NSU: Der Tod von Florian Heilig. Noch so ein Zufall – oder ein Indiz?

rechtFlorian Heilig, Neonazi-Aussteiger, sagt aus, er und seine Kameraden hätten bereits lange vor dem November 2011 (vor dem Showdown in Eisenach) vom NSU gewusst. Und er kenne Kiesewetters Mörder. Und neben dem NSU habe es noch den NSS gegeben, eine zweite Nazitruppe, zu der er gehört habe, zusammen mit einem “matze”.

Und er sagt, kurz vor seinem Tod: »Wenn ich jetzt sage, was ich weiß, bin ich tot.« Er wird massiv aus der rechten Szene bedroht.

Mit dem Auto fährt er am 15.9.2013 nach Stuttgart. Er will weitere Aussagen zum Mord an der Polizistin Kiesewetter (Heilbronn, 2007) machen, Termin: der Abend des 16. September.

Er kommt nicht an. Er verbrennt qualvoll in seinem Auto.

Todeszeitpunkt: Irgendwann zwischen 20.30 Uhr (15.9.) und 9.17 Uhr (16.9.).

Die Polizei weiß sofort: Selbstmord. Informiert darüber auch schon wenige Stunden nach dem Tod von Florian Heilig dessen Eltern.

Der junge Mann habe das Auto selber in Brand gesteckt und sich dann darin in Selbstmordabsicht verbrannt.

Wie weiß man das so schnell?

Und bringt sich denn jemand auf diese qualvolle Weise selber um?

Gibt es für das Motiv Liebeskummer hinreichende Belege?

Den Liebeskummer hatten wir übrigens schon mal: Der Rechtsradikale Gundolf Köhler soll das Wiesn-Attentat von 1980 auch aus Liebeskummer zum Selbstmord genutzt haben. (Also: Es sei keine rechtsradikale Terror-Tat gewesen, sondern was Privates, und natürlich ganz allein vorbereitet und verübt. Heute glaubt das niemand mehr, auch geht man von Mittätern aus; aber damals war es die offizielle Position: Liebeskummer hatte der arme junge Mann! Deshalb hat er 13 Menschen samt sich selbst in die Luft gesprengt und Hunderte zum Teil lebensgefährlich verletzt.)

Also, in unserem Fall, was macht man da als Polizei? Zumal, wenn man weiß, dass der Tote irgendwie was zu tun oder zu sagen hat in der Mordsache Kiesewetter?

Man beschließt rasch, aufgrund der Obduktion: Es ist Selbstmord. (Der Mann habe Massen von Medikamenten geschluckt, die ausgereicht hätten, ihn umzubringen, vor allem das Herzmittel Beta-Blocker. Dann habe er sich auch noch mit Benzin überschüttet und angezündet.)

Dass ihm diese Mittel verabreicht worden sein könnten, und dass andere ihn mit Benzin überschüttet haben könnten, kommt seltsamerweise nicht in Frage. Muss auch gar nicht weiter untersucht werden.

Wird auch nicht weiter untersucht.

Man könnte natürlich fragen, ob diese Form des Selbstmords nicht eher zweifelhaft ist?

Man könnte auch fragen, ob in so einem Fall vielleicht jemand ein Interesse hatte, dass der Mann keine Aussage macht?

Man könnte einfach mal machen, was Polizei normalerweise macht in so einem Fall: Man hält sich offen und untersucht und ermittelt in die naheliegenden Richtungen. Da ist viel zu tun, das geht nicht in ein paar Stunden. Da kann man nicht nach ein paar Stunden definitiv Selbstmord feststellen.

Zum Beispiel könnte man seinen digitalen Verkehr in der Nacht vom 15. auf den 16. prüfen. Seine Telefonate. Er hat auch eine facebook-Seite. Wenigstens seinen Liebeskummer sollte man doch irgendwie belegen. (Exfreundin und Eltern bestreiten strikt, dass es Liebeskummer gegeben habe.)

Zum Beispiel könnte man schauen, welche Fingerabdrücke sich am Auto oder im Auto noch feststellen lassen.

Zum Beispiel checkt man mal gründlich das Auto durch. Vielleicht findet sich ja was, das weiterführt. Etwa einen Fernzündemechanismus?

Der Öffentlichkeit gegenüber behauptet man, alles akribisch untersucht zu haben.

Man interessiert sich nach ein paar Stunden nicht weiter für die Sache. Selbstmord. Liebeskummer. Was anderes kommt nicht in Frage.

Bereits am Tag nach dem “Selbstmord” möchte man das Auto in die Schrottpresse geben.

Familie Heilig ist dagegen, lässt sich das Wrack aushändigen.

Die Schwester des Toten wird zum Untersuchungsausschuss geladen. Davor schaut sie sich das Auto nochmal genau von innen an —

und findet

den Schlüsselbund (war eingeklemmt auf dem Rücksitz) mit 16 Schlüsseln dran,

auch dem Autoschlüssel, verkohlt.

Ein Feuerzeug,

den Kanisterdeckel,

ein Handydisplay,

ein komplettes Handy Samsung Galaxy S1,

Turnschuhe,

Sicherheitsschuhe,

eine Pistole,

eine Machete.

Interessant ist die Pistole. Vielleicht auch das Handy, das man hätte auswerten können. Lässt man das alles schon am Tag 2 im zu verschrottenden Auto?? (Wenn man es denn gefunden hat. Vielleicht hat man es nicht gefunden, weil man nicht gesucht hat? Warum aber hat man nicht gesucht, aber behauptet, man habe?)

Apropos “matze”: Die Angabe interessierte die Ermittler 2013 nicht im geringsten. Wie überhaupt alles, was  Florian Heilig sagte. Jetzt, wegen des Untersuchungsausschusses, hat man “matze” dann doch gesucht und gefunden. Es ist ein Bundeswehrsoldat. Noch ist unklar, was er aussagen wird.

Resümee:

Pleiten, Pech und Pannen. Was immer sie anfassen, wenn es um den NSU geht, ist es dasselbe. Pleiten, Pech und Pannen. Was ist nur los mit unseren Ermittlern? Sind die so inkompetent?

Entweder sind sie fast durchgängig katastrophal inkompetent – oder man will oder man muss etwas vertuschen – und das schaut dann halt immer wieder an der Oberfläche blöd aus.

Wir müssen das zusammen sehen und beurteilen vor allem mit dem Fall Temme in Kassel und dem Fall Aktenschredderei sowie den tausend Details, die uns von Aust/Laabs so eindrucksvoll zusammengestellt worden sind.

Soviel kann man sagen: Es ist wahrscheinlich, dass der Staat irgendwie (!) verwickelt ist in die Morde des NSU.

Vielleicht nur in der Weise, dass der Verfassungsschutz (oder Teile davon) Bescheid gewusst haben. Es wäre schlimm genug und möglicherweise das Ende des Verfassungsschutzes.

Vielleicht ging die Teilhabe aber noch weiter.

Jedenfalls war sie so stark, dass sich unser lieber Staat sich entschlossen hat, den Deckel drauf zu halten und die Bürger und sich selbst vor einer “den Staat gefährdenden” Aufklärung zu schützen.

Man stelle sich vor, es kommt am Ende doch raus. Dann geht es nicht mehr nur um Mitwissen oder Beteiligung einiger Staatsdiener an der Terrorserie, sondern auch um all die umfangreichen Täuschungs- und Vertuschungsmanöver seit November 2011. Vielleicht auch um Mord im Staatsauftrag. Das wäre die größte Staatsaffäre der Geschichte der Bundesrepublik.

Too big to fail.

Dem Realisten ist klar: Das – aufgrund der Indizien hochwahrscheinliche – Mitwissen oder die Beteiligung von Staatsdienern an der NSU-Mordserie kann und darf nichts rauskommen. Der “verantwortungsbewusste” Bürger muss sich hier treu auf die Seite seines Staates schlagen und strikt leugnen, dass solche Staatsschuld auch nur möglich und denkbar sein könnte. (Egal, was er bei sich selber denken mag.)

Du hast keine Beweise!!

Stimmt. Ich habe keine Beweise. Ich habe nur Indizien. Aber die reichen für das Urteil eines Bürgers. Weil sie das Unerhörte wahrscheinlich erscheinen lassen.

Bin ich also nun kein verantwortungsbewusster Staatsbürger mehr, weil ich mich nicht verarschen lassen will?

Quellen:

detailliert:

trueten 

friedensblick

dtj (guter Überblick)

kurz und knapp (und ratlos):

taz  – und nochmal taz

ZEIT  (mit Links)

Spiegel Online (wiegelt ab)

WELT

Überblick über die heißen offenen Frage zum Mordfall Kiesewetter, angemerkt von Thomas Moser und von Aust/Laabs in einem Interview bei telepolis.

Darauf werde ich zurückkommen.

Nachtrag: Sebastian Range bei Hintergrund (Dank an almabu für den Tipp!):

Am Tag vor seinem Tod erhielt er einen Anruf, der ihn offenbar in große Angst versetzt hatte, und nach dem er „total aus dem Häuschen“ war, wie seine Schwester sagte.

Aufgrund seines Ausstiegs aus der Szene und seiner brisanten Aussagen fürchtete der junge Mann die Rache seiner ehemaligen Kameraden.

„Ende 2011 wurde er von Neonazis in Heilbronn mit einem Messerstich in den Bauch verletzt“, berichtete die junge Welt. Tage vor seinem Tod wurde ihm an seiner Ausbildungsstätte aufgelauert und er wurde zusammengeschlagen.

Um sich vor dem Zugriff seiner Ex-Gesinnungsgenossen zu schützen, wechselte er oft seine Handynummer.

„Und immer nach Kontakten mit dem Aussteigerprogramm landete seine neue Handynummer bei den Rechtsextremisten“, schreibt die Wochenzeitung Kontext.

Ein weiteres Indiz dafür, dass der lange Arm der Neonazis bis in die Behörden hineinreicht, wie Florian gegenüber seiner Familie behauptete.

„Sie finden mich immer, wo immer ich bin“, soll er seinen Eltern gesagt haben.

Der Untersuchungsausschuss will den sich nun in seinem Besitz befindlichen Laptop sowie das Handy nicht den Behörden zur Auswertung übergeben, sondern der Uni Stuttgart.

„Es gibt kein Vertrauen mehr in die Polizei“, begründete Drexler das beispiellose Vorgehen.

Noch größer müsste der Vertrauensverlust jedoch gegenüber der zuständigen Stuttgarter Staatsanwaltschaft ausfallen.

Diese hatte bereits innerhalb weniger Stunden nach dem Tod die Einstellung der Ermittlungen angeordnet.

Noch bevor ein Brandgutachten und ein toxologischer Befund vorlagen, wies der zuständige Staatsanwalt Dr. Stefan Biehl an, den Fall als Selbstmord zu behandeln.

Anträge der Polizei auf eine Durchsuchung von Heiligs Zimmer wurden von ihr abgeschmettert.

Laut des von dem Untersuchungsausschuss eingeholten Sachverständigengutachtens des Rechtsmediziners Heinz-Dieter Wehner war Heilig zum Todeszeitpunkt möglicherweise nicht mehr handlungsfähig, also bewusstlos – und hätte sich dann nicht mehr selbst mit Benzin übergießen und in Brand setzen können.

Die Eltern Florians glauben nicht daran, dass ihr Sohn den äußerst schmerzvollen Verbrennungstod wählte.

„Es kann mir keiner erzählen, dass jemand bei lebendigem Leib verbrennt und kein Schrei, gar nichts, zu hören ist“, verweist sein Vater auf Zeugenaussagen.

Angesichts des tödlichen Giftcocktails in Verbindung mit dem Flammentod spricht Wehner von einem „fragwürdigen“ „Doppelselbstmord“.

Das Motiv dafür, warum die Ermittlungen innerhalb von Stunden eingestellt, und Florian Heiligs Tod als Selbstmord abgehakt wurden, liegt auf der Hand:

Seine Aussagen stehen in krassem Widerspruch zu dem auf Biegen und Brechen aufrechterhaltenen Mantra der Generalsbundesanwaltschaft, der NSU habe lediglich aus drei Mitgliedern bestanden, die ganz alleine gehandelt hätten.

Am Tag seines ungeklärten Todes sollte Heilig noch einmal von der Polizei zum Komplex NSU und NSS vernommen werden.

Die Kooperation Staat – Rechtsradikale wird hier greifbar, auch bei der Aufgabe der Vertuschung.

Wer der Polizei, der Staatsanwaltschaft, dem Verfassungsschutz und den Innenministern noch irgendetwas glaubt in Sachen NSU, der muss bescheuert sein. Oder verzweifelt bemüht, den Damm zu halten, der den Staat der BRD vor seinem größten Skandal seiner Geschichte zu schützen versucht.

Noch ein Nachtrag:

Die Zeugenaussage dessen, der das Auto vor und nach dem Brand beobachtet hat.  Der Zeuge ist ein Fahrlehrer.

Jürgen M. trifft sich am 16. September 2013 um acht Uhr morgens auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart mit einem Fahrschüler, um ihn auf eine Motorradprüfung vorzubereiten. Für Unterrichtstunden auf diesem Gelände hat die Fahrschule eine Sondergenehmigung. Da bereits mit Aufbauten für das bevorstehende Volksfest begonnen wurde, verlegt M. den Fahrunterricht in den hinteren, südlichen Bereich. Gegen 8:30 Uhr fällt ihm ein allein stehender Peugeot auf, der ungewöhnlich abgestellt war. Aus ca. 20 Metern Entfernung sieht er eine Person auf der Fahrerseite, im Auto sitzend. In unmittelbarer Nähe, auf der Höhe des Kofferraumes sieht er eine weitere Person, einen Mann, der eine Zigarette raucht. Er hat eine kräftige Statur. Sein Alter schätzt er grob auf 30 bis 50 Jahre.

Zu Beginn seiner zweiten Fahrstunde kommt er wieder an derselben Stelle vorbei. Er erschrickt, denn nun sieht er dasselbe Auto – ausgebrannt. Die Feuerwehr hat den Brand bereits gelöscht. Als er sich dem Auto nähert, kann er darin grob die Person in derselben Position wiedererkennen. Der 21jährige Florian Heilig ist tot.

Der Fahrlehrer geht zur Absperrung und teilt zuerst einem Polizisten, dann einer Polizistin mit, dass er vor dem Brand den rauchenden Mann in unmittelbarer Nähe des geparkten Wagens gesehen hat. Die Beamtin notiert seinen Namen und seine Telefonnummer, er nimmt seine Arbeit wieder auf. Da wenig später von einem tragischen Selbstmord die Rede ist, scheint für ihn die Angelegenheit erledigt – bis in seinem Bekanntenkreis Medienberichte über die Ungereimtheiten des angeblichen Selbstmordes Aufmerksamkeit erregen.

Zwar muss es keinen Zusammenhang zwischen dem rauchenden Mann und dem wenig später brennenden Auto geben. Wenn aber die Polizei dem Grundsatz folgt, in alle Richtungen zu ermitteln, dann ist diese Beobachtung äußerst wichtig, um herauszubekommen, wer dieser Mann ist und ob es einen Zusammenhang zu dem geparkten Auto und dem Insassen gibt. Der Fahrlehrer wurde jedoch nie befragt. Die Ermittlungsakten suggerieren sogar das Gegenteil: In der Strafanzeige der Staatsanwaltschaft Stuttgart vom 10.2.2014 findet sich der wahrheitswidrige Satz: “Ein Hinweis auf eine weitere Person liegt hingegen nicht vor.”

Wolf Wetzel, MiGAZIN

Der Zeuge scheint die Ermittler nur gestört zu haben. Dass da also ein zweiter Mann beim Auto war, war für die Polizei und die Staatsanwaltschaft unerheblich.

Dasselbe Verhalten hatten wir 1980, beim Oktoberfest-Attentat. Zeugen, die nicht ins bequeme Schema passen, werden ignoriert.

Gerade dadurch wird deutlich: Der Staat hat etwas zu verbergen, und er tut es skrupellos. Er weiß, dass er es kann, denn wir haben halt nun mal niemanden, der sonst die Ermittlungsarbeit übernehmen kann.

Wir können, wenn wir die Indizien zusammennehmen und den gesamten Fall NSU als Hintergrund einrechnen, im Fall Heilig mit großer Sicherheit sagen: Es war Mord.

Wir haben dafür keine Beweise. Diejenigen, die sie sammeln müssten, weigern sich, es zu tun. Uns  bleibt nur die Frage: Warum tun sie ihre Pflicht nicht? Wer oder was hindert sie daran? Geht die Befehlskette, die das Vertuschen sicher stellt, bis hinauf zum Innenminister?

Kommentare

  1. Wenn der NSU-Komplott komplett aufgeklärt werden würde, dann verlöre der Verfassungsschutz wohl seine Existenzberechtigung? Dies wird nach menschlichem Ermessen von den Landesbehörden verhindert werden. Insofern fürchte ich, wir werden die volle Wahrheit nie erfahren und so dient wohl auch der Prozess in München in letzter Konsequenz der Verschleierung?

  2. Ja.
    Er dient auch der Verschleierung.
    Aber nicht nur. Man hat schon auch ein rechtstaatliches Interesse an der Verurteilung des NSU-Personals. Dem kommt man nach.

    Es ist eine Gratwanderung. Man betreibt Aufklärung – und Verschleierung zugleich. Parallel. Ein faszinierendes Spiel. Wann immer etwas hochkommt, steckt man es in die Rubrik Pleiten, Pech und Pannen. Wann immer es einen Anhaltspunkt gibt, sagt man: Es gibt keine Anhaltspunkte. Du hast keine Beweise. (Als ob nur ein Beweis ein Anhaltspunkt wäre. Als ob es keine Indizien gäbe.)

    Damit kommt man vorerst durch, weil auch die brave, staatsverbundene Mehrheit der Bevölkerung sowie die Medien dabei mitspielen. Sie WOLLEN nicht, dass der Staat in dieser Sache bloßgestellt wird. (“Und so schloss er messerscharf, dass auch nicht ist, was nicht sein darf.”)

    Ich bin auch ein braver, staatsverbundener Bürger – aber der Minderheitsmeinung, dass es meinem Deutschland gut täte, wenn alles rauskäme. Die Wahrheit macht uns frei.

    Ich denke, dass es sowas wie eine Kooperation zwischen Zschäpe und der Staatsanwaltschaft gibt, damit die Frau weiter standhaft schweigt; auch im Fall Heilig vermute (!) ich eine Kooperation zwischen dem Staat, der so auffallend eilig und nachlässig auf Selbstmord erkannt hat, und Rechtsradikalen, die – vermutlich – Heilig umgebracht haben. Da decken sich die Interessen.

    So wahrscheinlich diese üble Kooperation ist, so wahrscheinlich ist auch, dass die Sache erst in 30 Jahren oder noch später aufgedeckt werden wird, ganz oder teilweise. Also erst, wenn Gras drüber gewachsen ist.

    Was alles wahrscheinlich ist, ist aber deshalb noch lange nicht sicher.
    Ich rechne immer auch mit der Möglichkeit, dass ICH mich täusche. Ebenso rechne ich mit der Möglichkeit, dass aus irgend einem Grund die schon ziemlich löchrige Staatsfront zusammenbricht.

    Ich halte mich in alle Richtungen offen.

    Und, almabu, ich möchte auch nicht auf linke oder rechte Verschwörungstheorien reinfallen. WIR neigen schon auch immer wieder mal zur Einseitigkeit und zur propagandistischen Haltung. Der Gefahr bin ich mir bewusst; ich muss mich da immer wieder beim Zügel nehmen. Man darf sich selber nicht trauen. Jedenfalls nicht ganz und gar. Leidenschaft macht blind.

    Etwas fällt mir noch auf:
    Es gibt inzwischen mindestens 100 Bücher, die den Fall NSU staatskritisch, staatsskeptisch aufgreifen. Das beste: Aust/Laabs.
    Es gibt aber, soweit ich sehe, bisher kein einziges, das den Fall NSU einmal von Staatsseite her beschreibt und bewertet. Kein einziges. – Die trauen sich nicht.
    Es geht ihnen wie einem Angeklagten, der weiß, dass er keine guten Argumente hat, und der darum nur mauert. Er sagt so wenig wie möglich, und wenn er was sagt, nur gezwungenermaßen zu einzelnen Punkten, und nur ganz defensiv nach dem Motto: Alles falsch! Du kannst mir nix beweisen! Und er tut so, als sei er die Unschuld selber, so dass es eigentlich gar nicht in Frage käme, dass er was angestellt haben könnte.

  3. Die ganze Sache stinkt zum Himmel! Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein um den Gestank zu riechen…

    Eine Strategie der Behörden, die auf der Kooperation einer Beate Zschäpe basiert, wäre aber verdammt riskant und gefährlich für den Staat.
    Dann stünde er wohl wirklich mit dem Rücken zur Wand?

    Ich bin kein Hellseher, aber ich befürchte daß nach einem jahrelangen Prozess, mit einer anschließenden möglichen Revision, das Interesse der Öffentlichkeit so weit nachgelassen hat, dass diese Öffentlichkeit kontrollierbar erscheint für den Staat?

    Aber eine lebende Beate Zschäpe wäre eine latente Gefahr für den Staat. Sollte sie sich also auch “aus Liebeskummer verbrennen”, dann wäre ich nicht extrem überrascht!

  4. Selbstmord. Erhängen in der Zelle oder so. Ich muss zugeben, dass ich mir dann auch nicht sicher wäre, ob es nicht doch wirklich Selbstmord war. Was will die Frau denn noch auf der Welt? Nun ja, vielleicht hofft sie, für künftige Neonazis zur Galionsfigur zu werden. Das könnte mit einem “Mord” an ihr funktionieren, aber auch ohne.

    Einmal angenommen, unsere Spekulation stimmt und der Staat und Zschäpe haben ein Abkommen, nämlich das, dass sie eisern schweigt – was hat der Staat Zschäpe dafür geboten? – Dass sie leben darf? Dass sie relativ angenehme Verhältnisse in ihrer Haftzeit bekommt?

    Das Interesse der Öffentlichkeit wird nachlassen. Es ist aber jetzt noch erstaunlich hoch. Glücklicherweise kommt immer wieder was Neues raus. Jetzt die Sache mit Heilig. Warten wir auf die nächste Neuigkeit.

    Aber in ein paar Jahren wird’s aus sein mit dem Interesse. Dann wird wohl mal einige Zeit Ruhe sein. Aber irgendwann ergibt sich für irgendjemand, der verwickelt ist und mehr weiß, die Situation, dass er “spricht”. Vorausgesetzt, wir haben bis dahin nicht ganz andere Sorgen (ökonomisch-soziale Katastrophe, Kriegsgefahr und dergleichen), dann könnte das Interesse neu erwachen und vielleicht wirklich was rauskommen, was jetzt noch verborgen werden kann. Schade, dass ich es nicht mehr erleben werde.

  5. Leo, nicht so trübe Gedanken! So produktiv wie du hier schreibst, wirst du bestimmt hundert Jahre alt, mindestens!

  6. Das Gericht muss ihr ihre Tatbeteiligung nachweisen. Vermutungen reichen da nicht. Die Frage ist, ob sie mit den Uwes ein Terror-Trio bildete, oder ob sie einfach so ein mehr oder weniger informiertes ideologisches Anhängsel der Uwes war? Ein Deal wäre doch, wenn sie eine mittlere Strafe von 5-6 Jahren bekäme, die mit der U-Haft verrechnet würde, dann wäre sie in absehbarer Zeit wieder frei. Eine Verhöhnung der Opfer zwar, aber durchaus nicht unmöglich, oder?

  7. Ich gehe davon aus, dass ihre volle Beteiligung bereits erwiesen ist und dass sie dafür lebenslang (na ja, = 15 Jahre) bekommt.

  8. conring meint:

    @ Leo Brux
    “Es gibt aber, soweit ich sehe, bisher kein einziges, das den Fall NSU einmal von Staatsseite her beschreibt und bewertet. Kein einziges. – Die trauen sich nicht.”
    Liegt wahrscheinlich eher daran, dass der hiesige Staat über keine offiziösen Medien verfügt. Sowas wie die “Prawda” hat die BRD-Regierung nicht. Und sie verfügt auch nicht mehr über den Bismarckschen Reptilienfond.

  9. Was hindert ein Mitglied eines der Unterausschüsse (oder mehrere, vielleicht ein Team), einmal ein rasantes Widerlegungsbuch zu verfassen, eines, das uns plausibel macht, dass tatsächlich (wie immer und immer wieder behauptet) KEINERLEI ANHALTSPUNKTE für eine Verwicklung staatlicher Stellen in die NSU-Morde gegeben sind?

    So ein Buch kann keiner schreiben. Es ist einfach zu offensichtlich, dass es diese Anhaltspunkte (Indizien) gibt; keine Beweise, natürlich, aber so klare und deutliche und zahlreiche Indizien, dass auch die staatstreuen und abwiegelden Ausschussmitglieder WISSEN: Die Sache stinkt gewaltig, und natürlichen hatte irgendwie der Verfassungsschutz und eventuell auch die Staatsanwaltschaft und die Polizei und die Innenministerien ihre Finger drin – sie waren jedenfalls nicht so ahnungslos, wie sie es uns weismachen wollen.

    Der Fall Heilig nimmt inzwischen eine Dimension an, die der des Falles Temme gleichkommt. Siehe meinen Nachtrag! (Almabu hat mir den passenden Link verschafft. Danke dafür.)

  10. NSU: Nur tote Zeugen sind gute Zeugen.
    Eine Ex-Freundin von Florian Heilig ist gestern auch unter mysteriösen Umständen gestorben.
    Sie hatte als Zeugin im NSU-Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags ausgesagt.

    http://www.tagesspiegel.de/politik/mysterioeser-todesfall-im-fall-nsu-zeugin-im-stuttgarter-nsu-untersuchungsausschuss-tot/11573390.html

  11. Korbinian meint:

    Und das nächste der kleinen Jägerlein hat’s erwischt. Das ist wirklich ein ekelhafter Sumpf der dort am Gären ist, man glaubt es kaum.

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-03/nsu-zeugin-tot

  12. Kriminell und widerlich zugleich, die beschwichtigenden, relativierenden, verharmlosenden Reaktionen aus verschiedenen Ecken unseres Staates und der Politik: http://www.focus.de/politik/deutschland/sie-war-erst-20-zeugin-im-nsu-ausschuss-stirbt-ploetzlich-steckt-mehr-dahinter_id_4578535.html

  13. Korbinian meint:

    @almabu

    Das sind natürlich alles Zufälle, das sagt auch der weise Herr Drexler, das muss dann auch stimmen.

  14. Korbinian meint:

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article138914383/NSU-Zeugin-starb-an-den-Folgen-einer-Lungenembolie.html

    Ich habe auch schon OPs hinter mir gehabt und was ich dort alles an Thrombosespritzen mir reinpfeifen konnte dass war außerordentlich.
    Aber hier ist es natürlich vollkommen logisch, LOL.
    Genauso wie wenn man den Verlautbarungen glauben darf dass im Germanwings-Cockpit ein psychisch und physisch total angeschlagener Mensch Dienst tat und die Katastrophe natürlich ganz allein zu verantworten hat.

  15. “Genauso wie wenn man den Verlautbarungen glauben darf dass im Germanwings-Cockpit ein psychisch und physisch total angeschlagener Mensch Dienst tat und die Katastrophe natürlich ganz allein zu verantworten hat.”

    Die Piloten müssen ab sofort Windeln tragen und der Gang auf’s Klo wird ihnen, speziell bei Kurzstreckenflügen, auf das Schärfste untersagt?

  16. Korbinian meint:

    @almabu

    Nö, aber ins Cockpit muss z.B. ein erfahrener Flugbegleiter wenn einer der Piloten mal rausgeht. Es muss gelten: Immer Anwesenheitspflicht von zwei Personen

  17. Korbinian meint:

    Liest hier ein Mediziner mit? Wie kann man denn schnell und unauffällig ein Blutgerinnsel in der Lunge erzeugen. Diese Unfallnummer mit den Schürfwunden ist doch hanebüchen. Das Mädel stand unter Beobachtung und der Unfall war eine prima Gelegenheit um an ihren Körper heranzukommen.

  18. Ja, wass soll man nun DAVON halten?
    Schon wieder, schon wieder, schon wieder … ein Zufall.

    Mit der Germanwings-Katastrophe würde ich das aber nicht in Zusammenhang bringen. Das ist eine ganz andere Geschichte.

    Ich neige übrigens zur Leichtgläubigkeit. Mein erster Reflex ist nicht, dass es Schwindel ist, was uns (im Fall Heilig und jetzt im Fall früherer Freundin/Zeugin) vorgesetzt wird. Mein erster Reflex ist: Es könnte schon so sein, und es ist doch eher unwahrscheinlich, dass man hier ein Betrugs- und Täuschungsmanöver vor sich hat, und davor noch einen staatlich geplanten oder gewollten Mord.

    Mein erster Reflex ist: Ich möchte es nicht glauben, dass es bei uns so kriminell zugeht.

    Ich verkrafte also mindestens zwei verblüffende Zufälle, ohne allzu misstrauisch zu werden oder gar ein Bedürfnis nach einer Verschwörungstheorie zu entwickeln.

    Aber irgendwann reicht’s. Bei mir hat’s bei der Kombination
    (1) Untergetauchte nicht ernsthaft verfolgt –
    (2) Massives Schreddern von Akten kurz nach Entdeckung im Nov. 2011 –
    (3) Fall Temme, Kassel
    gereicht.
    Jetzt kommen noch drei überraschende Tode hinzu: ein wichtiger V-Mann (wie hieß er noch?), Florian Heilig, seine Exfreundin. = Unglückliche Zufälle 4 bis 6.
    Rechnen wir noch dazu, dass man seit dem Beginn der Mordserie des NSU permanent und penetrant die Aufmerksamkeit weggelenkt hat von möglichen rechtsradikalen Hintergründen (7).
    Auch der Showdown in Eisenach 2011 erscheint in mehreren Einzelheiten dubios, ebenso das Drumherum an diesem Tag (8 + 9).

    Aber nein, es gibt nach wie vor KEINERLEI Anhaltspunkte, dass hier der Staat irgendwie seine Finger in der Sache drin hat. Für unsere Staatsfreunde kommt es überhaupt nicht in Frage, dass man irgend welche Zweifel am Staat haben könnte, die über Pleiten, Pech und Pannen hinausgehen.

    Polizei und Staatsanwaltschaft betreiben das Gegenteil von dem, was ihre Aufgabe ist: Sie arbeiten allein für die Verteidigung, die Verteidigung des Staates. Sie suchen nicht das Verbrechen, sie sind nur an der Entlastung interessiert. Der Verdächtige (der Staat) ist für sie nicht verdächtig, weil sie ihm (dem Staat) ja angehören.

    Es kann natürlich trotzdem sein, dass sich die Sache beim letzten Todesfall so zugetragen hat, wie es die Presse meldet.
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/ermittlungen-zur-todesursache-zeugin-des-nsu-ausschusses-erlag-lungenembolie-1.2416234

    Man muss schon mit der Unsicherheit leben können, wenn man rational bleiben will.
    Das gilt aber für beide Seiten. Das gilt für mich, den Zweifler am Staat (seit november 2011), das gilt für die, die nicht zweifeln wollen am Staat – sie müssen sich genauso wie ich sagen: Wir wissen es nicht.

    Und niemand kann den Staat dazu zwingen, ein Staatsverbrechen aufzuklären, wenn der Staat das nicht will. Denn für die Aufklärung von Verbrechen – auch Staatsverbrechen – braucht man den Staat: Polizei, Verfassungsschutz, Justiz.

    Der Staat schützt sich aber vor Aufklärung, vor allem dann, wenn sein Verbrechen zu groß ist und auch der Schaden durch Aufklärung damit zu groß würde.

    Und ist nicht auch das deutsche Volk ein bisschen Komplize in der ganzen Angelegenheit, also bezüglich der NSU-Morde und bezüglich der Nicht-Aufklärung der Staatsbeteiligung danach?

  19. Korbinian meint:

    Der V-Mann hieß Corelli, der hatte eine letale Blitzdiabetis oder so etwas in der Art.

  20. Ich habe dem Artikel einen weiteren hochinteressanten Nachtrag angefügt.

    Die Zeugenaussage des – von der Polizei ignorierten, nicht befragten – Fahrlehrers ist brisant. Er hat definitiv einen zweiten Mann beim Auto beobachtet, kurz bevor es abgebrannt ist.

    Wie kommt es, dass die Polizei diesen Zeugen nicht befragen wollte?

  21. katermikesch meint:

    Lieber Herr Brux!

    Ich finde diesen Artikel lesenswert:

    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.wolfgang-schorlau-ueber-den-nsu-die-zweite-geschichte.b051f368-4f34-44bb-a6aa-5b3881e758f9.html

    Und dieser Blogeintrag:
    https://juergenpohl.wordpress.com/2013/08/07/nsu-ungeklart-und-unbeachtet-die-mordvernehmung-vor-dem-mord/
    findet der genügend Beachtung?

    Herzliche Grüße und Anerkennung für Ihren interssanten Blog

  22. katermikesch meint:

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