Shumona Sinha: “Erschlagt die Armen!”

migrationist eine Französin aus Kalkutta, ist (bzw. war) Übersetzerin und Sozialarbeiterin für bengalische Einwanderer in Paris und hat ein wütendes Buch über Einwanderer aus Bangladesh geschrieben.

“Es geht in meinem Buch nur um solche aus Bangladesh in Frankreich.”

Deren Asylanträge werden um, so ihre Erfahrung, zu 100 Prozent von der Ofpra abgelehnt. So gut wie nie können sie die politische Verfolgung nachweisen, unter der zu leiden sie vorgaben.

Es gebe zwar politische Morde in Bangladesh, Blogger würden umgebracht. Aber die Aktivisten seien es nicht, die im Ausland um Asyl bitten:

“Die fühlen sich verpflichtet zu bleiben und gegen die Umstände zu kämpfen.”

Die kleinen Kaufleute aber, die ein besseres Leben in Europa suchen, eigneten sich solche Geschichten nur an, weil sie angesichts der Asylgesetze keine andere Möglichkeit sähen.

… So hart (Shumona Sinha) mit den Migranten ins Gericht geht, so angewidert sie von ihren Lügen war, von ihrer Anspruchshaltung, der Misogynie und der Ausbeutung Schwächerer in der bengalischen Auswanderercommunity, gilt ihr eigentlicher Zorn doch den Gesetzen:

“Ich kritisiere das Aufnahmesystem in Frankreich, das scheitert, wenn es die Leute zwingt zu lügen. Warum die Debatte über die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 nicht erweitern? Warum die Menschen, die aus ökologischen oder ökonomischen Gründen migrieren, nicht annehmen, wenn sie gültige Papiere und eine Arbeit haben? Sie sollten drei bis fünf Jahre hier Geld verdienen können. Sie tun es sowieso, nur momentan eben illegal. Das weiß man, das habe ich doch nicht erfunden.”

Für eine solche Einwanderungspolitik könnte man sich einsetzen. Statt wie die in “Erschlagt die Armen!” beschriebenen Sozialarbeiter und Anwälte sich und die Klienten schummelnd durch die Asylverfahren zu bugsieren, die für solche Fälle nicht geeignet sind.

Und natürlich ist die Analogie zu entsprechenden Problemen in Deutschland unschwer herzustellen, wo man hin und her diskutiert, unter welchen Bedingungen man Menschen aufnehmen will, die aus dem Bürgerkrieg in Syrien kommen, im Unterschied zu solchen vom Balkan, die sich hier ein besseres Leben verdienen wollen.

(ZEIT, Literatur No. 48, November 2015; Seite 19)

1

Angesichts der Millionen syrischer Kriegsflüchtlinge, die nach Europa kommen MÜSSEN und die wir, ob wir nun wollen oder nicht, aufnehmen MÜSSEN, wird es für alle anderen Flüchtlinge schwieriger werden.

Es entsteht Konkurrenz.

Die Zurückweisung etwa der Flüchtlinge vom Balkan wird entschiedener. Es wird mehr Deportationen geben.

Die deutsche Parallele zu dem französischen Buch haben wir mit den Balkanflüchtlingen.

2

Gegen die Arbeitsmigration, gegen die Globalisierung des Arbeitsmarktes wird es weiter heftigen Widerstand geben. Also auch gegen Simhas pragmatischen Vorschlag.

Der Widerstand wird so stark werden, dass er sich sogar gegen Big Money zeitweise durchsetzen können wird.

Der globale Neoliberalismus, die BigMoneyEconomy, der Marktwirtschaftsfundamentalismus, wird dieses Problem nicht lösen können.

Big Money kümmert sich nur um den kurzfristigen Profit. Und wenn dabei die Welt längerfristig zugrunde geht. So weit schaut ein hektischer Geldmensch nicht.

3

Was mir besonders gefällt an diesem Buch: Die Migranten werden nicht romantisiert. Es sind Menschen. Und Menschen sind – bei uns ebenso wie in den Herkunftsländern der Migranten – ziemlich problematisch. Alle, die einen vielleicht mehr, die andern vielleicht weniger.

Menschen sind Idioten. Menschen sind Schweine. Menschen sind Versager. Menschen sind schwach, dumm, frech, egoistisch. Mehr oder weniger. (Allerdings auch Gemeinschaftswesen mit den dafür nötigen Qualitäten.)

Schau in den Spiegel, Mensch!

Dass wir auch schwach, dumm, frech, egoistisch sind, ist kein Grund für uns, uns selbst und den anderen den Respekt zu versagen.

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