Flüchtlingskrise 2015 (21): CSU, Orban und das Christliche

asylEin weiterer Leserbrief in der SZ, 21.09.2015 (Seite R21).

Einer, der der CSU seit 25 Jahren angehört und auch in kommunalen Funktionen für die Partei tätig war, stellt sein Verbleiben in der CSU in Frage.

“Da will man einen Viktor Orban ins Kloster (!) Banz einladen und sichert ihm telefonisch “völlige Unterstützung für den Schutz der EU-Außengrenzen” zu.

Der Putin-Freund Orban, der tagelang tausende Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Verhältnissen im Wesentlichen unversorgt und der Mütter mit Kindern von der Polizei mit Gewalt abführen lässt und gleichzeitig meint, die EU ließe sich einzäunen!

War es nicht sein damaliger Vorgänger Nemeth, der den Eisernen Vorhang nach Österreich im Juni 1989 nicht nur für Zehntausende DDR-Flüchtlinge öffnen ließ?

Und werden die Äußerungen des auch auf EU-Ebene sehr rennomierten Bundeskanzlers aus dem stets sehr gelittenen Nachbarland Österreich zur Behandlung von Flüchtlingen – sogannter NS-Vergleich – von den Christsozialen aus Bayern vollkommen ignoriert?

Stellen sie sich nun zusammen mit den römisch-katholischen Kardinälen in Ungarn gegen Papst Franziskus, der den Vatikan für Flüchtlinge öffnen ließ?

Verschließen sie die Augen vor der aufkeimenden Einsicht eines Premierministers Cameron und eines Präsidenten Obama, welche nun nach dem Foto des dreijähigen ertrunkenen Aylan Zehntausende Flüchtlinge aufnehmen wollen?

Selbst der inzwischen hundertjährige Franz-Josef-Strauß, falls er nicht als bayerischer Landesvater 1987 verstorben wäre – auf seiner Beerdigung habe ich noch kondoliert – hätte als international tätiger Weltpolitiker, offensichtlich geistiger Vater meines Frankenkollegen Markus Söder, so keinesfalls gehandelt.

Oder hätte man die Heilige Familie auch jenseits des Zaunes kampieren lassen?

Schon interessant schließlich, dass die meist gut katholischen Christsozialen offensichtlich von der Protestantin Merkel das Bibellesen lernen müssen.

Wolfgang Müller

Für Franz-Josef Strauß würde ich meine Hand nichts ins Feuer legen, aber für meinen Vater, der 2010 verstorben ist und seit Ende 1945 engagiertes CSU-Mitglied war.

So hätte auch sein Leserbrief ausschauen können, oder sein Kommentar zu Seehofer und dessen Einladung an Orban.

Unanständig, das wäre das Wort meines ebenso konservativen wie christlichen Vaters gewesen für die Politik Orbans – und die Einladung Seehofers.

Man müsse in der Politik manchmal hart handeln, hätte er gesagt, aber für unanständiges Handeln gibt es niemals gute Gründe.

Im übrigen: Orban ist erklärter Putin-Anhänger, nicht nur außenpolitisch, auch was seine Vorstellung von Demokratie angeht. Autoritär, ohne wirksame Gewaltenteilung, völkisch ausgerichtet.

Dazu passt seine Aussage, dass man die Flüchtlinge abschreckend behandeln müsse. Also bewusst und gezielt unchristlich.

Und das sagt einer, der ständig das Christentum im Munde führt. Orban nämlich ist lautstark bekennender Christ.

Zum Thema Abschreckung mehr im nächsten Artikel.

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Hm.. ja, die üblische Litanei. Vielleicht sollte man lieber fragen warum überhaupt solch einer wie Orban an die Macht kommen konnte, Aber da haben sich unsere Thinktanks mal wieder verschätzt.

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