Was passiert, wenn …

asyl… wenn Mazedonien die Grenze dicht macht?

Im Moment baut das Land Zäune an der Grenze zu Griechenland.

Im Moment lässt man noch Syrer, Iraker und Afghanen durch, aber keine anderen mehr.

Vermutlich ist man im März oder April so weit, dass man auch ganz zumachen kann.

Dann schaffen es vielleicht nur noch wenige, sehr viel weniger als heute, über diese Grenze zu kommen.

Ausweichrouten über Bulgarien oder Albanien dürften erst einmal schwierig zu bahnen und ebenfalls zu sperren sein.

Dann haben wir das, was wir 2016 brauchen: einen drastischen Rückgang der Flüchtlinge, die es bis zu unserer Grenze schaffen. Und die wir aufnehmen müssen.

Aber was wäre, wenn das so liefe?

Die Flüchtlinge sind dann ja immer noch da.

Und aus der Türkei müssen sie raus. Da können Erdogan und Davutoglu so viel reden wie sie wollen; da kann Angela Merkel mit diesen beiden reden, so viel sie will. Die Türkei hat kein Interesse daran, die syrischen Kriegsflüchtlinge auf Dauer zu beherbergen. Die Türkei WILL sie loswerden.

Also, passiert, wenn die Grenze zu Griechenland dicht gemacht wird?

Erst einmal gibt es einen Stau in Griechenland.

Die Zahl derer, die aus der Türkei rübermachen, wird kaum geringer werden.

Es werden sich also Hunderttausende in Griechenland, auf den Inseln und auf dem Festland, in unzureichenden Lagern wiederfinden.

Was passiert mit ihnen?

Was passiert mit den Frauen und Kindern?

Was passiert, wenn die jungen Männer in ihrer Verzweiflung gewalttätig werden?

Der Vorschlag, sie in die Türkei zurückzuschicken, setzt voraus:

1. Die Türkei erklärt sich bereit, sie zurückzunehmen. Und lässt sich das honorieren. – Sind wir bereit, so viel dafür zu bezahlen, wie die Türkei verlangen wird? Sie wird viel, sehr viel dafür verlangen. Denn es ist gegen ihr Interesse, die Flüchtlinge zurückzunehmen.

2. Wie sieht der Rücktransport aus? Wer übernimmt ihn? Wie viel Widerstand wird es geben? Wie viele werden dabei erschossen werden?

Und schließlich: Was machen denn die Millionen Kriegsflüchtlinge auf Dauer in der Türkei, im Libanon, in Jordanien? – Der Islamische Staat wird begeistert sein. Die Syrer sind im Moment kaum anfällig für den Dschihadismus des Islamischen Staates; was aber, wenn wir (die EU und die Türkei) an der Nordgrenze Syriens ein neues “Gaza” aufbauen, um die Flüchtlinge dort zu kasernieren, zu “entsorgen”?

Immerhin, Angela Merkel spricht auch über ein Kontingent. Deutschland bzw. die EU könnten sich bereit erklären, pro Jahr 200.000 oder 250.000 dieser Flüchtlinge aufzunehmen. Viel zu wenig, aber auch nicht wenig. Das wäre auf jeden Fall ein Beitrag zur Entspannung. Aber nicht genug, um die Motivation zur Flucht nach Europa hinreichend zu reduzieren.

Der Versuch, die Millionen Kriegsflüchtlinge von Europa abzuhalten, wird die EU und wird Deutschland teuer kommen. Viel teurer, als wir jetzt – leichtsinnig, kurzsichtig, panisch auf Abschottung fixiert – meinen.

Die Kosten:

  • materiell: Mehrere Milliarden jedes Jahr (an die Türkei, an Griechenland vielleicht auch). Vielleicht bald 10 Milliarden pro Jahr und mehr.
  • politisch: Man wird Sultan Erdogan in den Arsch kriechen müssen. Man wird seine Diktatur abnicken. Man wird den Krieg gegen die Kurden abnicken. Man wird die Eroberung Nordsyriens durch die türkische Armee und die Zerstörung der dortigen kurdischen autonomen Regierung abnicken. (Samt der tausende von Toten, die das nach sich ziehen wird.) Man wird die Stärkung des IS, die daraus folgt, abnicken. Man wird die bald blutig werdende Unterdrückung der Opposition in der Türkei abnicken – nur um Gutwetter bei Erdogan zu machen, damit er was tut gegen die Flucht der Flüchtlinge nach Europa. (Und was, wenn dann zigtausende von jungen säkularen liberalen Türken vor dem kommenden Staatsterror nach Europa fliehen müssen?)
  • sicherheitspolitisch: Wir produzieren zigtausende von neuen Dschihadisten. Wir schaffen den Nährboden, den Brutkasten für Dschihadisten.
  • politisch-kulturell: Wir verraten Europa. Vier verraten die Werte, für die Europa – eigentlich – stehen möchte. Wir verraten die Zivilisation. Wir müssen uns selbst verachten.

Dazu  kommt noch: Es funktioniert ja allenfalls vorübergehend. Die Welt geht allmählich aus den Fugen. Sie geht aus den Fugen, weil wir global verantwortungslos wirtschaften und Politik machen. Es werden immer mehr Flüchtlingsströme entstehen. Und wir werden die Politik, die dazu führt, nicht ändern, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass wir diese Entwicklungen verursachen. Wir werden unsere ganze Energie darauf verwenden, uns abzuschotten.

 Fällt euch auch auf, dass die Abschottungsbefürworter sich weigern, über alles das zu reden?

Kommentare

  1. Ich bin zwar kein Abschottungsbefürworter (wie du weisst), aber ich will doch gern auf deine vier Punkte eingehen:

    Materiell:

    Nichts ist teurer als eine Unterbringung in Deutschland. Ein Euro dort hat ungefähr die Kaufkraft von 20 Euro hier (ein Brot kostet umgerechnet ca. 9 Cent!), Wohnraum (ohne die strengen Auflagen bei uns und die überzogenen Bearbeitungszeiten) kostet ungefähr 10% der hiesigen Preise. Man kann also unter dem Strich sagen, dass die Aufnahme von 250.000 Syrern (lt. Kontingent) ebenso viel kosten wird wie die Versorgung von mindesten 2.500.000 dort.

    Politisch:

    Erdogan in den Allerwertesten zu kriechen ist sicherlich der dümmste politische Ansatz. Das wird sich geben. Davotoglu hat doch bereits einen viel besseren Vorschlag gemacht: Verlagerung der Flüchtlinge ins Kurdengebiet südlich der Grenze, zB in und um Kobanê. Dort gibt es auch jede Menge Arbeit, die von der internationalen Staatengemeinschaft gefördert werden sollte (siehe Geberkonferenz). Das Ganze kann sich relativ schnell verwirklichen lassen – die unmöglichen Lager auf türkischer Seite wären binnen weniger Jahre aufgelöst.

    Sicherheitspolitisch:

    Für die von dir immer wieder (trotz aller Gegenbeispiele und auch amtlichen Untersuchungen, die das Gegenteil zeigen) aufgestellte Behauptung, dass man sich damit Jihadisten heranzüchte gibt es keinerlei Hinweise. diese Vermutung steht im luftleeren Raum und dient der Panikmache. Doch selbst wenn es zuminndest teilweise so wäre, würde sich auch dieser Punkt durchaus verhindern lassen, wenn man umsiedelt (siehe oben).

    Politisch-kulturell:

    Oh ja, unsere Werte sollten wir verteidigen. Unsere Zivilisation wurde unter grossen Blutopfern erkämpft – sie ist zu wertvoll, um sie einfach aufzugeben. Doch schaffen wir das, indem wir unbesehen Leute hereinlassen, die unsere Zivilisation und die damit verbundenen individuellen Freiheiten vehement ablehnen und am liebsten Verhältnisse herbeiführen möchten, denen sie angeblich gerade entflohen sind? Die überwiegende Mehrzahl hat doch nicht den geringsten Schimmer davon, welche Welt sie hier erwartet. Ob das gepriesene Mediatorenprojekt mit den vorgesehenen Stündchen daran Grundlegendes wird ändern können, darf doch mit Fug und Recht bezweifelt werden.

    Nachsatz: Der grösste Teil der im Libanon gestrandeten Flüchtlinge hat durchaus die Möglichkeit in die dem Regime in Damaskus zugehörigen Gebiete zurückzukehren. Was der tunesischen Verhandlungsdelegation in Damaskus für die hierher Versprengten erreicht hat, müsste auch dort möglich sein.

  2. Jakob Augstein hat sich bei SPON auch seine Gedanken gemacht, nicht so detailliert vielleicht wie Leo, aber dennoch höchst lesenswert:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-sind-keine-gastarbeiter-kolumne-von-jakob-augstein-a-1076178.html

  3. Materiell: Die Lebenskosten in der Türkei sind etwas niedriger als in Deutschland, aber keineswegs in dem Maße, wie du es annimmst. Von wegen 1 Euro hier sei dort 20 Euro wert. Wenn es noch kommt, ist dort 1 Euro deren 2 wert.

    Politisch: Syrische Städte in Nordsyrien – a) Wo sollen die Arbeitsplätze herkommen, wo die Infrastruktur? Wer soll sie verwalten? Wer soll die verwahrlosenden Bewohner dran hindern, sich weiter auf die Flucht zu begeben? Dass es dort jede Menge bezahlter Arbeit geben soll, ist blanke Phantasie.

    Sicherheitspolitisch: Was ist in Gaza passiert? Die jungen Männer radikalisieren sich. Was wird mit den jungen Männern der syrischen Flüchtlingslager mit der Zeit passieren? Sie werden sich radikalisieren. Wieso soll das Panikmache sein? Es ist eine realistische Einschätzung, die auf Erfahrung beruht.

    Politisch-Kulturell: Lehnen die syrischen Kriegsflüchtlinge unsere Zivilisation und unsere Werte vehement ab? Möchten sie hier die Verhältnisse einführen, aus denen sie geflohen sind? – Na, wenn du das annimmst, solltest du es erstens einigermaßen belegen können; zweitens müssten wir dann sofort alle mit Sonderflugzeugen nach Syrien fliegen, nach Syrien, da ja wohl kein anderes Land sie aufnimmt. Wir könnten dann als Gegenleistung Assad mit zusätzlichen Waffen und mit Geld motivieren, sie aufzunehmen und ggfs. gleich – da es ja wohl seine Feinde sind – in KZ zu stecken.

    Natürlich können sich die Flüchtlinge alle Assad ergeben und sich dort ansiedeln, wo in Syrien das Assad-Regime herrscht. Wer bezweifelt das? Nur, Assad führt einen Krieg gegen das eigene Volk … ICH würde mich um keinen Preis Assad unterwerfen. Ich würde entweder mit der Waffe in der Hand gegen ihn kämpfen oder eben flüchten. Assad kann über die syrischen Christen und Alawiten herrschen, aber nicht über die Sunniten. Das Band ist zerschnitten.

    (Deinen Äußerungen kann man indirekt entnehmen, dass du den syrischen Kriegsflüchtlingen vorwirfst, vor Assad und seinem Regime geflohen zu sein.)

  4. @Leo:

    Ich habe nicht von den Lebenshaltungskosten in der Türkei geredet. Die liegen wohl bei ca. 50% von unseren. Ich meinte die in Syrien.

    Die Arbeit in und um Kobanê ergibt sich automatisch, wenn man sich einmal anschaut, wie zerstört dort alles ist. Es fehlt am dringendsten an praktisch allem für den Aufbau einer Infrastruktur. Na, wenn das keine Arbeit ist, was denn dann? Hier können die Geberländer (die ich ja deshalb erwähnt habe) einen grossen Teil der Kosten übernehmen.

    Es ist keinesfalls so, dass die Geflohenen ausschliesslich Sunniten seien. das ist Propaganda.

    Assad führt Krieg gegen die sog. “Rebellen”, die gleichzeitig einen Teil von Assads Volk als Geiseln genommen haben. Wenn es jetat zum “Endkampf” um Aleppo geht, hoffe ich, dass die Hunderttausende, die in Aleppo eingeschlossen sind, dieses verhandlungsunfähige Pack zum Teufel jagen.

    Die Masse der Flüchtlinge sind in der Tat vor Assad geflohen, zumindest am Anfang. Wieso sollte ich ihnen das vorwerfen?

    Dass man mit Assad Vereinbarungen treffen kann (siehe syrische Flüchtlinge in Tunesien) scheint dir nicht in den Kram zu passen. Und doch ist es so.

  5. Korbinian meint:

    ach ja, Pallywood…

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