Ein konstruktiver Vorschlag: Das Mediatorenprojekt

integrationMagdi Gohary ist in den 50er Jahren nach Deutschland gekommen. Er kennt die arabische Kultur, er kennt die deutsche Kultur, er spricht perfekt Arabisch – und weiß, was man den jungen Flüchtlingen über Deutschland sagen muss, und wie man es sagen muss.

Er hat es sich – zusammen mit einigen anderen – überlegt und gestützt auf die Georg-von-Vollmar-Akademie ausprobiert.

Jetzt sucht das Team um Magdi Gohary Personen, die – ähnlich wie er -

  • erstens Arabisch (oder Farsi, Kurdisch, Tigrinya, Somali) sprechen,
  • zweitens lange genug in Deutschland leben und gut genug hier integriert sind und
  • drittens viel genug nachgedacht und erlebt haben, wie Deutschland “tickt”

- und die deshalb in Deutschland eine eine Mediatorenrolle spielen können und spielen wollen.

Die Georg-von-Vollmar-Akademie bietet hierfür im März und April Seminare zur Trainerausbildung an, für deren Teilnahme die künftigen Mediatoren nicht nur nichts bezahlen müssen, sondern für die man ein Honorar bekommt.

Kontakt: Tamara.wissing@vollmar-akademie.de

Bei einer Veranstaltung im Saal der InitiativGruppe hat Magdi Gohary dargestellt, worum es in einem Workshop bzw. Crashkurs für Flüchtlinge geht. Wie man ihnen eine erste kulturelle Orientierung geben kann.

Er versucht es in folgenden neun Kapiteln:

1. Ausgangspunkt ist das GG, Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. – Aller Menschen, also auch der Flüchtlinge. Die Verfassungsordung schützt den Menschen vor unwürdigen Verhältnissen, seien sie materiell oder ideell. Hintergrund: die deutsche Geschichte, die Erfahrung mit Faschismus, Weltkrieg, millionenfachem Flüchtlingselend danach.

2. Demokratie: Deutschland hat keinen Zentralismus. Das ist für Menschen aus dem arabischen Raum nur schwer zu verstehen. Ein Land, in dem die Regierung nicht auf die Länder, die Städte, die Institutionen durchgreifen kann? In dem es tatsächlich Gewaltenteilung gibt?

3. Verhältnis Gesellschaft – Bürger: Hier vor allem das erstaunliche Phänomen, dass das Kind in Deutschland nicht Eigentum der Eltern ist, sondern bereits Bürger mit Rechten. Dass man das Kind also nicht schlagen darf, zum Beispiel. (Andererseits: Die Deutschen könnten von den Flüchtlingen etwas mehr Respekt vor dem Alter lernen …)

4. Verhältnis Mann-Frau: Was dazu zu sagen ist, dürfte klar sein. Die tatsächliche Gleichberechtigung der Frauen machen ein Land, eine Kultur stärker.

5. Verhältnis Ideal – Realität: Auch in Deutschland bleibt die Realität weit hinter dem Ideal (Punkte 1-4) zurück. Das sollte nicht davon ablenken, dass es hier Maßstäbe gibt, die tatsächlich gelten – und dass es Sanktionen gibt, wenn jemand sich zu sehr gegen diese Maßstäbe verhält.

6. Wirtschaft: Auch die Einwanderer, die Flüchtlinge schaffen Werte, sind für Deutschland wertvoll. Daraus kann man Selbstbewusstsein beziehen. Dazu gibt es auch eine wirkungsvolle Interessenvertretung: Gewerkschaft, Betriebsrat, etc. – es lohnt sich, daran teilzunehmen. – Heute seid ihr Nehmer, später werdet ihr Geber sein.

7. Was ist eine Zivilgesellschaft? – Das ist nicht leicht zu verstehen für jemanden, der aus einem Land fast ohne oder ganz ohne Zivilgesellschaft kommt. Einen ersten Eindruck aber werden die Flüchtlinge erhalten durch die vielen ehrenamtlichen Helfer, durch die partielle Willkommenskultur. Allerdings auch durch Pegida, AfD, kriminelle Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte … – Immerhin: Deutschland ist hoch angesehen in der ganzen Welt, nicht zuletzt auch wegen seiner Zivilgesellschaft und neuerdings dank der großen Offenheit und Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge.

8. Staat und Religion: Religion ist hier Privatsache. Ein wesentlicher Unterschied zu den arabischen Ländern, die sich fast alle als islamisch definieren. Die Religion verfügt über keine staatlichen Machtmittel.

9. Homosexualität: Ist für die meisten Flüchtlinge eine Krankheit und etwas Abscheuliches, sie können kaum darüber reden, so tabu ist das. Nun, auch in Deutschland, in Europa ist es noch nicht so lange her, dass Homosexualität entkriminalisiert und das Outing zu einer (fast) normalen Sache geworden ist.

Ein Workshop, ein Crashkurs dauert ein paar wenige Stunden und kann nur einen ersten Anstoß bieten. Einen Einstieg.

Integration ist ein langwieriger, umständlicher, holpriger Lernprozess. Der Einwanderer, der Flüchtling bringt wie in einem Sack seine Kultur mit über die Grenze. Er kann, er sollte den Sack auspacken und Teil für Teil prüfen, ob und in welcher Weise er in der neuen Welt zu gebrauchen sei.

Hilfreich wären Patenschaften. Jeder Flüchtling, jede Flüchtlingsfamilie sollte einen Paten, eine Patin bekommen, sollte auf solche Weise persönlich begleitet werden.

Denen, die Flüchtlinge (vor allem die jungen männlichen Flüchtlinge) mit Misstrauen betrachten, legt Magdi Gohary nahe:

Denkt daran, dass hier junge, aktive Menschen monatelang in Tatenlosigkeit gehalten werden, dass man sie rumsitzen und nichts tun lässt. Das ist kein guter Start in die Integration.

Ein neuer Gedanke für mich: Bedenken wir die Rückwirkungen auf das Heimatland, wenn die Flüchtlinge entweder zurückkehren oder eines Tages zu Besuch in der Heimat kommen werden oder sonstwie ihre Beziehung erneuern werden: Sie werden die Erfahrungen – und die Ansprüche – Deutschlands in ihre Herkunftsländer bringen. Der arabische Frühling ist auch damit zu erklären. In Tunesien konnten die Leute auf europäische, vor allem französische Erfahrungen zurückgreifen – ganz anders als in Ägypten: da bringen sie wahhabitisch geprägte Erfahrungen vom Golf mit.

Kürzlich habe ich in eine Art Lehrbuch für Flüchtlinge geschaut (und es mir nicht gekauft): eine bemühte, langweilige (obgleich gewiss sachlich korrekte) Darstellung Deutschlands für die Zwecke der Erstinformation von Flüchtlingen. Auf der einen Seite Deutsch, auf der Gegenseite Arabisch. – Besser als nichts, aber so leblos bürokratisch ist Deutschland auch wie in diesen Texten.

Magdi Gohary macht das anders. Bei ihm wird Deutschland lebendig. Ein gutes Land, eine liebenswerte Gesellschaft, lebenswerte Verhältnisse, alles in allem. Eben: alles in allem. Man muss auch die Schattenseiten dazunehmen, und das für arabische Flüchtlinge Fremde an Deutschland muss man anschaulich machen und historisch und menschlich begründen können.

Ich fände es hilfreich, wenn man einmal 100 Fallgeschichten sammeln können, Geschichten, die mit den Erfahrungen und Schwierigkeiten des Flüchtlingslebens in Deutschland zu tun haben. Unter jeder Fallgeschichte gäbe es dann Fragen: Wie kann man die Situation richtig verstehen? Wie würden Sie das jeweilige Verhalten beurteilen? Was hätten Sie getan? Etc. Ggfs. auch vertiefende Erläuterungen.

 

 

 

Kommentare

  1. Bei Punkt 8 kann der Kenner ja nur müde lächeln. Es wäre schön, wenn es so wäre wie dargestellt. Wir müssten nicht genau darum einen stetigen Kampf führen. Aber vielleicht glaubt der Flüchtling es zumindest vorübergehend :-)

  2. So so, in Deutschland machen die katholische und die evangelische Kirche die Politik, bzw. diese richtet sich nach den Direktiven der beiden christlichen Kirchen. Zum Beispiel in der Gesetzgebung zur Abtreibung. Und überhaupt. Etwa so wie in Kaczynskis Polen?

  3. Dr. Frank Berghaus meint:

    Nein, so schlimm wie in Polen natürlich nicht. Aber dass Religion (anders als in Frankreich) reine Privatsache sei, kann man nun in Deutschland sicher nicht behaupten bei der Omnipräsenz der Religionen in Ethikkommissionen Fernseh- und Rundfunkräten u.v.a.m.

    Ich will das hier aber nicht weiter ausbreiten, weil diese Tatsachen eben immer ein rotes Tuch für dich sind. :-)

  4. Korbinian meint:

    Also im Rheinland ist die katholische Kirche beim Karneval voll mit dabei. Gehört sich auch so, der Woelki hat das Dreigestirn auch im Dom empfangen.

    Ich schätze mal es gibt mehr als graduelle Unterschiede zwischen dem rheinischen und polnischen Katholizismus.

  5. Frank,
    es dürfen ja auch Atheisten teilnehmen, oder? Und Gewerkschaften. U. a.
    Außerdem scheint mir, dass die Kirchenvertreter in der Regel recht vernünftige Standpunte einnehmen. Ausnahmen bestätigen diese Regel.
    Und wo würden sie mal dominieren? Nirgends.

    Emanuel Todd (ein französischer Wissenschaftler, Autor und Journalist, Atheist nebenbei) nennt die französischen Katholiken von heute Zombie-Katholiken, und überträgt das auch auf die deutschen Verhältnisse. Von der früheren Rigorisität, Dogmatik, Antimoderne ist bei unseren Christen wenig geblieben. Ein bisschen noch, ja – und das ist mal gut so, mal nicht so gut.

    Eine der Schwierigkeiten, die wir mit dem Islam in Frankreich oder Deutschland haben, ist, dass er zum Teil noch fanatisch, dogmatisch, bedingungslos, antimodern, unaufgeklärt geblieben ist.
    Meine Reaktion darauf ist gelassen: Das legt sich. Einwanderer bringen das in ihrem kulturellen Gepäck mit, und mit der Zeit (im Laufe einer oder mehrerer Generationen) gleitet das hin zur Moderne.
    (Was, nebenbei bemerkt, durchaus nicht unproblematisch ist. Auch unsere Moderne hat ihre fanatische Religiosität – etwa die Marktreligion, oder die Ego-Religion, oder die Lust-Religion. Die treten nur nicht als Kirche auf, nicht so religionsgemeinschaftlich formatiert. Aber Religionen sind das auch. Religion braucht keine Gottesfigur; keinen Jesus oder Buddha oder Mohammed bzw. Allah. Religion braucht nur unbedingten Glauben. Das kann auch der Glaube an den Markt, an die Wissenschaft, an die Nation, an das Volk, an das Ego, an die eigene Lust sein.

    Nicht-religiös in diesem Sinne ist man insofern, als man skeptische Distanz zu allem hält, was scheinbar unbedingt gilt. Was einem Menschen konstitutionell nicht vollständig möglich ist. Totale Distanz immer und zu allem – das geht nicht. Wir können immer nur Ausschnitte und Teile unserer Wahrnehmungs- und Vorstellungswelt in kritischer Distanz halten. Das allerdings können wir nicht nur, das müssen wir hier und heute in unserem eigenen Interesse tun. Wir sind zur Aufklärung verdammt. Auch Atheisten müssen sich um ihr Aufgeklärtsein bemühen. Es kommt nicht von selbst. Man ist nicht schon aufgeklärt, indem man Atheist ist.

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