Calais: Vor dem Tunnel, durch den Tunnel.

asyl

In der ersten Jahreshälfte 2015 entdeckte die Polizei mehr als 18.000 Menschen, die sich in Lkw versteckt hatten, um illegal den Ärmelkanal zu überqueren. 18.000 – das sind im Schnitt 100 pro Tag.

Sie verstecken sich im Radkasten, sie binden sich an der Hinterachse der Anhänger fest oder krabbeln in den Laderaum, verschanzen sich hinter Kartons und Europaletten. Sie zwängen sich in Zementmischer und Kühltanks, sie kauern stundenlang zwischen Schweinebeinen und holländischen Tomaten. Sogar in der Brühe von Chemietanks hat die Polizei schon Flüchtlinge gefunden.

ZEIT

Das Drama bei Calais erinnert uns – erinnert jene, die es gern vergessen: Die globalen Fluchtbewegungen in Richtung Europa werden teurer, intensiver, verzweifelter, gefährlicher (für beide Seiten).

Es ist ein globales Problem, das global angepackt werden muss.

Entweder wir finden einen Weg, den Verzweifelten in Afrika und Asien zu helfen, oder die Flüchtlingszahlen nehmen weiter zu.

Wieso sollen denn Menschen in armen Gegenden bleiben, wenn es auch reiche Gegenden gibt?

Das ist nicht logisch.

Der globale Kapitalismus hat als Regel: Geh dortin, wo es für dich die besseren Verdienst- und Lebensmöglichkeiten gibt!

Wer das macht, handelt rational im Sinne des Kapitalismus.

Es täte uns so passen, hier uns bequem oder unbequem im Wohlstand zu leben, während andernorts das Elend grassiert.

Was wäre die Alternative? – Die totale – auch mörderische – Abschottung.

Auf die bewegen wir uns zu.

Beispiel Calais:

3000 Flüchtlinge leben unter unwürdigen Bedingungen in einer Zeltstadt nahe der nordfranzösischen Stadt. Das Camp nennen alle nur den “Dschungel”. Dessen Bewohner kommen aus Eritrea und Äthiopien, aus dem Sudan und aus Nigeria, aus Afghanistan und aus Syrien. Manche haben ihre Heimat erst vor wenigen Wochen verlassen, andere leben seit Jahren hier.

Und jeder erzählt seine Version derselben Geschichte: In ihrer Heimat erlebten sie Armut und Gewalt, flohen nach Libyen und im Boot über das Mittelmeer, strandeten schließlich in Calais.

Für viele von ihnen soll Calais der letzte Zwischenhalt auf dem Weg zum Ziel ihrer Odyssee sein: Großbritannien.

Jeden Abend bewegen sich Hunderte Bewohner des Dschungels in Richtung Eurotunnel. Drei Stunden dauert der Fußmarsch, ehe ein kilometerlanger Zaun, französische Polizisten und mehrspurige Autobahnen den Flüchtlingen den Weg zum Tunneleingang versperren.

Neun Menschen sind nach offiziellen Angaben seit Anfang Juni ums Leben gekommen. Sie wurden von Lkws überfahren oder fielen von einem der Schnellzüge, die im Stundentakt zwischen Paris und London den Tunnel passieren. Hilfsorganisationen sprechen von zwölf Opfern.

SZ

Der Stadt Calais kommt das teuer:

50 Millionen Euro habe die Flüchtlingskrise die Stadt seit Jahresbeginn gekostet, schätzt Emmanuel Agius, zweiter Bürgermeister von Calais und Mitglied der Republikaner, deren Chef Nicolas Sarkozy heißt.

Die Touristen blieben aus, sagt Agius, reiche Engländer kauften sich keine Sommerresidenzen an der französischen Küste mehr, Firmen trauten sich nicht, in Calais zu investieren.

“Ich will die Flüchtlinge nicht kriminalisieren”, sagt Agius. “Aber Fakt ist: Calais ist heute keine anziehende Stadt mehr. Sie wird jeden Tag weiter nach unten gezogen.”

Agius sieht seine Stadt mit einem Problem alleingelassen, das ganz Europa betreffe – und gemeinsam lösen müsse. Calais ist für ihn eine “Märtyrerstadt”, die die Zeche der anderen zahle.

Für unsere Reichen ist das übrigens kein Problem. Selbst wenn sich das Calais-Syndrom ausbreiten sollte – die Reichen können sich immer hinter die Mauern und Zäune einer “gated community” und in gut abgeschottete Gegenden zurückziehen.

Insofern tun sie sich leicht, wenn sie die Flüchtlinge ganz von der angenehmen Seite aus betrachten: als Menschen, die man gut wirtschaftlich ausbeuten kann und die darüber hinaus die Masse der verfügbaren Arbeitskräfte so vermehrt, dass man die Löhne und Gehälter weiter senken kann.

Dazu kommt, dass die Ausländerfeinde es nicht wagen, die Wirtschaft anzugreifen.

Kommentare

  1. conring meint:

    @ Leo Brux
    “Der globale Kapitalismus hat als Regel: Geh dortin, wo es für dich die besseren Verdienst- und Lebensmöglichkeiten gibt!”
    Migration hat es schon immer in der Menschheitsgeschichte. Mit dem globalen Kapitalismus hat das nichts zu tun. Wenn der Mensch nicht bessere Verdienst- und Lebensmöglichkeit suchen würde, dann würden wir wahrscheinlich noch immer irgendwo in Afrika aufeinanderhocken.
    Im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten geht es auch dieses Thema.

  2. Jakobiner meint:

    Die Flüchtlingswelle über den Eurotunnel wird sich wahrscheinlich auch auf das EU-Referendum Camerons auswirken. Die Stimmen dürften lauter werden, die die Aufhebung der Freizügigkeit für Arbeitskräfte
    innerhalb der EU fordert, wie auch die Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik zunehmen wird. Das dürfte Wasser auf den Mühlen aller Befürworter eines EU-Austritts sein. Die Bilder von Lastwagenkolonnen, die wegen Kontrollmaßnahmen den Eurotunnel verstopfen und Britaniens Wirtschaft abwürgen dürften nicht ohne Wirkung bleiben. Bisher hatte Cameron ja den Eindruck vermittelt, dass GB eine Insel der Glückseeligen ist, die von den Flüchtlingsströmen Europas ausgenommen bleibt. Gut möglich, dass sich dadurch die Abschottungs- und Inselmentalität erst recht verstärkt.

  3. Jakobiner meint:

    “Es ist ein globales Problem, das global angepackt werden muss.”

    Bisher ist es ja vor allem ein Problem Europas. Die USA haben einen Grenzzaun und die Hauptflüchtlingsströme aus Nahost und Afrika ziehen gegen Europa, was den USA und den Asiaten egal ist. Die Asiaten lassen die Flüchtlinge aus Bangladesch und Myanmar gar nicht erst rein und eher ersaufen, als sie aufzunehmen.Und die globale Gemeinschaft mittels UNO ist mit Zahlungen ohnehin hintendran, da die Geberländer die Zahlungen säumig bleiben.Also, überlässt man das der EU und die ist auch zerstritten und begreift dies vor St.Floriansprinzip der Nationalstaaten auch nicht mal als europäische Aufgabe–wie soll das dann als globales Problem wahrgenommen werden?

  4. conring meint:

    Interessant wäre mal zu erfahren, warum die Leute überhaupt umbedingt nach Britannien wollen.
    Frankreich ist doch auch ein Land, dass funktionierende Asylverfahren besitzt und wo man durchaus Asyl bekommen kann.
    Dass die Briten illegale Einwanderung über den Eurotunnel verhindern wollen, ist auch ihr gutes Recht.

  5. Korbinian meint:

    @conring

    La langue francaise est une langue difficile. Pour cette raison les gents vont en la Royaume Unié.

  6. @Korbinian:

    Autsch! :-(

  7. Jakobiner meint:

    ““Es ist ein globales Problem, das global angepackt werden muss.”

    Die britische Regierung und Cameron haben jetzt auch verkündet, die Flüchtlingsfrage sei “ein globales Problem”–fragt sich eben nur, was daraus folgert.Bei Cameron erwarte ich mir da keine “globalen Lösungen”oder gar Bekämpfung der Fluchtursachen, sondern eher eine Verstärkung der Inselmentalität.Bisher fällt GB ja nur dadurch auf, dass es keine Flüchtlinge aufnehmen will, sich um EU-Quoten drückt und die britische Marine ins Mittelmeer geschickt hat, um die Flüchtlinge abzuwehren.

  8. Jakobiner meint:

    Vielleicht meint Cameron mit “globaler Lösung”auch einen NATO-Einsatz gegen Schleuserbanden–zutrauen würde ich es ihm.Er setzt ja vor allem auf militärische und sicherheitspolitische Instrumente.

  9. Korbinian meint:

    @Frank War immerhin ohne Wörterbuch zusammengeschustert. Klingt scheiße, ich weiß. Deswegen muss ich auch durch den Tunnel, gibt keinen in Frankreich.

  10. conring meint:

    @ Korbinain
    Einigen Flüchtenden scheint es mittlerweile in Calais, trotz Unkenntnis der dortigen lingua franca, recht gut zu gefallen. Die Leute versuchen sich sogar als Kleinkapitalisten und ein paar Mutige haben schon eine Kirche gebaut.
    http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Politik/d/7077172/der-neue–dschungel–von-calais.html

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