Die unsichtbaren Polen

integrationUnsere mit Abstand größte Einwanderergruppe sind – die Polen.

2013 zum Beispiel waren es – per Saldo – 72.000 Einwanderer.

(190.000 rein, fast 110.000 wieder raus – viele auf Zeit hier arbeitende Personen sind darunter, Saisonarbeiter zum Beispiel).

Als Ausländergruppe liegen sie insgesamt auf Platz zwei mit 610.000 Personen (nach den Türken, vor den Italienern, Griechen, Rumänen, Kroaten …) (Statistik-Artikel)

Dazu kommt noch die mir unbekannte Zahl der Polnisch-Stämmigen mit deutschem Pass bzw. Doppelpass. Diese Zahl ist beträchtlich und liegt wohl bei über einer Million. Es könnten also gut und gern 2 Millionen oder noch mehr Menschen in Deutschland leben, die direkt oder in zweiter Generation aus Polen stammen. (Angaben bei Wikipedia)

In München sollen etwa 60.000 Einwohner polnischer Abstammung leben. (In Berlin 180.000.)

In der taz schreibt Emilia Smechowski über sich und einige andere, um zu erklären, warum Polen unter uns kaum auffallen:

Meine Eltern, meine Schwester und ich – wir sind 1988 aus dem sozialistischen Polen geflohen. Wir galten als Aussiedler. Kaum waren wir in Westberlin, kaum hatten wir einen deutschen Pass bekommen, machten wir uns als Polen unsichtbar.

Ein Phänomen, das es nicht nur in meiner Familie gibt. Je älter ich wurde, desto mehr „unsichtbare Polen“ traf ich. Unsere Biografien ähneln sich auf erschreckende Weise. Ach, deine Eltern haben dir auch verboten, auf der Straße polnisch zu sprechen? Wie, deine Mutter hat auch die Stirn gerunzelt, wenn du nicht nur Einsen in der Schule hattest?

Alexandra Tobor hat über ihr Ankommen in Deutschland ein Buch geschrieben, es heißt „Sitzen vier Polen im Auto“. Sie sagt: „Als wir in Deutschland angekommen waren, und ich sah, wie hier alle leben, habe ich angefangen, Polnisch zu hassen. Mit einem Hass, zu dem nur Kinder fähig sind. Ich habe beschlossen, es zu verlernen. Und ich habe es verlernt. Fürs Deutsche.“

So wurden wir Polen zu Supermigranten. Zu Vorzeigebeispielen, die keiner wahrnimmt.

Zum einen lag das daran, dass die meisten Polen, die in den achtziger Jahren nach Deutschland kamen, auf keinen Fall wieder zurück wollten. „Sie hatten einen festen Entschluss gefasst“, sagt der polnische Historiker Robert Traba. „Im Gegensatz zu den meisten Flüchtlingen, die davon träumen, irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren, wollten die Polen, die dem Sozialismus entflohen waren, auf keinen Fall zurück.“ … …

Katharina Blumberg-Stankiewicz kam wie ich als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland. Heute promoviert sie als Politikwissenschaftlerin über die unsichtbaren Polen. Sie sagt: „Diese Strebermigration war ja irgendwie auch von Deutschland gewollt. Die Polen wurden zu Deutschen gemacht und sollten nicht weiter auffallen.“  … …

Katharina Blumberg-Stankiewicz sagt: „Es ist verständlich, dass unsere Eltern so reagiert haben. Aber man sieht, wie wir als zweite Generation darauf reagieren. Wir straucheln. Und holen uns irgendwann das Polnische zurück.“

Machen es die Einwanderer aus der Türkei besser? Sie haben zumindest das Stadtbild vieler deutscher Städte entscheidend geprägt. Piroggen-Buden gibt es dafür so gut wie keine. Sogar die Vietnamesen, die ebenfalls als top-integriert gelten, sind sichtbarer. Allein, weil man ihnen die Herkunft ansieht.

Um mich zu de-assimilieren, fahre ich nach Polen. Nach Danzig, Breslau, Warschau. Ich sehe Hipster und Hochhäuser und kaum einen Unterschied! … …

„My Slowianie“, wir Slawen, heißt der Song des polnisches Rappers Donatan. Im Video rühren Frauen in Trachten lasziv in Butterfässern und singen: „Wir Slawinnen haben das, was kein anderer hat. Wodka ist besser als Whiskey und Gin. Das, was unseres ist, ist das Beste, weil es unseres ist.“ Man weiß nicht, ob das gute Ironie ist oder doch ein Softporno. Aber vor zwanzig Jahren wäre so ein Song beim ESC undenkbar gewesen. Mittlerweile hat er auf Youtube 55 Millionen Klicks. Kaum ein polnisches Lied ist im Netz bekannter geworden.

Mein Heimatland hat sich verändert. Wie kein anderes aus dem ehemaligen Ostblock hat es den Systemwechsel geschafft. Polen wird heute bewundert, nicht belächelt. Die jungen Leute dort kennen den polnischen Minderwertigkeitskomplex gar nicht! Die gehen ins Ausland und sind polnisch und stolz drauf.

Das alles gilt vor allem für eine frühere Generation. Gilt es auch für die, die jetzt in relativ großer Zahl kommen?

Ich selber habe nur Erfahrungen mit polnischen Frauen – in meinen Deutschkursen sitzen immer ein oder zwei. (Lernen ihre Männer kein Deutsch?)

Sie kommen alle mit guter Vorbildung, lernen fleißig und diszipliniert, haben keine Probleme bei der B1-Prüfung.

Familie bedeutet ihnen sehr viel mehr als – durchschnittlich – den Deutschen. Auch Religion. Das scheinen mir die zwei auffälligsten Unterschiede zu sein.

Es wäre interessant zu erfahren, wie es den Deutsch-Polen in Ostdeutschland und vor allem entlang der Grenze geht. Dort sind sie die Hauptgruppe der “Fremden” und dürften insofern eher auffallen.

Dass man wenig von den Polen in Deutschland hört, kann ein positives Zeichen sein: Es gibt eben wenig Probleme. Es kann auch ein Zeichen dafür sein, dass Probleme im Verborgenen bleiben.

Anmerkung:

Viva Polonia war mein erster Artikel über die Polen in Deutschland.  2009. Nur zwei weitere sind gefolgt.

Kommentare

  1. Ich glaube mich daran zu erinnern, vor Jahren irgendwo gelesen zu haben, dass auch unsere Bundeskanzlerin väterlicherseits polnische Wurzeln in dritter Generation (Opa) hat? Das wäre doch mal Integration, oder..?

  2. Wenn man die Zahl der aktuell als EU-Bürger ins UK eingewanderten Polen mit derjenigen der bereits nach dem Zweiten Weltkrieg nach England emigrierten Polen addiert, dann dürfte dies weit über eine Million Menschen ergeben? Polnisch ist nach Englisch und Walisisch (Wales) noch vor Indisch die am dritthäufigsten gesprochene Sprache im UK. Auch in ganz Westeuropa gibt es große Gruppen polnischer Migranten.

  3. „..A survey carried out by British Future last December on attitudes to Polish migrants in the UK found that 55% of those questioned agreed Poles “work hard for a living”; 54% said they “make a contribution to Britain”; and 57% said they “don’t cause trouble in my community”. Only one question, on whether Poles made sufficient effort to integrate, got a negative response, with 35% saying they did against 40% disagreeing. “There is an anxiety among the public about how we handle immigration generally, but most people’s immediate experience is OK,” says Katwala..“(GUARDIAN)

    Die (meist älteren) UKIP-Wähler sehen dies natürlich vollkommen anders…

    http://www.theguardian.com/uk-news/2014/apr/26/polish-immigration-britain-cities-elections

  4. Korbinian meint:

    @almabu

    Über ein paar Ecken hat mehr als die Hälfte der Deutschen irgendwo “ausländische” Wurzeln… das ist wohl spätestens seit dem dreißigjährigen Krieg so.

  5. @KORBINIAN:
    Ich finde das prinzipiell gut! An anderer Stelle habe ich geschrieben, dass der Mensch im Prinzip ein Nomade ist, der seinem Glück (Nahrung, Job, Frieden) hinterher jagt und ich halte dies für den ursprünglichen, natürlichen Zustand. Die Ausgrenzung von Menschen durch von anderen Menschen errichtete Grenzen ist der eigentliche aggressive Akt und nicht deren Überwindung per Boot oder per Kletteraktion…
    Andererseits: Menschen haben Territorien stets nur zeitweilig besetzt. Betrachtet man Zeiträume die lange genug dauern, dann wird es unmöglich zu sagen, “WEM” ein Territorium eigentlich gehört, denn fast alle haben schon mal fast überall gewohnt und sehr oft auch Spuren hinterlassen.

  6. Korbinian meint:

    @almabu

    Außer den Friesen, die behaupten von sich dass sie der einzige germanische Stamm sind der nicht gewandert ist ;)

  7. Genetische Untersuchungen im UK ergaben, dass die Nordsee-Anrainer alle auf das Engste miteinander verwandt sind. Das bedeutet, dass auch Friesen gewandert sein müssen;-)

  8. Korbinian,
    wahrscheinlich müsste man gar nicht bis zum 30jährigen Krieg zurückgehen, um bei mehr als der Hälfte aller “Urdeutschen” oder “Ethnodeutschen” eine fremd-ethnische Person unter den Vorfahren zu entdecken. Slaven dürften besonders häufig darunter zu finden sein.
    Bei mir allerdings (leider) hat sich so eine Person nicht gefunden. Aber auch in meinem Fall sind die Abstammungsdokumente nicht vollzählig.

    Was die Friesen angeht: Seit der Römerzeit sind sie nicht oder kaum gewandert, waren sie also relativ ortsfest. Aber was war davor? Es könnte sein, dass sie eine Mischung aus nicht-germanischen Einheimischen und diversen germanischen Zuwanderern zum Stamm und Volk der Friesen geworden sind.

    Bei der germanischen Durchdringung Englands waren sie auf jeden Fall dabei, zunächst als Soldaten der Römer, dann bei räuberischen Ausflügen über die Nordsee, schließlich bei der Landnahme. Haben dabei aber keine Hauptrolle gespielt.

  9. conring meint:

    “Bei der germanischen Durchdringung Englands waren sie auf jeden Fall dabei, zunächst als Soldaten der Römer,”
    Die Friesen waren das ganze Mittelalter ziemlich mobil, da sie als Seehändler und Piraten aktiv waren. Friesen waren auch an Kreuzzügen und der Reconquista beteiligt.
    Slawen findet man auch recht zahlreich in norddeutschen Städten dieser zeit. man hat eben Handel miteinader getrieben. Deutsche wiederum findet man zahlreich im spätmittelalterlichen und frühneuzeitliche Italien. die waren da als Söldner, Handwerker und Arbeiter aktiv. Die meisten römsichen Bäcker waren bis ins 18. Jahrhundert Deutsche.

  10. conring meint:

    “Dass man wenig von den Polen in Deutschland hört, kann ein positives Zeichen sein: Es gibt eben wenig Probleme. Es kann auch ein Zeichen dafür sein, dass Probleme im Verborgenen bleiben.”
    Die alte Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.
    Polen scheinen eben recht kompatibel zu den hiesigen Germanen zu sein. Die polnischen Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet sind auch ziemlich schnell assimilert worden.

  11. Bismarck hat damals noch kräftig versucht das Polentum zu unterdrücken, auch weil “viele inkompatible” Juden darunter gewesen sein sollen.

  12. @CONRING:
    “..Die polnischen Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet sind auch ziemlich schnell assimilert worden..”

    Meinen Sie jetzt die aktuellen, oder die vor drei, vier Generationen für den Bergbau geholten? Es kamen damals nicht nur Polen, sondern z.B. auch Franzosen aus Lothringen. Alles gute Westfalen heute ;-)

  13. Jakobiner meint:

    Scheinen die Polen unsichtbar, erscheinen einem Diskobetreiber in Ingolstadt neuzugekommene Flüchtlinge sehr sichtbar und er quittiert dies mit einem Diskoverbot. Zwar sollte man keine Pauschalisierungen dulden und Verbote nur gegen Leute aussprechen, die sich auch danebenbenehmen, aber der Fall zeigt, dass es vorprogrammierte Probleme mit den Flüchtlingen gibt, vor allem aufgrund deren Interessse eine gute deutsche Partie zu machen, die ihnen das Aufenthaltsrecht ermöglicht:

    http://www.sueddeutsche.de/bayern/ingolstadt-diskothek-sperrt-fluechtlinge-aus-1.2464203

  14. Michael Clemens [...] forscht am Center for Global Development als Senior Fellow schon seit Jahren über Migration, und er ist dabei zu ziemlich überraschenden Schlüssen gekommen. Dazu gehört seine These, dass Einwanderungsbeschränkungen eins der wichtigsten Hindernisse für das Ziel sind, die globale Armut abzuschaffen. Seine Berechnungen scheinen zu belegen, dass Bewegungsfreiheit über internationale Grenzen das Bruttoinlandsprodukt der Welt verdoppeln könnte.
    http://www.vice.com/de/read/wir-haben-einen-experten-gefragt-was-passieren-wuerde-wenn-die-eu-ihre-grenzen-oeffnet-998

  15. Wenn es überhaupt einmal etwas Positives gegeben haben sollte, das man der AMRO RKK unterstellen kann, dann hier: Sie hat sich in erheblichem Umfang für die Polen und deren Integration eingesetzt.

    Da bin ich ganz objektiv.

  16. nelmuri meint:

    Dass man wenig von dieser Gruppe an Zuwanderern hört, halte ich für ein sehr positives Zeichen. Ich habe ein kleines Technologieunternehmen und beschäftige neben deutschen Mitarbeitern und Azubis auch einen Mitarbeiter aus Indien, zwei aus der Slowakei und drei Kollegen aus Polen. (Habe damit einen Ausländeranteil von fast 50%). Alle Mitarbeiter kamen ohne Deutschkenntnisse zu uns (allerding auf gegenseitgen Empfehlungen) und waren binnen eines Jahres so weit, alleine mit Kunden zu kommunizieren. – Vielleicht sollten Sie auch mal Deutschkurse am Abend übernehmen :-)
    Dass Spachkenntnisse unbedingt nötig sind sehe ich stets wenn wir Wohnungen mit unseren Mitarbeiter suchen. Ohne Deutschkenntnisse ist das so gut wie unmöglich.

    Eine tiefere Gläubigkeit meiner Kollegen aus Osteuropa kann ich absolut nicht bestätigen. Drei von ihnen haben Nachwuchs und sind entweder gar nicht oder nur standesamtlich verheiratet.

    Ich kenne aus dem beruflichen Umfeld (Ingenieure und Handwerk) sehr viele Menschen aus Polen (auch aus Tschechien und der Slowakei) und habe nur gute Erfahrungen gemacht. (Nach etlichen Jahren ergeben sich auch private Kontakte) Es sind zuverlässige und fleißige Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten. Alles in allem sind sie sehr “deutsch” oder wir Deutschen sehr “polnisch”? Will sagen, die Mentalität ist meiner Erfahrung nach sehr ähnlich. Keine dieser Gruppen schämt sich heute ihrer Herkunft. Ich habe eher den Eindruck, dass diese Menschen stolz darauf sind was in ihren Ländern seit dem Fall des Eisernen Vorhangs erreicht wurde.

    Diesen positiven Erfahrungen mit der einen Gruppe von Zuwanderern stehen jedoch auch einige Negative mit anderen Zuwanderergruppen gegenüber.

  17. Vermutlich keine Polen sind auf dem Foto zu diesem Artikel zu sehen, der in England für Wirbel sorgte?

    Bei einer Wahlveranstaltung von Labour in Birmingham sassen Männer und Frauen angeblich zufällig und freiwillig getrennt, wie ganz früher in der katholischen Messe in meiner süddeutschen Kleinstadt…

    http://www.dailymail.co.uk/news/article-3068429/Labour-sexism-row-men-women-segregated-party-rally-critics-accuse-selling-values-votes.html

    Eine Empfehlung für Labour war das jedenfalls nicht!

  18. conring meint:

    @ Almabu
    “Eine Empfehlung für Labour war das jedenfalls nicht!”
    Ziel des Events war es doch Labour-Wähler unter den Birminghamer MuslimInnen zu gewinnen. Dieser Wählergruppe hat sich Labour durch die kultursensible Sitzanordnung sicher empfohlen.

    Polen sind auch früher in England ziemlich rasch unsichtbar geworden. Ein Beispiel ist der englische Schriftsteller Joseph Conrad (eigentlich Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski).

  19. Korbinian meint:

    @conring

    Das war nur reiner Zufall, eine Islamisierung findet nicht statt, weitergehen, weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.
    Ich empfinde es aber als eine Frechheit dass man hier noch die Gesichter der Frauen erkennt
    http://i.dailymail.co.uk/i/pix/2015/05/05/10/28543A1500000578-3068429-image-a-9_1430816670491.jpg
    und der rote Teppich dazwischen könnte auch etwas breiter sein nicht dass die Herren noch Witterung vom Weibsvolk da rechts aufnehmen.

  20. conring meint:

    @ Korbinian
    Dass die linken Multikulti-EnthusiastInnen in angelsächsischen Ländern noch etwas seltsamer ticken als in “Old Europe” ist doch nichts neues. Konnte man zuletzt in der Debatte um Charlie Hebdo bestaunen.

    Und Labour ist auf solche Stimmen angewiesen, wenn sie die Wahl gewinnen wollen. Miliband will dann auch verschärft gegen “Islamophobia” vorgehen….
    Wahscheinlich darf dann so ein Bild gar nicht mehr erscheinen.

  21. Die Frage ist doch, ob man so für die westliche Demokratie und Gleichberechtigung wirbt, wenn bei Wahlkampfveranstaltungen nicht klar ist, ob die Zuhörer in Birmingham oder in Afghanistan sitzen?

  22. Korbinian meint:

    @conring

    Labour-Chef Miliband ist übrigens zurückgetreten. Da scheint das Einbinden durch Anbiederung wohl eher nach hinten losgegangen zu sein.

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