Pfaffenhofen in Bayern. Dresden in Sachsen.

islamIn Pfaffenhofen/Ilm, 50 km nördlich von München (Heimatstadt meiner Mutter und Wohnort meiner Eltern ca. 1985 – 2010) hat jetzt auch eine Moschee. Sie wird diesen Samstag eröffnet.

Natürlich hat die Stadt damit auch ihren Moschee-Streit. Rechtspopulistisch Unentwegte kommen zum Protestieren. Die Stadt selbst hält dagegen. Auch Pfaffenhofen ist parteiübergreifend bunt.

Der 3. Bürgermeister Dörfler bescheinigt dem dort unvermeidlichen Stürzenberger einen “Arschquotienten”.  Das führt zur üblichen Art von Widerspruch, wie um die bayerisch-ungenierte Wortwahl des Dörflers zu bestätigen:

In Windeseile gingen in seinem Postfach etwa 40 E-Mails mit übelsten Beleidigungen ein. Manche enthielten sogar Morddrohungen. “Du wirst leiden”, stand in einer. In einer anderen wurde ihm angekündigt, ihn am nächsten Laternenmast aufzuknüpfen. Dass man wisse, wo er wohne, gehörte zum Allgemeingut der Zuschriften.

SZ

Pfaffenhofen war einmal konservativ-katholisch; heute hat die Stadt einen SPD-Bürgermeister … und:

Zwei Jahre hat der Bau der Moschee der türkisch-islamischen Gemeinde gedauert. “Sehr schön, sehr gelungen”, sei das Gebäude, das einmal mehr die Weltoffenheit Pfaffenhofens unterstreiche, wie Dörfler findet. Die oberbayerische Kreisstadt wurde von der Unesco schon als “lebenswerteste Stadt der Welt” ausgezeichnet – zumindest in der Kategorie bis zu 70 000 Einwohnern. “Jeder soll nach seiner Fasson in Bayern glücklich werden können”, sagt Dörfler, 62. Rechtspopulistische Ansichten wie die von Michael Stürzenberger, dem Vorsitzenden von “Die Freiheit”, hätten in Pfaffenhofen nichts verloren.

Zur gleichen Zeit in Dresden:

Pegida ist bescheiden geworden. 2.000 sollen es noch sein, jeden Montag, die gegen die Islamisierung Europas demonstrieren.

Der Pegida-Rest ist einer Studie der TU Dresden zufolge eher rechts orientiert und stark systemverdrossen – nach dem Motto “Die da oben hören uns nicht zu”. Die Studie sagt allerdings auch: Pegida hat weiterhin Mobilisierungspotenzial, käme nur eine begabtere Persönlichkeit als der bisherige Anführer Lutz Bachmann an ihre Spitze.

SZ

Kürzlich gab es Bürgermeister-Neuwahl; die Pegida-Kandidatin hat immerhin knapp 10% erreicht.

Dresden hat aber auch eine der besten TUs Deutschlands – mit entsprechend vielen ausländischen Studenten.

Die fühlen sich in Dresden nicht mehr sicher und wohl.

Eine Reportage von Charlotte Haunhorst berichtet darüber.

Die Pegida-Bewegung ist tot? Vielleicht. Aber in Dresden spürt man noch immer die Nachwehen. Zum Beispiel an der TU: Wissenschaftler aus dem Ausland fühlen sich in der Stadt nicht mehr sicher. Und wollen gehen.

Einmal, als Amaniel Bus fahren wollte, haben ihn andere Fahrgäste am Einsteigen gehindert. Gar nicht unbedingt aggressiv, aber sie haben eben auch keinen Platz für ihn gemacht. Ein anderes Mal hat ihn eine Gruppe Männer verfolgt und angerempelt. “Es haben aber auch immer Leute etwas dagegen gesagt und mir geholfen”, schiebt Amaniel schnell hinterher, und sowieso, vielleicht bilde er sich das auch nur ein. Er versucht, alles, was er erzählt, direkt zu relativieren. Weil er nicht schlecht über die Stadt sprechen möchte, die so lange sein Zuhause war. Aber Dresden ist eben einfach nicht mehr dasselbe für ihn, seit dort Pegida demonstriert.

Wem das egal ist, der sollte sich die Folgen überlegen.

Für den Forschungsstandort Dresden wäre es eine Katastrophe, wenn ausländische Mitarbeiter die Uni verlassen. Die Wissenschaft ist mittlerweile international und eine Uni, die da nicht mitzieht, ist schnell raus aus dem Wettbewerb.

… Siavash beruhigt seine Familie. Er wird Dresden nicht wegen Pegida verlassen, er liebt diese Stadt. Aber er sagt auch: “Wenn ausländische Kollegen mir erzählen, dass sie Deutschland wegen Pegida verlassen wollen, dann habe ich dafür schon Verständnis. Gerade, wenn man hier eine Familie gründen will, überlegt man sich schon zweimal, in was für einer Atmosphäre die Kinder aufwachsen sollen.”

Amaniel zum Beispiel hat Familie und macht sich deshalb Sorgen. Er spricht vor seinen Kindern nicht darüber, aber mit seiner Frau schon. Wie wollen sie weitermachen? Ist es ihnen die tolle Stadt Dresden, mit ihrer exzellenten Forschung und der guten Infrastruktur, wert, täglich darüber nachzudenken, ob ihre Kinder unbehelligt zur Schule gehen können? “Das ist eine große, schwierige Entscheidung”, sagt Amaniel.

Wer will, dass Deutschland mithalten kann bei der internationalen – globalen – Konkurrenz, der wird mithelfen, dass wir mit der globalen Offenheit und ihren Herausforderungen konstruktiv umzugehen lernen.

Dazu gehört – unter anderem – eine Willkommenskultur und Bereitschaft zur Multikulturalität.

(Allerdings auch die soziale, sozialstaatliche Abfederung. Und ein Bildungssystem, das nicht ein Viertel des einheimischen Nachwuchses schulisch verkommen lässt.)

 

Kommentare

  1. Oe-stoppt Asylverfahren... meint:

    Ministerin Mikl-Leitner erhöht den Druck auf die EU: Asyl-Anträge werden nicht mehr bearbeitet. Der Fokus liegt auf Rückführungen und Abschiebungen.

    “Asylexpress Österreich stoppen“

    http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/4753488/MiklLeitner-stoppt-Asylverfahren-ab-sofort

  2. Thügida am heutigen Tage hier in der Nähe und die Reaktion darauf:
    http://schleiz.otz.de/web/schleiz/startseite/detail/-/specific/In-Poessneck-unerwuenscht-Kaum-Zulauf-fuer-die-braune-8222-Thuegida-8220-Tr-1792967735#xtor=RSS-3

    Philipp Gliesing (Linke), der mit der Initiative Pößnecker für Courage den Protest gegen „Thügida“ mit organisiert hatte, rief dazu auf, über solche Aktionstage wie gestern das Willkommen für Flüchtlinge auch im Alltag zu praktizieren. Nicht die Zuwanderung gefährde den sozialen Frieden, sondern der Versuch, Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen, betonte Gliesing. Thüringen brauche nun einmal auch Zuwanderung aus dem Ausland – „aber keine Leute, die Geschichtsbücher nicht lesen können.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*