Kanada zum Vergleich. 3. Kapitel: Canadianess

multikultur2. Fortsetzung. Davor: Einleitung und Multikulturalismus

Mechthild und Konrad Opel haben ein Kanada-Lesebuch geschrieben, das ich empfehlen kann.

Ich zitiere hier erneut ein kleines Kapitel daraus (Seiten 190-191); die Überschriften sind von mir, ebenso die Formatierung in kleinere Absätze.

True Canadianess

Spricht man mit Kanadiern über das Besondere, was das Leben in ihrem Land ausmacht und was sie vom politisch, wirtschaftlich und kulturell so übermächtigen Nachbarland USA unterscheidet, hört man oft den Begriff “true canadianess”.

Dieser eigentlich unübersetzbare Begriff (vielleicht könnte man sagen: “Kanadischsein”) drückt so etwas aus wie eine Identität, die unvergleichbar  ist – sie stützt sich eben nicht auf eine gemeinsame Sprache und Religion, ein homogenes kulturelles Ideal oder einen nationalen Mythos.

Das aber bedeutet überhaupt kein Defizit, sondern eine Stärke, den Canadianess steht für etwas Komplexeres.

Charakteristika

Uns begegnet “true canadianess” in Form von außergewöhnlicher Höflichkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit; wir treffen auf Respekt, Toleranz, uneingeschränkter Akzeptanz von Andersartigkeit.

Wir begegnen Zurückhaltung und Bescheidenheit anstelle von Geltungsbedürfnis und Gier; allenthalben sehen wir Understatement.

Wir erleben die Liebe der Menschen zur Großartigkeit ihres Landes und ihre Achtung vor Dingen, die nicht mit Geld aufzuwiegen sind (wie z. B. die kanadischen Nationalparks).

Der Unterschied

Der Wunsch zum Ausgleich und zur Versöhnung, der gegenseitige Respekt, die Bereitschaft einander zuzuhören, bevor man urteilt, und Positionen anderer gelten zu lassen, die Bereitschaft, bereits Etabliertes in Frage zu stellen und neu zu durchdenken, Kompromisse, Umwege oder ungewöhnliche Wege zu akzeptieren , sind in der kanadischen Gesellschaft seit den Anfängen verwurzelt und lassen Kanada zumindest hier und da etwas anders sein als Westeuropa und die USA, wo entsprechend dem vorherrschenden Neoliberalismus geradlinige, am Nutzen orientierte Sichtweisen dominieren.

Woher kommt der Unterschied?

Der kanadische Intellektuelle John Ralston Saul führt das darauf zurück, dass die Einwanderer sich seit 400 Jahren nicht nur an das Klima und die Geographie des Landes angepasst haben, sondern auch in gewisser Weise an die Menschen, die hier voerher lebten; sie hätten an die Anpassungsleistung der Ureinwohner angeknüpft, einiges von ihnen gelernt und einige ihrer grundlegenden Sichtweisen angenommen.

Natürlich heißt das nicht, dass sämtliche Kanadier so denken und handeln; aber hier könnten Wurzeln des “typisch Kanadischen” liegen.

Deutschland ist nicht Kanada und kann nicht Kanada werden; aber interessant ist es doch auch für uns, dass sich Identität und das Gefühl nationaler Besonderheit und Stärke nicht primär auf die Sprache, die Religion, die Ethnie zu beziehen braucht, sondern dass auch die gegenwärtige Gemeinsamkeit, die Fähigkeit des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens gewissermaßen als nationales Team hinreichend Einheit herstellt.

Fortsetzung folgt. Es wird dann um die Einwanderung gehen.

Kommentare

  1. conring meint:

    @ Leo Brux
    Malen du und deine Quelle da nicht ein etwas zu rosarotes Kanadabild?
    Toronto hatte bis vor kurzem Rob Ford als gewählten Bürgermeister.
    Und Macleanas (sowas wie der kanadische Spiegel) hat vor wenigen Wochen ausführlich über Benachteiligungen und Vorurteile berichtet, denen die Angehörigen der First Nations ausgesetzt sind. Z. B. hier:
    http://www.macleans.ca/news/canada/out-of-sight-out-of-mind-2/

  2. conring,
    ich hab ja über Rob Ford berichtet.

    Wer sagt, dass irgendwo alles super läuft?
    Wir sind hier auf der Erde, da geht es irdisch und also immer problematisch zu.
    Auch in Kanada.

    Wir brauchen also kein IDEAL zu unterstellen, aber wir sehen – vielleicht – doch etwas, das uns etwas über die Möglichkeit eines multikulturellen Verständnisses der eigenen Gesellschaft lehrt.

    Die Kanadier sind auch nur Menschen. Wie ich hundert Mal geschrieben habe: Vorurteile sind menschlich. Diskriminierung des Anderen, Fremden ist menschlich. Insofern unvermeidlich. Aber deshalb noch nicht gut. Ergo, es lohnt sich, daran zu arbeiten, dass es weniger wird.

    Das ist wie bei zum Beispiel Diebstahl. Es wird unter Menschen immer immer immer Diebstahl geben. Trotzdem tun wir was, um Diebstahl zu verringern. Das ist sehr sinnvoll, auch wenn immer genug davon übrig bleibt. Und eine Gesellschaft, die es schafft, Diebstahl halbwegs unter Kontrolle zu halten, also zu einer Ausnahme zu machen, ist schon ziemlich gut und um einiges besser als eine, in der Diebstahl Alltag wäre.

    Mir scheint, Kanada macht es mit der Multikulturalität und seiner Sicht von Canadianess besser als wir, und wir könnten uns – auch wenn bei uns Geschichte und Voraussetzungen anders sind – etwas davon abschneiden.

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