4 Millionen Einwohner + 1,2 Million Flüchtlinge: Wie hält der Libanon das aus?

asyl1,2 Millionen Flüchtlinge aus Syrien sind erfasst = 30% der Einwohnerzahl. Wie viele kommen hinzu, die nicht gemeldet sind?

Vergleichen wir es einmal mit Deutschland. Stellen wir uns vor, zu den 82 Millionen Einwohnern flüchten 24 Millionen aus dem nachbarlichen Ausland, sagen wir mal: alle Österreicher, Deutschschweizer und alle Holländer.

In München käme zu den 1,4 Millionen Einwohnern mindestens eine halbe Million hinzu. (Städte müssen proportional mehr aufnehmen.)

Eine Stadt, die jetzt schon etwas ins Schwitzen kommt, weil sie 10.000 Flüchtlinge aufnehmen muss.

Libanon hat noch das zusätzliche Problem, dass es als Land gespalten ist in Christen, Schiiten und Sunniten. Im einen Viertel hängen Bilder von Assad, im andern flattern die Fahnen von AlNusra und des IS.

Wovon leben sie? – Internationale zivile und religiöse Hilfsorganisationen spenden. Ebenso Saudi-Arabien. Viele Flüchtlinge finden Gelegenheitsarbeit (und reduzieren dadurch die Löhne auch der Libanesen). Man konkurriert um die knappen Jobs.

Mit jedem Jahr werden die Spannungen steigen. Der Stress nimmt zu, die Empathie nimmt ab.

Die Libanesen sind mit dem Ausnahmezustand vertraut. Sie leben schon seit Jahrzehnten immer mal wieder längere Zeit darin, wenn man nicht sogar sagen kann: ständig.

Die westlichen Länder und die Ölstaaten lassen den Libanon nicht ganz, aber fast ganz im Stich.

Wie lange wird das noch gut gehen, fragt die ZEIT.

Und fügt dann noch einen Gedanken hinzu, den wir bisher nicht beachten wollen:

Von den 1,2 Millionen registrierten Flüchtlingen im Libanon sind 400.000 zwischen fünf und siebzehn Jahre alt. Zwei Drittel haben seit Jahren kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen.

Wie lange geht das im Libanon noch gut? Vielleicht zwei, vielleicht drei, fünf oder zehn Jahre. Bis die erste Generation der syrischen Kinder erwachsen geworden ist und ohne jede Perspektive dasteht.

Die Frage gilt nicht nur für die Syrer im Libanon; auch für die in der Türkei (2 Millionen) und die in Jordanien (fast 1 Million).

Sie gilt auch für Europa. Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich die Radikalisierung dieser neuen Generation auf den Nahen Osten beschränken wird.

Würde Europa wenigstens die Hälfte dieser Flüchtlinge bei sich aufnehmen, käme das teuer – aber vielleicht auf längere Sicht billiger, als wenn man der Radikalisierung in den Flüchtlingslagern rund um Syrien zuschaut, bis es – mal wieder – zu spät ist.

Ich weiß, es handelt sich um ein noch FERNES Problem. Eins, das nicht aktuell ist. Wo käme man hin, wenn man vorausschauen würde?

 

 

 

Kommentare

  1. conring meint:

    “Eins, das nicht aktuell ist. Wo käme man hin, wenn man vorausschauen würde?”
    Wären hier nicht in erster Linie die regionalen Akteure gefragt?
    Da gibt es die Arabische Liga, die sich diesem Problem annehmen könnte, oder auch die neue, selbsternannte nahöstliche Groß- und Vormacht.

  2. Du hast Recht, Leo! Teile unserer Mitbürger regen sich hier über ein paar tausend, teils nur über ein paar dutzend Flüchtlinge auf. Die Kriege im Irak und in Syrien sind ja nicht so ganz vollkommen ohne jegliche Beteiligung des Westens zu Stande gekommen, oder? Millionen Menschen sind unfreiwillig zu Flüchtlingen geworden und unsere Ordnungsmächte in der EU verprügeln Einzelne die etwas verbotenes tun wollen, in ein anderes Land einreisen…
    Ob da ein paar Dutzend in spanischen Exklaven vom Zaun geprügelt werden, oder wie im folgenden Video im französischen Hafen Calais beim Versuch mittels LKWs auf die Fähre nach England zu kommen, von CRS-Prügelpolizisten zusammengeschlagen werden, das ändert am Problem nicht das Geringste, zeigt nur eine faschistoide Einstellung der Uniformierten! Vermutlich werden wir erleben, dass unter “schröcklichen” Flüchtlingswellen letztlich die Bereitschaft entsteht in Syrien mit der NATO einzumarschieren um dort Frieden zu schaffen, so wie zuvor schon im Irak?

  3. conring,
    man kann sowas eigentlich nur von sich selbst verlangen. In diesem Fall: Wir Deutsche können das von uns Deutschen verlangen.

    Das wär der Unterschied zu denen, die immer alles möglichst auf andere schieben – und sich damit selber paralysieren.

  4. almabu,
    ich glaube nicht, dass in Syrien die NATO einmarschieren wird. Nach den Erfahrungen im Irak dürfte das ausgeschlossen sein.

    Die NATO wünscht sich nicht einmal den Sieg der Dschihadisten – anders als die Saudis und die Türkei.

    Es ist natürlich die Frage, ob eine republikanische Regierung in Washington den Kurs nicht ändern wird. Aber wird man mit den Dschihadisten zusammen Damaskus erobern wollen – um das Land dann eben diesen Dschihadisten zu überlassen – und die 4 oder 5 Millionen neuen Flüchtlinge (Alawiten, Christen und säkulare Sunniten) den Europäern?

    Da die US-Republikaner schlicht verrückt sind, ist ihnen alles zuzutrauen, was Hybris ihnen einflüstern könnte. Aber so weit ist es noch nicht. Auch du, almabu, solltest darauf hoffen, dass keiner von den Verrückten US-Präsident wird. Du findest die NATO so, wie sie jetzt ist, schlimm – aber es gibt Schlimmeres. Genauso, wie es zu Putin Schlimmeres in Russland geben könnte.

  5. conring meint:

    @ Leo Brux
    “Wir Deutsche können das von uns Deutschen verlangen.”
    Natürlich können wir Teutschen jetzt einen groß angelegten Nahost-Friedensplan ventilieren. So lange aber die dortigen MachthaberInnen diesen nicht unterstützen, ist das nur heiße Luft.

  6. conring meint:

    @ Leo Brux et Almabu
    “Es ist natürlich die Frage, ob eine republikanische Regierung in Washington den Kurs nicht ändern wird.”
    Jede amerikanische Regierung hat das Problem, dass die dortige Öffentlichkeit ein erneutes Engagement von amerikanischen Bodentruppen in der Region ablehnt. Um dieses zu ändern, müßte es schon einen größeren, symbolträchtigen IS-Anschlag in den USA geben ( Strengung von Disney-World, Graceland, der Statue of Liberty oder so).
    Die europäischen NATO-Staaten können sowas alleine nicht auf die Beine stellen.

  7. Ein Syrer aus Aleppo erzählte mir kürzlich der Krieg in Syrien dauere jetzt schon fast fünf Jahre und damit länger, als er in unseren Blickwinkel geriet!
    Afghanistan, der Irak, Libyen sind bisher nicht wirklich zu friedlichen Zuständen zurück gekehrt. Auch in Syrien könnten weder Assad noch die diversen Volldemokratischen Oppositions-Terrorgruppen ohne Hilfe von Aussen fast so lange wie der Zweite Weltkrieg durchhalten! Da stecken Russland, die USA, China(?), die Golfstaaten, die Saudis, der Iran und natürlich diverse Europäer wie Frankreich und das UK im Hintergrund mit drin. Millionen Flüchtlinge, eine unbekannte, sechsstellige Zahl von Toten, unvorstellbare Sachschäden und Zerstörung von Weltkulturerbe. Irgendwie scheint es keinen zu stören? Jeder zeigt mit dem Finger auf den Anderen, der auf jeden Fall der Böse ist. Ist das wirklich schon der WW3?

  8. Parviz meint:

    Leo,
    es ist richtig: Die Nachbarländer Syriens haben vielmehr Flüchtlinge aufgenommen und Deutschland kann auf jeden Fall mehr Menschen aufnehmen. Aber wenn man sieht, unter welchen Bedienungen die Syrischen Flüchtlinge leben, fragt man sich, ob diese Menschen auch hierzulande unter ähnlichen Umständen leben müssen. In Libanon, Jordanien,… sind die Leute in den Lagern fast sich alleine überlassen, die Regierungen sind nicht in der Lage, oder auch mit Absicht, diesen Menschen außer Zelte und vielleicht auch das aller nötigste anzubieten. Das hat auch zum größten Teil damit zutun, dass von Außen kaum Hilfe kommt. Was die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland angeht, denke ich, dass sowohl die Politik als auch die Bevölkerung eine andere Vorstellung davon hat, wie die Versorgung von den Flüchtlinge hier statt finden soll. In Deutschland gibt es ein enges soziales Netz, das die Menschen, wenn sie in Not sind, auffangen soll. Dieses Netz ist zur Zeit nicht in der Lage die hiesigen Bedürftigen und dazu die Flüchtlingen aufzufangen und zu versorgen. Ich persönlich bin der Meinung, dass die Flüchtlinge unter Menschenwürdigen Bedienungen leben müssen, wenn sie hier aufgenommen werden. Am sonsten macht es keinen großen Unterschied, ob sie hier in Zelten wohnen und sich selbst überlassen sind, oder in Libanon oder in Jordanien. Deutschland kann uns muss diese menschlichen Bedienungen für Flüchtlinge schaffen.

  9. Es ist natürlich keine Option, Flüchtlinge hier in Deutschland aufzunehmen und sie dann unter den Bedingungen der Zeltlager in der Türkei und im Libanon dahinleben zu lassen!

  10. bambula meint:

    @ Leo Brux

    “man kann sowas eigentlich nur von sich selbst verlangen”

    Leider. Aber wie gehen den ( manch) andere, isl. geprägte Länder
    mit Bootsflüchtlingen um ? Ein aktueller Bericht aus
    Südostasien/Indonesien über überwiegend Angehörige der muslimischen Rohingya, die in ihrer Heimat Myanmar
    verfolgt werden:

    Indonesien schleppt Flüchtlingsboot aufs Meer

    .. rechtfertigte die Aktion, weil die Menschen an Bord nicht wirklich nach Indonesien wollten, wie er behauptete. Die Marine habe sie mit Essen und Trinken versorgt. “Sie sahen nicht so aus, als ob sie in Gefahr wären” sagte der Sprecher, Manahan Simorangkir. Seit Sonntag waren mehr als 1500 teils sehr geschwächte Flüchtlinge in Indonesien und Malaysia an Land gekommen. Sie werden dort als illegale Migranten betrachtet und in Internierungslager gebracht.

    http://www.tagesschau.de/ausland/indonesien-fluechtlinge-101.html

  11. Australien, sonst in vielem ein Vorbild, schleppt seit langem auch Flüchtlingsboote aufs offene Meer zurück. Es soll schon Strände voller angetriebener Leichen von Flüchtlingen gegeben haben?

  12. bambula meint:

    Es gibt neue Vorschläge aus England:

    Britische Ministerin will Flüchtlingsboote zurückschicken,
    ..solle die EU sich vielmehr darum bemühen, “sichere Landeplätze in Nordafrika zu schaffen”, so May. Dafür plädierte sie für ein “aktives Rückführungsprogramm”. Die Einführung verbindlicher Quoten für die EU-Staaten lehnte May ab. Dies werde nur noch “mehr Menschen dazu ermutigen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen”.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-britische-ministerin-will-boote-zurueckschicken-a-1033565.html

    Ich bin mir sicher, das es mittelfristig auf ein solches Konzept
    hinauslaufen wird, denn die Flüchtlingsströme werden weiter
    wachsen. Und der große Teil der EU Bürger wird das dann
    auch verlangen.

  13. Ein Vorschlag kann ich da nicht erkennen, oder will Großbritannien den Aufbau und den Unterhalt der sicheren Landeplätze finanzieren? Das können die gerne machen.

  14. Darüber schreibe ich morgen einen Artikel.

  15. Nach dem UK und vielen Osteuropäern hat nun auch Frankreich die EU-Quotenregelung für Flüchtlinge abgelehnt. Sie dürfte damit tot sein?

  16. Auch Spanien lehnt die ihm von der EU zugedachte Flüchtlingsquote von 9% vehement ab. Das Land sei sowieso als EU-Südgrenze arg belastet und jetzt auch noch das..! So, wer hat sich bisher klar dagegen ausgesprochen?
    Moment mal, also UK, Irland, Dänemark, Frankreich, Italien, Spanien, Polen, die baltischen Staaten, die meisten osteuropäischen Staaten..?
    Da bleibt wohl nicht mehr anderes übrig, als sie zunächst einmal alle nach Deutschland zu holen, wenn man an dieser “Quotensache” festhalten will?

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