Flüchtlingskrise (46): Wer ist ein Mensch?

theorieDie Antwort auf diese Frage unterscheidet die Unterstützer der Flüchtlinge von denen, die ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen wollen.

Für letztere sind die Flüchtlinge vor allem Fremde. Leute, die nicht “zu uns” gehören. Keine Nachbarn. Keine Mitglieder “unserer” Gemeinschaft. Keine Deutschen.

Für erstere sind die Flüchtlinge erst einmal Menschen. Sie sind unsere Nachbarn. Sie sind Teil der Gemeinschaft der Menschen.

Treffen die beiden Standpunkte aufeinander, dann kann der Vertreter des universalistischen Standpunkts den Vertreter des partikularen Standpunkts verstehen. Denn das Einnehmen der partikularistischen Sicht hat Tradition, ist tief verwurzelt, ist etwas recht Normales und Übliches.

Wenn Jesus sagt: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Liebe deine Feinde!” und dies in der Parabel vom Barmherzigen Samariter exemplifiziert, dann werden wir melancholisch zugeben müssen: Auch die Christen haben zuallermeist diesen Kern des Christentums nicht verstehen können und grundsätzlich am unchristlichen Konzept einer partikularistischen Solidarität festgehalten.

Der Partikularismus kann sich auf die Familie, die Sippe oder den Clan beziehen, es kann der Stamm, die Stadt oder die Nation sein, das kann die Religion oder die gemeinsame Ideologie und Weltanschauung sein, es kann irgend eine andere intensive Form von Gemeinschaft sein. Solidarität gilt dem Partikularisten nur für diejenigen, die der eigenen Gemeinschaft angehören. Die Gemeinschaftsbildung funktioniert für ihn sogar nur über den Ausschluss von und die Feindschaft gegenüber den “Anderen”.

Man könnte den Gegensatz auch als einen zwischen dem inklusiven und dem exklusiven Menschentyp bezeichnen.

Wie gesagt, der inklusive Menschentyp versteht den exklusiven – aber der exklusive Typ ist von vorne herein und grunsätzlich unfähig, den inklusiven Typ und sein inklusives Werten und Handeln zu verstehen.

Der inklusive Typ kann das Verhalten des exklusiven analysieren und für menschlich (wenn auch für problematisch) halten – der exklusive hingegen kann nur schimpfen und toben und wüten, wenn er auf den inklusiven trifft.

Denn der exklusive Typ schließt aus. Also schließt er auch den inklusiven Typ aus. Der gehört nicht zur Gemeinschaft, der ist ein Verräter der Gemeinschaft, der gefährdet die Gemeinschaft, der ist sogar derjenige, der zuerst ausgeschaltet werden muss, wenn man sich um das Wohl der Gemeinschaft kümmert.

Während der inklusive Typ sich in den exklusiven hineindenkt und das Gemeinsame, das gemeinsam Menschliche in ihm zu erkennen und nachzuvollziehen sucht.

Für den exklusiven Typ sind eigentlich nur diejenigen, die zur eigenen Gemeinschaft (“zu uns”) gehören, Menschen im vollgültigen Umfang. Mensch ist nur, wer zur eigenen Gemeinschaft gehört.

Nur mit Gemeinschaftsangehörigen möchte und kann man sich identifizieren. Nur ihnen gilt die Fürsorge. Nur mit ihnen will man teilen.

Der inklusive Typ hingegen nimmt den Fremden in sich auf. Er identifiziert sich mit ihm – wohl wissend, dass auch er für den anderen ein Fremder ist.

Wohl wissend auch, dass die primäre Gemeinschaft, die heute existiert und zählt, die Menschheit insgesamt ist.

Die Globalisierung ratifiziert hier etwas, was Religion (siehe die Bergpredigt oder einige Strömungen des Buddhismus, oft die eher mystischen Formen der Religion) sowie Philosophie (vor allem im Gefolge der Aufklärung) schon längst entwickelt haben.

Die exklusiv Denkenden haben das Problem, dass es eigentlich keine Religion und keine Philosophie mehr gibt, die ein exklusives Denken, ein Ausgrenzen rechtfertigen möchte. Philosophie und Ethik und Anthropologie und Wissenschaft denken seit langem universalistisch.

Sie stehen damit im Widerspruch zur egoistischen Weltsicht-Verengung derer, die um ihre jeweils beschränkte Gemeinschaft herum Zäune, Mauern, Stacheldraht herumziehen.

Zu den auffallenden Aspekten dieser Debatte gehört, dass man darüber mit den Ausgrenzern nicht diskutieren kann. Sie kennen ihre eigene Theorie nicht. Sie können sich in der Debatte nur behaupten, indem sie so tun, als ob ihr Standpunkt doch von vorne herein zwingend sei – und jeder, der das in Frage stellt, müsse entweder hoffnungslos naiv oder irgendwie bösartig sein.

Die Verteidiger der Exklusion, der Beschränkung der menschlichen Solidarität auf die Eigengruppe, werden auf diese Weise zu Barbaren. Sie verraten das Erbe der Aufklärung – das sie doch eigentlich als Teil dessen begreifen, das sie als Eigenes und Besonderes  gegen die Fremden verteidigen wollen.

Die syrischen Kriegsflüchtlinge sind Menschen. So wie ich und du. Sie haben ein Anrecht darauf, dass wir ihnen zu Hilfe kommen, soweit unsere Ressourcen reichen. Sie haben ein Anrecht darauf, dass wir mit ihnen teilen.

Sie haben ein Anrecht darauf, weil sie zu uns gehören und weil wir zu ihnen gehören. Weil wir gemeinsam Menschen sind.

Kommentare

  1. Der Flüchtlingswelle, die seit Monaten nach Europa strömt, gehört natürlich die ganze Aufmerksamkeit unserer Medien, überqueren sie doch eigenmächtig unsere Grenzen und wenn wir nicht aufpassen stehen sie am Ende noch „Live“ vor unserem Fernseh-Sofa. (Ironie aus!)

    Dagegen ist eine schreckliche Zahl in den Hintergrund geraten, die der Ertrunkenen im Mittelmeer, die ihren Versuch für sich und ihre Familie ein besseres Leben in Frieden und ohne Angst vor Extremisten zu erlangen, mit dem Leben bezahlt haben:

    Bisher sind in 2015 dreitausendvierhundertsechs (3.406!) Menschen im Mittelmeer ertrunken, ein ganzes Dorf fast, davon alleine 400 im vergangenen Monat Oktober! Mit einer erheblichen Dunkelziffer muß obendrein noch leider zusätzlich gerechnet werden…

  2. Ich mache trotz deiner unbegründeten Feindschaft noch einen Versuch:

    Natürlich sind alle diejenigen, die ankommen, Menschen – zum grossen Teil eben auch solche, die wirklich unserer Hilfe bedürfen.

    Gleichwohl wird man über das letztliche Bleiberecht wohl differenziert entscheiden müssen. In diesem Zusammenhang ist es mir unbegreiflich, dass Tunesien nicht längst in die Liste der “sicheren” Drittstaaten aufgenommen wurde. Das ist ein Desiderat, an dem auch die Deutsche Botschaft Tunis bereits kräftig (dem Vernehmen nach) arbeitet.

  3. Zur Ergänzung hier noch ein gut recherchierter Artikel zum Thema, woran Roms letztlich unterging. Sicherlich nicht an Multikulti und Toleranz, die jahrhundertelang gelebt wurden, sonden an Intoleranz und Hass. Ich kann dem nur voll zustimmen:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/die-voelkerwanderung-ein-begriff-macht-karriere-13874687.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*