Deutschland braucht langfristig eine halbe Million Netto-Zuwanderung pro Jahr

migrationsagt die Bertelsmannstiftung.

Nur wenn langfristig durchschnittlich 533.000 mehr Menschen zu- als abwandern, lasse sich die Lücke füllen, die durch das Ausscheiden der in den 1950er und 1960er Jahren geborenen sogenannten Babyboomer aus dem Beruf entstehe, haben Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie der Hochschule in Coburg im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ermittelt.

Eine Netto-Zuwanderung von 470.000 Menschen wie im vorigen Jahr würde in den kommenden zehn Jahren zwar ausreichen, um die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland konstant zu halten, errechneten die Experten.

Doch dann steige der Bedarf an Einwanderern, weil die Generation der Babyboomer ins Rentenalter komme.

Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass sich das für 2013 errechnete Rekordhoch mit 300.000 Zuwanderern aus anderen EU-Staaten wegen des Bevölkerungsrückgangs dort nicht fortschreiben lasse.

Auch werde nach einer wirtschaftlichen Erholung in diesen Ländern der Anreiz zur Auswanderung sinken.

Bis 2050 kämen im Schnitt nur noch bis zu 70.000 Einwanderer pro Jahr aus EU-Staaten. Deshalb würden – je nach Szenario – zwischen 276.000 bis 491.000 Einwanderer aus anderen Ländern benötigt.

ZEIT

Die Konsequenz: Ein neues Einwanderungsgesetz soll Deutschlands Attraktivität für Einwanderer erhöhen, für ausländische Fachkräfte vor allem. Dazu gehören u. a. auch großzügige Möglichkeiten der Sprachförderung, gesellschaftliche Gleichstellung, Schutz vor Diskriminierung.

Die Autoren geben aber auch zu, dass der tatsächliche Bedarf an Arbeitskräften schwer vorauszusagen sei. (Und wie werden Deutschland und Europa in 10, 20 Jahren aussehen – angesichts der Finanz- und Strukturkrise und angesichts der Entwicklung in Russland?)

Andererseits würden ohne kontinuierlich starke Einwanderung die Staatshaushalte und die sozialen Sicherungssysteme vor unlösbare Probleme gestellt werden.

Und noch mal andererseits: Einwanderung ist immer auch Auswanderung – und die belastet ärmere Länder, denn es wandern dort eher die jungen Leute mit Bildung und Ausbildung aus und bei uns ein.

Wie gestaltet man für die Zukunft Migration im globalen Rahmen fair?

Die Diskussion dazu hat noch nicht einmal ernsthaft begonnen.

Die nationale Engsicht ist noch zu groß.

Betrachten wir es statistisch, auf der Basis einer Umfrage (dort Seite 6):

Einwanderung gilt den Bundesbürgern als wichtigstes politisches Problem überhaupt – vor allem sehen das diejenigen so, die gegen weitere Einwanderung sind. (Über ein Drittel wählt Einwanderung als Thema Nummer 1, bei denen, die contra Einwanderung sind, wählen es über 40% als Thema Nummer 1.)

Einwanderung aus Ländern der EU – das wird derzeit noch einigermaßen akzeptiert:

Dabei stehen 50% der Deutschen und 52% der Europäer Einwanderern aus anderen EU-Staaten aufgeschlossen gegenüber.

76% der Deutschen und 72% der Europäer finden es gut, dass jeder EU-Bürger in jedem EU-Land leben kann und 76% der Deutschen und 74% der Europäer halten es ebenfalls eine gute Sache, dass jeder EU-Bürger im Land seiner Wahl arbeiten darf.

Vor allem die nach 1980 geborene Generation unterstützt sowohl die freie Wahl des Lebensmittelpunkts, als auch des Arbeitsplatz stark (jeweils 81% Zustimmung).

Selbst die befragten Deutschen und Europäer, die ein schlechtes Bild von der EU haben, sind mehrheitlich dafür, dass sich EU-Bürger innerhalb der EU überall niederlassen dürfen (DE: 54% bzw. 71%; EU: 51% bzw. 68%).

Nein zur Einwanderung von Personen außerhalb der EU: Dieser

stehen nur 29% der Deutschen und 35% der Europäer positiv gegenüber, während 61% der Deutschen und 57% der Europäer Einwanderung von außerhalb der EU ablehnen.

Eine relative Mehrheit der Deutschen (45%) wie der Europäer (35%) ist dafür, illegale Einwanderung von außerhalb der EU auf EU-Ebene und nationaler Ebene gleichzeitig zu bekämpfen.

Zu dieser Einstellung passt auch die Wahrnehmung einer wachsender Anzahl an Befragten in Deutschland (29%, +8 Pp) die das Gefühl haben, dass es an den Außengrenzen der EU zu wenig Kontrollen gäbe.

Deutsche und Europäer, die nach wie vor eine Erweiterung der EU unterstützen, sehen auch die Einwanderung von Menschen aus Ländern außerhalb der EU positiv (49% bzw. 51%).

Allerdings gehören zu dieser Gruppe in Deutschland nur 24% (+3 Pp) und in Europa 39% (+2 Pp) der Befragten.

Der Wandel

Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten ist diese Einstellung zur Einwanderung geradezu revolutionär offen geworden – auch wenn die Gegner der Einwanderung noch immer stark sind.

Dieses Halb-Halb bei der Einwanderung aus EU-Ländern ist ein großes Zeichen des Wandels in der Einstellung.

Ich vergesse nicht, wie konsequent und heftig man in den 70er, 80er und noch in den 90er Jahren Einwanderung grundsätzlich und mit breiter Mehrheit abgelehnt hat, und wie man darauf gedrängt hat, diejenigen, die schon eingewandert waren, wieder los zu werden. Sie ausdrücklich nicht zu integrieren. (Denn Integration hätte ja geheißen, dass sie bleiben, und das sollten sie nicht. Dafür sollte es keine Anreize geben.)

Dass heute immer noch drei Viertel gegen Einwanderung aus Ländern von außerhalb der EU sind, überrascht mich nur insofern, als es bedeutet, dass immerhin schon ein Viertel es anders, offener sieht.

Wird sich dieser Wandel fortsetzen?

Ich vermute: Ja. Die Wirtschaft wird im Verein mit der Politik und den Medien dafür sorgen, dass sich das Klima für Einwanderung weiter verbessert.

Ein Einwanderungsgesetz könnte dabei helfen.

Diejenigen, die sich ärgern, weil so viele einheimische Arbeitskräfte keine Arbeit finden, und weil die Löhne und Gehälter durch Einwanderung niedrig bleiben, haben durchaus ein Argument auf ihrer Seite; sie sollten die Argumente für Einwanderung aber auch berücksichtigen.

Vor allem sollten sie unser Bildungssystem in Frage stellen, das einen relativ großen Teil des einheimischen Nachwuchses “versagen” lässt.

Etwas anderes ist es mit jenen, die die Einwanderung aus völkischen Gründen ablehnen; die meinen, Deutschland werde überfremdet und verliere sich selbst.

Das ist eine ganz andere Diskussion. Sie hat nicht viel mit rationalen Überlegungen zu tun, ob und in welchem Maße Deutschland Einwanderer in großer Zahl braucht.

Im Moment verschmelzen außerdem noch Fachkräfte-Einwanderung und Flüchtlings-Einwanderung. Bertelsmann (siehe oben) scheint das nicht zu trennen. Es ist auch nicht so leicht zu trennen, da viele Flüchtlinge auch Fachkräfte sind oder zu Fachkräften ausgebildet werden könnten.

Lange werden wir noch drauf warten müssen, bis eine relevante Anzahl der Bundesbürger bereit ist, global sozialstaatlich zu denken. Das wäre die Voraussetzung dafür, die Interessen der Auswanderungsländer zu erkennen und politisch durch Kompensationsleistungen und durch Strukturveränderungen zu berücksichtigen.

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Auch unsere glorreichen Zeitarbeitsvermittler sind heiß auf billiges Frischfleisch:
    http://www.zeit.de/2015/15/asylbewerber-zeitarbeit-fluechtlinge-arbeitsverbot

    Da muss doch was zu machen sein. Vielleicht bringen die noch Geld aus ihren Herkunftsländern vor lauter Vorfreude mit hier arbeiten zu dürfen.

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