. Ergo nutze ich diese Freiheit und bezweifle, dass du Gott bist.
    b) Wieso soll Gott an uns Deutsche herantreten und uns irgendetwas mitteilen, und dann noch so was Albernes? Das spricht eher dafür, dass hier der Teufel an uns herantritt – maskiert als Gott.
    c) Betrachten wir Gott als Schöpfer, so hat er gesetzt: 1+1 = 2. Warum sollte er das zurücknehmen? Was will er mit seiner Aufforderung an uns? Es könnte sein, dass er uns prüfen will – dass er prüfen will, ob wir ganz in seinem Sinne Widerstand leisten gegen Absurdes, oder ob wir uns einer Dummheit unterwerfen. Wir handeln also nun gegen seine Aufforderung – und genau damit in seinem Sinne. Indem wir Gottes Gebot (1+1=3) widersprechen, erfüllen wir sein Gebot, uns vernünftig zu verhalten.

    Es heißt doch immer, auch im Koran, im Islam: Gott hat uns Vernunft gegeben. Darin liegt das göttliche Gebot, vernünftig zu denken und zu sprechen und zu handeln. Vernunft heißt aber immer auch, den Zweifel bis zu dem Punkt voranzutreiben, an dem er an seine natürliche Grenze kommt: wenn die Vernunft anfängt, sich selbst zu widersprechen, oder wenn sie merkt, dass ihr die Informationen bzw. der Überblick fehlen, weil die Realität, mit der sie sich auseinandersetzt, zu komplex und zu dunkel wird; oder wenn sie merkt, dass sie mit dem weiteren Zweifel in einem infiniten Regress landet.

    Ein guter Gläubiger ist immer auch ein guter Zweifler (vor allem an sich selbst).

    5

    Nochmal zum Schweinefleisch und zu 1+1=3:

    Im Fall von 1+1=3 würde zunächst einmal die gesamte Mathematik zusammenbrechen, mit unangenehmen Folgen für unsere Technologie …
    Im Fall des Schweinefleischverbots gibt es keine weiteren negativen Effekte. Außer, dass man sich daran gewöhnt, einem nicht zu verstehenden Befehl zu gehorchen.

    Womit wir bei der Behauptung wären:

    Der Islam ist für jeden Menschen zugänglich und verständlich – gerade heute im Zeitalter moderner Medien.

    Er ist für die meisten Menschen hierzulande unverständlich und unzugänglich. Dass das so ist, sieht man doch, oder?

    Natürlich, wenn ein Mensch eine Religion unbedingt glauben WILL, dann fängt er an, sie zu glauben. So funktioniert unser Gehirn.
    Nur, es WILL doch in unseren Breiten kaum jemand den Islam glauben (außer denen, die damit aufgewachsen sind und sich von vorne herein zugehörig fühlen).

    Fragen wir, warum wir es nicht WOLLEN. Ein Wille ist nichts Metaphysisches. Er wird durch reale Verhältnisse erzeugt. Wenn man also danach fragt, warum die Menschen etwas nicht wollen, schaut man sich diese Verhältnisse, diese Gegebenheiten an.

    Eine dieser Gegebenheiten ist: Wir bekommen nicht den Eindruck, der Koran (der Islam) antworte auf unsere realen Probleme hier und heute. Er antwortet auf die Verhältnisse in Mekka und Medina im 7. Jahrhundert.

    Man kann die Unmöglichkeit, den Islam zu verstehen, am Schweinefleischverbot erkennen. Du selbst gibst zu, dass ein verständlicher Grund für die globale Verallgemeinerung dieses Verbots fehlt, und dass man hier als Muslim (!) einfach dem Verbot zu folgen hat.

    Das kann nur ein Muslim. Wer kein Muslim ist, dem MUSS das Schweinefleischverbot als ein einfaches, klares Zeichen dafür erscheinen, dass diese Religion falsch ist. Sie fordert etwas, das sie selbst nicht erklären kann und das außerhalb von ihr keinen Sinn macht.

    Wenn du nun sagst: Nun, dann spring doch einfach rein in den Islam, und siehe da, plötzlich glaubst du, dass das Schweinefleischverbot richtig ist.

    Ja, so funktioniert das. Nur, wieso soll ich springen, wenn ich doch sehe, dass da Unsinn auf mich wartet? Und Unsinn muss es für einen Nicht-Muslim sein, Ronald, das musst du mir schon zugestehen. (Dass es für einen Muslim kein Unsinn ist, ist damit impliziert – und das ist zu respektieren!)

    Aber wenn ich schon springen soll – warum dann nicht gleich in den Dschihadismus?

    6

    Deinen Ausführungen zu den Salafisten und Dschihadisten stimme ich zu.

    Aber ich verstehe noch nicht, warum du annimmst, deren Verdrehungen und Pervertierungen des Koran und der Hadithe seien VORSÄTZLICH, etwa so, wie ein rabulistischer Advokat bewusst zugunsten seines Klienten das Gesetz verdreht. Dieser Advokat weiß sehr wohl, was er da tut. Das wissen die Dschihadisten bei ihren Verdrehungen nicht. Die sind blind überzeugt, den Koran und Mohammed richtig zu verstehen.

    Der das Gesetz vorsätzlich verdrehende Advokat würde für seine Gesetzesinterpretation nicht in den Tod gehen wollen. Die Dschihadisten hingegen stürzen sich in die Lebensgefahr, weil sie “WISSEN”, dass sie im Todesfall als Martyrer das ewige Leben an der Seite Allahs genießen werden. Das funktioniert nur, wenn man nicht weiß, dass man Gottes Willen verfälscht hat.

    Wem das Leben auf Erden beschissen vorkommt, der hat da eine wunderbare Möglichkeit für einen Ausweg. Schon hier auf Erden bekommt er das gloreiche Gefühl, etwas Gutes und Besonderes zu sein, und dann folgt ja noch die glückselige Ewigkeit. Dschihadismus ist eine Art privilegierten, göttlich belohnten Selbstmords.

    Ginge es mir (psychologisch) so elend, wie es den Dschihadisten gegangen ist, bevor sie Dschihadisten geworden sind, wäre ich in der selben Versuchung. Allerdings hab ich auch ein gutes Auge für den Teufel. Ich würde dann doch merken, dass mich der Teufel in die Falle lockt. Hoffentlich würde ich es merken.

    7

    Die Dschihadisten faszinieren uns – eben deswegen, weil sie einer unglücklichen Menschheit einen einfachen und direkten Weg zur ewigen Glückseligkeit weisen. Sie haben damit begonnen, die Definitionshoheit über den Islam zu erobern.

    An der Eroberung können nur Muslime selber sie hindern. Ein Ungläubiger wie ich ist da fast nur Zuschauer.

    Fast. Indem ich mit einem gläubigen Muslim in der Weise spreche, in der ich auch mit einem gläubigen Katholiken sprechen würde, hoffe ich auch, einen Beitrag zur Integration zu leisten.

    Integration heißt immer auch, dass das Andere es selbst und damit anders bleiben kann. Aber man kommuniziert und kooperiert miteinander. Und reibt sich.

    Ich gebe zu, ich hatte und habe mit meinen Repliken auf dich noch einen besonderen Grund: Ich wollte den missionarischen fanatischen Atheisten (Frank vor allem, auch pinetop, und vielleicht auch conring und Korbinian) mal zeigen, wie vernünftige Religionskritik bzw. Islamkritik ausschauen könnte.

    Ergänzend muss man bei mir immer dazudenken, was ich in meinem Weihnachtsartikel über Religion geschrieben habe.

    Der Mensch ist ein religiöses Wesen, so, wie er auch ein soziales Wesen ist. Das Soziale kann versteckt bleiben oder heruntergemagert werden – das Religiöse auch. Aber das sind dann Selbsttäuschungen bzw. Bulimie-Fälle.

    Der Mensch glaubt.
    Auch ich bin ein gläubiger, ein religiöser Mensch.
    Ich glaube an die Realität.

    (Die meisten Menschen hier bei uns merken gar nicht, dass das ein Glaube ist.)

  28. Fantomas007 meint:

    “Ich wollte den missionarischen fanatischen Atheisten (Frank vor allem, auch pinetop, und vielleicht auch conring und Korbinian) mal zeigen, wie vernünftige Religionskritik bzw. Islamkritik ausschauen könnte.”

    Und ich kann mir niemanden vorstellen, der ein Problem mit dieser Art von Religionskritik haben dürfte. Wenn doch, würde wohl jeder Vernünftige sagen: selber schuld mein Lieber, wenn du damit nicht klar kommst.

    Abgesehen davon finde ich es immer wieder faszinierend, welche Einsichten Leo hat und auch auf Papier bringen kann.

  29. conring meint:

    “Abgesehen davon finde ich es immer wieder faszinierend, welche Einsichten Leo hat und auch auf Papier bringen kann.”
    Meister Brux kann seine faszinierenen Gedanken aber auch nur ungestört veröfffentlichen, weil wir in einer doch sehr säkularen und entreligösierten Gesellschaft leben.

  30. @Leo Brux
    „Wenn die Offenbarung nur auf Arabisch erfolgt, ist das unfair dem Rest der Menschheit gegenüber“

    Das könnte ich auf alle anderen Religionen auch übertragen und erst recht auf das Christentum. Im Gegensatz zum Arabischen ist die Sprache Jesu heute gar nicht mehr existent. Dann muß das nach deiner Denke noch unfairer sein? Das glaubst du doch wohl jetzt selbst nicht! Und selbst wenn es die Sprache heute nicht mehr gibt, an der Aktualität der christlichen Botschaft in unserer heutigen Zeit ändert das gar nichts.

    „Der “Mohammed-Rausch”: Nun, ich benütze meine Augen und Ohren und nehme wahr, dass sich manche Muslime bei Protesten gegen die Beleidigung Mohammeds in einen Protestrausch versetzen. Die sind in diesem Zustand nicht mehr nüchtern. Das sieht man doch, oder?“

    Leo Brux verlasse bitte die Kind-Ich-Ebene und komme wieder auf die Erwachsenen-Ich-Ebene. Selbstverständlich lassen sich viele Muslime von ihren weltlichen und geistlichen Machthabern manipulieren. Das kennen wir ja aus der deutschen Geschichte mit der Sportpalastrede von Göbbels. Manche Frauen sollen ja fast einen Orgasmus bekommen haben angesichts der Botschaften ihres „Nazi-Heilands“. So etwas kann man doch nicht mit dem Alkoholverbot – sprich dem Verbot, berauschende Mittel einzunehmen, gleichsetzen.

    „Ich finde, Muslime sollten ihre dem Koran entnommenen Regeln etwas umsichtiger setzen“
    Da gebe ich dir ausnahmsweise in vollem Umfang recht. Gilt aber für alle anderen Religionen gleichermaßen. Der Mensch ist schwach und mit vielen Fehlern behaftet.

    „Aber “mein Gott” spricht in meiner Muttersprache zu mir“.
    Wenn du auf die Offenbarungen anspielst, dann sprachen die Propheten in ihrer jeweiligen Muttersprache. Muhammed (s.a.s.) in arabisch und Jesus in Aramäisch. Letzteres würde ich nicht unbedingt als deine Muttersprache bezeichnen wollen. In welcher Sprache du im persönlichen Zwiegespräch mit Gott sprichst ist etwas anderes – sofern du es überhaupt tust, was ich nicht beurteilen kann. Ich bediene mich dazu der arabischen Sprache – zumindest was die Ritualgebete anbelangt. Außerhalb der festgelegten arabischen Gebetstexte kommuniziere ich mit Allah (t) auf deutsch, weil ich arabisch nicht gut genug kann, um auch in arabisch zu denken. Aber das ist völlig zweitrangig. Wichtig ist die Tat an sich, und diese Zeit nehme ich mir 5 Mal täglich wenn ich meinen Gebetspflichten nachkomme.

    „Er (der Islam) ist für die meisten Menschen hierzulande unverständlich und unzugänglich. Dass das so ist, sieht man doch, oder? „
    Nein das sieht man nicht. Woran willst du das festmachen? An dir, weil du noch keinen Zugang zum Islam gefunden hast? Wer die Bereitschaft besitzt, für den ist der Islam verständlich und zugänglich. Aber warum sollte Menschen hierzulande die Bereitschaft dafür haben? Gibt doch gar keinen Grund dazu.

    „Natürlich, wenn ein Mensch eine Religion unbedingt glauben WILL, dann fängt er an, sie zu glauben. So funktioniert unser Gehirn“.
    Nein ich wollte diese Religion nicht unbedingt glauben. Ich war von den Kernaussagen und Botschaften überzeugt, weshalb ich mich entschieden habe, diese Religion anzunehmen. Ob ich alles glaube ist eine andere Sache. Fakt ist, daß der Wille kam, den Islam zu praktizieren. Das habe ich nicht immer getan als Muslim. Es gab auch Zeiten, in denen ich im Zweifel war. Das ist legitim. Die geistige und emotionale Auseinandersetzung gehört dazu. Der Mensch kann sich manipulieren sowohl in die eine als auch in die andere Richtung, das ist richtig. Ich konnte mir auch einiges, was der Islam fordert, nicht vorstellen, was dann aber mit etwas „good will“ sehr wohl möglich war. Das ist „dschihad-al-akbar“. Der Kampf gegen das eigene Ego, oder um es etwas volkstümlicher auszudrücken, der Kampf gegen den inneren Schweinehund.

    „Nur, es WILL doch in unseren Breiten kaum jemand den Islam glauben (außer denen, die damit aufgewachsen sind und sich von vorne herein zugehörig fühlen)“
    Ja warum auch? Gibt doch gar keinen Grund dazu. Wir leben in einer demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft, die u.a. Religionsfreiheit gewährt. Da kann jeder glauben was er will oder es auch nicht tun. Bereits in der Türkei sieht es ganz anders aus, und von Saudi Arabien als worst case Beispiel will ich gar nicht erst reden.

    „Eine dieser Gegebenheiten ist: Wir bekommen nicht den Eindruck, der Koran (der Islam) antworte auf unsere realen Probleme hier und heute. Er antwortet auf die Verhältnisse in Mekka und Medina im 7. Jahrhundert“
    Nein da habe ich gestern schon mein Veto eingelegt und auch keine Lust mehr darüber zu diskutieren. Ich will dir auch nicht den Islam schmackhaft machen.

    „Man kann die Unmöglichkeit, den Islam zu verstehen, am Schweinefleischverbot erkennen. Du selbst gibst zu, dass ein verständlicher Grund für die globale Verallgemeinerung dieses Verbots fehlt, und dass man hier als Muslim (!) einfach dem Verbot zu folgen hat“
    Das ist auch falsch, du kannst dein Problem, den Islam nicht zu verstehen, nicht an einem singulären Punkt festmachen, in diesem Fall das Schweinefleischverbot. Dieses Verbot ist historisch begründet und den Lebensumständen auf der damaligen arabischen Halbinsel geschuldet. Als liberaler Muslim (liberal im Sinne von nicht konservativ, sondern progressiv) könnte die moderne und zeitgemäße Transkription so lauten: Vermeide Billig Fleisch aus Massentierhaltung (erstens wegen der gequälten Tiere und zweitens wegen der vielen Antibiotika, die man mit dem Fleisch ißt) und konsumiere Fleisch aus nachhaltiger Viehzucht (von mir aus auch nachhaltiger Schweinezucht, gibt es die überhaupt?) und sei bereit, mehr Geld dafür auszugeben und dafür weniger Fleisch zu essen. Daß mein Vorschlag im Hinblick auf die umma der Muslime nicht mehrheitsfähig wäre, bedarf keiner Diskussion. Aber was würde mich davon abhalten. Schliesslich bin ich allein gegenüber Allah (t) verantwortlich. Da gibt es keinen Papst oder Bischof, der den Zeigefinger hebt.

    „Das kann nur ein Muslim. Wer kein Muslim ist, dem MUSS das Schweinefleischverbot als ein einfaches, klares Zeichen dafür erscheinen, dass diese Religion falsch ist“
    Falsche Religion? Von wegen. Anderes Beispiel: Wie du sicher weiß gibt es islamische Bestattungsriten, die hierzulande mit den kommunalen Friedhofsordnungen kollidieren, was die Sargpflicht anbelangt. Warum man nach dem Tod nach Glaubensrichtungen trennen muß (also konfessionell gebundene Friedhöfe) leuchtet mir auch nicht ein. Erinnert mich irgendwie an die Apartheid Südafrikas, die wir glücklicherweise überwunden haben. Ich bin Anhänger multikultureller und pluralistischer Gesellschaften. Da passt so etwas nicht. Ich habe letztes Jahr meinen Vater auf einem katholischen Friedhof exhumieren lassen, weil nach 40 Jahren die Grabstelle abgelaufen war und ihn nach einer anschliessenden Verbrennung in einem Friedwald bestatten lassen. Dort habe ich mir vor 2 Jahren einen Familienbaum gekauft, um nach dem Tod wieder das zusammenzuführen, was zu Lebzeiten schon zusammengehört hat. Eine Familie mit Familienmitgliedern, die insgesamt 3 verschiedenen Glaubensrichtungen angehören plus Atheisten. An meinem Familienbau sind heute bereits einige Namen der noch lebenden Familienmitglieder aufgeführt (nur mit Geburtsdatum), die irgendwann dort ihre letzte Ruhe finden werden. U.a. steht da auch mein Name. Meine Frau war fassungslos als sie das erfahren hat, weil alternative Bestattungsformen in ihrer Kultur ein Ding der Unmöglichkeit sind (eine Feuerbestattung sowieso). Ich habe sie höflichst gebeten, sich dieser Diskussion zu enthalten, weil ich allein über die Frage meiner eigenen Bestattung zu entscheiden habe und mich dafür auch ganz alleine vor Allah (t) rechtfertigen muß. Du hättest jetzt vielleicht argumentiert, daß der Islam nicht akzeptabel sein, weil der islamische Ritus (ähnliche wie der katholische) eine Friedwaldbestattung mit Einäscherung nicht vorsieht.
    „Die Dschihadisten faszinieren uns – eben deswegen, weil sie einer unglücklichen Menschheit einen einfachen und direkten Weg zur ewigen Glückseligkeit weisen. Sie haben damit begonnen, die Definitionshoheit über den Islam zu erobern“
    „An der Eroberung können nur Muslime selber sie hindern. Ein Ungläubiger wie ich ist da fast nur Zuschauer“
    Ich froh, dir abschliessend noch einmal zustimmen zu können bei meinen vielen Contras. Das ehe ich ähnlich. Ich fühle mich als deutscher Muslim auch verpflichtet, hier einen Beitrag zu leisten. Es ist höchste Zeit für eine gesellschaftliche Erneuerung, was Auslegung und Definitionshoheit anbelangt. Diese Erneuerung kann aber m.E. nur von den Muslimen in der Diaspora gestemmt werden. Deshalb bin ich auch nicht Mitglied in einem islamischen Verein oder Organisation unter dem Dach des Zentralverbandes Deutscher Muslime, weil dort viel zu viele konservative und reaktionäre Kräfte sitzen, die zu allem Überfluß auch noch von unseren Integrationspolitikern gehätschelt und getäschelt werden (z.B. Integrationsgipfel Berlin).

  31. Ronald,

    1

    das Problem aller bisherigen Religionen ist, dass sie partikular bleiben – auch wenn sie einen universalistischen Anspruch stellen, wie Islam oder die verschiedenen Versionen von Christentum. Ihr universalistischer Anspruch ist zweischneidig:

    Erstens ist er richtig und gut: Man muss ganzheitlich denken und glauben, das heißt, die ganze Menschheit einbeziehen. Gut für uns Menschen ist nur, was für die Menschheit insgesamt gut ist. Die Menschheit ist das Volk, die Menschheit ist MEIN Volk. Und Gottes Volk, wenn man es religiös sagen will.

    Zweitens ist er problematisch: wenn man nämlich etwas Partikulares (die eigene Muttersprache, die Kultur der Gründergeneration, Regeln, die nicht gemeinschaftlich entwickelt worden sind) anderen überstülpt. Dann wird der universalistische Anspruch imperialistisch, eine Zumutung für andere.

    Ihren Universalismus können die großen Religionen nur dann frei halten von den traditionalen Partikularismen einer Welt, die noch nicht globalisiert war, wenn sie tolerant, großzügig, multikulturell auf die reale Vielfalt reagieren; auch auf die jeweils anderen Religionen.

    Dieses Potenzial haben Christentum und Islam durchaus. Nächstenliebe gilt für ALLE Menschen, Allahs Barmherzigkeit auch.

    Islam und Christentum müssten mit der Globalisierung mitgehen und sich dem für sie Fremden und Anderen stärker öffnen, theologisch und kulturell. Der Universalismus darf nicht darin bestehen, dass man alle hineinzwingt in kulturelle Normen und Äußerlichkeiten, die an und für sich willkürlich und unverständlich bleiben müssen. (Das gilt auch für die Formen der Moderne selbst.)

    Solche Willkürakte trennen und sollen auch trennen; sie verhindern das Zusammenwachsen.

    Ich will die Partikularismen mit diesem Argument nicht abschaffen – im Gegenteil: Das Partikulare muss überleben, muss vital bleiben, wenn wir überleben und gut leben wollen, es darf sich nicht in einem Einheitsbrei auflösen. Der Mensch braucht die jeweils besonderen, von anderen unterschiedenen Gemeinschaften. Aber das Partikulare muss überwölbt werden von etwas, das uns als Menschheit verbindet.

    So, wie uns etwa unsere Verfassungsordnung verbindet und dabei den Weg frei gibt für Pluralismus, Vielfalt, Multikulturalität, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, …

    Der Dschihadismus ist eine brutale Radikalisierung einer Neigung unter Muslimen, sich abzugrenzen und abzusondern und in ihrer Religion selbst die Überlegenheit zu finden, die sie real (politisch, ökonomisch, wissenschaftlich, technologisch, die Bildung betreffend, kulturell) schmerzlich vermissen. Dieser Weg ist rein destruktiv, wenn auch menschlich verständlich. (Auch teilweise von uns, von der haushoch überlegenen – oft arroganten – Welt der westlichen Moderne provoziert.)

    2

    Das koranische Alkoholverbot macht heute nur Sinn als ein generelles Verbot des Sich-Berauschens. Wieso soll Wein denn verboten sein? Doch nicht, weil Wein Wein ist, sondern weil er berauscht. Also geht es nicht um den Wein, sondern um die berauschende Wirkung.
    Wenn Wein nicht berauscht, etwa, weil er medizinisch oder weil er in kleiner Quantität genommen wird, ist er erlaubt.
    Aber alle Mittel, Wein eingeschlossen, wenn sie in einer Quantität genommen werden, die berauscht, unterliegen dem Verbot.

    Das ist MEINE Interpretation des Koran in diesem einen Punkt. Wenn im Koran Allah spricht, dann – so sagt mir meine Vernunft – wird die Bedeutung seiner Worte etwa in dem liegen, was ich hier ausgedrückt habe.

    Da ich kein Muslim bin, ist dieser Hinweis nur so gemeint: Ich möchte zeigen, was mir als als jemand, der seine von Gott gegebene Vernunft einsetzt, aber kein Muslim ist, plausibel finden kann.

    Diskutierenswert ist für mich auch die radikalere Ansicht: Dass man in den durchschnittlichen Menschen, die sich in der Regel nicht so leicht selbst beherrschen, einen quasi religiösen Widerwillen gegen alle Berauschungsmittel erzeugen muss, um sie von der Verführung durch Rauschmittel abzuhalten.
    (In Bayern allerdings wird das nicht durchdringen. Wir lieben unser Bier … Ein bayerischer Islam müsste oktoberfest-tauglich sein. Ein Wiener Islam heurigen-tauglich.)

    Diskutierenswert für Muslime müsste es sein, den Rausch (und nicht den Alkohol) in den Mittelpunkt zu stellen; damit aber auch die Formen der Selbst- und Kollektivberauschung durch psychologische Mittel.

    3

    Dein Vorschlag, das Schweinefleischverbot rational der Moderne anzupassen in Form eines Gebots, Fleisch aus Massentierhaltung zu vermeiden, zeigt mir, dass wir schon einige Gemeinsamkeiten haben.

    Da mir Fremdes und Unverständliches nicht von Haus aus unangenehm oder unsympathisch ist, finde ich so etwas wie das Schweinefleischverbot eher lustig bzw. skurril; es ist eine kollektive Idiosynkrasie (da riskiere ich mal wieder ein Oxymoron). Es ist nichts Schädliches in diesem Verbot, also kann man damit gut leben, und wenn eine Gruppe ihre Besonderheit u. a. damit ausdrücken will, soll es mir recht sein.

    Ich kann auch verstehen, dass mancher Muslim – aufgewachsen in einer Kultur des Schweinefleischverbots – beim Schweinefleisch ein ähnliches Gefühl hat wie ich es bei Rattenfleisch hätte. (Oder bei Hunde- und Pferdefleisch.)

    4

    Wer die Bereitschaft besitzt, für den ist der Islam verständlich und zugänglich.

    Beachte die Logik des Arguments!
    Wer die Bereitschaft für den Dschihadismus besitzt, für den ist der Dschihadismus verständlich und zugänglich.
    Wer die Bereitschaft für den Hinduismus besitzt, für den ist der Hinduismus verständlich und zugänglich.
    Wer die Bereitschaft für PEGIDA besitzt, für den ist PEGIDA verständlich und zugänglich.
    Wer die Bereitschaft zur Nächstenliebe besitzt, für den ist Nächstenliebe verständlich und zugänglich.
    Etcetera.

    Der Mensch kann, so zeigt die Realität, in so ziemlich ALLE Glaubensangebote hineinspringen, insoweit er dazu bereit ist.
    Was doch die interessante Frage aufwirft: Was macht ihn bereit, gerade in das Glaubensangebot hineinzuspringen, in das er tatsächlich hineinspringt? Und warum ist er nicht bereit für ein anderes Glaubensangebot?

    Ich bin, damit ich da nicht falsch verstanden werde, sehr der Meinung, dass wir bewusst in ein Glaubensangebot hineinspringen müssen, wenn wir nicht – gut traditional – schon in einem glaubensgewissen Leben stecken. Meine Mutter musste nicht in den katholischen Glauben hineinspringen. Sie war immer schon drin und ist eben dringeblieben. Für mich ergibt sich die Notwendigkeit des Springens.

    Wer meint, er müsse nicht springen, ist auch schon gesprungen. Er merkt es nur nicht. Es ist dann unbewusst passiert.

    GLAUBEN tun wir immer. Ob an die Wissenschaft, an die Realität, an uns selber, an Allah bzw. Gott, an die Kirche, an eine dschihadistische Interpretation des Koran, an Heilige Kühe, an den Osterhasen. Es ist für uns Menschen individuell und kollektiv die Frage, welche Glaubensangebote naheliegen, welche konstruktiv sind, welche tragfähig sind. Der Osterhase ist es nicht, außer für 3jährige; der Dschihadismus auch nicht, außer für durchgedrehte Lebens- und Menschenfeinde.

    Mir liegt nahe, an die Realität zu glauben. Mein Organismus hat mich davon überzeugt und mir die Realität als das geoffenbart, worauf ich mich letztlich immer verlassen kann und verlassen muss – bis in den Tod hinein.

    Andere werden einer anderen Intuition folgen. Mir sind die christlichen und muslimischen Glaubensintuitionen durchaus sympathisch, auch wenn ich mich gerne an ihnen reibe. Wir Menschen sind sehr verschieden, und meine Lösung des Glaubensproblems kann nicht die Lösung für alle sein, oder auch nur für viele.

    Lessings Ringparabel ist da hilfreich. Schauen wir einfach mal, aus welchen Glaubensformen Gutes entsteht – Gutes für die Menschheit!
    Da wir unterschiedliche Auffassungen davon haben, was das Gute ist, ergeben sich dabei natürlich erhebliche Differenzen. Aber die können auch wiederum gut für die Menschheit sein. Können wir eine Form des Zusammenlebens auf diesem Globus entwickeln, die unser Überleben sichert und zugleich die Vielfalt erhält? So würde ich das Global-Gute formulieren.

    5

    Noch einmal ein Plädoyer für den Glauben:

    Das Gute an den Religionen und an den Religionsgläubigen ist, dass sie wissen, DASS sie glauben und AN WAS sie glauben. Es gibt etwas, das außerhalb von ihrer Subjektivität und über ihr existiert, etwas, dem sich der Mensch unterwerfen muss.

    Dieses Wissen unterscheidet sie von den vielen in unserer Welt, die auch glauben und sich unterwerfen, es aber nicht wahrhaben wollen, teils aus Bequemlichkeit und Unaufmerksamkeit, teils aus Überheblichkeit. Sie werden zu Sklaven des Konsums und der Leidenschaften, sie bleiben gefangen in ihrer egomanischen Subjektivität – ihr Ego ist ihr Gott. Das kann ganz übel destruktiv werden, für das Individuum selbst wie für die Gemeinschaft, in der es lebt.

    Mit einem Muslim kann ich über seine Religion diskutieren. Mit einem, der blindlings leugnet, überhaupt einen Glauben zu haben und sich einer ihm persönlich äußeren Macht zu unterwerfen, ist das schwierig.

    Menschen, die religiös gläubig sind, verstehen sich selbst und das Leben oft (aber nicht immer) besser als diejenigen, die es nicht sind. Sie verstehen, dass Leben immer auch Unterwerfung ist – und das macht bescheiden. Sie haben u. a. (oft, aber nicht immer) ein klügeres Verhältnis zu Scheitern, Schmerz und Tod.

    (Für Dschihadisten und für alle sonstigen Religionsfanatiker gilt das allerdings nicht. Sie missbrauchen die Religion zur Aufblähung ihrer selbst.)

  32. @Leo Brux
    „Zweitens ist er problematisch: wenn man nämlich etwas Partikulares (die eigene Muttersprache, die Kultur der Gründergeneration, Regeln, die nicht gemeinschaftlich entwickelt worden sind) anderen überstülpt. Dann wird der universalistische Anspruch imperialistisch, eine Zumutung für andere“.

    Das ist korrekt. Die problematische Seite des universalistischen Anspruchs einer Religion liegt aber nicht in der Religion selbst, sondern in ihren „Anwendern“, die die Religion oft mißbrauchen.

    „Ihren Universalismus können die großen Religionen nur dann frei halten von den traditionalen Partikularismen einer Welt, die noch nicht globalisiert war, wenn sie tolerant, großzügig, multikulturell auf die reale Vielfalt reagieren; auch auf die jeweils anderen Religionen“

    Das ist ebenfalls korrekt. Der Mißbrauch und die Fehldeutung des Begriffes „dschihad“ im Islam ist das beste Beispiel. Ich will jetzt gar nicht wieder mit IS oder Salafisten anfangen, die für mich ohnehin als Inkarnation des Bösen anzusehen sind, sondern auch an die rührseligen Geschichtenschreiben wie Scholl-Latour und Konzelmann erinnern, die dieses krude Bild mitgeprägt haben. Bassam Tibi wäre da besser geeignet (um nur ein Beispiel zu benennen), der ist aber schwer zu lesen und liefert unbequeme Erklärungsansätze.

    „Der Dschihadismus ist eine brutale Radikalisierung einer Neigung unter Muslimen, sich abzugrenzen und abzusondern und in ihrer Religion selbst die Überlegenheit zu finden, die sie real (politisch, ökonomisch, wissenschaftlich, technologisch, die Bildung betreffend, kulturell) schmerzlich vermissen. Dieser Weg ist rein destruktiv, wenn auch menschlich verständlich. (Auch teilweise von uns, von der haushoch überlegenen – oft arroganten – Welt der westlichen Moderne provoziert.)“

    Auch hier stimme ich dir zu, auch wenn ich den Begriff „dschihadismus“ für problematisch halte. Es sind die gescheiterten Existenzen, die anfällig werden für Haßpredigten. Mit den inneren Werten der Religion haben die nichts am Hut. Psychologisch und soziologisch sehe ich da viele Parallelen zu SA der Nazis.

    „Das koranische Alkoholverbot macht heute nur Sinn als ein generelles Verbot des Sich-Berauschens. Wieso soll Wein denn verboten sein? Doch nicht, weil Wein Wein ist, sondern weil er berauscht. Also geht es nicht um den Wein, sondern um die berauschende Wirkung.
    Wenn Wein nicht berauscht, etwa, weil er medizinisch oder weil er in kleiner Quantität genommen wird, ist er erlaubt.
    Aber alle Mittel, Wein eingeschlossen, wenn sie in einer Quantität genommen werden, die berauscht, unterliegen dem Verbot“

    Im Koran steht auch nicht daß Wein verboten, sondern eben Dinge mit berauschender Wirkung, die man physisch zu sich nimmt!!!! Das ist jetzt wichtig für die Abgrenzung zu den Rauschzuständen, die z.B. die Spiritualität im Sufismus erzeugt.

    „Das ist MEINE Interpretation des Koran in diesem einen Punkt. Wenn im Koran Allah spricht, dann – so sagt mir meine Vernunft – wird die Bedeutung seiner Worte etwa in dem liegen, was ich hier ausgedrückt habe“

    Korrekt. Erstaunlicherweise haben wir inzwischen mehr Konsens als Dissens.

    „Der Mensch kann, so zeigt die Realität, in so ziemlich ALLE Glaubensangebote hineinspringen, insoweit er dazu bereit ist……Ich bin, damit ich da nicht falsch verstanden werde, sehr der Meinung, dass wir bewusst in ein Glaubensangebot hineinspringen müssen, wenn wir nicht – gut traditional – schon in einem glaubensgewissen Leben stecken“

    Auch das ist korrekt. Ich bin nicht umsonst vor langer Zeit aus der katholischen Kirche ausgetreten, nicht wegen der eingesparten Kirchensteuer, sondern weil mir die Religion (v.a. nach der Lektüre der Schriften von Küng) und v.a. die damit verbundene Sozialisation unangenehm waren. Für die Konvertierung zum Islam habe ich 7-8 Jahre gebraucht, mich emotional heftig damit auseinandergesetzt, und es gab auch als Muslim Zeiten, in denen ich zweifelte, weil ich meine europäische ultima ratio genauso schwer unterdrücken kann wie meine leiblichen Bedürfnisse. Deshalb ist der sinnvolle Umgang mit beidem so wichtig, und gerade hier bietet der Islam viel für mich, er fordert mich aber auch. Muslim werden ist nicht schwer, sein dagegen sehr! Für meine Frau gestaltet sich das etwas anders. Die steckt in einem Korsett aus Traditionen. Entsprechend heftig sind bei uns die Diskussionen selbst im ehelichen Bereich wenn es um anwendungsbezogene Fragen geht.

    „Menschen, die religiös gläubig sind, verstehen sich selbst und das Leben oft (aber nicht immer) besser als diejenigen, die es nicht sind. Sie verstehen, dass Leben immer auch Unterwerfung ist – und das macht bescheiden. Sie haben u. a. (oft, aber nicht immer) ein klügeres Verhältnis zu Scheitern, Schmerz und Tod“

    Das ist ein treffendes Plädoyer für Islam und Christentum gleichermaßen. Beide Religionen haben in meinen Augen mehr verbindende als trennende Elemente

  33. Obwohl ich vom Standpunkt einer deistischen Religion aus natürlich ein Agnostiker/Atheist bin, fühle ich mich persönlich deistisch gläubigen Menschen näher als den meisten Atheisten – ich bin nicht a-religiös, wenn auch a-deistisch.

    Da ich von meinen Mitmenschen nicht verlange, Philosophen, Theologen und religiöse Intellektuelle zu werden, finde ich es auch ganz natürlich, wenn sie sich an ein – von meiner intellektuellen Warte aus gesehen – etwas konkreteres, anschaulicheres, gesellschaftspraktischeres Konzept von Religion halten als ich; an einen persönlichen Gott und ein Heiliges Buch.

    (Meine katholische Mutter ist ein wunderbares Beispiel für gelingende Religion – in relativ simpler, traditioneller und naiver Form.)

    Religion bildet Gemeinschaft. Da wir Menschen Gemeinschaftswesen sind, tut uns Religion gut. Auch der Islam hat sich dabei historisch gesehen sehr bewährt – das üble Spiel, heute rachsüchtig nur noch die Schattenseiten zu sehen und die Menschen und Gesellschaften von früher anachronistisch an unseren heutigen Maßstäben zu messen – dieses üble Spiel mache ich nicht nur nicht mit, ich gehe dann auch gern zum Gegenangriff über.

    Die Menschheit war immer religiös – und wird es bleiben. Es liegt in unserer Natur (so würde ich sagen; du könntest sagen: Es liegt im Faktum der göttlichen Schöpfung. Beides geht aufs Selbe hinaus.)

    Treffe ich einen Atheisten, so frage ich mich insgeheim sofort und penetrant: Wo und wie versteckt sich bei ihm die Religiosität?

    Dabei gestehe ich zu, dass es jemanden wie Max Weber auch geben kann, der bekannterweise von sich gesagt hat, religiös sei er eher unmusikalisch. Eine solche Einstellung kann man würdigen, ohne im geringsten die Achtung vor Max Weber zu verlieren.

    Es ist aber schon schade, wenn ein Mensch so ganz unmusikalisch ist. Da entgeht ihm was. In Bezug auf Religion ist das ein noch ärgeres Defizit als in Bezug auf Musik.

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